Love kills.

Medea“ von Euripides in der Regie von Michael Thalheimer, Gastspiel des Schauspiel Frankfurt/M. am Staatsschauspiel Dresden, 16. Februar 2013

 

Die Bühne (der Dresdner Olaf Altmann) ist nicht möbliert, lediglich ein riesiger, schwarzer Monolith im Hintergrund, der auf halber Höhe ein Podest besitzt. Auf jenem wird sich Medea die ganzen zwei Stunden über aufhalten, in ihrer eigenen Welt, unerreichbar für alle anderen. Erst zur finalen Meuchelei kommt der Klotz nach vorn gefahren und nimmt dem Chor, dem Boten und Jason den Platz zum Spielen und die Luft zum Atmen.

 

Das Licht (Johan Delaere) kommt meist von der Seite, die Menschen werfen dadurch furchterregende Schatten. Es wechselt abrupt, wenn eine neue Szene beginnt und reißt den Protagonisten aus dem Dunkel, wohin der vorige verschwindet.

 

Jeder Auftritt außer jenem zu Beginn, als die Amme sich hereinschleppt und mit ihrem Schatten auf dem Klotz wie ein Totenvogel aussieht, ist unspektakulär und wirkt gerade deshalb. Es gibt zwischen den Spielern eine einzige (!) Berührung während des Stücks, und diese basiert auch noch auf Medeas Lüge. Ansonsten ist jeder mit sich allein.

 

Auch der Einsatz der Musik (Bert Wrede) und des scheinbar nicht mehr entbehrlichen Mediums Video (Alexander du Prel) ist sparsam: Eine Schilderung der Geschichte von Medea und Jason in Piktogrammen, sehr beeindruckend, untermalt von anfangs gediegener, später grauenhafter Musik. Das ist alles.

 

Die Geschichte von Leidenschaft, Undank, Eifersucht und maßloser Rache ist keine, die man gerne nacherzählt. Deshalb lasse ich das auch, ich bin so frei.

Thalheimer hat auf jede Aktualisierung verzichtet, das ist plausibel. Allerdings ist gerade dieser Stoff durchaus in der Gegenwart anzutreffen, Amoklauf, Kindstötung etc. sind so selten nicht. Er könnte durchaus auch in einer Einwanderfamilie spielen, warum nicht in einer muslimischen, sozusagen die Umkehrung des Ehrenmords. Nur mal so ein Gedanke.

 

Die Darsteller sind durchweg ein Genuss. Hervorzuheben für mich Bettina Hoppe, die allein den Chor der Frauen spielt (auch dies entspricht dem reduktivem Ansatz), Viktor Tremmel, der als Bote das Streben von Kreon und seiner Tochter herzerweichend schildert (und über dessen Besuch in Dresden ich mich besonders gefreut habe, er gab vor einigen Jahren hier einen grandiosen Woyzeck) sowie Marc Oliver Schulze, bei dessen letzter Szene ich den Eindruck hatte, hier wird Munchs „Der Schrei“ auf die Bühne gebracht.

Und natürlich ganz oben thronend Constanze Becker, die sich die Seele aus dem Leib spielt. Unter vielen guten für mich die beste Szene, als sie Jason täuscht und ihm Reue und Einsicht vormacht.

 

Außer, das für meinen Geschmack manchmal zu viel deklamiert wird, hab ich nichts zu bekritteln.

Michael Thalheimer hat vor dreizehn Jahren hier „Das Fest“ inszeniert. Ein Fest war das heute auch, die Einladung zum Theatertreffen nach Berlin ist völlig nachvollziehbar.

Danke, auch für die Idee, genau dieses Stück nach Dresden zu holen. Da hat die Intendanz eine gute Nase bewiesen.

Ein Denkmal für die fehlende Barmherzigkeit

In Dresden, am Neustädter Markt, gibt es das Blockhaus. Nach der Zerstörung im Krieg schon in der DDR wiederaufgebaut, gehört es heute dem Freistaat Sachsen, der seine Akademien der Künste und der Wissenschaft sowie die Stiftung Natur und Umwelt dort untergebracht hat. Das (wirklich schöne) Haus besitzt einen repräsentativen Saal, der gern und oft für Empfänge und Veranstaltungen genutzt wird.

Dies wurde wohl (mindestens) einem Obdachlosen zum Verhängnis, der seit einiger Zeit das windgeschützte Portal des Hauses „bewohnte“. Dank zweier Bänke links und rechts der Treppe war dies sicher ein komfortables Lager.

Damit ist es nun vorbei: Der Hausherr hat je zwei Querbalken auf den Absätzen anbringen lassen, dem Denkmalschutz gehorchend natürlich aus Sandstein. Mit der Bequemlichkeit ist es nun vorbei.

Ich wurde durch eine Postkarte von Tobias Stengel, die in einigen Neustädter Lokalen ausliegt, darauf aufmerksam und schaute mir die Sache heute mit eigenen Augen an. Lang kann die Baumaßnahme noch nicht vollendet sein, der Mörtel unter den Balken wirkte recht frisch.

 

So weit, so sachlich zur Tatsache. Nunmehr begeben wir uns in den Bereich der subjektiven Meinung.

Ist euch denn gar nichts zu peinlich, ihr freistaatlichen Hausverwalter? Muss man seine Abneigung gegen den wohnungslosen Abschaum derart deutlich demonstrieren? Habt ihr Angst, eure Gäste mit (einem Teil) der Dresdner Realität zu konfrontieren? Mich erfasst die berühmte Fremdscham. Ich kann nichts dafür, ich wohn nun mal hier und hab mir diese Regierung mit ihrem Apparat nicht ausgesucht. Aber ein Mindestmaß an Anstand und Empathie hätte ich mir von einer christlich (!!) und liberal (!) geführten Verwaltung doch erwartet.

Wir wollen uns nicht missverstehen: Sozialromantik ist mir fremd, ich weiß auch, dass selbst mit mehr Geld (was sicher bitter nötig ist) das Problem der Obdachlosigkeit nicht vollständig zu lösen ist. Aber manchmal geht es eben auch um Symbolik, um Botschaften. Und hier versagt der Freistaat mit schöner Regelmäßigkeit jämmerlich.

Eine nicht-beweisbare Boshaftigkeit: Dieselben Leute, die die Anbringung dieser Pennersperren angeordnet haben, stehen sicher mit reinem Herzen in der Menschenkette am 13. Februar. Das ist ja auch was ganz anderes, wohlfeil und tut nicht weh.

Ich versuche mir vorzustellen, wie das gelaufen sein mag am Blockhaus. Wer hat wohl den ersten Stein geworfen? „Schaffen Sie den mal diskret weg, unsere Gäste wollen so was nicht sehen.“

Danach vielleicht der Form halber eine Umfrage unter den Mietern:
„Rein wissenschaftlich betrachtet sind Obdachlose eine verschwindende Minderheit, in erster Näherung existieren sie gar nicht.“
„Aus künstlerischer Sicht ist die Beschäftigung mit dem Thema Armut hochinteressant, aber die Lagerung dieses Herrn von unserer Tür kann keinesfalls als Performance gewertet werden, dazu fehlt es an den berichtenden Medien.“
„Nach Durchsicht unserer Unterlagen müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Spezies „Obdachloser“ auf keiner Schutzliste zu finden ist. Aus umweltfachlicher Sicht bestehen deshalb keine Bedenken zur Umquartierung“.

War es so? Fast fürchte ich, ja.

Also trat eines grauen Morgens ein Trupp Handwerker an, lud die zuvor zurechtgeschnittenen Balken ab und machte sich ans Werk. Ob jener Bewohner dabei vor Ort war, weiß man nicht. Wenn ja: Im Umfeld gibt es genug Ministerien, deren Wachen sicher nichts gegen eine kleine Abwechslung hatten.
Die ganze Sache brauchte sicher kaum einen halben Vormittag, auf unsere Handwerkskunst sind wir Sachsen stolz. Und das Leben geht für (fast) alle ganz normal weiter.

 

Und nun haben wir also ein neues Kunstwerk in Dresden. Danke.
Es thematisiert die fehlende Barmherzigkeit der offiziellen Gesellschaft, das Verdrängen-Wollen von unangenehmen Zivilisationserscheinungen aus dem öffentlichen Raum. Mit einer schlichten, aber wirkungsvollen Symbolik – nicht mehr als vier Sandsteinbalken, die quer zu früher als Schlafplatz genutzten Bänken angebracht wurden – vermittelt uns der Künstler eine klare Botschaft: „Die“ sind hier nicht erwünscht.
Selten hat ein öffentlich finanziertes Werk eine solch präzise Aussage vorzuweisen. Gesellschaftskritik kommt hier in unauffälliger Form daher, niemand wird konfrontiert mit dem Thema, aber jeder ist eingeladen, darüber nachzudenken.
Man darf sich auf weitere Werke dieses begabten Künstlers freuen.

