Der Mörder ist immer der Fremde

„Wir sind keine Barbaren!“ von Philipp Löhle, Regie Barbara Bürk, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 13. September 2014


Barbara Bürk hat das Ganze zu einer runden Sache zusammengefügt, vor allem gelingt es ihr, die Kurve vom boulevardesken Start zu den sich am Ende im Fünf-Minuten-Takt ändernden Extremkonstellationen zu bekommen, ohne Verwirrung zu stiften. In seiner Überspitzung ist dies alles andere als ein leicht zu inszenierender Stoff, die Versuchung des schlichten Agitproptheaters ist latent vorhanden, doch zum Glück gibt Barbara Bürk ihr nicht nach.
Man nimmt mehr Fragen als Antworten mit nach Hause, und so soll es doch auch sein.

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Thälmannstraße 89/2: Sie entwickelt sich, die Geschichte.

Mittwoch, 10.09., Ein Skelett für den Minister

Alles wirkt diesmal ein wenig konstruiert, klischeehaft und im (formatgerechten) Schnelldurchlauf. Das fängt mit den Trabi-Klängen an, geht weiter in der Szene im Kirchenkeller, die anfangs wie ein FDJ-Lehrjahr anmutet, dann aber plitzplatz in eine heftige Auseinandersetzung über die Formen des Protestes mündet und in einem klassischen Stellvertreter-Konflikt in der Redaktion zwischen westlicher Revolutionsromantik und nicht verarbeiteten Wende-Komplexen Ost gipfelt.
Bisschen viel auf einmal, wobei die beiden Handlungsebenen auf jeden Fall eine gute Idee sind.

Markus, der Rivale von Jens, wird ins Geschehen eingeführt, er nimmt Johanna mit zu besagtem Treffen der Umweltgruppe und schert dann aber mit seiner kühnen Idee für eine Aktion aus der Gruppe aus. Welches Mädchen sich ihm anschließt, lässt sich anhand der Stimmen nicht klären, es wird wohl plot-gerecht Johanna sein.

Dass die Geschichte schon nach dem ersten Teil umfänglich anmoderiert und erklärt werden muss, weist auf das Problem der übergroßen Stofffülle für das verwendete Format hin. Aber vielleicht sind das nur die Anfangsschwierigkeiten.
Immerhin wird das Projekt im Netz umfangreich und lesenswert begleitet, da kann man einiges nachlesen.

Freitag, 12.09., Bei Stasis zu Hause

Diesmal ein Familienidyll made in GDR, die Familie Bentwisch versammelt sich vor dem Fernseher und lauscht dem montäglichen Karl-Eduard. Der Genosse Oberstleutnant des MfS hat auch am heimischen Herd die Hosen an, seine Gattin ist allenfalls als Echo zu hören. Aber als der Vater den Junior als Spitzel gegen die frisch bestallte neue Klassenlehrerin Frau Wagner gewinnen will, deren Offenheit im Unterricht ihm so gar nicht behagt, täuscht jener Mathe-Hausaufgaben vor und zieht sich zurück.
Dass Autor Bentwisch danach in der Rahmenhandlung einen Flashback erleidet und das Lied der Tschekisten anstimmt, erschließt sich nicht so ganz. Immerhin bietet Redakteur Dr. Helmstedt mitfühlend Wasser an und beweist damit soziale Kompetenz.

Erste Zwischenbilanz:

Im Schach würde man sagen, die Eröffnung ist vollzogen, nun geht es ins Mittelspiel. Die Figuren sind nun alle auf dem Feld, die Züge waren nicht sehr überraschend, aber immerhin hat man eine interessante Konstellation auf dem Brett.
Oder mal Klartext: Am besten gefällt mir immer noch die Idee der zwei Ebenen, Redaktion heute, reales Leben damals. Das bietet noch sehr viele Möglichkeiten (bis hin zur dramaturgischen Korrektur des Geschehens).
Die handelnden Personen entstammen klaren Typisierungen, angesichts der Kürze des Formats ist die Handlung zum Galopp gezwungen und wird damit oft arg schematisch. Mal sehen, ob es in der nächsten Woche mehr in die Tiefe geht. Aber hörenswert ist es bislang allemal.

