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Amerikanisch Roulette

„Amerika“ nach dem Roman von Franz Kafka in der Fassung von Pavel Kohout und Ivan Klima, Regie Wolfgang Engel, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 7. März 2015


Vielleicht ist das Dreh-Dings auf der Bühne ja auch eine Lotterietrommel für das amerikanische Roulette. Zu gewinnen gibt es dabei nichts, den american dream muss sich jeder selbst erfüllen, zur Not in der Imagination.

Bei den Arbeiten von Wolfgang Engel spürt man immer eine große Gelassenheit, hier muss niemand mehr etwas bewiesen werden, hier weiß einfach einer, wie es geht. Es geht auch anders, aber so geht es eben auch.

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Die verpasste Chance

„Katzelmacher“ von Rainer Werner Fassbinder, Regie Robert Lehniger, Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 2. März 2015

Eigentlich, liebes Staatsschauspiel, war das eine großartige Idee, Fassbinders Fast-Erstlingsfilm, der mit so wenig Geld auskommen musste, dass sich nicht mal eine Beleuchtung für Nachtszenen bezahlen ließ und der vielleicht auch wegen des Zwangs zur Bescheidung in seiner lakonischen Trostlosigkeit so überragend ausfiel, 45 Jahre später als Mischwerk aus Film und Theater auf die Bühne zu bringen.
Und eigentlich war auch der Ansatz, sich strengstens an die filmische Vorlage zu halten, sehr nachvollziehbar. Gut, des (Versuchs eines) Münchner Dialekts für die Darsteller hätte es nicht gebraucht, aber sonst? Die besten Voraussetzungen für eine grandiose Inszenierung waren zweifellos gegeben.

Aber …
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Mischpoke ist kein Schimpfwort

Mischpoke“ , eine jüdische Chronik von damals bis heute, Regie David Benjamin Brückel, Texte Dagrun Hintze, Uraufführung der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden am 28. Februar 2015

Die müssen sich wirklich nicht wundern.

Wenn man so perfekt sämtliche Vorurteile und Zuschreibungen, die über die Juden existieren, daherbeten kann und das auch noch mit offenkundiger Freude tut … Da können die doch froh sein, dass sich der besorgte Bürger im Moment andere Gruppen sucht, die dran schuld sind.

Aber der Judenhass hat nicht nur hierzulande Tradition, und Bräuche werden nicht nur im Judentum gepflegt. „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber …“ die Sprachschablonen sind wiederverwendbar.

Und dann schlagen die uns auch noch Zahlen-Daten-Fakten um die Ohren, dass es nur so knallt. Soso, es gibt also nicht „die“ Juden, sondern viele viele verschiedene, die sich nur darin einig sind, dass sie sich nie einigen können. Trotzdem sind die alle gleich. Als ob Fakten jemals etwas bewiesen hätten.

Besonders perfide ist es, das alles mit soviel Selbstironie und Witz vorzutragen. Das ist ja auch nur eine besonders raffinierte Form der moralischen Erpressung. Dass die noch lachen können, sogar über sich selbst … Die haben gefälligst die Shoa zu betrauern oder sich für Israel zu schämen. Am besten beides zugleich.

Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Palästinensertuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, weiß man von Hause aus nicht viel über die älteste der abrahamitischen Religionen. Bis heute ist auch im Dresdner Alltag wenig davon wahrzunehmen (was nicht vor der Sündenbock-Rolle schützen muss), die Synagoge steht zwar mittendrin, ist aber – von den einschlägigen Gedenktagen und der Jüdischen Kulturwoche abgesehen – nicht wirklich dabei. Ein guter Grund für die Bürgerbühne also, sich der Mischpoke anzunehmen.