Unsere tägliche Schuld gib uns heute

„Die Fliegen“ von Jean-Paul Sartre in der Regie von Andreas Kriegenburg, gesehen am 8. Februar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (Premiere), 95. n.u.S.

  

Wie zu erwarten beginnt es mit einer Überraschung. Franko-Pop, Playback-Show des Orest, die Erinnyen tanzen in schwarz. Über allen thront ein Bildnis des Erdmann Jupiter, die Sache entwickelt sich – nächste Überraschung – zum Slapstick mit Witwe.

Dann der Auftritt der Fliegen, mit Menschen dran, eine hübsche Idee. Jupiter erscheint nun wirklich. Er ist der Einzige, der nicht leichenblass ist.

 

Pünktlich zum hiesigen Totensonntag erscheinen Orest und sein pädagogischer Begleiter in seinem Heimatkaff Argos. Was sie hier wollen, wissen sie selbst nicht so richtig. Lautsprechertürme bilden die karge Bühne, in der Mitte besagtes Jupiter-Bildnis.

Elektra, eine fraugewordene E-Gitarre, tanzt mit den Müllsäcken, kurzzeitig sieht die Bühne aus wie die BRN frühmorgens. Aber das wird schnell weggefegt. Schwesterchen hat Brüderchen noch nicht erkannt.

 

Auf einmal ist man mittendrin in der Familienhölle. Schön die Puppen, das ermöglicht viele Zeitsprünge hin und zurück. Der Fluch des Verbrechens lastet auf der Mutter Klytämnestra, in ihrer Tochter hasst sie eigentlich sich selbst.

Die Bürger von Argos sind alle Untote, sie stürmen das Parkett. Reihe 16 ist manchmal durchaus ein Vorteil. Es ist dann viel los auf der Bühne, Bürger und Masken von Bürgern vermischen sich, durchaus mitreißend.

Das Volk hat jährlich 24 Stunden mit seinen lieben Verblichenen zu verbringen, eine nette Idee. Die Angst davor frisst schon mal die Seele auf. Hier ist die Reue Masochismus, der Mensch ist schuldig, so lange er lebt. In Summe wirkt das alles staatstragend.

 

Die Feier beginnt. Der Große Priester (Tom Quaas) und Ägist (Benjamin Höppner) ziehen die übliche Show ab, eine faszinierende Szene. Man fühlt sich selbst fast ein bisschen schuld.

 

Auftritt Elektra, Auftritt Sonja Beißwenger, zweifellos eine der Attraktionen des Abends. Sie tanzt. Und wie sie tanzt. Aber noch hat sie den Bruder nicht erkannt. Eine indirekte Diskussion, was wäre, wenn Orest auf einmal da wäre … Aber der will nicht so recht. Frieden ist ein hohes Gut.

Dann fällt die Maske. Aber Elektra ist mäßig begeistert. Was ist mit dem Fluch der Atriden? Ist er denn kein echter Atrid? Er soll endlich gehen. Aber er geht nicht. Er kann nicht.

 

Gibt es einen Zwang zur Rache? Ist die Vendetta schon erfunden? Elektra weiß alles vorher, ohne Kassandra zu sein. Und kann es doch nicht verhindern.

Die Wandlung des Orest zum finsteren Rächer kommt ein wenig überraschend. Aber jetzt geht’s lo-hos.

Die Wachen im Palast vollführen einen Slapstick und suchen nach dem Attentäter. Wir kriegenburgen euch! Der Fliegenschmuck des einen hält nicht stand, die Szene insgesamt ist auch verzichtbar.

 

Der amtierende König Ägist tanzt mit der Fliegenklatsche und glaubt seine eigenen Märchen. Ein letzter Walzer des hohen Paares. Nele Rosetz als Klytämnestra ist dazu verdammt, öfter einen affektierten, hohen Ton anzuschlagen, der manchmal nervt, ist ansonsten in ihrer Rolle aber sehr stimmig.

Oh-oh, Orest. Man ahnt das drohende Unheil. Er wird die Tat nicht bereuen, und das nutzt Jupiter nichts. „Die Menschen sind frei, nur sie wissen es nicht“, außer Orest eben. Deswegen hat Gott keine Macht über ihn, deswegen steuert er nach Kräften gegen. Aber auch er hat keine Allmacht. Ägist ist müde. Soll der doch …

 

Dann wird in epischer Breite geschlachtet, bisschen zu breit für meinen Geschmack. Ein Spritzer vom Blut benetzt Elektras Kleid und löst hysterische Reaktionen aus. Fortan kehren sich die Rollen um.

 

 

Nach der Pause finden wir einen feucht-glitschigen Untergrund vor, Elektra und Orest liegen im Schlafe mittendrin. Die nunmehr weißgewandeten Erinnyen empfangen ihre neue Bluttaufe, es ist Frischfleisch da.

Wie die Weberschiffchen flitzen die Greisinnen auf der nassen Bühne hin und her und verwünschen dabei das Geschwisterpaar. Und tatsächlich, bei Elektra werden die toten Augen ihrer Mutter diagnostiziert.

Elektra beginnt zu bereuen, das Paar droht getrennt zu werden. Eine große Szene, vor allem wegen der Körperlichkeit der Beteiligten. Jupiter schließlich legt sie flach, rein metaphorisch verstanden.

An Orest aber beißt er sich die Zähne aus, am Ende bettelt er um Gehorsam, weil sonst doch die Welt aus den Fugen geriete. Aber das Geschöpf, was er erschaffen hat, folgt ihm nicht. Orest hat seine eigene, ganz persönliche Freiheit, an der er festhält.

 

Christian Erdmanns Jupiter ist für mich der rote Faden des Stücks, auch wenn man ihm ein lächerliches Kostüm aufgezwungen hat, beherrscht er die Szenerie. In allen Phasen ist er souverän, fast wird das Stück zur Jupiterie.

Die Rolle des Orest dominiert an sich die Aufführung. Diesem Anspruch ist Christian Clauß nicht ganz gewachsen, er ist auf Augenhöhe in den Massenszenen, aber seine Monologe geraten für meinen Geschmack zu eindimensional mit dem fortwährenden Gebrüll. Hier verschenkt er Gestaltungsmöglichkeiten, die auch der Körpereinsatz nicht wettmachen kann. Eine sicher gute Leistung, die aber an Beißwenger und Erdmann nicht heranreicht.

 

Inzwischen erhielt Elektra ihre Bluttaufe und verschwindet endgültig im Volk von Argos.

Noch ein großer Dialog, nochmal großartige Bilder. Orest wird mit Blut bespuckt, die Erinnyen wird er nie mehr los.

Flucht? Nein. Orest tritt vor seinen Palast und lässt sich steinigen für das und von dem Volk, das er doch befreien wollte.

 

(In der ursprünglichen Orestie gibt es am Ende ein Gottesgericht, jene berücksichtigt aber auch den Anfang der Geschichte, mit Iphigenie und dem gar nicht so strahlenden Helden Agamemnon. Insofern ist das schwer zu vergleichen.)

 

 

Das im Wortsinne am Ende glatte Dresdner Parkett hat Andreas Kriegenburg gut gemeistert, nicht nur beim üppigen Schlussapplaus. Vielleicht hätte man ihm da auch einen roten und vor allem rutschfesten Teppich ausrollen können, verdient hätten er und das Ensemble es allemal. Und dem Arbeitsschutz wäre auch Genüge getan.

 

Während der Intendant hinterher von einem „blutigen Abend“ sprach und seine Schauspieler berechtigt lobte – dabei allerdings über den Regisseur kein Wort verlor – bezeichnete jener in der SächsZ vom selben Tage das Stück als „nebenbei geprobt“. Nun ja, ich weiß nicht, wie die Schauspieler das empfinden, aber dann möchte ich gern mal ein richtig geprobtes Stück von Herrn Kriegenburg sehen.

Mit dieser Inszenierung zeigt er auf jeden Fall, dass er einen eigenen, deutlich erkennbaren Stil hat. Sie reiht sich in die obere Klasse der Aufführungen der letzten Jahre ein, ohne darüber hinauszuschießen. Die Formulierung „der K. kocht auch nur mit Wasser“ wäre sicher zu billig, aber eine Offenbarung hat das Staatsschauspiel Dresden an diesem Abend nicht erlebt. Dazu ist hier wohl auch das allgemeine Niveau zu hoch.