Reif für die Inseln

„Schöne neue Welt“ nach dem Roman von Aldous Huxley (Theaterfassung von Robert Koall) am Staatsschauspiel Dresden, Regie Roger Vontobel, Uraufführung am 12. September 2014


Was war dies nun?

Die Uraufführung eines Stücks Weltliteratur am Theater – schon das ist Grund zur Freude.
Die stimmige Übertragung dieses Textes auf die Bühne – man kann dabei gern von großer Werktreue sprechen.
Ein sinnliches Ereignis? Teils. Die Musik trug sehr zur Atmosphäre bei, das Bühnenbild bot manchmal Überraschendes, die Kostüme hatten ihre eigene Sprache, aber es fehlte die große Linie dahinter.
Die Interpretation eines immerhin achtzig Jahre alten Stoffes unter Verarbeitung der Weltgeschichte seitdem? Nein. Das bleibt folgenden Produktionen vorbehalten.

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Thälmannstraße 89 – Balatonitis

Eine Radio-Soap (oder auch acoustic novel) in fünfzehn Teilen, fünf Wochen lang ab dem 8. September jeweils Mo / Mi / Fr, 8.40 Uhr und 17.40 Uhr, auch zum Nachhören auf
http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/thaelmannstrasse89/verteilseite3320.html

Ein vielversprechender Auftakt: Die Rahmenhandlung mit dem verantwortlichen und westgeborenen Redakteur Dr. Helmstedt (sic!) des „öffentlich-rechtlichen Qualitätsradios“ und dem für ein Wende-Hörspiel vorgesehenen Autor Jens Bentwisch (zur Wende gerade 18 und mittendrin in Leipzig) führt elegant ins Thema ein. Es soll eine authentische Geschichte von ´89 erzählt werden, dem skeptischen Autor wird beschieden: „Sehen Sie es als Chance!“

Dessen Erinnerungen versetzen ihn in ein Klassenzimmer der EOS „Nikolai Ostrowski“. Die neue Zwölfte beginnt das Schuljahr leicht dezimiert, vier Schüler und der Klassenlehrer fehlen, „Balatonitis“ vermutet man tuschelnd in der Klasse, als der Direktor Rothe auf eine krankheitsbedingte Abwesenheit verweist.
Damit wird allerdings auch ein Platz neben Johanna frei, den Jens – nach korrektem Lenin-Zitat – zart errötend einnehmen darf. So hat halt alles sein Gutes, die Angebetete rückt ihm zumindest physisch näher.

Ansonsten haben sie nicht viel gemeinsam, die Junge Gemeinde – Schwester und das Bonzensöhnchen, dessen Vater – wie später zu erfahren sein wird – als Oberstleutnant der Staatssicherheit einen sehr eigenen Blick auf die Geschehnisse hat. Doch wir sind ja noch ganz am Anfang der Geschichte.

Die Klasse diskutiert derweil – es ist nun mal grad dran im Lehrplan – Lenins Definition einer vorrevolutionären Situation (die einen können nicht mehr wie bisher und die anderen wollen nicht, man erinnert sich?), historisch natürlich, aktuelle Bezüge werden vom Lehrer wegdefiniert, es gibt schließlich keine Unterdrückung in der Deutschen Demokratischen.

Das Ganze weckt Interesse.
Figaro hat in diesem Segment schon einiges Hörenswerte produziert, und sich auf diese Weise mit dem allgegenwärtigen Thema „25 Jahre Wende“ zu beschäftigen, ist keine schlechte Idee.
Dass man auf der sendereigenen Web-Seite dann aber schon die Story im Groben nachlesen kann, dient zwar der Befriedigung der eigenen Neugier, nimmt dann aber doch einiges an Spannung. Dennoch, ich werde dranbleiben, auch weil ich „damals“ nur unwesentlich älter als die Protagonisten war. Da kann ich mitreden.

