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Unsre Welt soll Schöna werden! Ein Fall für alle.
Unsre Welt soll Schöna werden! Ein Fall für alle.
„Der Fall aus dem All“, ein Landschaftstheater von Uli Jäckle, Koproduktion mit dem Theater ASPIK, gesehen am 5. Mai 2013 nicht direkt am Staatsschauspiel Dresden
Eine Landpartie. Das Staatsschauspiel hat geladen und will uns die bis dato hier unbekannte Form „Landschaftstheater“ nahe bringen. Das funktioniert in etwa so, dass eine relativ große Darstellerschar diverse Örtlichkeiten an der frischen Luft bespielt und das Publikum dem Stück folgt, also hinterherwandert.
Bei Hildesheim soll das seit Jahren gut funktionieren, und was läge näher, als das Konzept mit der hiesigen Bürgerbühne zu verknüpfen?
Es ist eine Saison der Großtaten, also geht man mit dem Stück natürlich auch dahin, wo es weh tut: Reinhardtsdorf-Schöna, die idyllisch gelegene Gemeinde in der Sächsischen Schweiz, rangierte bei den letzten Landtagswahlen in der Spitzengruppe, was die NPD-Prozente anbelangt. „Sie zu lehren, sie zu bekehren?“ … Vielleicht. Auf jeden Fall geht man den schweren Weg, exportiert nicht einfach den Dresdner Bürgerbühnenstamm in die Provinz, sondern arbeitet mit den „Menschen im Lande“, wie es jetzt wieder öfter heißen wird. Bald sind ja Wahlen.
Und dieses Experiment – soviel sei vorab verraten – ist geglückt, die Idee funktioniert auch hier. Man kann „normale“ Menschen zum Spielen bringen, und man erntet dabei erstaunliche Ergebnisse.
Vor dem Beginn gibt es – für den, der wollte und für kleines Geld – eine Busfahrt durch die sonnendurchflutete Heimat Richtung Süden. Schließlich werden die Straßen schmaler, die Berge höher, die Dörfer pittoresker: Man ist angekommen. Ein Kuchenbasar allererster Güte, auch der Kaffee schmeckt großartig. So kann es weitergehen.
Auch der Parkplatz füllt sich langsam mit Individualanreisern, und die Dorfbevölkerung ist heute „für umsonst“ eingeladen und erscheint zahlreich.
Der Einlass ist gleichzeitig die Campingsitz-Ausgabe. Dieser ist fortan bei sich zu führen und bei Darstellungen unter den Hintern zu klemmen. Wir, etwa dreihundert Zuschauer, scharen uns um eine Polizeiblockhütte. Es kann losgehen.
(Ein technischer Hinweis: Die Ausstattung der charmanten Einweiserin mit einem Megaphon würde zum einen ihre Stimme schonen – die wird nämlich auch anderswo gebraucht – und trüge zum anderen zur Verständlichkeit bei.)
Die über sechzig Darsteller zerfallen grob in vier Gruppen:
Da wäre – wer hätte es gedacht – zunächst die Bevölkerung mit Bürgermeister. Dann ein Aquarellkurs, der aus lauter Kripo-Beamten besteht und in dem Kommissarin Ines aus Konstanz eine gewisse Rolle spielen wird (hübsche Analogie zur Soko INES übrigens). Es folgen die Nummern vom MFEA – Ministerium für außerterrestische Angelegenheiten – mit ihrem fanatischen Chef und schließlich, sonst würde die dritte Gruppe ja keinen Sinn haben, die Außerirdischen vom Planeten Zirka mit König, Königin und Kanzler Völker.
Zwischen diesen versuchen sich zwei Polizisten, Napoleon Bonaparte, eine kinderreiche Uschi, ein Ösi als frischer Gatte derselben und Herr C.D.F. zu behaupten.
Klingt komisch? Ist auch so. Manchmal auch saukomisch.
Es liegt mir fern, die Handlung komplett nachzuerzählen. Die muss sich schon jeder selbst angucken. Es geht unter anderen um Tourismusförderung, verirrte Campingurlauber (Sizilien liegt an der Elbe, ist doch klar), die Jagd auf Außerirdische mit großem Gerät, die Landung dieser mit noch größerem, ein verschwundenes Bild mit großer Bedeutung, unklare Verwandtschaftsverhältnisse, den fremdgesteuerten Polizisten und Chrysanthemen-Freund Günther, eine Zeitreise nach 1813, den Einzug der Franzosen, der CDF beim Malen stört, die Pressgeburt einer Rettungskapsel, interterrestrische Liebe, interbehördliche Liebe, interfamiliäre Liebe, darum, dass ein Bus kommen wird, um Wahlen und Machtmissbrauch und schließlich darum, wer übrig bleibt.
Einiges herausgepickt:
Die Nummern (ja, Nummern, die haben halt nur Nummern) vom MFEA verhaften zunächst Landgeräte und begreifen diese als Bedrohnung, derweil die Außerirdischen die Erde analysieren. Schließlich wollen die wissen, warum die Erdinger (Vorsicht, Schleichwerbung!) immer gewinnen beim universumsweiten Dorfschönheitscontest. Dass man Gras nicht nur essen kann, wird ihnen schon noch jemand sagen.
Köstlich die Ankunft des frischen Paares mit den drei Beutekindern. „Sag Papa zu mir!“, alles hat seinen Preis. Am Ende bleibt Kevin allein am Wohnwagen, wir befürchten das Schlimmste, er geht dann aber Pilze suchen.
Es folgt ein größerer Transfer. Hier fühlt sich der Verkehrs-Ing. berufen, auf Optimierungsbedarf hinzuweisen. Die Veranstaltung eines Auto-Corso ist sicher nicht das Gelbe vom Ei, zumal die Gäste, die weder mit Bus noch Auto anreisten, ein bisschen dumm rumstehen und auf einen Bus und die privaten Autos verteilt werden müssen. Ich bin mir sicher, dass am Wochenende irgendwo zwei oder drei Schlenkies (vulgo Gelenkbusse) aufzutreiben wären, die das Publikum gebündelt befördern könnten. Ja, das kostet extra. Aber vielleicht fühlt sich ja ein Sponsor berufen?
Schön aber, dass auch die Fahrt (wie auch die innerdörflichen Wanderungen) bespielt wird: Man sieht am Straßenrande heitere Szenen des Dorf- und exterrestrischen Lebens.
Zurück zur Kunst. In Schöna angekommen (vorher waren wir in Reinhardtsdorf), absolvieren wir eine Zeitreise, 200 Jahre zurück. Dann effektvolle Auftritte von CDF und dem Kaiser Bonaparte nebst Gefolge, darunter drei Pferde. Auch der Ösi erscheint bzw. brettert wie eine wilde Sau in einem alten Ford den Berg runter. Den Fahrstil hat er sich sicher bei den Einheimischen abgeschaut. Schließlich rollt noch ein Außerirdischer heran und gebiert eine Gestalt, die später noch eine Rolle spielen wird. Wildes Getümmel, dann Flucht und Verfolgung. Auch die Zuschauer folgen.
Die für meinen Geschmack großartigste Szene spielt sich in einem schmalen Vorgarten ab. Der Chef des MFEA (Michael Wenzlaff nicht nur mit großartiger Stimme) ist als Bilderdieb verhaftet worden, bezirzt jedoch die Kommissarin Ines (Luzia Schelling sehr ausdrucksstark) mit venezianischem Gesang. Diese wird schwach und schmachtet auch körperlich am Gartenzaun, ehe es zum erlösenden Kuss kommt. Hach.
Und es wird sich gleich weiter verliebt: Kanzler Völker von weit draußen ist schwer beeindruckt vom Töchterlein Jennifer des Ösis bzw. des Bürgermeisters, was man durchaus nachvollziehen kann. Die versuchte Emotionskorrektur scheitert, und er quittiert den Dienst und widmet sich fortan dem Familienleben, mit schönen Erfolgen. Toll.
Dann ist Pause. Und hier ein dritter technischer Einwurf: Ja, es gibt was zu essen und zu trinken, zu angenehmen Preisen. Aber das Angebot ist von dörflicher Schlichtheit. Es soll ja Leute geben, die Bratwurst weder essen noch mögen, und Apfelschorle und Wasser allein ist im alkoholfreien Bereich auch suboptimal. Ich tät mir künftig ein Bier „ohne“ wünschen, und etwas, das auch den Vegetarier nicht hungern lässt. Für mich persönlich ist das nicht schlimm, ich habe mir für solche Gelegenheiten in Hüfthöhe einen namhaften Vorrat angelegt, aber meine feingliedrige Begleitung nagt mächtig am Hungertuch.
Zum Glück kann ich sie durch die folgende Handlung ablenken. An der Bushaltestelle wartet eine Delegation von Dorfbewohnern auf Godot bzw. auf den Aquarellkurs. Ein Bus wird kommen … Es erscheint auch einer, aber ohne Insassen, und ersetzt den bekannten Bühnennebel durch Dieselruß. Dann kommt aber doch der richtige Bus.
Es wird nun etwas unübersichtlich, Frau Uschi (kapriziös-überdreht Veronika Steinböck) wird erst von dreien, dann von keinem mehr begehrt. Auch CDF (Oliver Dressel) hat sich am Wettbewerb beteiligt und mit seinen schön gedrechselten Kalendersprüchen kurzzeitig die Gunst der Dame gewonnen. Aber der Wind dreht sich dann noch ein paar Mal.
Irgendwie ist gegen Schluss die Mühsal erkennbar, die vielen Handlungsfäden wieder aufzusammeln und zu einem halbwegs plausiblen Ende zu verknoten.
Aber erst ein herzzerreißendes Duett von Uschi und Ösi (Arnd Heuwinkel mit tollen Szenen) über das Ende ihrer Beziehung. „I will survive“ heißt auf österreichisch „Geh doch in Oarsch“, toll unterstützt durch die Chöre auf den LKW-Anhängern.