 

In Dresden sind wir alle weltberühmt

Es gibt sicher niemanden (von der Familie Wettin mal abgesehen), der über die Tatsache, dass es derzeit im Freistaat Sachsen keinen König gibt, trauriger ist als die Unterhaltungsredaktion des Mitteldeutschen Rundfunks. Dem amtierenden Freistaatsoberhaupt merkt man seine Abstammung von sorbischen Ackerbürgern leider dann doch an, der Glamourfaktor ist vernachlässigbar.

 

Schmerzlich bewusst wird uns dieses bei Gelegenheiten wie dem nach eigener Aussage bedeutendsten deutschen Ball (wie misst man das eigentlich?): dem SemperOpernball. Seit 2006 wird diese Festivität vom Verein „Semper OpernBall e.V.“ zelebriert, es ist also eine private Veranstaltung, was gern vergessen wird. Kopf des Vereins ist der in Dresden gut bekannte Hans-Joachim Frey, bis 2007 Operndirektor am Hause. Sein weiteres Wirken als Intendant am Theater Bremen war nicht von Glück begleitet, nach dem Versenken von 2,5 Mio. Euro nahm er dort 2010 den Hut.

 

Besser läuft da schon der Dresdner Opernball, hier ist man dankbar für jeden Hauch der großen weiten Welt, auch wenn man nicht immer ein glückliches Händchen mit seinen Stargästen hat. Jene werden durch die Verleihung eines absonderlichen Preises (seit 2010 „St. Georgs Orden“) angelockt, auf welchem der Hl. Georg zu Pferde sowie der Sinnspruch „Gegen den Strom“ (lateinisch, damit es nicht so peinlich ist) zu sehen sind. Den haben inzwischen so bekannte Gegen-den-Strom-Schwimmer wie Kurt Biedenkopf, Henry Maske, Roman Herzog und – das ist sicher bekannt – Wladimir der Demokratische erhalten, auch Michael Jackson, ja, kleiner hammer’s nicht. Jener konnte sich allerdings nicht mehr wehren, der Preis wurde ihm posthum hinterhergeworfen, eine seiner zahlreichen Schwestern vertrat ihn würdig.

 

Herausragende Persönlichkeiten, die sich um Deutschland … und um Sachsen verdient gemacht haben“ werden ausgezeichnet. Interessanter Denksport, was wohl Roger Moore und Ornella Muti da zu bieten haben. Auch bei José Carreras fällt mir nicht gleich was ein, bei Putin ist die Sache allerdings klar: Schließlich hat er einige Jahre in Dresden für Ruhe und Ordnung gesorgt.

Noch eine Nörgelei gefällig? Genau zwei der fünfundzwanzig bisher Bedachten waren Frauen (und sind es vermutlich immer noch). Das erreicht bestes CSU-Niveau, und wenn das Verhältnis im Parkett ähnlich aussähe, müssten sich doch viele Männer bunte Tücher um den Arm binden und sich dann Mühe geben, nicht zu führen beim Walzer. Aber das tun sie ja meist ohnehin nicht.

 

Aber, wie schon gesagt: Es ist eine private Veranstaltung, es ist auch ein privater Preis, und seine Jodeldiplome kann jeder verleihen, an wen er möchte. Eigentlich.

Nun ist es aber so, dass dieser Ball durch die Anwesenheit des und durch die Eröffnung durch den sächsischen Ministerpräsidenten eine quasi-staatliche Bedeutung erhält. Auch schritten bereits eine Reihe von Bundespräsidenten den roten Teppich entlang, zuletzt Herr Wulff, und heuer ist „Berlin“ mit Peter Ramsauer vertreten, der bestimmt auch irgendwie zuständig ist und sein stählernes Lächeln mitgebracht hat.

Warum diese Vorrede? Weil es Dresden bzw. der Ballveranstalter wieder mal geschafft haben, mit dem Arsch ins Fettfass zu plumpsen. Selbst bis ins provinzielle Dresden sollte es sich herumgesprochen haben, dass jener Monsieur Depardieu, den man als Star- und Überraschungsgast gewonnen hat, derzeit eine kleinere steuerliche Auseinandersetzung mit seinem Geburtsland Frankreich hat und deswegen sozusagen fiskalisches Asyl bei einem vorherigen Preisträger beantragte. Dies ist mitnichten seine Privatsache, wenn ihm sogleich dieser Orden an den aufgedunsenen Leib geheftet wird. Und war da nicht eben noch was mit 50 Jahre Elysée-Vertrag? Gut, die Feiern sind vorbei, da wollen wir mal wieder Francois ein bisschen ärgern. Fingerspitzengefühl in Dresden und Berlin? Haben wir gar nicht nötig.

Ich hoffe sehr, dass jetzt M. Hollande Christian Wulff zum Ritter der Ehrenlegion ernennt, dann wären wir quitt.

 

Aber mit diesen abwegigen Gedanken werden sich die Gäste in und vor der Semperoper nicht plagen. Man muss anerkennen, dass das Management recht clever ist: Das Ding mit den Elefanten war nicht mehr zu kontrollieren, man weiß ja, wozu diese Tierschützer fähig sind, nöch? Das hätte hässliche Bilder gegeben, selbst der MDR hätte nicht drumrum filmen können. Also kurzfristig gecancelt, Respekt.

 

Wirtschaftlich brummt das Ding offenbar, die Karten scheinen alle weg zu sein, bei Preisen von 1.900 Euro bis runter zu 250 Euro (2. Klasse, Stehplatz) nicht unbedingt selbstverständlich. Wie viele werden die Karten wohl selbst bezahlt haben?

 

Man darf dabei durchaus fragen, ob es zu den Aufgaben des MP gehört, private Feiern zu eröffnen. Und selbst wenn – was ich in diesem Fall noch nachvollziehen kann – wäre der Preis für die Eintrittskarten für ihn und Frau Gemahlin doch als geldwerter Vorteil zu versteuern, wenn den der Freistaat bezahlt hat? Oder gab es gar keine Rechnung? Dann wär es Vorteilsnahme. Auweia, wenn das jemand liest …

Bei Herrn Bundesminister kann mir niemand glaubhaft machen, dass er „Verkehr, Bau und Stadtentwicklung“ an diesem Abend wesentlich voranbringt. Aber vielleicht hat ihn Frau Merkel geschickt, um oben genannten Fauxpas auch bundesamtlich zu beglaubigen. Dann wäre er aus Gründen der Staatsräson da.

 

Die übrigen Gäste sind klug ausgewählt. Herr Ballack kann seinen Werbe-Marktwert etwas aufpolieren, was sicher nur noch im Osten funktioniert, Herr Winterkorn lässt sich feiern, dass er in Sachsen weiter Autos bauen lässt und das Piech-Denkmal am Großen Garten nicht schleift, M. Juncker holt sich seinen ihm zustehenden Orden und dankt schon im Voraus auf der Website artig, wenn auch inhaltlich etwas schräg. Und Lauterbach lässt sich von seinem Zwilling im Geiste namens Ochsenknecht lobhudeln, im nächsten Jahr erleben wir das Traumpaar des schlechten Geschmacks vielleicht andersrum.

Zu Gerard Depardieu fällt mir noch ein, dass es in den Technischen Sammlungen am 4. und 5. April „Die letzte Metro“ gibt, ein Meisterwerk von Truffaut mit Catherine Deneuve und ebenjenem Spätverblödeten.

 

 

Prinzipiell, liebe Leser, hab ich nichts gegen sowas wie Opernbälle. Es soll doch jeder nach seiner Facon selig werden. Solange die freistaatliche Semperoper nicht auf den Kosten sitzenbleibt und den Einnahmeausfall (immerhin blockiert der Ball vier Tage lang das Haus) ersetzt bekommt, sollnse doch machen. Die Polizei tritt leider wie sonst auch kostenlos an, wenn auch nicht umsonst. Und die DVB wird ja wohl die Umleitungsaufwendungen in Rechnung stellen.

Auch die wirtschaftlichen Aspekte sind sicher nicht zu unterschätzen, grade im hochpreisigen Segment. Und die Arbeitsplätze in diesen Tagen. Und der Imagefaktor … Jaja.

Aber man kann sich ja trotzdem drüber lustig machen.

 

Zum Beispiel über die Bedeutungshuberei der Medien. Bei den bunten Blättern kann man das verstehen, das ist ja ihr Kerngeschäft, aber das vermeintlich rationale Zeitungen an der Spitze der Bewegung stehen, ist schon seltsam. Die SächsZ hat einen Twitterkanal geschalten und berichtet alles, was ihr so auf- und einfällt. Frau Derek ist ohne Mann da! Ich überlege kurz, doch noch hinzufahren. Und entscheide mich positiv. Mal sehen, was da so für Leute sind.