Kleingießhübel – Eine Reiseempfehlung

Am Ende der Lindenstraße beginnt die Wildnis, wo das Krümelmonster haust und Glückspilze massakriert werden. Die Wildnis nennt man auch Kleingießhübel, Stadt der Friseure mit der Spezialisierung auf Pechsträhnen. …

„Wildnis“, ein Landschaftstheater mit Bewohnern der Sächsischen Schweiz
Kooperation der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna, der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden und Theater ASPIK

http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/urauffuehrung_wildnis_staatsschauspieldresden.php

Den großen Spaß, dieses Spektakel anzuschauen, hat man leider nur noch am nächsten Wochenende: Am 13. und 14. September jeweils um 15 Uhr vor Ort in Reinhardtsdorf-Schöna, Sporthalle. Der Shuttle-Bus fährt jeweils 13.30 Uhr vom Staatsschauspiel Dresden.
Dies ist auf absehbare Zeit die letzte Gelegenheit, ein Landschaftstheater in dieser Gegend zu erleben. Es wird dringend zugeraten.

Fast das halbe Sachsen

Immerhin: Fast jeder zweite Mensch in Sachsen, der dazu berechtigt war, unterzog sich der Mühe, an einem August-Sonntag, dem letzten der Sommerferien, sich in eines der etwa 4.000 Wahllokale zu begeben und an der politischen Willensbildung teilzunehmen. Beziehungsweise tat er das schon früher per Briefwahl, eine Form, die immer beliebter zu werden scheint (in Dresden tat dies ein knappes Sechstel aller Wahlberechtigten).
Wenn man noch die ungültigen (Listen-) Stimmen herausrechnet, wurde der neue sächsische Landtag von gerade mal 48 Prozent der Bevölkerung gewählt.

Am Ende entschieden dabei wenige hundert Stimmen über das Unterschreiten der Fünf-Prozent-Hürde durch die NPD und auch über deren (finanzielles) Schicksal. Den Ärger über die zeitweilige Rettung der Strukturen der Neo-Nazis hat sich der Freistaat knapp erspart, und auch deren Kosten.

Die CDU möge das nicht feiern: Ihr ist es zu verdanken, dass der Wahltermin an das Ende der Ferien fiel. Still und geräuschlos sollten Wahl und Wahlkampf ablaufen, dafür nahm man auch eine historisch niedrige Wahlbeteiligung in Kauf, die tendenziell eher den kleinen Parteien nutzt.
Während ihr Lieblingskoalitionspartner jedoch auch diese Hilfestellung nicht nutzen konnte und die AfD sich letztlich in ganz anderen Regionen bewegte, hätten die Christdemokraten sich nun fast den Titel „Steigbügelhalter der NPD“ verdient, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Die FDP, deren Vorsitzender Zastrow sich am Wahlabend ratlos zeigte, was man noch mehr hätte unternehmen können, scheiterte letztlich deutlich, auch wenn man sich noch so deutlich vom Bund und „von Berlin“ abgrenzte, die Marketing-Maschine in den letzten Wochen auf Hochtouren lief und das FDP-geführte Wirtschafts- und Verkehrsministerium zuletzt die Förderbescheide öffentlichkeitswirksam im gefühlten Stundentakt ausreichte und noch jeden neu gebauten Papierkorb feierlich einweihte. Da wurde ein totes Pferd geritten, um in der Sprache der Werber zu bleiben.
Man darf gespannt sein, ob in den nächsten fünf Jahren ein Wiederaufbau gelingt und vor allem in welche Richtung er geht. Auch die kommunalpolitische Basis ist deutlich schmaler geworden, und die AfD steht sicher bereit, die Insolvenzmasse zu übernehmen.