Nun sind Wahlen. Bürgermeisterwahlen. Es gibt 3 (drei!) Kandidaten. Napoleon (Florian Brandhorst), den König der Aussies und einen Schwarzenegger-Verschnitt namens Chef. Geboten werden eine schicke Uniform und die Aussicht auf den Heldentod, die Lösung des Turnhallenbelegungsproblems (völlig unmöglich) sowie Ordnung, Sicherheit und AllesindieLuftsprengen.
Der alte Bürgermeister ist amtsmüde und kandidiert nicht mehr. Sein Aquarellkurs für lau kam auch nicht so gut an bei der Bevölkerung.
Diese ist jedoch nicht begeistert vom Angebot und macht vom Recht der Wahlverweigerung Gebrauch (Achtung! Falsche Botschaft!). Damit macht sie allerdings den Weg frei für den Ösi, der mit seiner Stimme den Chef zum Chef macht (Korrektur! Doch richtige Botschaft!). Und alles fällt in Scherben …
Die Umkehrung des geröchelten „Ich bin dein Vater“ ist übrigens „Du bist nicht meine Tochter“. Wir erleben beide Varianten.
Man sieht am Chef – der jetzt auch einen Namen hat, Luke natürlich – was eine schwere Kindheit anrichten kann. Er war jenes Geschöpf, das der Rettungskapsel entfiel, und musste sich selber aufziehen. Nun ist aber sein Vater wiedergekehrt und bewohnt derzeit den Polizisten Günther.
Trotz dieser erfolgreichen Familienzusammenführung kommt es zum Showdown wie im Lied vom Tod. Beide werden downgeschossen. Aber Günther überlebt seinen Tod, oder besser den seiner Innerei. Alles andere wär auch ungerecht gewesen, Philipp Lux in seiner dankbaren Doppelrolle hat das Publikum fest im Griff und kann hier sein komödiantisches Talent voll zur Geltung bringen (aber wir wissen, er kann auch anders).
Nr. 11, das Töchterchen des Chefs, schwört am Leichnam des Gemeuchelten Rache. Die Stimme dazu hat sie schon, da wächst ein Talent heran.
Handlungsmäßig wars das, aber noch ein paar Schritte zum erneuten Zirkelsteinblick sind nötig fürs Finale. Die Geburt von zahlreichen Mischlingen Erde / Zirka wird verkündet. Alles jubelt und hebt zum Gesang an: „Fremde aus dem All“ nach einer ähnlichen Vorlage. Das ist schön anzusehen, aber leider kaum zu verstehn. Zu viel Platz auf der Wiese.
Dann wird noch „Major Tom“ zu Gehör gebracht, ein Gefühl wie schweben haben sie, das kann ich gut verstehn.
Dann ist Schluss. Heftiger Beifall, viele Vorhänge, wenn man das so nennen will. Das Publikum ist begeistert, völlig zu Recht.
Beim Motorradclub gibt’s noch Bier, aber der Bus nach Dresden fährt bald. Noch eine knappe Stunde Zeit zum Nachsinnen auf der Rückfahrt, neben Sonnenuntergang gucken.
Ein schönes Stück, ein tolles Spektakel, ein Theater mitten im Dorf, die Kulisse spielt mit. Man kann gar nicht hoch genug schätzen, was den Machern da gelungen ist, ich zumindest hätte das nie für möglich gehalten und kam mit nur vorsichtigem Optimismus. Mea culpa.
Irgendwie scheint die Bürgerbühnen-Mannschaft direkt von König Midas abzustammen, ohne die Nebenwirkungen.
Noch ein ein paar praktische Hinweise:
Es ist unbedingt – nicht nur aus modischen Gründen – zum Hut zu raten. Ein eleganter Sonnenschirm tuts auch. Und falls die Sonne so weiter scheint – was wir alle hoffen – sollte man seine vornehm-großstädtisch blasse Haut nicht vier Stunden lang ungeschützt der UV-Strahlung aussetzen. So lang dauert das Spektakel, obwohl das nicht zu merken ist.
Die Anreise mit dem Bus ab Schauspielhaus empfiehlt sich sehr, falls man nicht im Spielgebiet wohnt. Erst dann wird das Erlebnis richtig rund (nur so eine Idee: Vielleicht könnte man ja im Bus auch „irgendwas“ veranstalten?).
Wer nicht mit Bier, Wasser und Bratwurst zu befriedigen ist, sollte sich vorsichtshalber seinen Kram mitbringen, auf mich hört ja gewöhnlich keiner. Aber der Kuchen vor dem Stück ist ein Muss!
Am meisten Spaß macht der Ausflug sicher in einer Gruppe. Man kann z.B. auch morgens mit der S-Bahn nach Schöna fahren, den Zirkelstein erklimmen, im Dorfgasthof rustikal zu Mittag speisen, Theater genießen und dann locker wieder zur S-Bahn absteigen. Wäre doch ein schöner Tag, oder?
Zu guter Letzt (das hab ich noch nie gemacht, aber in diesem Falle ist es mir ein Bedürfnis) alle verbleibenden Spieltermine:
11. und 12. Mai, 25. und 26. Mai, 29. und 30. Juno sowie 6. und 7. Julei.
Beginn ist jeweils 15 Uhr, der Bus fährt um 13.15 Uhr ab Schauspielhaus.
Und das Wetter muss einfach schön werden, alles andere wäre ungerecht.
Von der systemstabilisierenden Wirkung der Ungeheuer
„Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, Regie Wolfgang Engel, Dramaturgie Robert Koall, gesehen zur öffentlichen Hauptprobe Zwei am Staatsschauspiel Dresden, 9. April 2013
Die besten Regieeinfälle hat dann doch das Leben.
Ein freundlicher älterer Herr sitzt zu Beginn rechts der Bühne und erklärt, wegen der dicken Mandeln des Benjamin P. müsse er nun dessen Rolle lesen. Er heiße übrigens Wolfgang Engel.
Und wie das dann geschieht! Ein Fest, ein Festspiel, ein Wolfgangengelfestspiel! Mit welcher Grandezza da auch die unvermeidlichen Pannen überspielt werden! Fast wird die richtige Inszenierung Nebensache. Als er am Ende verhaftet und von der Bühne geführt wird, ruft Holger Hübner völlig zu Recht: „Das ist doch der Regisseur!“ Diesen Abgang hat er wahrlich nicht verdient.
Ohne Benjamin Pauquet zu nahe zu treten, aber das nochmal zu sehn, wär schon witzig.
Über ein Stück vor der Premiere zu schreiben gehört sich nicht, es grenzt an Hochverrat. Das ist wie Weihnachtsgeschenke vorher zeigen.
Ich beschränke mich also fortan auf die Handlung und einige geheimnisvoll-bedeutungsschwere Andeutungen.
Die erste davon: Mein nächster Kater heißt Clauß.
Man hat es mit einer Stadt zu tun, die seit 400 Jahren von einem Drachen beherrscht wird. Der frisst das halbe Bruttosozialprodukt und einmal jährlich ein Jungfrau seiner Wahl. Aber beides ist eingeplant, man hat sich arrangiert. Stabilität ist wichtig, und Ruhe, und Ordnung. Wer sollte daran etwas ändern wollen?
Da kommt zufällig ein Drachentöter des Wegs, erblickt das für den Drachen vorgesehene schöne Fräulein und – wie es märchengerecht heißen muss – entbrennt in heißer Liebe zu ihr. Jene ist allerdings schicksalsergeben und sich der hohen Ehre des Drachenfutters bewusst. Auch ihr Vater Charlesmagne sieht in diesem Akt seinen Sinn und will höchstens mit seinem eigenen Abgang protestieren.
Die vom Helden angebotene Dienstleistung „1 x pauschal Drachen töten“ will aber keiner haben, vor allem der Bürgermeister rät ab. Dessen Sohn Heinrich sollte zwar ursprünglich das Fräulein Elsa ehelichen, wurde aber mit einem schönen Posten beim Drachen abgefunden. Also alles in Ordnung. Was soll die Aufregung?
Auftritt Drache, in Menschengestalt, wegen der Augenhöhe. Die gängigen Einschüchterungsrituale verfangen beim Helden Lancelot nicht, jener fordert gar den Drachen heraus. Fauch!!! Das hat sich das letzte Mal vor 200 Jahren jemand getraut! Und verloren!
Werden Drachen älter? Jenem ist nicht ganz wohl in seiner Schuppenhaut.
Aber das Volk steht zu ihm. Verkrüppelte Seelen, gebeugte Häupter, man will ja gar nicht gerettet werden. Die Wahrheit sagt man nicht mal sich selbst.
Lancelot wird deshalb mit Küchengeschirr ausgerüstet für den Kampf, der Speer ist auch grad zur Reparatur. Aber das hat man amtlich beglaubigt, der Held soll das Papier mit sich führen und auf Verlangen vorweisen.
Der Drache arbeitet trotzdem an Plan B: Die Jungfrau soll Lancelot erdolchen, zum Dank soll eine andere dran glauben.
Wunder gibt es immer wie-hieder. Elsa ist vom Helden angetan, der Dolch fliegt in die Kulisse. Und dazu gibt es auch noch Wunderwaffen für Lancelot aus dem Untergrund. Dann kann es ja losgehn. Was wir kurz vor der Pause zu sehen bekommen, muss hier leider noch ein Geheimnis bleiben.
Der Kampf. Geschildert mit offiziellen Kommuniqués der städtischen Selbstverwaltung von Drachens Gnaden (W. Engel in Hochform). Drei Köpfe hat jener (der Drache, nicht Engel). Als der erste zu Boden plumpst, wird plausibel begründet, warum das militärstrategisch viel viel besser ist. Beim Fall des zweiten spricht man von einer Frontverkürzung. Nur beim dritten hat der Sender technische Probleme. Wir unterbrechen kurz die Übertragung, Musik bitte.
Eine Wende ist eingetreten.
An der Spitze der Bewegung: Der Bürgermeister. Endlich kann er mal so, wie er schon immer wollte. Das böse Untier ist tot. Aber die Stadt darf nicht in Anarchie versinken. Ruhe und Ordnung sind nun erste Bürgerpflicht.