 

Es nieselt, manchmal schüttet es auch.

Die üblichen Verdächtigen schlurfen durch ein schmales Spalier von Schaulustigen und durchs Foyer, sicher steckt eine ausgeklügelte Logistik dahinter, die Hackordnung zu beachten und jedem Sternchen genug Aufmerksamkeitszeit zu schenken.

Zwar bin ich nicht im Besitz eines Fernsehgerätes, könnte mir also später nicht mal in einem Maso-Anfall den Rest der vierstündigen Hofberichterstattung des MDR ansehen. Aber ich erlebe die erste Stunde live mit und kann mir gut vorstellen, was noch kommt.

 

Witzig ist das, was auf dem Theaterplatz stattfindet. „SemperOpenairball“, auf so einen Namen muss man erstmal kommen.

Man kann dort: Sich langsam einregnen lassen, am Public Viewing vom Ballsaal teilnehmen, Bratwurst essen, den Jubelperser geben, mitgebrachten oder überteuerten Alkohol verzehren, die Aufstellung eines Weltrekords „wagen“ (nämlich dem Auf-glattem-Pflaster-so-tun-als-ob-man-Walzer-tanzt in einer noch nienienie dagewesenen ganz großen Gruppe), oder – Höhepunkt! – mit Gotthilf Fischer-Dübel und Roberto „Blacky“ Blanco ein Lied einüben! Es handelt sich dabei um das bekannte deutsche Volkslied „Moskau, Moskau“, womit wir erstens wieder bei Putin wären und zweitens endlich den Grund in diesem Meer von Schwachsinn erreicht haben, was mit dem neuen Text des Siegelschen Gassenhauers auch bewiesen wird.

 

Die genannten Herren zu kritisieren, gehört sich nicht. Schlimm genug, wenn man in diesem Alter noch arbeiten muss, zumal man sich sichtlich mit gerontotypischen Krankheiten rumschlägt. Ich bedecke diese Kadaver des Niveaus mit einem großen Tuch voller Barmherzigkeit und Milde.

 

Zwei euphorisierte Moderatoren auf der Bühne vor der Oper mühen sich nach Kräften, das doch ziemlich zahlreich erschienene Volk bei Laune zu halten, damit es seiner Hauptaufgabe nachkommen kann: Den Promis zuzujubeln. So wird auch ein schlichter Ballbeginn zu einem Ereignis, dass der Jahrtausendwende in nichts nachsteht.

 

So wie es Berufsbetroffene gibt, gibt es auch Berufsprominente. Einer, der dazu auf bestem Wege ist, wird vor das Mikrofon gezerrt. Michael Ballack ist solo da, Sensation! Und er will gar nicht tanzen! Das geht ja wohl gar nicht. „Ok, notfalls tanz ich mit meiner Mam“, hoffentlich hat das die Dame nicht gehört.

Flanierkarteninhaberinnen, aufgepasst. Hier geht was …

 

Wolfgang Stumph hat Geburtstag, na so ein Glück. Auch er darf sein Gesicht ins Fernsehen halten.

Auftritt Herr Tillich nebst Gattin. Völlig überraschend fällt die Reporterin über ihn her und fragt das Übliche. Nein, Herr Tillich, es gibt Sprechblasen, die nicht überall passen. „Mit der Unterstützung der Menschen hier draußen“ lässt sich ein Eröffnungswalzer nicht überstehen. Aber es wird schon gehn, ist ja nicht das erste Mal.

 

Ebenjene Menschen hier draußen sind äußerst gutwillig, machen brav alles, was die Moderatoren verlangen. Ihr da drin, wir hier draußen, das geht schon in Ordnung. Ein bisschen was vom Glanze fällt sicher ab.

Selbst das sturzdumme Liedchen wird mitgebrüllt und bejubelt, wenn es schon nichts mit dem Massenwalzerrekord werden sollte, zumindest den bei Peinlichkeit pro Quadratmeter haben wir erreicht.

 

Dann endlich ist es Neune. Emmer-wieder-Emmerlich eröffnet, das ist sein Parkett, hier ist er souverän. Das Girlie an seiner Seite kenn ich nicht, aber ein schönes Kleid hat sie an.

Einmarsch der Ehrengäste. Ballack zusammen mit Juncker, vielleicht geht ja auch da was. Frau Ferres und Herr Maschmeyer, ich überlege kurz, wie vielen hier draußen er wohl die Ersparnisse geleichtert hat. Waldi Hartmann, keine Feier ohne Meier, am Arm einen Ochsenknecht. Lauterbach gelackt wie immer, Bo Derek sieht von weitem noch recht frisch aus. Zum Schluss das Letzte: Ein früherer Sympathieträger namens Depardieu. Mon Dieu.

 

Dann gibt es ein bisschen Zirkus, wie vermeldet ohne Elefanten, was natürlich keiner erwähnt beim MDR.

Und nu? Eigentlich wollte ich bis halb Elf bleiben, wenn das Frischfleisch in den Saal gelassen wird. Aber was mach ich bis dahin? Die Laudatoren kann ich mir unmöglich anhören, ich würde auf dem Theaterplatz zur geistigen Revolution aufrufen müssen, was natürlich keiner befolgen würde bzw. könnte. Also kurzentschlossen Abmarsch. Feiert euren Ball doch alleene, ich hab genug gesehn.

 

Das Fazit:

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber nehmt Euch bitte nicht so wichtig.

 

Vielleicht schlachte ich ja doch mein Sparschwein und kauf mir im nächsten Jahr auch einen Logenplatz. In meinem Bekanntenkreis gibt es genug Damen, denen Kleider sehr gut stehen und die auf diese Festivität abfahren. Dann kann ich beim DressurTanzen der DebütantInnen zusehen (bestimmt lecker) und komm ins Fernsehen. Vielleicht kann ich auch einer anderen Dame weismachen, ein C-Promi zu sein, gibt ja genug Fernsehsender, die kann man unmöglich alle gucken.

 

Dann würde ich mir aber wünschen, dass diesmal der große Rainer Brüderle, unser Handtaschen-Berlusconi in der Pfälzer-Leberwurst-Edition, einen Preis bekommt. Verdient hätte er den mit Sicherheit.

 

 

Drüben (ich bin wieder auf der anderen Elbseite angelangt) ist das Festival der Irrelevanz nun in vollem Gange. Ich kann mir vorstellen, so nach Zwei kann es ganz nett dort sein. Naja, hier ist es auch schön.

An den Gemälden von Neo und Rosa

Die Doppel-Ausstellung von Rosa Loy und Neo Rauch in den Kunstsammlungen Chemnitz, noch bis zum 10. Februar 2013

Das Ehepaar Rauch / Loy malt, die Gruppe Tocotronic musiziert. Ansonsten haben sie aber viel gemeinsam.
Für mich zumindest. Vor den Klanggebilden der einen stehe ich mitunter genauso beeindruckt wie ratlos wie vor den Gemälden der anderen. Es ist schön, es scheint eine tiefe Bedeutung dahinter zu liegen, aber ich komm nicht drauf welche. Also beschränke ich mich meist auf den akustischen bzw. ästhetischen Genuss.

Die bereits seit 16.12.2012 laufende Sonderausstellung Rauch „Abwägung“ / Loy „Gravitation“ ist mal wieder ein Geniestreich der Chemnitzer Generaldirektorin Ingrid Mössinger. Die Idee, das malende Ehepaar auch einmal gemeinsam zu präsentieren, war offenbar so naheliegend, dass bisher niemand darauf kam. Und so können wir nun dreizehn Bilder von Neo Rauch aus den letzten zehn Jahren in allen denkbaren Formaten sowie zehn von Rosa Loy betrachten, letztere aus derselben Zeitspanne, im Format aber homogener im oberen Bereich.

In einem mit 18 Euro erfreulich preiswertem Katalog wird nicht nur die Entstehungsgeschichte der Ausstellung beschrieben, sondern jedes Werk kurz besprochen, umrahmt von Portraits der Künstler und ihrer Vita. Auslöser war der Ankauf des eigens für Chemnitz gemalten Bildes „Die Abwägung“ von Neo Rauch, welches in diese Ausstellung erstmals gezeigt und dann in den hiesigen Sammlungen verbleiben wird. Das jenes großformatig und ausklappbar im Katalog enthalten ist, ist schön, die Freude wird auch kaum dadurch getrübt, dass es auf dem Kopf stehend ins Buch eingefügt wurde. Begreifen wir es als Hommage an Georg Baselitz.