Erfahrung mit Insolvenzen hat sie in Sachsen ja, auch wenn diese Anmerkung nicht ganz fair ist. Wer zehn Prozent holt, der muss schon ernst genommen werden, selbst wenn er inhaltlich kaum greifbar ist und eher vom diffusen Unbehagen des Wahlvolks lebt. Der zweite Einzug in ein Parlament nach dem der EU ist sehr ärgerlich, war aber zu befürchten, und er wird sicher auch nicht der letzte bleiben. Dennoch, in welche Dschungel man als Rechtspopulist geraten kann, lässt sich aktuell an Ronald Schill betrachten, die AfD wäre nicht die erste Shooting-Star-Partei, die sich im politischen Alltag schnell entzaubert.
Die Tatsache, dass die Sitze rechts der CDU seit heute verdoppelt haben, ist jedoch eindeutig die schlechteste Nachricht des Abends.

Überhaupt, die CDU: Die hat vor allem die Weisheit berücksichtigt, dass man, wenn man nichts mache, dann auch nichts Falsches täte, und ist mit dem Landesvati-Image von Herrn Tillich gut gefahren. Dennoch schmolzen auch deren Wählerstimmen, vor allem in absoluten Zahlen, langfristig weist der Trend stetig nach unten. Da wird man sich etwas einfallen lassen müssen in fünf Jahren, das über die Ball-Halten-Taktik hinausgeht.

Aber erstmal kann man sich den neuen Koalitionspartner aussuchen. Es dürfte in der CDU einige geben, die nicht die Natter Dulig am Regierungsbusen nähren wollen, der seiner SPD einen Zuwachs von über zwei Prozent bescherte, was in Sachsen immerhin ein Viertel des bisherigen Ergebnisses bedeutet. Man kommt dort aus einem tiefen Keller, aber es ist zu erwarten, dass ein Minister Dulig in fünf Jahren nochmal deutlich zulegen könnte.
Die Grünen hingegen sind in dieser Beziehung weniger gefährlich, aber inhaltlich deutlich sperriger. Nach einem Wahlergebnis, das man auch beim besten Willen nicht als Erfolg bezeichnen kann, vom Wiedereinzug ins Parlament vielleicht abgesehen, der auch nicht ganz sicher war, werden sie vsich wohl kaum der Zerreißprobe aussetzen wollen, die eine Koalition mit der in Sachsen besonders konservativen CDU bedeuten würde.
Aber nun wird erstmal verhandelt.

„Außen vor“, wie der Wessi sagt, bleibt dabei die Linke. Trotz eines stabilen Ergebnisses von knapp 20 Prozent fehlt ihr anders als in Thüringen dank der Schwäche der potentiellen Partner eine Machtoption. So stellte man sich schon kurz nach der Wahl weiter als DIE Opposition in Sachsen dar und richtet sich auch für die nächsten fünf Jahre in dieser Rolle ein, die zumindest keine unpopulären Entscheidungen erfordert.
Die Piraten bewegen sich inzwischen auf dem Niveau der Tierschutzpartei, ihre großen Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Freie Wähler können in Sachsen weiterhin nicht landen, und auch alle anderen Parteien spielen keine Rolle.

Wenn man – natürlich rein theoretisch – die AfD als eine Kreuzung aus FDP und NPD begreift, hat sich in Sachsen so gut wie nichts geändert an diesem Abend. Nur der Juniorpartner der CDU wird ein neuer werden.