Schwer verwundet schleppt sich Lancelot vom Schlachtfeld.
Ein Jahr später. Der Bürgermeister ist nun Präsident, sein Sohn hat einen neuen schönen Posten: Der Bürgermeisterstuhl wurde ja grade frei.
Das Volk hat sich gefügt, was sollen sie auch tun? Gar nichts können sie tun. Die Privilegien gehen nahtlos über, die Stafette des Machtmissbrauchs wird weitergegeben. Ist der Drache vielleicht gar nicht tot?
Gebt dem Präsidenten, was des Präsidenten ist. Im Konkreten zunächst einmal Elsa und dann jährlich eine Jungfrau. Kontinuität ist wichtig in der Politik. Morgen soll die Hochzeit sein.
Elsa hat Lancelot aufgegeben, er ist sicher tot. Ihr Vater widersetzt sich dem Embedding, aber mehr bleibt ihm auch nicht. Immerhin, ein Auftritt wie der Hofmusiker Miller, halten zu Gnaden.
Dann doch Auftritt Lancelot, sichtlich gezeichnet. Dennoch läuft das Volk über. Der böse Präsident und sein noch viel böserer Sohn hauen sich gegenseitig in die Pfanne und werden in Gewahrsam genommen. Happy end.
Und nun? Deswegen wird nach’m Happy end im Film gewöhnlich abgeblend’t. Die Bürger können mit der neuen Freiheit wenig anfangen, Chaos bricht aus. Ein Retter muss her, ein Lenker, ein … Führer? Lancelot lässt sich nur ein bisschen betteln. Es gibt einen neuen Bräutigam, das Fest kann beginnen.
Nur Elsa schwant was. Irgendwo hinten tanzt der Drache schon wieder mit.
Kein Wort zur Inszenierung, wie versprochen. Lassen wir es dabei bewenden, dass man das gesehen haben sollte. Ein weiterer Höhepunkt dieser Saison, die uns am Ende wahrscheinlich sehr verkatert zurücklassen wird. Die nächste Spielzeit wird schwer.
Aber das Grundthema des Stücks, die Abwägung zwischen Freiheit (und Verantwortung) und Unterdrückung (und „geordneten Verhältnissen“) ist noch einige Sätze wert. Wozu ein Drache gut ist, sehen wir ja grad in Korea, wo Kim Jong Dings den seinen wacker aufbläst für die innere Ordnung. Aber eigentlich sind die Drachen heute ganz andere, wie wär’s mit dem Häusle-Kredit, der guten Stellung, den Boni, dem Club-Urlaub? Das alles muss man sich auch leisten können. Da macht man schonmal Kompromisse.
Dass Jewgeni Schwarz sein 1943 in der Sowjetunion erschienenes Stück überlebt hat, mag ein Wunder sein. Dass es heute noch aktuell ist, sicher nicht.
Die Bedeutung ist die Bedeutung ist die Bedeutung
„Nichts. Was im Leben wichtig ist“, nach dem Roman von Janne Teller, Regie Tilman Köhler, Dramaturgie Julia Weinreich, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 8. April 2013
Es handelt sich für mich um einen Lückenschluss. Die preisbedachte Inszenierung mit dem kompletten Schauspielstudio des Hauses hatte sich meiner Betrachtung bislang immer hartnäckig entzogen, obwohl ich schon zweimal eine Karte hatte. Irgendwas Hinderndes war immer … Aber alle guten Dinge sind Drei, im wahrsten Sinne des Wortes.
Gleich vorweg: Ein sehr sehenswertes Stück, mit einer spielfreudigen Besetzung, aus der ich niemanden hervorheben mag, und einem hochinteressanten Bühnenbild (Karoly Risz). Außer ein paar überflüssigen lokalen Bezügen gibt es nichts zu mäkeln, auch das Programmheft ist wieder von besonderer Güte.
Der Inhalt ist recht schnell erzählt. Nach den Sommerferien schert Pierre Anthon aus der 7a aus, er klettert auf einen Pflaumenbaum und erklärt alles im Leben für bedeutungslos. Nichts lohne die Mühe, deshalb tue er ab sofort: Nichts.
Das Klassenkollektiv ist verunsichert, will den Abtrünnigen aber in die Gemeinschaft zurückholen und schickt sich an, das Gegenteil zu beweisen. Gebt her, was für euch Bedeutung hat! Ein Berg von wichtigen Dingen wird aufgehäuft, es beginnt mit einem Paar grüner Lieblingssandalen. Die Macht geht dann herum, jeder „Erleichterte“ darf bestimmen, wer der Nächste ist und was der verlieren soll.
Eine schöne Grausamkeitsspirale beginnt, weil jede aus ihrer eigenen Verletzung das Recht auf eine noch größere beim Nachfolger ableitet. Und über den Hamster und den Gebetsteppich kommt man zum Körperlichen: Erst die Haare, dann die Jungfräulichkeit, schließlich der rechte Zeigefinger.
Doch ehe der Reliquienhügel dem Nihilisten präsentiert werden kann, fliegt die Sache auf. Die Polizei marschiert ins dämonische Klassenzimmer, das man sich in einem alten Sägewerk eingerichtet hat.
Die Macht der Medien ist den Pennälern aber bewusst: Der Berg gelangt in die Öffentlichkeit und gewinnt damit die ultimative Bedeutung, die sich aus der medialen Aufmerksamkeit speist. Am Ende wird er für Kunst erklärt, ein Museum schlägt als erstes zu und kauft den Haufen für dreieinhalb Millionen.
Happy end? Nein, die grausam gewordene Gruppe gerät in Streit, nun jeder gegen jeden. Der Verneiner klettert vom Baum und will schlichten, aber er zieht nun alle Wut auf sich, weil er die Bedeutung des Bergs auf das reduziert, was sie ist: Ein kurzfristiger Medien-Hype. Er wird förmlich totgetreten, dann brennt die Hütte.
Am Ende bleibt nur ein Haufen Asche, von dem sich jeder etwas abfüllt. Für zu Hause, für’s Leben.
Woher kommt diese Wut?
Der Überbringer der schlechten Nachricht ist nie wohlgelitten, und wer sagt, dass alles keine Bedeutung habe, riskiert, dass die anderen das auch für dessen Leben so sehen. Wer hört schon gern, dass das Leben sinnlos ist, vor allem, wenn man grad am Anfang steht? Aus der Verstörung darüber wächst der Wille, das Gegenteil zu beweisen, und dann der Zorn, weil es nicht gelingt.
Pierre Anthon hat der 7a vorgeführt, dass der Lebensplan auf Illusionen beruht. Er lässt sich nicht bekehren und wird zu einem Giordano Bruno der Oberschule. Aber recht hat er – vermutlich – doch.
Faszinierend im analytischen Sinne ist auch die entfesselte Gruppendynamik zu beobachten. Immer einer ist das Opfer, alle anderen hetzen ihn. Begreifen sie nicht, dass sie selbst der Nächste sind? Einer versucht die mörderische Maschine anzuhalten, aber er hat gegen den Rausch keine Chance. Keiner wird mehr rausgelassen, alle müssen schuldig werden. Also denkt auch er sich eine schöne Grausamkeit für den folgenden Kameraden aus.
Man kann sich sicher streiten, ob solche Themen in den 7a dieser Welt gewälzt werden. In unserer Gegend ist das glaub ich erst in der Elften dran. Und für ein Jugendbuch ist das schon ein heftiges Thema, doch es gehört da schon hin. Mit dem Sinn des Lebens kann man sich nicht früh genug befassen, zur Einführung sei auch hier Monty Python empfohlen.
Und wer hat nun wirklich recht? Warum soll ausgerechnet ich das wissen?
Aber vielleicht noch ein paar Fragen dazu.
Wozu denn die Suche nach dem Glück? Warum denn, wenn am Ende doch alles verloren ist und sich die Zellgemeinschaft auf Zeit wieder in ihre Bestandteile auflöst?
Kann ein Glücksempfinden wirklich so tief sein, dass es das Wissen um die Vergänglichkeit des Seins überstrahlt? Welche Motivatoren wirken da noch?
Wird man durch Ignoranz glücklicher? Sicher.
Die einem zur Verfügung stehende Zeit ist – weltgeschichtlich gesehen – tatsächlich nicht mehr als ein Atemzug. Der einzelne Mensch ist weniger als ein Sandkorn in der Wüste, jeder Tropfen im Meer hat größere Bedeutung.
Warum tut man dann mit im großen Gesellschaftsspiel? Warum macht man nicht einfach was man will? Im Zweifel also nichts? Wenn interessiert es denn, ob man sich konform verhält? Doch nur die, die das noch nicht begriffen haben.
Kann man einmal Verstandenes wieder vergessen? … Weiß nicht.
Heiterkeit und Krieg und Frieden für das russ’sche Vaterland
“Krieg und Frieden” nach dem Roman von Lew Tolstoi in der Regie von Matthias Hartmann, Gastspiel des Burgtheaters Wien am 16./17. März 2013 im Staatsschauspiel Dresden
Viereinhalb Stunden. Man betritt das Theater und nickt zufrieden. Die Bedeutung von Inszenierungen misst sich an der Dauer. Und die Intendantur ist offenbar auch sportpädagogisch bewandert und führt uns sanft an den Marathon heran, Faust Eins bis Unendlich im Mai.
Aber, wie jetzt, zwei Pausen? Sind wir hier in Bayreuth? Schnürschuh-Theater, verweichlichtes! Im preußischen Berlin wird so was durchgesessen! Von wegen Hart-Mann! (Und was das wieder kostet an den Pausenbars!)
Na gut, der Weaner mag’s halt kommod. Lassen wir uns drauf ein und hören auf zu blödeln.