Frau Mössinger bezieht sich in ihrer Einführung auf das Frauenbild bei Rosa Loy, das ein begonnenes „Jahrhundert der Frau“ illustriere. Tatsächlich sieht man auf Loys Bildern kaum männliche Figuren, selbst die Schergen von Pontius Pilatus in „Mondlicht“ sind feminin. „Ganz ohne Männer geht die Chose nicht, Mädels!“ ist man versucht zwischenzurufen.
Bei Rauch erkennt sie mit der Neigung zur Reduktion eine neue malerische Wendung, dem ist nicht zu widersprechen.

Es ist müßig zu orakeln, ob Rosa Loy ohne ihren Gemahl und Ateliernachbarn ähnliche Aufmerksamkeit widerfahren würde. Es ist wie es ist, sagt nicht nur die Liebe. Die Chemnitzer Ausstellung ist sichtbar bemüht, sie als eigenständige Künstlerin mit eigenem Themenbereich zu präsentieren, dennoch unterläuft den Machern doch der peinliche Fehler, in den ausliegenden Biografien der Künstler zwar die Heirat von Rosa mit Neo (1985) aufzuführen, nicht jedoch jene von Neo mit Rosa. Offenbar war jene im Werdegang dann doch nicht so bedeutsam wie die andere … Honi soi qui mal y pense.

Dennoch, und unabhängig von jeder Protegierdiskussion, die Bilder von Rosa Loy sind sehenswert. Sie bilden eine sehr weibliche Welt ab, die aber deswegen nicht per se besser ist. Ihre Sujets sind ähnlich jenen des Gatten, enthalten aber weniger Betrachtungsebenen. Positiv ausgedrückt, sind sie lesbarer. Generell geht es um die Beziehung des Menschen (oder besser der Frau) zur natürlichen und sozialen Umwelt. Sie reichen von einer Märchenumgebung („Die Dienststelle“) über Ikonographie („Mondlicht“) und sehr sinnlichen Darstellungen („Die andere Seite“, „Gravitation“) bis zum wiederkehrenden Motiv des Gartens („Bestellung“, „Freunde“), welches beim ursprünglichen Beruf von Rosa Loy (Gartenbau-Ingenieurin) nicht weiter verwundert. Mein Lieblingsbild „B-Plan“ lässt sich mit gutem Willen auch da einordnen, vordergründig geht es um Imkerei, aber letztlich dann doch um Beziehungen. Das Bild hängt im normalen Leben in den Neuen Meistern in Dresden, kann also von mir öfter besucht werden, das ist schön.

Rosa Loy malt mit Kasein, ich vermeide einen Erklärungsversuch und damit eine Blamage. Dem Laien (also mir) wäre es eh nicht aufgefallen, die Deutungen überlass ich den Profis.
Aber die mit zehn Bildern doch recht kleine Ausstellung hat mich der Künstlerin näher gebracht, das sei gerne vermerkt. Dass sie sich auch am Neorauchismus orientiert, wer wollte es ihr verübeln?

Neo Rauch war ich ohnehin schon nahe, es ist auch schwierig, ihm zu entgehen im aktuellen Kunstbetrieb. Der Oberstudienrat der „Leipziger Schule“ ist omnipräsent, nicht erst seit den grandiosen „Begleitern“ parallel in Leipzig und München. Man wundert sich über die unglaubliche Produktivität des Malers, der nach eigener Aussage „nine-to-five“ malt und dennoch inzwischen ein in Format und Anzahl riesiges Werk vorweisen kann. (Den blöden Witz von der im Betrieb mithelfenden Ehefrau wollen wir mal ganz schnell wieder vergessen)
In Chemnitz wird eine vergleichsweise kleine Auswahl seiner Bilder gezeigt. Star dabei ist der Ankauf „Die Abwägung“, welche es sicher auf das Cover des neuen Museumskatalogs schaffen würde, sofern es denn für die Öffentlichkeit ohne größere Schwierigkeiten zugänglich sein wird, denn es wird seinen Platz im Ratssaal des Neuen Rathauses Chemnitz finden und dort indirekt mit dem Monumentalbild „Arbeit = Wohlstand = Schönheit“ von Max Klinger im Stadtverordnetensaal korrespondieren. An sich eine hübsche Idee, ich fürchte nur, dass das Gemälde dort oftmals sehr einsam sein wird.

Verdient hat es das nicht. Eine moderne Justizia, keineswegs blind, beherrscht das Bild, umgeben von Beratern, vielleicht auch Fragestellern, alle in heutigen, leuchtfarbenen Gewändern. Die typischen „Rauch-Gesichter“ sind hier relativ klar gearbeitet, das Bild hat eine beeindruckende Räumlichkeit. Sehr sehr schön, möge es die Räte zur Weisheit geleiten.

Um das Gemälde herum sind ein Dutzend andere Werke drapiert, die einen Querschnitt aus den letzten zehn Jahren des Neo Rauch zeigen. Oftmals sind die üblichen „Zutaten“ wie die schemenhafte, rötliche Figur, die sich einer Einordnung entzieht („Reich“) oder die bereits erwähnten verwaschenen Gesichter („Türme“) zu sehen. Manche Bilder scheinen zu zerfließen („Krönung“), andere sind überraschend klar strukturiert, zumindest auf den ersten Blick („Hohe Zeit“). Neben eher leichteren Themen („Goldene Äpfel“ und „Gärtnerin“, welches auch „Szenen einer ganz bestimmten Ehe“ heißen könnte) geht es auch um Krankheit und Tod („Der böse Kranke“) oder um Lebensillusionen („Abstieg“). Singulär steht dabei „Cross“, eine (fast) menschenleere Landschaft mit Wegen, die sich nicht zu treffen scheinen, sehr untypisch für Rauch.

Weder will ich mir anmaßen noch könnte ich es leisten, die Bildinhalte detailliert zu analysieren. Da gibt es Berufenere. Mir fällt dann immer der olle Goethe ein, „suche die Menschen zu verwirren, sie zu befriedigen ist schwer“, aber das allein wird es nicht sein. Ich mag den Rauch, seine Bilder sind nie langweilig, auch wenn die Konstellationen oft ein wenig rätselhaft bleiben. Manchmal braucht es auch nur einfach eine Weile, eh man sich (s)eine Erklärung darauf machen kann.

Dass dies bei weitem nicht immer so sein muss, beweist die parallele Sonderausstellung von Mario Nigro, einem 1992 verstorbenen abstrakten Maler. Auch wenn die Motive (z.B. „Schach“, „Freiheit“ und „Agamemnon“) in Farbigkeit und Komposition beeindrucken, zumindest mir fehlt der Zugang zur Aussage.

Für die 6 Euro Eintritt kann man sich auch den Bestand der Kunstsammlungen Chemnitz anschauen. Im Erdgeschoss sollte man das unbedingt tun, die Skulpturen, unter anderem von Rodin, Klinger und Barlach, sind sehenswert. Die Abteilung „Romantik“ fand ich dagegen öde, außer dem „Segelschiff“ von CDF sprach mich kaum etwas an, auch fand ich den Raum übertrieben verdunkelt.
Hinter der Sonderschau Rauch / Loy findet man die Expressionisten, deren Basis naturgemäß Karl Schmidt-Rottluff bildet. Aber auch Slevogt, Kokoschka und Korinth sind zu sehen. Es lohnt sich.

Fassen wir mal zusammen: Chemnitz ist derzeit eine Reise wert. Und um die Ecke gibt es auch noch den Nischel, wenn man es monumentaler mag.

Der Himmel ist unteilbar

„Der geteilte Himmel“ nach Christa Wolf in der Regie von Tilman Köhler, für die Bühne bearbeitet von ihm und Felicitas Zürcher, gesehen am 19. Januar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (94. Premiere n.u.S.)

Ich nehme es vorweg: Schon lang nicht mehr hat mich ein Stück derart angerührt und begeistert.

Die Geschichte nachzuerzählen, ist in diesem Landstrich wohl eher albern. Ich beschränke mich auf einige Schlaglichter.
Zuerst die Bühne (Karoly Risz): Mal hängt der Himmel ganz tief, mal lässt er etwas Luft zum Atmen. Dann wird der feste Boden unter den Füßen plötzlich schräg und schräger, die Protagonisten haben Mühe, sich zu halten. Ein sparsamer Videoeinsatz (Michael Gööck) ergänzt dies kongenial.
Die Musik (Jörg-Martin Wagner): Eine einzige Geige auf der Bühne, gespielt von Maria Stosiek, ersetzte ein ganzes Orchester. Großartig.
Klug ausgewählte Kostüme (Susanne Uhl) setzen ihre eigenen Höhepunkte.