Hiddenseeer Elegien gebündelt

Götter fallen vom Himmel

„Kleider machen Bräute – Ein Shakespeare von den Amazonen“, Buch und Regie Peter Förster, gesehen am 31. Juli 2014 im Bärenzwinger Dresden

Das ausdauerndste Sommertheater Dresdens (rekordverdächtig mit 42 Aufführungen in siebeneinhalb Wochen) hat auch in diesem Jahr ein neues Stück auf Lager, die bewährte Rezeptur lautet Vermischung von (mindestens) zwei Klassikern, gut verrührt mit reichlich Blödelei und einer Prise aktueller Bezüge. Der Impresario Peter Förster hat mit den Werken der letzten Jahre (herausragend für mich „Zar und Zimmermädchen“ aus 2011 und „Eine für Alle“ vom Vorjahr) die Latte sehr hoch gehängt, was diese besondere Art von Theater angeht. Aber jedes Mal Weltmeister werden ist schwierig, wie man an diesem Abend merkt.

Diesmal also ein Potpourri der griechischen Sagen, die Geschichte dreht sich im Wesentlichen um Zeugung und Heldentaten des Herkules. Mit etwas gutem Willen lässt sich auch Shakespeare mit dem „Sommernachtstraum“ als Pate ansehen, insofern geht der Untertitel des Stücks dann doch irgendwie in Ordnung, obwohl Förster bei seiner gewohnt launigen Einführung jedweden Bezug zum Inhalt verneint und stattdessen auf Marketing-Notwendigkeiten verweist. Die Geschichte von der Saalrunde, die beim Telefonklingeln fällig wäre und die bislang als Einziger der Meister selber zahlen musste, ist – wenn schon nicht wahr – dann zumindest sehr gut ausgedacht. Dass man zuvor die Karten am Einlass beim Direktor höchstselbst kaufen konnte, macht einen Teil des Charmes dieses Sommertheaters aus, und der (seit einigen Jahren überdachte) Innenhof des Bärenzwingers ist eine ideale Spielstätte für diesen Zweck.

Außer Tobias Wollschläger ist niemand mehr vom letzten Jahr dabei, was jenen seine Haupt- und Platzhirschrolle gebührend herausstreichen lässt zu Beginn. Doch die vier anderen können mithalten, Benjamin Elstner muss bei der Vorstellung einen albernen Witz über seine Herkunft („aus dör Nöhe von Ölsterwörda“) erdulden, den Damen Guylaine Hemmer, Christine Scheibe und Cathrein Unger bleibt solche Pein gottlob erspart. Alle liefern eine solide Leistung und werden (fast zu) oft mit Szenenapplaus des lachfreudigen Publikums im nahezu vollbesetzten Rund belohnt.

Nur das Stück selbst kommt irgendwie nicht in die Gänge. In Theben erscheint Zeus der Alkmene in Gestalt ihres vom Einsatz in Troja zurückerwarteten Gatten Amphitryon und zeugt bei dieser Gelegenheit Herakles, auch als Herkules bekannt. Hera (die in dieser Interpretation erst später von Zeus geehelicht wird) hat ihn zuvor in der Asservatenkammer des Olymp passend eingekleidet. Die Täuschung fliegt schnell auf, als der richtige Amphitryon heimkehrt und seine Hausschuhe begehrt, doch die normative Kraft des Faktischen wirkt auch hier, Sohnemann Herkie weiß nichts von seiner höheren Abstammung und hat Vati und Mutti lieb.
Dessen Geburt erfolgt anfangs unter dem Kommando einer mehr als resoluten Hebamme, die dann aber lieber hinwirft und Ernährungsberaterin wird, nicht ohne zuvor allen überbesorgten Müttern beiderlei Geschlechts noch ordentlich eins mitzugeben. Stellenweise ist das witzig, aber es fehlt an einer Story, die Szenen stehen nur nebeneinander.
Dass Zeus sich dann während der Werbung um Hera dem Publikum gegenüber als „Meister der Flitterwochen“ bekennt, der den Brautstrauß bei der Hochzeit immer selber fängt und mit dem „Danach“ nichts mehr zu tun haben möchte, zählt zu den hübschesten Momenten im Stück. Nur Hera ahnt davon noch nichts und wiegt sich in den Illusionen einer Götterbraut.
Bis zur Pause finden noch einige preiswerte Witzchen ihr dankbares Publikum.