Der berühmte lange Tisch füllt die Bühne, ja, natürlich, in Wien ist er noch viel länger. Man wird eingeladen, in den Pausen das Bühnenbild und das Modell des Kasinos zu bestaunen. Trotz einjähriger öffentlicher Probe scheint es immer noch „work in progress“ zu sein, zumindest versucht man den Eindruck zu erwecken.
Die Einführung ist gewollt umständlich, dann scheint Guido Knopp auf der Bühne zu stehen. Der Eindruck verfliegt aber schnell, es geht in die erste Schlachtszene, und man ist fasziniert, mit welch einfachen Mitteln und einem exquisiten Ensemble (was ich noch öfter würdigen werde, Sie dürfen mitzählen) das Grauen einer Kampfhandlung vermittelt werden kann.
Dann die leistungskursartige Vorstellung der handelnden Personen, das ist witzig, das hat Tempo, das schadet nicht an dieser Stelle. Zumal, wenn man ein solch hervorragendes Ensemble beieinander hat.
Rechts oben über der Bühne wird der Bezug zur jeweils aktuellen Seite im Tolstoischen Schmöker hergestellt und damit Werktreue bewiesen. Auch das eine originelle Idee.
Abgefilmte Puppen spielen im Hintergrund eine wesentliche Rolle, stellen mal eine Schlachtenszene, mal eine Ballsituation her. Der anrückende Kriegslärm wird noch vom Summen der höfischen Drohnen übertönt.
Die Erzählweise ist … ja, eine stark szenisch orientierte Lesung, oder eine theatrale Umsetzung mit rezitativen Anteilen. Die Figuren treten ständig aus sich heraus, spielen und beschreiben im Wechsel. Das ist großartig, das macht Spaß beim Zusehn, so fliegt man förmlich durch das Werk.
Der Krieg kommt den gelangweilten Herren der Gesellschaft wie gerufen. Sie können türmen aus der ungeliebten Gesellschaft, wo täglich „Adel im Untergang“ gegeben wird.
Eine der Hauptfiguren, Pierre, erinnert ein wenig anTewje den Milchmann, trägt aber trotzdem die Handlung durch Saufgelage, die irrwitzige Wetten produzieren, die das wunderbare Ensemble fast wie ein Ballett umsetzt.
Darf man bei diesem Stoff soviel lachen? Manchmal kommt man sich vor wie in einem Comic. Erste Zweifel am inszenatorischen Ansatz.
Die Dialoge sind meist Kleinode, vor allem, wenn sie die ernsten Themen beleuchten. Aber auch ansonsten sind sie extrem gut gespielt (vom gesamten Ensemble) und äußerst unterhaltsam.
Noch eine Kriegsszene, in die man abrupt wechselt und die in großartig-grauenhaften Bildern daherkommt, dann ist Pause. Im Foyer werden Brote aus der Alufolie gewickelt, cool.
Der Devotionalienstand der „Burg“ ist klischeegerecht mit einem älteren Herren mit Wiener Schmäh besetzt, es macht Freude, Banales zu fragen.
Fürst Bolkonskij sen. weiß nach der Pause, dass Müßiggang und Aberglauben die Todsünden sind und nur Tätigkeit und Verstand dagegen helfe und lebt entsprechend. Bzw. lässt leben. Fürst Andrej bringt seine schwangere Gemahlin zum Vater aufs Land, die Schwägerin hat nun eine Leidensgenossin. Er selber geht Krieg machen.
Unglücklich sind hier alle. Die russische Seele ist tief und schwer. Großartiges Spiel des gesamten Ensembles.
Dann wieder Kriegswirren. Es geht mehr oder weniger heldenhaft zu. Die Umsetzung gelingt durch eine phantastische Choreographie des auf der Bühne versammelten Ensembles.
Es folgt: Comedy. Die Hochzeitsanbahnung von Fürst Wassilij für seinen missratenen Sohn Anatol mit der vermögenden Erbin Marja scheitert großartig, weil jener zur Unzeit die Finger auf der Gesellschaftsdame Bourienne hat. Dumm gelaufen.
Man philosophiert. Eine klare Quelle, ein schmutziger Becher, was soll da draus werden? Sinnkrise.
Pierre entwickelt sich inzwischen zum Gutmenschen. Es gibt einen Silvesterball, sehr schön wieder illuminiert mit den Puppen, Natascha, das junge Ding aus dem angesehenen Hause Rostow, entdeckt die erste Liebe: Den Fürsten Andrej, dessen Frau im Kindbett starb. Aber der gestrenge Vater des Bräutigams verlangt ein Jahr Aufschub zur Prüfung der Gefühle. Keine gute Idee.
Das Ensemble ist (auch) in den Kleinigkeiten groß, das macht seine Qualität aus. Jetzt weiß ich, was „auf Anschluss spielen“ wirklich bedeutet.
Der Krieg rückt näher, verdrängt die Romantik. Ein öffentlich sterbender Offizier als dramaturgischer Kontrapunkt wird auch so benannt und vom Publikum dankbar beklatscht. Aha, man nimmt uns ernst.
Der Videoeinsatz ist fast schon genial zu nennen, er öffnet dem Stück eine weitere Dimension.
Es geht in die Oper. Das Bühnengeschehen gibt einer der Akteure ganz allein, spätestens jetzt ist das Eis im Parkett endgültig gebrochen. Kann man das wirklich so verulken? Im Prinzip ja, sagt Radio Eriwan.
Natascha entdeckt Liebe Nr. 2, den Tunichtgut Anatol, und verfällt ihm augenblicklich. Seine Schwester Hélène, gefeierte Moskauer Schönheit und der Aktenlage nach Gemahlin von Pierre Besuchow (der inzwischen den Grafentitel und ein riesiges Vermögen geerbt hat, können Sie noch folgen?) betätigt sich als Kupplerin und lädt Frl. Natascha zu einer Sau-Reh oder so ein. Jene wird eine leichte Beute des Herzensbrechers.
Die geplante Entführung der Dame scheitert allerdings kläglich, Anatol flüchtet vor der Schmach ins Feld der Ehre.
Tolstoi wird mehr und mehr persifliert, man macht den schwerblütigen Stoff damit genießbarer, schießt aber an und an, halten zu Gnaden, übers Ziel hinaus.
Es sind weiter die Kleinigkeiten, die am Spiel des Ensembles begeistern. Dennoch verliert die Aufführung am Ende Tempo, es wird dann doch melodramatisch, alles wertvolle Menschen, leider liebt man überkreuz.
Die letzte „gespielte“ Szene, das Schlachten bei Borodina. Auch das wieder fürchterlich und gut. „Genug, was tut ihr“? sagt der Regen.
Man will uns nicht so aus dem Abend entlassen. Jede handelnde Figur wird (analog zum Anfang) bis zum meist bitteren Ende beschrieben. Nur Natascha wird mit ihrer dritten Liebe Pierre glücklich, alle anderen sterben irgendwie, auch wenn sie weiterleben. Auch dies großartig gespielt, hier dürfen alle nochmal richtig zeigen, was sie können.
Alles Unglück entspringt dem Überfluss, lernen wir am Ende. Da weiß ich nichts dagegen.
Man darf den Beifall frenetisch nennen. Ein ausverkauftes Schauspielhaus feiert die Gäste, erhebt sich, ruft Bravo. Offensichtlich ein Volltreffer ins Herz der Dresdner.
Dennoch seien mir einige relativierende Anmerkungen erlaubt:
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass hier der FC Bayern des deutschsprachigen Theaters zu Gast war. 50 Millionen Euro Basis-Jahresetat sorgen natürlich dafür, dass bis hin zum Masseur jede Position erstklassig besetzt ist. Und das führt dann dazu, dass kein Stück dank der hervorragenden Individualisten wirklich schlecht sein kann, auch wenn die Taktik (Dramaturgie) mal nicht die beste ist.
Ich habe Zweifel, ob man „Krieg und Frieden“ wirklich so aufführen sollte, als Gesellschaftskomödie, die gelegentlich von herzzerreißenden Schlachteszenen unterbrochen wird. Auch wenn das beschriebene Sterben 200 Jahre her ist, der Roman gewinnt seine Qualität aus dem Bezug darauf und nicht aus austauschbaren Sittenbildern der russischen Gesellschaft mit ihrer Vorabendserien-Dekadenz. Deshalb blieb ich auch sitzen beim großen Schlussapplaus.
Wovon ich allerdings uneingeschränkt begeistert war, gerne nochmal: Dieses wunderbare, großartige, begeisternde Schauspielerensemble.
Auch wenn es schwerfällt, will ich einige herausheben:
Yohanna Schwertfeger, die als Natascha vor allem im letzten Teil unglaublich anrührend war.
Ignaz Kirchner vor allem als grantelnder Fürst Bolkonskij.
Oliver Masucci, der selbst Dieter Bohlen rechts überholte.
Und Fabian Krüger in unzähligen Rollen, der als Dolochow exzellent war und als Duport das Haus rockte.
Was bleibt als Fazit? Die Burg war da, zu Schulzens Hundertstem (oder so ähnlich). Mit einer exquisiten Mannschaft, vielleicht nicht mit dem stärksten Stück. Aber sie war da. Das freut einen.
Oh Boy. Oh Jakob Fabian.
“Fabian” nach dem Roman von Erich Kästner in der Regie von Julia Hölscher, auf die Bühne gebracht von ebenjener und Felicitas Zürcher, Uraufführung am 15. März 2013 im Staatsschauspiel Dresden
Es: Das Jakob Fabian, ein planloses Menschlein in einer großen Stadt in einer gar nicht großen Zeit. Berlin, 1931.
Es windet sich. Sie winden, sie räkeln sich. Es kriecht, es wimmelt durch die Nacht. Den Vertrag für die Befrie(di)gung der Rechtsanwaltsgattin schlägt es aus. Dummer Fehler.
Es liest einen Mutterbrief. Sehr anrührend, kennen wir.
Es swingt, alle swingen, die Herren in Sockenhaltern. An der Bar gibt es Nachschub an Frohsinn.
Es zuckt. Unruhevolle Jugend? Eher ADHS.