Schon der Prolog ist ein kluger Schachzug: Mit Texten u.a. aus „Stadt der Engel“ wird das Thema in die Zeiten eingeordnet. Dies bleibt aber die einzige Aktualisierung, ansonsten erleben wir die Handlung im Wechselspiel zwischen Ritas Krankenhausaufenthalt und dem eigentlichen Geschehen.

Die dramaturgische Idee, Rita in drei Personen aufzuteilen, eine vor und eine nach „dem Anschlag auf sich selbst“ und eine, die sich viel später daran erinnert, ist der Grundstock der Inszenierung. Und was für einer! Man kann Felicitas Zürcher dazu nur beglückwünschen.
Aber die Abgrenzung ist kein Dogma, die Ritas werfen sich die Bälle zu, wenn es um das Erzählen der Geschichte geht.

Überhaupt: Eine elegante, zum Teil indirekte Behandlung des Stoffes durch die Schauspieler bringt den Roman zum Klingen auf der Bühne.
Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha und Philipp Lux brillieren in verschiedenen Rollen, sind mal Arbeiter, mal Chemiker, mal Familie. Hannelore Koch merkt man die Identifikation mit der älteren Rita deutlich an, und auch als Frau Herrfurth ist sie überzeugend.
Annika Schilling spielt die kranke Rita, den Punkt, von dem aus sich die Geschichte letztlich aufbaut. In ihrer letzten größeren Arbeit in Dresden (Gott sei es geklagt) setzt sie wiederum ein Glanzlicht. Wir werden sie vermissen.
Ich gebe zu, ich bin ein Fan von Matthias Reichwald. Dessen unprätentiöse, aber unglaublich energiegeladene Spielweise hab ich noch in jeder Rolle bewundert. Auch diesmal war er ein Ereignis.
Und, die größte Ehre zuletzt, Lea Ruckpaul. Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich sie auf den Plakaten sah. So jung und so eine Rolle …? Aber ich tue Buße: Diese Bühnenpräsenz, diese Klarheit im Ausdruck, diese Verletzlichkeit und Stärke … Die Nachricht, die sich auf den hinteren Programmheftseiten versteckte, ist nur folgerichtig: Ab der nächsten Saison gehört sie fest zum Ensemble.

Tilman Köhler als Regisseur gelingt es, dies alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. Er ist – für mich – wieder auf dem Niveau der „Hl. Johanna“, auch wenn die Arbeiten dazwischen auch nicht schlecht waren.

Der Inhalt des Stückes bzw. des Romans? Ist doch schon tausendmal diskutiert und besprochen worden, ich wüsste nicht, was ich da hinzufügen könnte. Letztlich muss jeder selber sehen, wie er sich zu der Grundfrage des Textes stellt. In dieser Form tritt jene heute ohnehin nicht mehr auf. Oder gibt es noch eine Ideologie, für die es sich lohnt, eine Liebe scheitern zu lassen?

Bedaure, ich habe nichts zu bekritteln. Ein ganz großer Wurf.

Oben geblieben ist noch keiner

„Baumeister Solness“ von Henrik Ibsen in der Regie von Burghart Klaußner, gesehen am 17. Januar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (93. Premiere n.u.S. [nach unserer Schulzrechnung])

Man muss schon viel guten Willen mitbringen, um die storyline des Stücks nicht als hanebüchen zu bezeichnen:

Da bootet ein talentloser Architekt seinen Chef aus, um ihn dann später anzustellen. Da brennt das Elternhaus der verehrten Gemahlin nieder und schafft Bauplätze, die wiederum dem Architekten zur Karriere verhelfen. Da ist besagte Gemahlin derart verzweifelt ob des Verlusts von Haus und Puppen, dass ihr die Muttermilch sauer wird und sie damit die neugeborenen Zwillinge vergiftet. Dies alles beschert beiden Elternteilen eine handfeste Psychose und eine andauernde Ehehölle.

Da wirft der Ex-Chef auch noch seinen Sohn dem Konkurrenten zum Fraße vor. Da erscheint das Fräulein Braut des Sohnes im Büro und verfällt augenblicklich dem Baumeister (man begreift nicht warum). Da bettelt der gebrochene und todkranke Ex-Chef den Baumeister um eine Karrierechance für seinen Sohn an, offenbar unter Verdrängung seiner eigenen Geschichte. Da erscheint schließlich Hilde, die im zarten Alter von zwölf Jahren vom Baumeister geküsst und der ein Königreich versprochen wurde, um nach Ablauf der Frist von zehn Jahren ebenjenes einzufordern.

Auch auf RTL II würde dies wohl eher im Nachmittagsprogramm laufen.

Ein grober Klotz also, an welchem feine Werkzeuge nicht angebracht sind. Diese kommen auch kaum zum Einsatz.

Der Vorhang hebt sich (nachdem uns mittels Projektion dankenswerterweise der Titel des Stücks nochmal in Erinnerung gerufen wurde) und gibt ein Büro frei, das sich nicht ganz zwischen Blockhütte und repräsentativem Raum, zwischen klassisch-antiquierter Ausstattung und modernen Beigaben wie einem Notebook entscheiden kann. Drei Anwesende in Aufregung, wie sagen wir es nur dem Chef?

Jener tritt auf und gibt das Büroungeheuer, scheucht und pöbelt. Noch omnipotent, klatscht er der Buchhalterin auf den Po, was ihr offenbar Glücksgefühle beschert. Den Alten lässt er wegtreten, keinen Bock auf Entwicklungshilfe für dessen Junior. Lars Jung als Knut Brovik ist dabei sehr melodramatisch, der gewohnt hohe Ton nervt hier ein bisschen. Christine-Marie Günther hat die undankbare Rolle eines dem Baumeister verfallenen Weibchens ohne eigenen Willen, die ihr wenig Raum bietet, aber sie schafft es zumindest, darin verdammt gut auszusehen.

Auftritt der Gattin, in jeder Bewegung, jedem Blick spürt man die psychische Deformation. Christine Hoppe ist endlich wieder da, manchmal spielt sie hier in einer eigenen Liga.

Dann Altherrengeprahle des Baumeisters gegenüber dem Hausarzt (Horst Mendroch a. G. eher unauffällig), er weiß, dass das Fräulein Kaja Wachs in seiner Hand ist und benutzt sie zum Machterhalt.

Ist Solness verrückt? Er hat Angst vor dem Neuen, vor Machtverlust, vor einer Änderung der Verhältnisse, davor, für sein gehabtes Glück bezahlen zu müssen. Das allein ist noch nicht verrückt.

Das Fräulein Hilde Wangel betritt eher knabenhaft die Szenerie. Ines Marie Westernströer hat offenbar für diese Rolle ihre schönen Haare gelassen und kommt mit Bubikopf daher. Das hätte es sicher nicht gebraucht, sie hätte auch so diese Figur glaubhaft bewältigt.

Hilde erinnert Solness an eine Begebenheit vor genau zehn Jahren, als er, im Rausch eines gelungenen Projekts, das kleine Mädchen herzhaft küsste und ihr ein Königreich nebst Schloss versprach. Nun sind die zehn Jahre um, der Baumeister soll liefern. Warum jener sich allein durch das Aus-dem-Fenster-kotzen von Hilde zum Eingeständnis bringen lässt, dass das alles so gewesen sei, bleibt offen.

Bevor der Sachverhalt ausdiskutiert werden kann, bittet die Dame des Hauses zu Tisch. Hilde darf bleiben, es sind genug Kinderzimmer frei.

Ein neuer Morgen. Solness erzählt dem Neuzugang von früher, mit einem Holzpferdchen in der Hand. Ach Gottchen. Viel Pathos, als er vom Bezahlen-müssen fürs Glück, von seinen Gewissensbissen berichtet. Ist er nun krank? Oder doch verrückt? Damals war das noch nicht dasselbe. Oder nur esoterisch?

Auftritt Ragnar Brovik, junges Talent ohne Selbstvertrauen. Auch er lässt sich abfertigen.

Hilde schwärmt vom robusten Gewissen, sie will ihren Baumeister so wie sie ihn sich erträumt hat und lenkt ihn entsprechend. Ich hab so was schon mal im Kino gesehen, ein Western mit Henry Fonda und Terence Hill, da nahm das aber ein gutes Ende.

Zunächst beißt sie aber das Fräulein aus der Buchhaltung weg. Solness will es jetzt nochmal wissen für seine Prinzessin, the Baumeister is back.