Danach geht es mit Mitmachtheater weiter, die (korrekt zitierten) zwölf Aufgaben des Herkules, die die verschnupfte Hera dem Zeus’schen Balg stellt, sollen und wollen mit „Ah“, „Oh“ und „Hmm“ gewürdigt werden. Das funktioniert hervorragend.
Im Gegensatz zur klassischen Vorlage darf der Held die Reihenfolge frei wählen, und nachdem – wir springen dramaturgisch ein wenig – elf bewältigt wurden, bleibt als letzte die Beibringung des Gürtels der Amazonenkönigin übrig.
Ein feudales Frauenbild (Zeus) trifft auf gender mainstreaming (Herkules), die Schauspielerinnen haben dann Gelegenheit zum Kostümwechsel und zu einem fulminanten Chorauftritt von aggro bis spirituell. Die eigentlich dem Paris zukommende Fangfrage nach der Schönsten von den Dreien wird hier Herkules gestellt, als Schnäppchen gibt es dazu wahlweise die Weltherrschaft, die Weisheit oder die Liebe zu gewinnen. Herkules versucht sich in Pluralismus und erfindet die Schwarmschönheit („Ihr Drei seid die Schönste“). Gute Idee, aber leider nicht praxistauglich. Oder die Welt ist noch nicht bereit, wie Tocotronic schon vor Jahrzehnten treffend feststellten.

Zeus hängt inzwischen in der automatisierten Warteschleife des Orakels von Delphi („Ich habe Sie leider nicht verstanden“), für mich die beste Szene des Stücks.
Irgendwie fügt sich alles aber doch, Herkules kehrt mit dem Gürtel heim, in welchen sich noch die in Liebe zu ihm entbrannte Amazonenkönigin Hyppolyte befindet. Beim großen Finale werden die Familienverhältnisse geklärt, Herkules wird zum Halbgott befördert, lehnt dies aber aus moralischen Gründen ab und bekennt sich zum Stiefpapa Amphitryon. Zeus, Gott und Mistkerl in Personalunion, hat jetzt einen schweren Stand, und während Hyppolyte und Herkules sich zum Happy-End finden und Hera und Athene einfach so weitermachen, droht er vom Himmel zu stürzen.
Aber so heiß wird das sicher nicht gegessen, und mit einem versöhnlichen Goethe-Vers zum Thema endet das Spektakel.

Sehr heftiger Beifall einschließlich des gefürchteten Im-Takt-Klatschens erschallt. Der Begeisterung kann ich mich jedoch nur bedingt anschließen. Sicher, der Abend ist stellenweise unterhaltsam, die schauspielerischen Leistungen sind sehenswert, aber es gab dann doch auch große Längen, ein Handlungsfaden war kaum erkennbar.
Doch man kann sich gern selbst ein Bild machen: Noch bis zum 7. September täglich außer Montag, immer 20 Uhr im Bärenzwinger unterhalb der Brühlschen Terrasse.

Routiniert die Leistung abgerufen

Billy Idol am 3. Juli 2014 in der „Jungen Garde“ Dresden

Der Große Garten ist größer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Durch den muss ich durch, wenn ich zu Billy Idol will. Doch irgendwie scheint er gewachsen zu sein.
Sich mit den Ohren zu orientieren, klappt auch nicht, eine falsche Fährte lockt: Unweit des Palais tobt auch ein ordentlich lautes Konzert, der Nachwuchs macht Punk-Rock. Nee, hier bin ich falsch, ich will zum Altmeister.

Irgendwie finde ich die Garde dann doch, auch wenn von da aus keine Vorband den Weg weist. Noch durch die Gasse der Bratwurstbierbuden gequält, die auch das Außengelände bespielen, dann stehe ich vor dem gewohnt muskelbepackt gesicherten Eingang. Kurz überlege ich, meine immerhin 55 Euro teure Karte doch noch zu verticken (es handelt sich hierbei um einen Spontankauf, einem nostalgischen Gefühl geschuldet, aber dank einschlägiger Erfahrungen bin ich inzwischen skeptisch geworden, was die alten Heroen angeht). Doch hier sieht niemand so aus, als ob er eine Karte haben wolle. Na gut, dann also rein ins erhoffte Vergnügen.