Brauchen wir Männerbordelle? Von mir aus doch, solang man nicht zwangsrekrutiert wird, meint der Rezensent.
Wir müssen alle etwas wollen, nicht nur die Helden. Es aber nicht. Wo kein Wille ist, ist vielleicht trotzdem ein Weg.
Es schlingert. Es klammert sich an die Bar.
Die schlagen sich, die Linken und die Rechten. Vertragen werden sie sich nicht, wie auch. Es ist es egal.
Dr. Labude, der Freund, erleidet ein Pendlerschicksal. Sex nach Kalender ist nicht das Wahre. So weit, so traurig. Es kann da auch nicht helfen.
Es tanzt. Es paart sich.
Wenn die Frau eine Ware ist, macht Billigkeit misstrauisch. Wo ist der Haken?
Berlin ist ein Irrenhaus. Sicher doch.
Es lernt sie kennen. Sie! Es trommelwirbelt die ganze Nacht. Es scheint glücklich.
Morgens im Büro bewirbt es Zigaretten, beflügelt von der Liebe. Dann wird es gekündigt. Es ist schockiert.
Es begegnet dem Immer-wieder-sich-selbst-Erfinder, es ist fasziniert und beherbergt ihn.
Armut macht besonders frei. Nothing let to lose. Das Elend zeigt sich eindrucksvoll, 2,72 Mark pro Tag und Mensch.
Es bettelt. Es wird ausgeraubt. Und für das Männerbordell ist es schon zu alt.
Mama ist zu Besuch. Soll nichts merken.
Es sponsort die Karriere seiner Liebe mit seinem letzten Geld. Dummerweise ist sie erfolgreich. Es kann jetzt gehen. Man kommt nur aus dem Dreck, wenn man sich selber dreckig macht, sagt sie.
Es macht alles. Bzw. würde alles machen, wenn man es ließe. Die Talente reichen immerhin zum Verhungern.
Dann seltsamer Dialog zu dritt. Es versucht sich freizuvögeln. Wenns hilft? Es bleibt der, der er ist. Die Hoffnungslosigkeit begleitet es fortan.
Labude ist nun in allen Fächern durchgefallen, glaubt er. Er nimmt sich aus dem Rennen.
Das Leben ist ein Zyniker. Labudes Tod ist Folge eines universitären Scherzes. Haben Sie Humor?
Es entsetzt sich. Ab nach Hause. Nach Dresden.
Früher wars schöner. Es bewegt sich rückwärts und begegnet der Vergangenheit. Seit es groß ist, wartet es auf den Startschuss. Leben im Wartestand. Das kann man in Dresden besonders gut, hier ist alles „ehemalig“, die ganze Stadt scheint paralysiert.
Es erleidet einen Wutausbruch. Ist das die Wende? Nein.
Es scheitert am ersten Versuch einer großen Tat. Es ertrinkt bei einer versuchten Rettung. Es ist gescheitert.
Lakonisches Ende. Jakob Fabian, er war einer von Hunderttausenden.
Kästners Satire über die frühen dreißiger Jahre ist – offensichtlich zu Unrecht – kaum bekannt. Diese heute und hier in Dresden auf die Bühne zu bringen, ist instinktsicher und zweifellos eine gute Idee. Fabian, ein Falladascher „Kleiner Mann“ ohne Anhang und Vorstellung vom Platz im Leben, aber die Schicksale ähneln sich.
Eine Einordnung ins Heute fällt schwer. Gegen ´31 ist das aktuelle Geschehen hier pillepalle, aber ein paar hundert Kilometer weiter südlich ist ´31 Realität. Und das Stück läuft ja sicher noch eine Weile, wer weiß schon, was die Zukunft bringt.
Die Bühne bildet einen angemessenen Rahmen, das Geschehen spielt sich auf zwei Podesten und dem Raum dazwischen ab, im Hintergrund eine unterbrochene, durchlässige Wand. Alles sehr grau, im Gegensatz zum bunten Treiben. Das Leben entspringt meist den Luken in den Podesten. Wenig Schnörkel, kaum Requisiten.
Zur darstellenden Compagnie: Keiner fiel nach unten ab, alle wurden dem sehr bewegungs- und körperbetonten Inszenierungsansatz gerecht, auch die „reinen“ Schauspieler. Vom Sänger hätte ich mir mehr Beiträge erhofft, die Tänzerin Romy Schwarzer hatte auch wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Dies gilt für Johanna Roggan zwar nicht, aber oftmals waren es undankbare Rollen, mehr Objekt als Subjekt. Dennoch ein nachhaltiger Eindruck bei mir.
Jan Maak und Ahmad Mesghara als Multi-Rollisten fand ich sehr gut, ebenso Lea Ruckpaul als Fabians Geliebte Cornelia. Die Krone möchte ich aber diesmal zwei Herren aufsetzen: Thomas Braungardt als Labude war anrührend, authentisch, fesselnd. Und Philipp Lux in der Titelrolle trug das Stück, gab den Takt vor, um ihn herum drehte sich das Geschehen. Wieder einmal eine erstklassige Leistung.
Der Regisseurin Julia Hölscher ist ein Kompliment zu machen: Sie hat aus einem Stoff, der von Hause aus mit Theater nicht viel zu tun hat, gemeinsam mit der Dramaturgin Felicitas Zürcher (deren Arbeiten am Haus bisher immer hochklassig waren) ein Stück gemacht, das zu den Höhepunkten in dieser mit Highlights fast überladenen Dresdner Saison gehört. Kein Überflieger, sicher auch nichts für das Theatertreffen, aber eine Inszenierung, die etwas zu sagen hat. Eine lange Laufzeit ist zu wünschen.
PS: Ach ja, der etwas eigenartige Titel dieses Beitrags.
„Oh Boy“, ein Film von Jan Ole Gerster, der unglaublich dicht an dieser Handlung dran ist. Da taumelt auch einer durch Berlin und merkt gar nicht richtig, was ihm geschieht. Ich hielt es für angemessen, das zu zitieren.
Weltall, Kirche, Mensch
„Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht / Margarete Steffin in der Regie von Armin Petras, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 9. März 2013
Zu Beginn eine gleißende Helle, als ob man in die Sonne schaut. Die Kunst ist erstmal anstrengend, der Sinn erschließt sich erst später.
Ein Focaultsches Pendel schwingt zwischen raumhohen Spiegeln, mühsam ist es zu erkennen.
Das Licht geht aus, erleichterter, dämlicher Applaus, mich erfasst Fremdscham.
Galileo rezitiert seine Erkenntnisse, der Hintergrund füllt sich mit Lauschern. Er stiftet Verwirrung und Durcheinander, der Mittelpunkt ist weg.
Seine weitere Karriere ist auf ein Plagiat gestützt, er verkauft das Fernrohr aus Holland als seins und erntet den Ruhm. Die Übergabe an den Dogen von Venedig spielt die Tochter nach, das ist witzig. Dann eine Menge Italo-Klischees, eine Gehaltsverhandlung, Wolfgang Michalek witzelt sich in einer seiner vielen Rollen in Fahrt.
Es gibt Zitate aus der Dreigroschenoper, dann noch ein Faustscher Hundemonolog: Galilei ist groß, aber unzufrieden. Sehr schöne Bilder in der Folge, auch viel Pantomime. Die aufgebaute Kunst bleibt nicht stehen, sie fällt um bzw. entwickelt sich weiter.
Bühnennebel zieht in den Saal, die älteren Damen neben mir husten demonstrativ. Galileis Entdeckung auf den Punkt gebracht: Da ist kein Halt im Himmel. Da ist auch kein Platz mehr für Gott.
Die Tochter (Julischka Eichel eher unterfordert) muss ein Dummchen spielen, auch die Haushälterin (eine souveräne Nele Rosetz für die erkrankte Karina Plachetka) hat die Klischees zu bedienen. Minderlustig. Auch Sebastian Wendelin, der ansonsten als Andrea Sarti großartig ist, macht als singender Kastrat keine tolle Figur. Dann sind auch noch die Requisiten störrisch.
Galilei, nunmehr am florentinischen Hof, will einen Beweis per Augenschein erbringen, wird aber in einen formalen Disput gezwungen. Dieser ist erstklassig in Szene gesetzt, der Mathematiker sagt, es kann nicht sein, der Philosoph, es ist nicht nötig, der Theologe, es ist gefährlich. 3:0 für den AC Florenz.
Die katholische Dialektik ist einfach: Wenn das Fernrohr Ergebnisse bringt, die von der Lehre abweichen, kann es nicht zuverlässig sein. Also ist damit gar kein Beweis möglich.
Soll man (nicht) fragen, wohin die Wissenschaft uns führt? Die Frage scheint heute genauso aktuell wie damals.
Die Pest bricht aus, auch das faszinierend dargestellt auf der Bühne. „Keine Panik!“ ist die Parole, die mit Galilei zurückgebliebene Haushälterin stirbt trotzdem. Für die Wissenschaft?
Das Teufelsrohr, was dieser Galilei da anschleppte, scheint gefährlich. Am Ende ist die Erde auch nur ein Stern! Vorsichtshalber wird ein ptolemäisches Gebet gesprochen.
Krachbumm-Musik setzt ein, die Szenen werden jetzt untertitelt. Es folgt eine Zitatenschlacht mit Kardinal Barberini, die die Indizierung der „Diskursi“ aber nicht mehr abwenden kann. Galilei ist fortan verboten.
Der Mönch, der kurz danach Galilei seine Abkehr von der Wissenschaft erklären will, hat bedenkenswerte Argumente: Leben die Menschen auch in Armut, so leben sie doch in einer Ordnung und wissen, dass jemand sie leitet und über sie wacht. „Kein Aug liegt auf uns? Kein Sinn im Elend?“ Ordnung ist wichtiger als Wissen.
Danach Albernheiten mit Tonband. Wendelin pendelt und entlässt uns in die Pause.