Nach der Pause ein neues Bühnenbild, der Garten mit dem Baugerüst im Hintergrund. Die beste, anrührendste Szene findet zwischen der Gattin Aline und Hilde statt, eine zarte Annäherung der Schein-Konkurrentinnen. Wie viel Lebenslust die eine und wie wenig Freude die andere hat! Pflicht! Pflicht! Strafe! Die verlorenen Puppen trägt sie immer noch als ungeborene Kinder mit sich rum. Der Hausarzt empfiehlt, sich nicht zu erkälten.

Solness erscheint als Zimmerer verkleidet, ihn ereilt die plötzliche Erkenntnis, dass Hilde nunmehr sein Lebensinhalt sei. Jener widerfährt ein großartiger Ausbruch, das robuste Gewissen hat grad mal Pause. Dann motiviert sie ihn zum Luftschlösser-Bauen, mit zwingenden Argumenten. Solness guckt etwas überfordert. Gibt es eine HOAI für Luftschlösser?

Ragnar bringt den Richtkranz und ist jetzt im Bilde. Auf einmal agiert er ganz anders, Rebellion statt Unterwürfigkeit. Hier endlich kann Matthias Luckey aufdrehen und findet zu gewohnter Stärke.

Solness baut schon lange keine Kirchen mehr, aber nun steigt er ins Luftschlösser-Geschäft ein. Hilde ist seine Inspiration, gemeinsam werde sie die kühnsten Bauwerke errichten, alle aus Luft.

Um diese Wendung zu manifestieren, steigt der Baumeister mit dem Richtkranz aufs Gerüst, er, der seine Höhenangst bisher nur ein einziges Mal besiegen konnte. Das Unmögliche geschieht, er kommt oben an und hängt den Kranz auf.

Dann der Fall. Ein dumpfer Knall, sein Hut segelt hinterher. Großartige Szene.

Hilde schreit glücklich-entrückt „Mein Baumeister!“. Wahre Helden müssen tot sein.

Zum Titelhelden: Holger Hübner ist ein versierter und beliebter Schauspieler am Haus, bisher eher bekannt aus mittleren Rollen mit einem Anteil Selbstironie. Er ist dem Baumeister sicher gewachsen, allerdings vermisste ich gelegentlich die leisen Töne. Auch die Rücksichtslosigkeit, das Menschenverschleißende des Solness kam nicht richtig rüber. Vielleicht lag es an der Regie. Ich hab mich allerdings ein paar Mal gefragt, wie Burkhart Klaußner die Rolle selbst gespielt hätte.

Das am Anfang über den Stückinhalt Gesagte mal beiseite gelassen, ist dies eine schlichte Parabel über das Abtreten-müssen und –nicht-können der Platzhirsche. Nicht nur im Tierreich findet sich dies, auch in Politik, Wirtschaft, Sport oder vielleicht sogar auch am Theater. Irgendwann kommt einer, der stärker ist als Du. Man kann das vielleicht hinauszögern, aber dafür müssen die lebensabschnittsbegleitenden Frauen immer jünger werden (meine Alters- und Geschlechtsgenossen wissen was ich meine) und irgendwann hilft auch das nicht mehr. Solness will es nicht wahrhaben und fällt vom Turm, hat aber seine Legende gerettet.

Manchem, der heute noch agiert, würde man einen solchen Turmfall wünschen.

Die Inszenierung ist gut, mit einigen Abstrichen. Ich hatte mir ein wenig mehr versprochen angesichts des prominenten Regisseurs, aber ich bin auch nicht enttäuscht. Ein Abend, um sich nachher Gedanken zu machen.

Die fünf Anomalien des Autofahrers

In meinen gut vier Jahrzehnten als Verkehrsteilnehmer ist mir ein Sachverhalt immer wieder bewusst geworden, den ich anfangs nur ahnte, letztlich mit langjähriger Feldforschung und einigen Selbstversuchen vorgestern endlich endgültig verifizieren konnte:

Der Autofahrer unterscheidet sich vom normalen Menschen durch einige Anomalien, genauer gesagt durch Stücker fünf an der Zahl. Diese sollen im Folgenden kurz skizziert werden.

 

A1 (um hier einen Fachterminus zu verwenden):

Bewusstseinsübergang vom Fahrer zum Fahrzeug

Im Ergebnis kann der Fahrer die Körperlichkeiten beider Ob- bzw. Subjekte nicht mehr sauber trennen, es kommt dann zu dem schönen Satz „Ich steh dahinten“. Von anderen Transportmitteln ist dies bisher nicht bekannt, weder bei Kreuzfahrtschiffen, Bollerwagen, Fahrrädern oder Pferden liegen entsprechende Augenzeugenberichte vor. Ob der Bewusstseinsübergang auch bei LKW und Motorrädern stattfindet, ist in der Fachwelt noch umstritten.

 

A2:

Übertragung der Hygieneregeln vom Fahrer auf das Fahrzeug

Diese eng mit A1 verwandte Anomalie führt dazu, dass der Fahrer seine eigenen Körperpflegerituale auch an seinem Fahrzeug ausführt. Gern wird dies im traditionellen Fahrzeugpflegergewand vollzogen, das aus einem ehemals weißen Feinrippunterhemd, einer zerschlissenen Jogginghose in Schockfarben (wichtig sind dabei die großen Beulen an den Knien) und strassentauglichen Pantoffeln besteht. Profis tragen dazu noch ein Käppi mit der im Besitz befindlichen Automarke, um nicht versehentlich den falschen Wagen zu putzen.

Es sind auch Fälle einer vollständigen, also restlosen Übertragung des eigenen Reinigungsbedürfnisses auf das Fahrzeug bekannt, bzw. es wurden solche ruchbar.

 

A3:

Persönlichkeitsspaltung am Steuer

Die letzte der intrarelationalen Anomalien beschreibt die Verwandlung eines an sich friedfertigen Menschens in einen überreizten Fluchkanonier, der seine Umwelt generell als feindlich betrachtet, sobald er ein Lenkrad umfasst. Hier steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang, eine Arbeitshypothese geht von einem doppelt asymptotischen Zusammenhang zwischen dem Verhalten außerhalb und innerhalb des Fahrzeugs aus, d.h., beide Alltagsextreme (lammfromm und bösartig) zeigen signifikant negative Verhaltensweisen im Verkehr, alle anderen sind irgendwie beherrschbar.

Über die Ursachen dieses Phänomens ist erst recht nichts bekannt, auch kennt man bislang kein Gegenmittel.

 

B1:

Krankhaft verändertes Rechtsempfinden

Hier handelt es sich um eine Anomalie in Bezug auf die (natürlich feindliche) Umwelt. Sie tritt oftmals in Verbindung mit A3 auf und führt beim Fahrer zum Grundgefühl, generell im Recht zu sein. Gern wird dies auch mit „eingebauter Vorfahrt“ beschrieben, vor allem bei Fahrzeugen mit höherem Kraftstoffverbrauch. Der davon Befallene nimmt Verkehrszeichen und Ampeln nur dann wahr, wenn sie ihn in Vorteil setzen.

Sollte sich das Problem nicht kurzfristig von selbst erledigen, erzielt man gute Therapieerfolge mit der Verschreibung von Kleinwagen oder bei schweren Fällen mit der Versetzung in den einstweiligen Fußgängerstatus.

 

B2:

Selektive Wahrnehmung von Verkehrsteilnehmern

Diese Anomalie ist inzwischen so weit verbreitet, dass die Fachwelt sich streitet, ob sie überhaupt noch als solche bezeichnet werden kann.

Sie bezeichnet das Vermögen von Autofahrern, durch nichtmotorisierte Strassenpartner einfach hindurchzusehen. Gut beobachten lässt sich dies an Einmündungen unterrangiger Strassen (wer nicht gesehen wird, kann auch kein Vorrecht haben) oder beim beliebten Parken vor abgesenkten Bordsteinen. Da ersteres inzwischen zum guten Ton gehört, verzichten viele Fußgänger und Radfahrer inzwischen auf die Ausübung ihres Vorrangs und tragen damit dazu bei, diese Anomalie in eine gesellschaftlich anerkannte Verhaltensweise zu überführen.

 

Das Vorstehende kann natürlich nur der allererste Einstieg in eine breit angelegte, interdisziplinäre Forschung sein. Neben der notwendigen weiteren Befassung mit den Grundlagen (eventuell sind sogar weitere Anomalien zu entdecken) gibt es zahlreiche Einzelfragen, die einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedürfen. Exemplarisch seien genannt:

  • Aus welchem Missverständnis speist sich das oftmals angenommene Menschenrecht auf kostenloses Parken vor der eigenen Haustür?
  • Warum kauft jemand Pseudo-Geländewagen, wenn er doch maximal Bordsteine überfährt?
  • Was führt zur generellen Ignorierung von Geschwindigkeitsvorgaben bei ansonsten kreuzbraven Bürgern?
  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Selbstbewusstsein des Fahrzeughalters (oder ggf. von körperlichen Ausprägungen) und der Leistungsstärke seines Fahrzeugs?
  • usw.