Das Publikum im oberen Bereich unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum vom Dixieland, auch das Fressbuden-Ambiente erinnert daran. Beim Bier kann man hier wie schon seit Jahren üblich nur zwischen Radeberger und Schöfferhofer wählen, was ich für einen entscheidenden Standortnachteil der ansonsten recht idyllischen Spielstätte halte. Zum Aufwärmen gibt es u.a. die Sisters Of Mercy vom Band, ebenjene, die neulich so grandios im Schlachthof enttäuschten, siehe oben. Ein schlechtes Omen? Mal sehen.

20.30 Uhr, ohne viel Federlesen fängt die Kapelle an, der Meister kommt standesgemäß als letzter und hat erstmal die große Vorbühne ganz für sich allein. Den Platz braucht er aber auch. Hinter ihm agiert ein Brett von vier Gitarrenmännern, welches jedoch alsbald aus der zweiten Reihe geschlossen nach vorne rückt, ein schönes Bild.
„Dancing with myself“ gleich als drittes Stück, spätestens ab da hat Idol den fast vollen Laden im Griff, was beim folgenden Gitarrenriff zum Einstieg in „Fresh For Fantasy“ auch gleich nachdrücklich bewiesen wird. Billy legt den Mantel ab und trägt nun die bekannte offene Weste über dem austrainierten Oberkörper. Auch er ist also noch recht fresh.

Dennoch scheint es tatsächlich selbst auf der Bühne ein bisschen frisch zu sein, zum nächsten Titel kleiden ihn wieder Hemd und Jacke. Dieser ist etwas ruhiger angelegt, was prompt die Schlangen vor den Bierbuden anschwellen lässt.
Die Anzahl der für ein Rockkonzert geeigneten Bühnengesten ist überschaubar (wir sind ja nicht beim Ausdruckstanz). Billy Idol beherrscht sie zwar alle perfekt, ist dann aber doch bald durch durchs Repertoire. Egal, dann wird die Reihenfolge halt neu gemischt.
Doch, das hat schon was, und jünger werden wir alle nicht. Was Idol (immerhin Jahrgang 1955) hier zeigt, kann als starke Leistung gelten.

Seine Sprechstimme übrigens ist auch sehr einprägsam, das merkt man, als er vor seinem Konzertgitarrensolo zu „Sweet 16“ eine kurze Geschichte erzählt. Die Version kommt dann sehr spanisch daher, was ihr unbedingt gut tut.
Idol zieht sich fast öfter um als Madonna, das nächste Mal für „Eyes Without A Face“, die Show läuft jetzt auch lichttechnisch auf Hochtouren. Selbst bei den nicht zum Allgemeingut gehörenden Stücken sackt die Stimmung nur wenig durch, die da vorn verstehen ihr Handwerk.
Und der erste Gitarrist (wie man in der Klassik sagen würde) Steve Stevens überzeugt dann noch mit einem fingerfertigen Solo, irgendwo zwischen Flamenco, Classic Rock und Bach. Ja, Bach, zumindest glaubte ich den zu hören zwischendurch.