(Bevor jemand den Korrektenrat anruft: Mischpoke steht im Hebräischen schlicht für „Familie“, der abwertende Unterton kam erst mit der Übernahme in die deutsche Umgangssprache hinzu.)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es der Bürgerbühne gelingt, mit ihren Akteuren ein derart breites Spektrum eines Themas abzudecken. Dabei zählt die jüdische Gemeinde in Dresden nur gut 700 Mitglieder, fast alle sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die Hälfte davon ist im Rentenalter. Trotzdem: Vom israelischen Kriegsdienstverweigerer (was dort bei weitem nicht so smoothie ist wie vor deutschen Musterungskommissionen) über einen jungen deutschen Konvertiten und Zuwanderinnen aus Russland, die vor allem für die Zukunft ihrer Kinder nach Deutschland kamen, bis hin zur Tochter des Kommunisten und Schriftstellers Max Zimmering spannt sich der Bogen der zehn Menschen, „Durchschnitt“ ist keiner von denen. Aber zusammen geben sie ein faszinierendes Bild von dem, was heute Judentum ausmacht.

Zum Glück ist das Gezeigte alles andere als Belehrungstheater, auch wenn man am Ende deutlich klüger hinausgeht. Zehn Biographien, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, breiten sich aus, werden überblendet, man ist sich durchaus nicht immer einig auf der Bühne (eigentlich eher selten), aber darüber dann schon. Neben dokumentarischen Erzählungen der Protagonisten gibt es zahlreiche Spielszenen, die meist mehr oder auch mal weniger gut gelingen. Am berührendsten für mich war die Darstellung der Musterung von Ehud Roffe im Zusammenspiel mit Faina Lyubarskaja und Katja Schindler, aber auch die Bühnenpräsenz von Thomas Feske und dem zwölfjährigen Joshua Lautenschläger beeindruckten, nicht minder die Auftritte der Mütter Nichame Eselevskaya und Nataliya Berinberg.

Klar wird, dass die angeborene oder empfundene Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben Identität stiftet, auch wenn die Ausländerbehörde keine jüdische Nationalität kennt. Wie man damit umgeht, entscheidet jede und jeder für sich selbst anhand der eigenen Erfahrungen. Und Israel ist für niemanden das „gelobte Land“, auch wenn die Haltungen zur Politik dieses Staates sehr unterschiedlich sind (wie übrigens bei den anderen Deutschen auch).

Die fast schon traurige Pointe: Juden sind wegen ihrer jahrtausendelangen Wanderungsgeschichte und den immer wieder nötigen Anpassungen der Prototyp des modernen Menschen, Kosmopoliten wider Willen, immer in mindestens zweien und damit zwischen allen Welten, mobil, heimatlos und frei, eine Avantgarde umständehalber. Dass das bloß nicht wieder jemandem Angst macht …

David Benjamin Brückel und Dagrun Hintze ist in ihrer jeweils zweiten Arbeit für die Bürgerbühne das Kunststück gelungen, ein äußerst komplexes Thema auf einen lehrreichen und dennoch unterhaltsamen Abend zu komprimieren. Unterstützt wurden sie dabei bestens von einer sehr raffinierten Aufklapp-Bühne (Jeremias Böttcher) und unaufdringlich-stimmiger Musik (Vivan und Ketan Bhatti).

Das Stück kommt (wenn auch ungeplant) zur rechten Zeit, um Herrn Netanjahus Aufruf zur Auswanderung etwas entgegenzusetzen. Nein, alle die hier sind sollen bleiben, egal welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Mehr als Mensch ist man sowieso nirgendwo. Dass sich auch niemand weniger fühlt, ist Aufgabe unserer Gesellschaft.

Verschwör Dich gegen Dich

„Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“ von Friedrich Schiller, Regie Jan Philipp Gloger, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 14. Februar 2015


Ein starker Abend. Gloger leichterte den schillerisch hochtrabenden Text sinnvoll und brachte eine Fassung auf die Bühne, die oftmals an Shakespeare erinnert und die der Berichterstatter gern auf der „Don Karlos“ – Ebene einordnet.

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Wenn er geschwiegen hätte … oder: Was gehört zu Sachsen?

Nein, auch wenn er geschwiegen hätte, der sächsische Landesvati, ein Philosoph wäre er damit weder geblieben noch geworden. Zu oft hat man schon Seltsames gehört von ihm, als dass dieser Titel angemessen wäre.