Die Transformation ins Heute erscheint gar nicht schwierig. Wenn jemand das herrschende Finanzsystem in Frage stellte, z.B. nach der Berechtigung des Zins fragte, oder einfach den Besitz an Boden und Immobilien grundsätzlich negieren würde, wären die Reaktionen sicher ähnlich, auf die heutige Art. Aber warum soll man diese Fragen nicht stellen? Dass die Erde eine Scheibe ist, war früher genauso Grundkonsens wie heute die Mär vom Wachstum als Heilsbringer.
Nach der Pause muss Virginia weiter blödeln, es nimmt kein Ende, sie kann einem leid tun. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, das bestätigt sich immer wieder.
Acht Jahre später, die Spiegel sind inzwischen blind, das Pendel steht still. Galilei hat sich eingerichtet, eine Knoff-Hoff-Show seiner Mitarbeiter findet statt, die aber ebenso wenig zur Wahrheitsfindung beiträgt wie die folgende Schmonzette zwischen Virginia und Ludovico, die dann fast peinlich wird.
Der alte Pabst geht, habemus papam Barberini, zur Feier des Tages wird Wein aus Plasteflaschen getrunken, wohl bekomm’s. Galilei forscht jetzt wieder, das Fräulein Tochter verliert daraufhin den Bräutigam. Wir müssen alle Opfer bringen. Für die Wissenschaft?
Der eiserne Vorhang senkt sich. Abbruch? Nein, W. Michalek tritt davor und muss nun auch den Kaspar geben. Natürlich macht er auch das großartig, einer wie er könnte auch das Telefonbuch zur Verlesung bringen und das Publikum damit begeistern, aber dem Ablauf des Stücks wird damit endgültig das Genick gebrochen.
Erst als Michalek in den Eisler-Song einsteigt, gewinnt die Szene Relevanz zurück. „Man scherzt nicht mit der Bibel“, wohl wahr.
Zurück im Spiel. Man lässt Galilei waren, das Publikum auch. Das Pendel schwingt wieder, irgendwann kommt es dann aber doch zur Auslieferung nach Rom, warum auch immer. Galilei bewohnt ab sofort einen Käfigwagen.
Der Zweifel sei die Grundlage seiner Forschung, sagt die Inquisition. Und wer zweifelt, ist schon dagegen. Das haben also weder Hitler noch Stalin erfunden.
Cui bono? Der Kirche sicher nicht, also zeigt man ihm die Instrumente.
Währenddessen warten seine Jünger auf das Ergebnis. Eine anfangs phantastische Szene, die leider am Ende wieder in Comedy endet.
Er hat widerrufen. Traurig das Land, das keine Helden mehr hat, oder eher jenes, das Helden nötig hat? Die Antwort bleibt offen.
Ein halbwegs passender 80er-Jahre-Poptitel beendet die Szene.
Galilei im Hausarrest, er wird besucht von Andrea. Mit jenem gelangt eine Abschrift des bösen Buchs in die weite Welt, fernab des Zugriffs der Kardinäle. Aber Galilei bleibt ein Gefangener der Kirche bis zu seinem Ende.
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit, wie vor zwanzig Jahren Tocotronic so treffend sangen.
Üppiger Applaus am Ende, einige Jubelschreie für das Regieteam, denen ich mich nicht anschließen möchte.
Noch einige Nachbemerkungen:
Das Bühnenbild war großartig, wie viele andere zuvor auch. Ich habe keinen Unterschied zwischen einem renommierten bildenden Künstler und den sonst hier tätigen Bühnenbildnern gesehen.
Neben den schon erwähnten Darstellern möchte ich noch Gunnar Teuber hervorheben, der dem Federzoni Herz und Leidenschaft gab.
Die Hauptrolle war mit Peter Kurth prominent besetzt. Ich sah eine seriöse Leistung, aber nicht mehr. Neben Michalek hatte er schlechte Karten.
Das Programmheft ist äußerst informativ und dabei noch lesbar, vielen Dank dafür.
Zum Schluss: Selten sah ich ein Stück mit einer derartigen Diskrepanz zwischen großartigen, bildgewaltigen Szenen und völlig banalen, sinnfreien Zwischenspielen. Das wird mir noch eine Weile Stoff zum Nachdenken liefern.
Love kills.
„Medea“ von Euripides in der Regie von Michael Thalheimer, Gastspiel des Schauspiel Frankfurt/M. am Staatsschauspiel Dresden, 16. Februar 2013
Die Bühne (der Dresdner Olaf Altmann) ist nicht möbliert, lediglich ein riesiger, schwarzer Monolith im Hintergrund, der auf halber Höhe ein Podest besitzt. Auf jenem wird sich Medea die ganzen zwei Stunden über aufhalten, in ihrer eigenen Welt, unerreichbar für alle anderen. Erst zur finalen Meuchelei kommt der Klotz nach vorn gefahren und nimmt dem Chor, dem Boten und Jason den Platz zum Spielen und die Luft zum Atmen.
Das Licht (Johan Delaere) kommt meist von der Seite, die Menschen werfen dadurch furchterregende Schatten. Es wechselt abrupt, wenn eine neue Szene beginnt und reißt den Protagonisten aus dem Dunkel, wohin der vorige verschwindet.
Jeder Auftritt außer jenem zu Beginn, als die Amme sich hereinschleppt und mit ihrem Schatten auf dem Klotz wie ein Totenvogel aussieht, ist unspektakulär und wirkt gerade deshalb. Es gibt zwischen den Spielern eine einzige (!) Berührung während des Stücks, und diese basiert auch noch auf Medeas Lüge. Ansonsten ist jeder mit sich allein.
Auch der Einsatz der Musik (Bert Wrede) und des scheinbar nicht mehr entbehrlichen Mediums Video (Alexander du Prel) ist sparsam: Eine Schilderung der Geschichte von Medea und Jason in Piktogrammen, sehr beeindruckend, untermalt von anfangs gediegener, später grauenhafter Musik. Das ist alles.
Die Geschichte von Leidenschaft, Undank, Eifersucht und maßloser Rache ist keine, die man gerne nacherzählt. Deshalb lasse ich das auch, ich bin so frei.
Thalheimer hat auf jede Aktualisierung verzichtet, das ist plausibel. Allerdings ist gerade dieser Stoff durchaus in der Gegenwart anzutreffen, Amoklauf, Kindstötung etc. sind so selten nicht. Er könnte durchaus auch in einer Einwanderfamilie spielen, warum nicht in einer muslimischen, sozusagen die Umkehrung des Ehrenmords. Nur mal so ein Gedanke.
Die Darsteller sind durchweg ein Genuss. Hervorzuheben für mich Bettina Hoppe, die allein den Chor der Frauen spielt (auch dies entspricht dem reduktivem Ansatz), Viktor Tremmel, der als Bote das Streben von Kreon und seiner Tochter herzerweichend schildert (und über dessen Besuch in Dresden ich mich besonders gefreut habe, er gab vor einigen Jahren hier einen grandiosen Woyzeck) sowie Marc Oliver Schulze, bei dessen letzter Szene ich den Eindruck hatte, hier wird Munchs „Der Schrei“ auf die Bühne gebracht.
Und natürlich ganz oben thronend Constanze Becker, die sich die Seele aus dem Leib spielt. Unter vielen guten für mich die beste Szene, als sie Jason täuscht und ihm Reue und Einsicht vormacht.
Außer, das für meinen Geschmack manchmal zu viel deklamiert wird, hab ich nichts zu bekritteln.
Michael Thalheimer hat vor dreizehn Jahren hier „Das Fest“ inszeniert. Ein Fest war das heute auch, die Einladung zum Theatertreffen nach Berlin ist völlig nachvollziehbar.
Danke, auch für die Idee, genau dieses Stück nach Dresden zu holen. Da hat die Intendanz eine gute Nase bewiesen.
Unsere tägliche Schuld gib uns heute
„Die Fliegen“ von Jean-Paul Sartre in der Regie von Andreas Kriegenburg, gesehen am 8. Februar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (Premiere), 95. n.u.S.
Wie zu erwarten beginnt es mit einer Überraschung. Franko-Pop, Playback-Show des Orest, die Erinnyen tanzen in schwarz. Über allen thront ein Bildnis des Erdmann Jupiter, die Sache entwickelt sich – nächste Überraschung – zum Slapstick mit Witwe.
Dann der Auftritt der Fliegen, mit Menschen dran, eine hübsche Idee. Jupiter erscheint nun wirklich. Er ist der Einzige, der nicht leichenblass ist.
Pünktlich zum hiesigen Totensonntag erscheinen Orest und sein pädagogischer Begleiter in seinem Heimatkaff Argos. Was sie hier wollen, wissen sie selbst nicht so richtig. Lautsprechertürme bilden die karge Bühne, in der Mitte besagtes Jupiter-Bildnis.
Elektra, eine fraugewordene E-Gitarre, tanzt mit den Müllsäcken, kurzzeitig sieht die Bühne aus wie die BRN frühmorgens. Aber das wird schnell weggefegt. Schwesterchen hat Brüderchen noch nicht erkannt.
Auf einmal ist man mittendrin in der Familienhölle. Schön die Puppen, das ermöglicht viele Zeitsprünge hin und zurück. Der Fluch des Verbrechens lastet auf der Mutter Klytämnestra, in ihrer Tochter hasst sie eigentlich sich selbst.
Die Bürger von Argos sind alle Untote, sie stürmen das Parkett. Reihe 16 ist manchmal durchaus ein Vorteil. Es ist dann viel los auf der Bühne, Bürger und Masken von Bürgern vermischen sich, durchaus mitreißend.
Das Volk hat jährlich 24 Stunden mit seinen lieben Verblichenen zu verbringen, eine nette Idee. Die Angst davor frisst schon mal die Seele auf. Hier ist die Reue Masochismus, der Mensch ist schuldig, so lange er lebt. In Summe wirkt das alles staatstragend.
Die Feier beginnt. Der Große Priester (Tom Quaas) und Ägist (Benjamin Höppner) ziehen die übliche Show ab, eine faszinierende Szene. Man fühlt sich selbst fast ein bisschen schuld.