 

Also ein weites, dankbares Feld, ihr jungen Forscher und -innen. Frischauf ans Werk, oder auch: Vollgas! Die Welt wird es euch einmal danken.

 

So war 2013 – ein vorauseilender Rückblick

 

Januar: Wegen eines Übermittlungsfehlers wird der geplante Parteiverbotsantrag versehentlich gegen die FDP gestellt. In der Vorprüfung wird allerdings so viel belastendes Material gefunden, dass die Bundeswehr erstmals im Inneren eingesetzt wird. Sämtliche Funktionäre der früheren „Liberalen“ werden durch sie eingesammelt und mittels der Costa Concordia nach Cuba verschifft.

Der FC Bayern wird im März zum Meister erklärt, da keiner mehr gegen ihn antreten will. Die Saison wird abgebrochen, die verbleibenden Spieltage werden für Deeskalationsseminare mit den Fans genutzt.

Am 1. April treten Ramsauer, Altmaier, Grube und Kretzschmann sowie Palmer gemeinsam in Schwäbisch Hall vor die kurzfristig eingeladene Weltpresse, sich an den Händen haltend. Während Grube erklärt, dass nach den jüngsten Berechnungen Stuttgart 21 am Ende sogar Geld übrig behielte, wenn man die Schadensersatzforderungen gegen die Demonstranten durchsetzen würde, lächelt Ramsauer stählern und gibt bekannt, das er die Lösung gefunden habe. Eigentlich seien es sogar zwei Lösungen: Der Bahnhof bleibt oben und in den Tunneln und Katakomben wird das dringend benötigte Endlager für Atommüll eingerichtet.

Altmaier nickt tapfer, Kretzschmann säuselt etwas von „fairem Kompromiss“ und Palmer sieht aus dem Fenster. Übrigens werde Herrn Dr. Kefer in beidseitigem Einvernehmen die Leitung der unterirdischen Anlagen (mit Präsenzpflicht) übertragen, schmunzelt Ramsauer noch vor den Schnittchen.

Der Flughafen BBI geht im Juli vorzeitig in Betrieb, allerdings nur für Segelflugzeuge. Eventuell wird in drei Jahren noch eine Nutzung als Frachtflughafen möglich sein. Die Politik zieht die lange erwarteten Konsequenzen: Die Sekretärin des Flughafenchefs sowie sein Pilot werden fristlos entlassen.

Im Sommer gibt es wieder sehr schöne Bilder von Angela in den Alpen zu sehen.

In Bayern wird im September nach einem erdrutschartigen Wahlsieg der Grünroten die nächste Räterepublik ausgerufen. Es kommt zur Konterrevolution, Garmisch-Partenkirchner Gebirgsjäger und Ammergauer Heckenschützen marschieren auf München, bleiben aber im Ferien-Rückreisestau stecken und werden zwischen den Toscana-Urlaubern aufgerieben.

Nachdem Seehofer zu den Grünen übergetreten ist, übernimmt er das neue Amt des Bairischen Generalpräsidenten, während Ude die Arbeit machen muss.

Nachdem man beim DFB einschätzt, dass sich an den Kräfteverhältnissen nichts geändert hat, verzichtet man auf die Austragung einer Fußball-Meisterschaft und ernennt den FC Bayern zum Meister. Begleitet wird dies durch eine gemeinsame Kampagne mit dem Familienministerium: „Samstags gehört Papi mir!“

Steinbrück wird mit klarer Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt, tritt die Stelle aber nicht an. Man konnte sich nicht über das Gehalt einigen, munkelt man. Merkel bleibt somit vorerst kommissarisch im Amt.

Kurze Zeit später verleiht ihr Gauck den Titel auf Lebenszeit, woraufhin sie ihn zum Kaiser ausruft.

Zu Ehren beider und um die sieche Wirtschaft anzukurbeln, verzichtet das deutsche Volk auf Vorschlag von Papa Benedetto auf Weihnachten und arbeitet durch. Unentgeltlich, versteht sich.

Sonst war eigentlich nichts Besonderes.

Der Krug hat sich zerbrochen

 Dienstag, 10. Januar 2012 um 23:45 

Eine öffentliche Probe ist eine feine Sache: Man lernt den Dramaturgen kennen, der Regisseur sitzt leibhaftig im Zuschauerraum und man sieht gewissermaßen in der Theaterküche beim Anrühren zu.

Die Parabel vom verzweifelt gegen die Aufdeckung seiner Sünden ankämpfenden Dorfrichter ist sicher hinlänglich bekannt und muss nicht nacherzählt werden. Einige Eindrücke zur (unfertigen) Inszenierung:

Die musikalische Einleitung ist klang- und stimmungsvoll, frohes Landleben. An deren Ende zerbricht ein Krug, Adam hinkt und stolpert davon. Er fiel? Nein, er fehlte. Das Spiel beginnt.

In die dörfliche Idylle aus Amtsmissbrauch und Korruption bricht unverhofft die fern geglaubte Obrigkeit in Person der Gerichtsrätin. Ja, -Rätin, heute ist die Moderne weiblich (hübsche Idee, hier die auch diesmal wunderbare Sonja Beißwenger als toughes Businessweibchen zu besetzen, deren Hochhackige schon visuell schmerzen). Das abrupte Ende des gemütlichen Lotterlebens ahnt der wendige Schreiber (jovial und heimtückisch Ahmad Mesghara) als erster, Adam ringt noch mit seiner Fassung und dem Kopfschmerz.

Der klägliche Versuch, im Ermittlungsverfahren in der Causa „Krug“ geordnete Verhältnisse vorzugaukeln, scheitert schon im Ansatz. Fortan ist Adam ein Getriebener, dem das Heft immer mehr entgleitet. Burghart Klaußner (rollen-, aber noch nicht ganz textsicher) gibt ihn so, dass man fast wünschen mag, es gelänge ihm, sich der Schlinge zu entziehen. Aber sein Fall ist nur eine Frage der Zeit.

Adam tänzelt (manchmal) und wütet (oft) in seinen Rückzugsgefechten, gibt sich selbst Durchhalteparolen aus, wähnt sich zwischendurch wegen eines vermeintlichen Nebenbuhlers des Mädchens Eve (Karina Plachetka zwischen verletzbar, trotzig und kämpferisch) gerettet und stolpert am Ende doch über seine Perücke und Tante Brigitte. Was dem einen seine BILD, ist dem anderen die Brigitte.

Am Ende kommt für Adam ein halbes Strafgesetzbuch zusammen, die Autorität des Staates schützt ihn nicht mehr, die Volksseele kocht und wird zornig. Der Schreiber probiert schonmal ob die Perücke passt.

Es könnte damit sein Bewenden haben, aber Kleist zieht den großen Bogen zur staatlichen Rekrutenaushebung noch zu Ende. Was dem kleinen Adam sein Druckmittel, ist der Gerichtsrätin ihr Staatsgeheimnis: Geht es nun dahin, wo der Pfeffer wächst? Oder doch nur zum „Stuben- und Revierreinigen“? Ehrlich gesagt, ich habe auch keine Ahnung.

Eve ringt in einer (szenisch nicht überzeugenden) Gewaltaktion der Rätin Walter die Versicherung ab, ihren Rupprecht (Waschtl Wendelin abwechselnd sehr naiv, sehr wütend und sehr fassungslos, also gut) nicht in Auslandseinsätze zu schicken, dann darf jene gehen, was sie jovial, aber eilig auch tut.

Am Ende fast schon zu idyllisch:

Des Mädchens Ehre ist wieder hergestellt, der Bräutigam geht stolz zum Ehrendienst mit Heimat-Garantie, der Schurke verschwand in der nächtlichen Winterwüste, die Obrigkeit ist unangefochten.

Für den Moment ist die Ordnung wieder hergestellt.

Aber den verwetteten Beutel Geld kann Frau Rätin sicher als Spesen absetzen, wenn es doch anders kommt, und der Ex-Schreiber und Neu-Dorfrichter hat sicher genug gelernt bei seinem Herrn.

Freuen wir uns deshalb auf „Der noch zerbrochenere Krug“. Oder so ähnlich.

 

Fazit:

Noch vier Tage Zeit bis zur Premiere, das wird sicher ein gutes Stück, auch wenn es nicht an den Don Carlos heranreicht (was aber auch verdammt schwer ist). Ich schau es mir auf jeden Fall noch mal an, wenn es sich „gesetzt“ hat.