Bislang fuhr Tillich mit seiner vermutlich in Berlin abgeschauten Strategie, fein in der Deckung zu bleiben und nur im Notfall einen Standpunkt zu vertreten, recht gut. In Sachsen gewinnt man damit Wahlen.
Was mag ihn geritten haben, am heutigen (25.01.) Sonntag der „Welt“ ein Interview zu geben, in dem er neben viel Belanglosem, einigem Richtigen und einigem zumindest Streitbaren sich auch bemüßigt fühlt, Angela Merkels unlängst geäußertem klarem Standpunkt zu widersprechen: „… Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.“ Punkt. Treffer. Versenkt.

Tillich ist lange genug Politiker, um gewusst zu haben, dass die Journalisten genau diese Aussage zum Aufhänger wählen würden. Und selbst wenn er sich in diesen Fragen eine gewisse Naivität bewahrt haben sollte, gibt es doch genug Leute um ihn herum, die eigentlich dafür bezahlt werden, solche verbalen Fehltritte zu verhindern. Von einem Versehen kann man da also kaum sprechen.

Dabei geht es gar nicht um den Wahrheitsgehalt dieses Satzes. …

Der ganze Kommentar hier:
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Waldkommune „Schäferglück“

„Wie es euch gefällt“ von William Shakespeare, Regie Jan Gehler, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 17. Januar 2015

Ein Auftakt nach Maß: Vor einem einer Puppenstube gleichenden Guckkasten tänzeln die Darsteller in wunderhübsch farbenprächtigen Kostümen, beschnuppern sich paarweise, eine solche Poesie braucht keine Worte. …

Die erste Hälfte war wirklich ganz großartig, leider sackte das Stück nach der Pause doch spürbar durch. Details hier:

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Angst essen Anstand auf

Die Sächsische Zeitung hat heute, am 17. Januar 2015, unter der Überschrift „Vier aus Tausenden“ in ihrer wichtigen Rubrik „Die Seite Drei“ Statements von mit Bild und Namen abgebildeten Teilnehmern an den allmontäglich stattfindenden Spaziergängen abgedruckt. Die Kontakte kamen vor allem durch Leserbriefe zustande.

Es ist zweifellos sinn- und verdienstvoll, sich mit den Motiven der Spaziergänger auseinanderzusetzen. Für mich ist das kein Tabubruch der SZ, diesen Raum zu geben, zumal sich die Befragten damit keinen Gefallen tun. Zu offensichtlich wird, dass es jenen nicht vor allem an Intelligenz mangelt, sondern an dem, was eine – von mir aus auch „christlich-abendländische“ – Gesellschaft auszeichnet: Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz.

Das nach der Selbstbeschreibung „normale, aufgeklärte und informierte Bürgertum“ legt Wert auf die Feststellung, nicht zu den Nazis zu gehören, hat aber auch kein Problem, mit denen zu marschieren.
Im Wesentlichen werden zwei Kritikpunkte artikuliert:

1. Das politische System generell, die geringen Mitwirkungsmöglichkeiten und Wahlbeteiligungen sowie die gleichgeschalteten Parteien und Medien
Die Forderung nach Volksentscheiden auf Bundesebene kann, muss man aber nicht teilen, die nach einer Wahlpflicht erinnert dann doch sehr an früher. Beteiligung erreicht man am besten durch Beteiligung, und seiner Meinung zur politischen und medialen Landschaft Ausdruck zu verleihen, ist zum Glück nicht verboten. Insofern ist das öffentliche Aussprechen dieser Behauptungen zu akzeptieren in einer Demokratie, es wird soviel Unsinn verbreitet, da haben die –GIDAs auch ein Recht darauf.

2. Die (zu große) Zuwanderung und Asylmissbrauch im Sinne von „das Boot ist voll“ und „wir haben selber nicht genug“
Dass das Lebensniveau in unserem Lande auch für die ärmeren Schichten zu den höchsten weltweit zählt, werden sicher auch die Spaziergänger nicht bestreiten. Jedoch ziehen sie daraus den Schluss, dies sei mit allen Mitteln zu verteidigen, das wäre nunmal „unser Sozialsystem“, da könnte ja jeder kommen. (Man spricht übrigens durchgängig von „Asylanten“, der SZ halte ich da mal die angestrebte Authentizität zu Gute.)
Gibt es ein Menschenrecht auf Egoismus? Die Frage ist sicher falsch gestellt, aber es gibt mit Sicherheit ein Recht darauf, Egoismus als solchen zu benennen.