Auftritt Elektra, Auftritt Sonja Beißwenger, zweifellos eine der Attraktionen des Abends. Sie tanzt. Und wie sie tanzt. Aber noch hat sie den Bruder nicht erkannt. Eine indirekte Diskussion, was wäre, wenn Orest auf einmal da wäre … Aber der will nicht so recht. Frieden ist ein hohes Gut.
Dann fällt die Maske. Aber Elektra ist mäßig begeistert. Was ist mit dem Fluch der Atriden? Ist er denn kein echter Atrid? Er soll endlich gehen. Aber er geht nicht. Er kann nicht.
Gibt es einen Zwang zur Rache? Ist die Vendetta schon erfunden? Elektra weiß alles vorher, ohne Kassandra zu sein. Und kann es doch nicht verhindern.
Die Wandlung des Orest zum finsteren Rächer kommt ein wenig überraschend. Aber jetzt geht’s lo-hos.
Die Wachen im Palast vollführen einen Slapstick und suchen nach dem Attentäter. Wir kriegenburgen euch! Der Fliegenschmuck des einen hält nicht stand, die Szene insgesamt ist auch verzichtbar.
Der amtierende König Ägist tanzt mit der Fliegenklatsche und glaubt seine eigenen Märchen. Ein letzter Walzer des hohen Paares. Nele Rosetz als Klytämnestra ist dazu verdammt, öfter einen affektierten, hohen Ton anzuschlagen, der manchmal nervt, ist ansonsten in ihrer Rolle aber sehr stimmig.
Oh-oh, Orest. Man ahnt das drohende Unheil. Er wird die Tat nicht bereuen, und das nutzt Jupiter nichts. „Die Menschen sind frei, nur sie wissen es nicht“, außer Orest eben. Deswegen hat Gott keine Macht über ihn, deswegen steuert er nach Kräften gegen. Aber auch er hat keine Allmacht. Ägist ist müde. Soll der doch …
Dann wird in epischer Breite geschlachtet, bisschen zu breit für meinen Geschmack. Ein Spritzer vom Blut benetzt Elektras Kleid und löst hysterische Reaktionen aus. Fortan kehren sich die Rollen um.
Nach der Pause finden wir einen feucht-glitschigen Untergrund vor, Elektra und Orest liegen im Schlafe mittendrin. Die nunmehr weißgewandeten Erinnyen empfangen ihre neue Bluttaufe, es ist Frischfleisch da.
Wie die Weberschiffchen flitzen die Greisinnen auf der nassen Bühne hin und her und verwünschen dabei das Geschwisterpaar. Und tatsächlich, bei Elektra werden die toten Augen ihrer Mutter diagnostiziert.
Elektra beginnt zu bereuen, das Paar droht getrennt zu werden. Eine große Szene, vor allem wegen der Körperlichkeit der Beteiligten. Jupiter schließlich legt sie flach, rein metaphorisch verstanden.
An Orest aber beißt er sich die Zähne aus, am Ende bettelt er um Gehorsam, weil sonst doch die Welt aus den Fugen geriete. Aber das Geschöpf, was er erschaffen hat, folgt ihm nicht. Orest hat seine eigene, ganz persönliche Freiheit, an der er festhält.
Christian Erdmanns Jupiter ist für mich der rote Faden des Stücks, auch wenn man ihm ein lächerliches Kostüm aufgezwungen hat, beherrscht er die Szenerie. In allen Phasen ist er souverän, fast wird das Stück zur Jupiterie.
Die Rolle des Orest dominiert an sich die Aufführung. Diesem Anspruch ist Christian Clauß nicht ganz gewachsen, er ist auf Augenhöhe in den Massenszenen, aber seine Monologe geraten für meinen Geschmack zu eindimensional mit dem fortwährenden Gebrüll. Hier verschenkt er Gestaltungsmöglichkeiten, die auch der Körpereinsatz nicht wettmachen kann. Eine sicher gute Leistung, die aber an Beißwenger und Erdmann nicht heranreicht.
Inzwischen erhielt Elektra ihre Bluttaufe und verschwindet endgültig im Volk von Argos.
Noch ein großer Dialog, nochmal großartige Bilder. Orest wird mit Blut bespuckt, die Erinnyen wird er nie mehr los.
Flucht? Nein. Orest tritt vor seinen Palast und lässt sich steinigen für das und von dem Volk, das er doch befreien wollte.
(In der ursprünglichen Orestie gibt es am Ende ein Gottesgericht, jene berücksichtigt aber auch den Anfang der Geschichte, mit Iphigenie und dem gar nicht so strahlenden Helden Agamemnon. Insofern ist das schwer zu vergleichen.)
Das im Wortsinne am Ende glatte Dresdner Parkett hat Andreas Kriegenburg gut gemeistert, nicht nur beim üppigen Schlussapplaus. Vielleicht hätte man ihm da auch einen roten und vor allem rutschfesten Teppich ausrollen können, verdient hätten er und das Ensemble es allemal. Und dem Arbeitsschutz wäre auch Genüge getan.
Während der Intendant hinterher von einem „blutigen Abend“ sprach und seine Schauspieler berechtigt lobte – dabei allerdings über den Regisseur kein Wort verlor – bezeichnete jener in der SächsZ vom selben Tage das Stück als „nebenbei geprobt“. Nun ja, ich weiß nicht, wie die Schauspieler das empfinden, aber dann möchte ich gern mal ein richtig geprobtes Stück von Herrn Kriegenburg sehen.
Mit dieser Inszenierung zeigt er auf jeden Fall, dass er einen eigenen, deutlich erkennbaren Stil hat. Sie reiht sich in die obere Klasse der Aufführungen der letzten Jahre ein, ohne darüber hinauszuschießen. Die Formulierung „der K. kocht auch nur mit Wasser“ wäre sicher zu billig, aber eine Offenbarung hat das Staatsschauspiel Dresden an diesem Abend nicht erlebt. Dazu ist hier wohl auch das allgemeine Niveau zu hoch.
Der Himmel ist unteilbar
„Der geteilte Himmel“ nach Christa Wolf in der Regie von Tilman Köhler, für die Bühne bearbeitet von ihm und Felicitas Zürcher, gesehen am 19. Januar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (94. Premiere n.u.S.)
Ich nehme es vorweg: Schon lang nicht mehr hat mich ein Stück derart angerührt und begeistert.
Die Geschichte nachzuerzählen, ist in diesem Landstrich wohl eher albern. Ich beschränke mich auf einige Schlaglichter.
Zuerst die Bühne (Karoly Risz): Mal hängt der Himmel ganz tief, mal lässt er etwas Luft zum Atmen. Dann wird der feste Boden unter den Füßen plötzlich schräg und schräger, die Protagonisten haben Mühe, sich zu halten. Ein sparsamer Videoeinsatz (Michael Gööck) ergänzt dies kongenial.
Die Musik (Jörg-Martin Wagner): Eine einzige Geige auf der Bühne, gespielt von Maria Stosiek, ersetzte ein ganzes Orchester. Großartig.
Klug ausgewählte Kostüme (Susanne Uhl) setzen ihre eigenen Höhepunkte.
Schon der Prolog ist ein kluger Schachzug: Mit Texten u.a. aus „Stadt der Engel“ wird das Thema in die Zeiten eingeordnet. Dies bleibt aber die einzige Aktualisierung, ansonsten erleben wir die Handlung im Wechselspiel zwischen Ritas Krankenhausaufenthalt und dem eigentlichen Geschehen.
Die dramaturgische Idee, Rita in drei Personen aufzuteilen, eine vor und eine nach „dem Anschlag auf sich selbst“ und eine, die sich viel später daran erinnert, ist der Grundstock der Inszenierung. Und was für einer! Man kann Felicitas Zürcher dazu nur beglückwünschen.
Aber die Abgrenzung ist kein Dogma, die Ritas werfen sich die Bälle zu, wenn es um das Erzählen der Geschichte geht.
Überhaupt: Eine elegante, zum Teil indirekte Behandlung des Stoffes durch die Schauspieler bringt den Roman zum Klingen auf der Bühne.
Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha und Philipp Lux brillieren in verschiedenen Rollen, sind mal Arbeiter, mal Chemiker, mal Familie. Hannelore Koch merkt man die Identifikation mit der älteren Rita deutlich an, und auch als Frau Herrfurth ist sie überzeugend.
Annika Schilling spielt die kranke Rita, den Punkt, von dem aus sich die Geschichte letztlich aufbaut. In ihrer letzten größeren Arbeit in Dresden (Gott sei es geklagt) setzt sie wiederum ein Glanzlicht. Wir werden sie vermissen.
Ich gebe zu, ich bin ein Fan von Matthias Reichwald. Dessen unprätentiöse, aber unglaublich energiegeladene Spielweise hab ich noch in jeder Rolle bewundert. Auch diesmal war er ein Ereignis.
Und, die größte Ehre zuletzt, Lea Ruckpaul. Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich sie auf den Plakaten sah. So jung und so eine Rolle …? Aber ich tue Buße: Diese Bühnenpräsenz, diese Klarheit im Ausdruck, diese Verletzlichkeit und Stärke … Die Nachricht, die sich auf den hinteren Programmheftseiten versteckte, ist nur folgerichtig: Ab der nächsten Saison gehört sie fest zum Ensemble.
Tilman Köhler als Regisseur gelingt es, dies alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. Er ist – für mich – wieder auf dem Niveau der „Hl. Johanna“, auch wenn die Arbeiten dazwischen auch nicht schlecht waren.
Der Inhalt des Stückes bzw. des Romans? Ist doch schon tausendmal diskutiert und besprochen worden, ich wüsste nicht, was ich da hinzufügen könnte. Letztlich muss jeder selber sehen, wie er sich zu der Grundfrage des Textes stellt. In dieser Form tritt jene heute ohnehin nicht mehr auf. Oder gibt es noch eine Ideologie, für die es sich lohnt, eine Liebe scheitern zu lassen?