Der Rest der Band hat sich gut erholt derweil und zieht – mit einem frisch umgekleideten Idol – das Tempo wieder an. Die Gitarren kommen jetzt auch mal über die Außenlinie, großer Sport ist das. Idol lässt dann so etwas wie Pappteller ins Publikum fliegen, vielleicht waren die beim Catering übrig.
Der gefühlte Druck von der Bühne lässt zwischenzeitlich etwas nach, aber das Publikum bleibt dankbar und begeistert. Die Spielanteile der Leadgitarre wachsen, Idol kommt jetzt eher aus dem Mittelfeld. Doch dann spendet er zu „Rebel Yell“ sein T-Shirt für die erste Reihe, da wird wieder klar, wer der Chef auf dem Platz ist.
Sänger und Publikum versichern sich gegenseitig, dass sich all right fühlen, das scheint auch plausibel, selbst wenn die Midnight Hour noch lange nicht erreicht ist.
Trotzdem soll es das dann aber schon gewesen sein nach dem Spielplan, immerhin, neunzig Minuten plus Nachspielzeit sind vorbei.

Auch wenn es über den Sieger keinen Zweifel gibt, geht es wunschgemäß in eine Verlängerung, welche mit einer schönen unplugged-Variante von „White Wedding“ eingeleitet wird. Start again brüllt das Stadion, und Idol lässt sich nicht lumpen. Er nimmt gar ein Bad in der Menge, nach dem der Torhüter resp. Schlagzeuger mit einem kurzen Solo auch noch was Eigenes zu tun bekommt.
Dass die Verlängerung, auch Zugabe genannt, nur fünfzehn Minuten währt, sei verziehen, selbst wenn sie auch noch die Verlesung der Mannschaftsaufstellung beinhaltet. So erfahre ich immerhin, dass auch ein Keyboarder dabei war, was während des Spiels ein wenig unterging.

Recht plötzlich ist dann Schluss, die Bühne wird hell erleuchtet, die Roadies bauen ab, keine Diskussion, der Schiedsrichter hat gepfiffen. Die Menge trollt sich ohne großes Gemurre, für viele ist der Heimweg sicher noch weit.
Meiner führt wieder durch den Großen Garten, der jetzt nicht nur wirklich groß, sondern auch sehr dunkel ist. Wider besseres Wissen vertraue ich meinem Orientierungssinn und komme tatsächlich ohne größere Haken am anderen Ende an, wo die 13 wartet.
Insgesamt ein guter Abend, auch wenn seit der CD „Devil’s Playground“ aus dem Jahre 2005 nichts Neues mehr von Billy Idol zu hören war. Doch das in fünfundzwanzig Jahren angehäufte Repertoire reicht locker für ein mitreißendes Konzert, und gut in Form ist er auch noch. Das Häkchen auf der „Noch-sehen-wollen-Liste“ mach ich ohne Reue.

„Und wer entschuldigt sich dafür?“

„Ein Exempel, Mutmaßungen über die sächsische Demokratie“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Regie: Jan Gehler, gesehen am 27. Juni 2014 im Staatsschauspiel Dresden

Die Frage nach der Verantwortlichkeit, die der Hauptakteur A. am Ende, nachdem er seinen Prozess dann doch irgendwie erfolgreich überstanden hat, den Mitspielern stellt, vermag niemand zu beantworten. Freundin und Kind weg, Job verloren, seelisch zerrüttet, aber …. So richtig daran schuld ist keiner. Alle haben nur ihre Pflicht getan, im Durchschnitt, die einen mehr, die anderen weniger.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz rekonstruieren anhand eines fiktiven Falls die Geschehnisse des Februar 2011 in Dresden, als anlässlich des alljährlichen Naziaufmarsches die Gewalt auf allen Seiten eskalierte, und deren rechtliche Aufarbeitung.

Hübner und Nemitz gebührt in vielerlei Hinsicht Dank. Nicht nur, dass sie ein sehr aktuelles politisches Thema aufgreifen, es gelingt ihnen auch, die Komplexität des Stoffes zu reduzieren und dennoch nicht zu sehr zu vereinfachen, von wenigen verzichtbaren Klamauk-Elementen abgesehen. Man sieht keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern eine sehr genaue Beschreibung einer Situation, in die (fast) jeder geraten kann. Das Stück liefert keine vorgefertigten Antworten, aber es stellt die richtigen Fragen.

Der komplette Text auf Kultura-Extra:
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