Eines wird deutlich: Die Spaziergänger erweisen sich trotz aller Wut vor allem als Angstbürger. Im Umkehrschluss zu einem berühmten Folk-Zitat – Unfreiheit ist, etwas zu verlieren zu haben – kann man die Marschierer auch als Gefangenenchor bezeichnen.

Angst essen Anstand auf, auch im Kleinbürgertum. Und so schämt man sich auch nicht, gegen Flüchtlinge als vermeintliche Sündenböcke zu demonstrieren. Schlimmer als die Armut ist wohl nur die Angst davor. Ist der Ruf erst ruiniert …

Kein appetitliches Bild, was da von den Montagswanderern entsteht, zumal man bedenken muss, dass das ja nur jene sind, die sich äußern können und wollen (daran kranken auch die kürzlich von der TU Dresden veröffentlichten Befragungsergebnisse der Teilnehmer). Wenn man die schweigende (bzw. nur im Sprechchor hörbare) Masse noch hinzu nimmt, ist der symbolische Straßenputz im Anschluss daran wirklich dringend notwendig.

Mein unlängst geäußerter Optimismus, diese gespenstische Szenerie würde sich auch in Dresden bald von selbst erledigen, ist kleiner geworden, aber noch nicht aufgebraucht. Und so hoffe ich weiter, dass langsam die Einsicht wächst, die Welt sei doch nicht so simpel wie in den Reden der Anführer. Vielleicht hilft ja auch ein Besuch in Gießen, dort, wo früher die DDR-Flüchtlinge aufgefangen wurden. Das wäre dann der richtige Bezug zu „’89“.

Das älteste Gericht

„Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt, Regie Roger Vontobel, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 9. Januar 2015

Essen ist nicht nur der Sex des Alters, man kann mit ihm auch eine heilige Messe feiern. Und nebenher zu Gericht sitzen, als Hauptgang sozusagen. Jenes Gericht ist zwar mit allen Zutaten in Pension, aber das MHD scheint noch nicht abgelaufen, zumal es von den Fesseln herkömmlicher Gesetzlichkeit befreit ist. …
Vier sehr alte Herren, denen die Klapprigkeit arg zusetzt, halten sich mit dem Spielen ihrer früheren Berufsrollen am Leben. Da sie allesamt im Justizapparat tätig waren, werden allabendlich bei Tisch die großen Fälle der Weltgeschichte nachgestellt. Aber ab und an verirrt sich auch ein Reisender zu ihnen, dann gibt es Gegenwartsbezug. Diesmal ist es der Textilvertreter Traps, den eine Panne im beschaulichen Alpendörfchen festhält und der arglos-dankbar die Einladung zum gemeinsamen Spiel annimmt.
Nur die Rolle des Angeklagten ist noch zu haben. In jener fremdelt Traps zwar anfangs, weil er sich reinen Gewissens wähnt, aber ihm kann geholfen werden. Am Ende richtet er sich selbst, schwer beladen von seiner Schuld.

Wie es dazu kommt, ist äußerst amüsant zu sehen, …

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Der Schweiß von Schimanski

„mein deutsches deutsches Land“ von Thomas Freyer, Regie Tilmann Köhler, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 30. Dezember 2014

Es ist alles schon gesagt.
Nein, ich will nicht auf den alten Kalauer „aber noch nicht von mir“ hinaus. Es ist wirklich fast alles schon geschrieben worden zu diesem Stück, das vor knapp vier Wochen Premiere hatte, auch in der Süddeutschen, auf nachtkritik.de, im Deutschlandfunk und in der taz wurde – völlig zu Recht – gejubelt. Mir bleiben da nur noch einige Anmerkungen zu Dingen, die ich nicht ganz gelungen fand.

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Im Abendlande wird es früher dunkel

Die Überschrift ist nicht logisch, aber vieles heutzutage ist nicht logisch. Warum fühlen zum Beispiel einige Menschen im Moment derartige Phantomschmerzen, dass sie deshalb allmontagabendlich durch die Dresdner Innenstadt promenieren anstatt sich am Glühwein zu berauschen und Bratwurstfett auf die Funktionskleidung zu kleckern?