Bedaure, ich habe nichts zu bekritteln. Ein ganz großer Wurf.
Noch zwanzig Jahr zu arbeiten …
„Die Firma dankt“, UA von Lutz Hübner, in der Regie von Susanne Lietzow gesehen am 22. April 2012 im Staatsschauspiel Dresden
Eine Parabel zwischen alter und neuer Arbeitswelt, sie handelt vom verlorenen Wert von Verdiensten, vom Neu-Erkämpfen-Müssen seiner Position, vom Spielen nach unbekannten Regeln, von den Schmerz-Grenzen erhaltener Demütigungen. Lutz Hübner lässt einen Mittvierziger die „Neuaufstellung“ seiner Firma durchleben und durchleiden. Am Ende muss jener erkennen, dass für ihn kein Platz mehr da ist, den er ohne Selbstaufgabe ausfüllen könnte.
Adam Krusenstern muss warten. Warten im Gästehaus seiner frisch übernommenen Firma, die ihn zu diesem Wochenende einbestellte. Ihn, den letzten verbliebenen Abteilungsleiter, alle anderen wurden vom neuen Management schon entsorgt. Er hat keine Ahnung, was ihn erwartet, Rauswurf, Degradierung oder Beförderung.
Auch die ersten Begegnungen machen ihn nicht klüger. Hier scheinen alle keine Nachnamen zu haben. Kein Zeitplan, keine Tagesordnung, so ein Chaos hat Adam in 20 Jahren Betriebszugehörigkeit noch nicht erlebt. Die Assistentin umschwirrt ihn (oder überwacht sie ihn?), die beißlustige Personaltrainerin gibt abwechselnd den guten und den bösen Bullen, der neue Personalchef bleibt ganz allgemein in seinen Sprechblasen. Alle sind irgendwie unter Spannung. Nur der mutmaßliche Praktikant ist überlocker, Krusenbergs Ratschläge zu Umgangsformen belustigen ihn. Hier prallen Welten aufeinander.
Krusenberg spürt, dass etwas von ihm erwartet wird. Er beruft ein Meeting ein, aber es wird ein Desaster. Schon am Gestühl scheiternd, verhungert er bei seinem Schaulaufen vor einem desinteressierten Kreis. Demütigung durch Ignoranz. Das Auftauchen des jungen Schnösels, den alle wer weiß warum anhimmeln, lässt die Besprechung endgültig platzen. Die Teilnehmer widmen sich wichtigeren Dingen.
Nur der selbstgewisse Schnösel bleibt, versaut erst Adams Anzug und dann endgültig dessen Laune mit seinen Thesen von der modernen Wirtschaft. Erfahrung und Kompetenz sind unwichtig, die Systeme organisieren sich selbst, Produktperfektion ist irrelevant, man muss den Kaufvorgang verkaufen. Krusenstern versinkt im riesigen Sofa und taucht als Marionette wieder auf. Alles ist offensichtlich Scharlatanerie, aber diese kommt an. Doch was sollen facebook-Produkte in einem Stahlwerk? Hat er in seinen 20 Arbeitsjahren wirklich alles falsch gemacht? Ist er verdorben für die schöne neue Firmenwelt?
Die anderen sind inzwischen in Feierlaune. Der vermeintliche Praktikant Sandor ist ein umworbener Shooting-Star der New Economy, der endlich zugesagt hat, den Laden zu übernehmen. Der Aktienkurs steigt.
Die Nutzwertanalyse des frischgebackenen Chefs geht allerdings zu Krusensterns Ungunsten aus. Adam macht den üblichen Deal, Abfindung gegen geräuschlosen Abgang, besser er wird mit ihm gemacht. Mangels Personalakte muss zu seiner Verabschiedung aus seinem Dossier vorgelesen werden. Was man so alles anhäuft in zwanzig Jahren … die wissen wirklich alles.
Es ist Sandors erste selbstverursachte Kündigung, das will er sich aus der Nähe ansehen. Sein strafverschärfendes Mitgefühl und seine These, Krusenberg sei ein Oldtimer, zwar unpraktisch und kaum verwendbar im Alltag, aber sehr faszinierend, lässt jenen die Contenance verlieren. Er hat noch zwanzig Jahre zu arbeiten!
Die folgende Prügelei bleibt einseitig. Sandors geschmeidige Virtualität hat der physisch-archaischen Gewalt aus der Old Economy nichts entgegenzusetzen. Sieg durch K.O. in der ersten Runde.
Dies führte nun eigentlich zum berechtigten fristlosen Rauswurf des Übeltäters, allein Sandor fühlt sich als Warhol-Wiedergänger und erkennt eine prägende Szene aus dessem Leben: Das Valerie-Attentat. So einen könnte er doch gut brauchen? Er trifft eine Management-Entscheidung.
Die Runde ist irritiert, dass Krusenstern nun wieder im Rennen ist. Offenbar verstehen auch sie die Regeln nicht ganz. Aber nach welchen Regeln würfeln die Affen? Der Personalchef hängt seinen Golfpullover in den neuen Wind, die Trainerin nimmt erneut seine Daten auf. War ja alles schon gelöscht.
Mitten im Gespräch entspringt ihr eine flammende Rede über Würde und Selbstachtung. Sie ahnt, dass die Probleme des Krusenstern bald auch die ihren sein werden.
Adam entwickelt seine Strategie zur Würdebewahrung, reicht die innere Kündigung ein und geht auf Sabotagemission am Betriebsklima. Auch übt er schon mal Fiesigkeit am schwächsten Glied der Kette, alles natürlich präzise abgehört von Sandors Spielzeugen. Dennoch will der ihn haben, für die Skeptiker-Rolle ist er die Idealbesetzung.
Schlussszene. Während Sandor von der Old-School-Vorstellung des Krusensternschen Meetings schwärmt und dieses am nächsten Tag mit seinem neuen Team als Retro-Kapitalismus zelebrieren will und die Personaltrainerin plötzlich nicht mehr gebraucht wird („Danke, wir melden uns“), verschwindet der Personalchef vollumfänglich in Krusensterns Gesäß.
Davon unangenehm aufgestoßen, steht Adam die ganze Absurdität der Situation plötzlich klar vor Augen. Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Weiterbeschäftigung? Er geht ab, ob er den Personalchef vorher noch ausscheidet, ist nicht zu erkennen. Den Dank, Firma, begehr ich nicht.
Game over.
Wie kommen Menschen mit den immer schnelleren Veränderungen in der Arbeitswelt zurecht? Wie agieren Menschen in Systemen, die sie nicht mehr verstehen? Wie reagieren Menschen auf die Tatsache, dass man sie als nicht mehr brauchbar einschätzt? Wie fühlen Menschen, die heute noch Vollstrecker und morgen schon Aussortierter sind? Wie gehen Menschen mit Macht um?
Alle diese Fragen werden angerissen in Hübners Stück, logisch, dass sie nicht komplett beantwortet werden können. Aber er bereichert damit eine Diskussion über mindestens zwei Zukunftsthemen, nämlich der von Personalchefs gerne so genannten „Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer“ (welche inzwischen bei Mitte Vierzig beginnen) und ganz nebenbei auch zur Relevanz von virtuellen Werten in der Ökonomie. Die Gegenpole Sandor und Krusenstern (alle anderen Figuren sind nur Mittel zum Zweck) repräsentieren die alte und die neue Welt, wobei das Neue nicht unbedingt gut sein muss, nur weil es das Neue ist. Irgendeiner muss den Jungen auch erklären, dass ein Geldschein nicht größer wird, wenn man mit der bekannten I-Geste zwei Finger auf ihm spreizt.
Ich habe zahlreiche nachdenkliche Gesichter nach draußen gehen sehen, unter den meisten waren Krawatten befestigt. Der nächste Tag wird ein Montag sein, da wird Vielen Vieles bekannt vorkommen.
Nach „Frau Müller muss weg“, jener Cash-Cow des Staatsschauspiels, wo es sehr präzise um den vergleichsweise beschränkten Bereich der Schullaufbahnwahl der lieben Kleinen ging, dreht Lutz Hübner jetzt ein größeres Rad, ist dabei aber ebenso genau in den Beobachtungen und hellsichtig in den Prophezeiungen. Man sollte das Stück (auch) auf Aktionärsversammlungen spielen.
Last but not least wie immer die Schauspieler:
Julia Keiling und Annedore Bauer als Gäste standen in den großen Pumps von Ina Piontek und vor allem Christine Hoppe, die die Premiere bestritten hatten. Frau Hoppe (auf deren baldige Wiederkehr sicher neben mir sehr viele hoffen) hatte ihre Personaltrainerin weiter nach vorne in der Wahrnehmung gebracht, Frau Bauer spielte zurückhaltender. Letzteres hilft sicher der Konzentration auf die beiden Antipoden, auch wenn die Ella in ihrer Ahnung, dass auch sie bald zu den Krusensterns gehören wird, eine sehr interessante Figur ist.
Thomas Eisen ist sehr präzise besetzt, eine Rolle wie für ihn gemacht, der er ohne Abstriche gerecht wird.
Christian Clauß in seiner ersten größeren Arbeit (noch als Student begonnen) sehr sehr authentisch, mit jeder Faser das verwöhnte Jüngelchen, dessen Spielzeug immer größer wird, dem man wegen seines wachen Interesses und seiner Begeisterungsfähigkeit aber nicht wirklich böse sein kann.
Der Krusenstern ist eine Figur, bei der man vorsichtig sein muss: Zu viele können da aus eigenem Erleben mitreden. Philipp Lux nimmt sich der Aufgabe in äußerst sensibler Weise an, er zeigt keine Karikatur, keinen Revoluzzer, auch kein Opfer, sondern einen Menschen, der die Welt um sich herum nicht mehr versteht und deshalb zweifelt, ob er noch dazu gehört. Bravo.
Ich las mit Freude, dass das Stück auch in dieser Saison auf dem Spielplan stehen wird. Also noch viel Zeit, um meiner Empfehlung zu folgen: Unbedingt ansehen!