Unter einem schlecht ausgedachten Kürzel, das mich an irgendetwas zwischen Sanitärreinigung und Mitropa erinnert, sammeln sich heute also die Nachfahren der Kreuzritter. Jene, so darf man wissen, rekrutierten sich aus den zweit- und folgendgeborenen und somit erblosen Söhnen des Landadels, die mangels heimischer Beschäftigungsaussichten das Kreuz zu den Ungläubigen und fette Beute mit nach Hause zu bringen gedachten. Ein Hoch auf die Friedfertigkeit heutiger Wirtschaftsflüchtlinge!
Diese frühe Form der Entwicklungshilfe stieß bei besagten Ungläubigen, die das mit dem Unglauben übrigens genau andersrum sahen, auf wenig Gegenliebe, spielt allerdings in der Geschichtsschreibung der islamischen Welt kaum eine Rolle. So erfolgreich können die Missionen also nicht gewesen sein.

Jene heutigen Ritter vom Kreuz durch den Halbmond verteidigen also auf den Dresdner Straßen montags zwischen 6 und 8 Uhr abends ihr Märchenland, das man immerhin noch aus der (schlechten) Fernsehwerbung kennt, wenn auch immer seltener. Zum Anführer hat sich ein Lutz aufgeschwungen, dessen Nachnamen ich vergessen habe und für den Herr Brecht seinen Arturo Ui umschreiben müsste: Etwas weniger Raffinesse, dafür mehr Schnauzbart. Vorerst zumindest kann der gewesene Kleinkriminelle noch den Obermacker machen, bis er für die Bewegung nicht mehr nützlich, sondern nur noch ein Idiot ist. Dann müssen honorigere Männer und Frauen aus dem Wutvolke ran, ohne Vorstrafen, von Steuerdelikten vielleicht abgesehen, die sind ja eine Form des Widerstands gegen den von den Alis unterwanderten Staat.

Von „christlich“ ist übrigens in der putzigen Benamsung der Wandertruppe nicht die Rede, es bringt also auch nichts, an deren Nächstenliebe zu appellieren. Bis zum Übernächsten würde die ohnehin kaum reichen.
Wenn man aber so ausdrücklich „gegen“ etwas ist, liegt die Frage nach dem „Für“ nahe. Christianisierung? Hm, eher nicht. Religionsfreiheit? Gerne doch, ist aber mit dem „gegen“ nur bedingt kompatibel. Arisierung? Leider schon negativ besetzt.
Man merkt, den Freiheitskämpfern an der Heimatfront fehlt noch ein PR-Berater, mit dagegen allein kriegt man heutzutage keine Punkte mehr auf Dauer.

Wenn man das Thema mal quantitativ beleuchtet, relativiert sich dann doch vieles: Von den 15.000 Marschierern jene abgezogen, die als Volksdarsteller bei jeder dieser Gelegenheiten von Schneeberg bis Hoyerswerda präsent sind und jene, die das Umland bevölkern, bleibt allerhöchstens ein Prozent der Dresdner Bevölkerung, das sich hinter den vaterländischen Bannern versammelt. Und von denen hält sicher die Hälfte die Yenidze für einen Brückenkopf des Islam in unserer unschuldig-schönen Stadt.

Das soll jetzt nichts verharmlosen, auch mir ist klar, dass die mediale Reichweite deutlich größer ist als den paar Hanseln rechnerisch zustünde. So sind nun mal die Gesetze im Infotainment. Ob man das aber nun gleich willfährig als Niederlage verbuchen muss, wenn sich auf der anderen Seite einmal ein paar weniger der Mühe unterzogen haben, das Bild von Dresden wenigstens halbwegs zu retten, weiß ich nicht. Damit gibt man dem Gelatsche eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt.

Bald ist Wintersonnenwende, die Tage werden wieder länger. Dann wird vielleicht auch Licht in den Hutznstubn des deutschen Geistes. Und bis dahin wünsche ich ein sehr unchristliches Wetter an jedem Montag abend.

Schalom,
Teich El Mauke