Der Totmannknopf im modernen Theater

Sechs ältere Herren und die Bühne*

MDR Figaro – Café „Was heißt Theater heute?“ am 16.09.12 im Schauspielhaus Dresden

 

*Gut, man soll nicht mit Zitaten werfen, wenn man im Altglashaus sitzt, aber das wird man wohl noch sagen dürfen?!

 

Schweres Parfum liegt über dem Foyer, das Dresdner Bildungsbürgertum aus Loschwitz und Umgebung ist vollzählig angetreten. Der MDR huldigt dem Staatsschauspiel Dresden zum 100. mit einem Figaro-Radiocafé, das verpasst man nicht.

Zielgruppengerecht wird die ZEIT angeboten, auch ich lasse mich becircen, der 111 Fragen gedenkend, die im dieswöchigen Magazin drin stehen. Da gibt es bestimmt auch hübsche Bilder zu.

Schamhaft gebe ich die bunte Tüte aber an der Garderobe an, muss ja nicht gleich jeder sehn.

 

Die nächste Versuchung: Der Figaro – Stand hat hübsche give-aways. Der Kuli schreibt sogar, und ich erfahre am Rande, dass die Marketing-Fuzzies vom MDR „Hauptabteilung Kommunikation“ heißen. Soll ich lachen oder weinen?

Es dürften im Saal einige zu finden sein, die mit diversen Hauptabteilungen schon zu tun hatten. Ja, des MfS meine ich. Aber das muss man nicht wissen als schwäbischer Organisationsentwickler.

 

MDR Figaro, der beste und einzige Kultursender in ganz Ostmitteldeutschland, hat geladen. Live-Übertragung? Ogott, ich bin gar nicht rasiert! Radio, ach so. Na gut.

So sieht also der Bille aus. Er wärmt erstmal auf und entschuldigt sich für die reine Männerrunde. Die Damen hätten alle keine Zeit gehabt. Nun ja. Ich will es mal glauben. (Auch wenn ich ein Freund des Spruches „Mädchen sein allein ist keine Tugend“ bin, hätte der Debatte Weiblichkeit sehr gut getan, z. B. Friederike Heller, die vorgestern erst mit der Dreigroschenoper einen fulminanten Erfolg feierte, hätte gut aufs Podium gepasst.)

 

Für die weitere Zusammensetzung der Runde entschuldigt sich Thomas Bille nicht, obwohl er allen Grund dazu hätte. Es diskutieren über das Theater von heute: Zwei Intendanten, ein Alt-Intendant und Alt-Regisseur sowie zwei Groß-Kritiker. Theater wird beim MDR offenbar von oben gesehen. Oh, hat der Himmel keinen Nachwuchs mehr? Kein frischer Autor, kein junger Regisseur und natürlich auch keine Schauspielerin hat es in die Runde geschafft. Wozu auch. Der Ansatz der Veranstaltung ist offenbar ausschließlich huldigend angelegt. Aber dazu später.

 

Bille witzelt sich durch den Soundcheck, latscht treffsicher in das Fettnäppchen „Waldschlösschen“-Brücke und plaudert aus dem Nähkästchen des Radio-Marketings. Er hat das Publikum im Griff, vor allem die älteren Damen stehen sehr auf ihn. Unter uns Pfarrern nennt man die Kanzelschwalben, aber das gehört hier nicht hin.

 

Hilfreich der Hinweis, dass man das Ganze auch als podcast auf figaro.de nachhören kann. Nun kanns losgehen, wir warten auf das Ende der Verkehrsdurchsagen.

Übrigens, weil es gerade passt: Kann mir jemand mal den Sinn der „Blitzer“-Warnungen auf Figaro erklären? Die Zielgruppe fährt doch eh mit Hut.

Gut, kein Witz ist zu billig, um unter den Tisch zu fallen, aber ganz im Ernst: Mich piepen diese blöden Durchsagen an, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da der Einzige bin. Letztlich ist das Strafvereitelung, und neben einer katzbuckelnden Anschleimerei an die Auto fahrende Hörerschaft kann ich da keinen Sinn entdecken.

 

Jetzt also live, sonor kommt nochmals die öffentliche Buße zur nicht erfüllten Frauenquote, dann geht’s los. Das Parkett ist gut gefüllt, ich habe keine Lust zu rechnen, knapp 500 Menschen werden es wohl sein.

Die erste Frage nach der persönlichen Erweckung der Theaterbegeisterung ist so erwartbar wie die Antworten, nur Wolfgang Engel (Alt-Intendant des Schauspiel Leipzig und renommierter Regisseur) tanzt aus der Reihe: Seine alleinige Zwangsteilnahme im zarten Alter an Hamlet erinnert mich an die Blechtrommel, Oskar wurde dort allerdings aus sehr eindeutigen Gründen im Spielzeugladen abgegeben. Aber ich will hier nichts unterstellen.

Schön das Zitat „Theater ist dort, wo es schön ist“.

 

Damit hätte die Runde eigentlich enden können, aber es ist noch viel Zeit bis zur nächsten Sendung (originellerweise das Chor-Magazin, den Scherz versteht man vielleicht erst später). Thomas Bille schmunzelt sein „Was-bin-ich-für-ein-toller-Hecht“ – Schmunzeln und übergibt erstmal ans Klavier (Stephan König).

 

Danach geht es um die Definition. Peter Michalzik (u.a. Frankfurter Rundschau) hat ein Buch geschrieben, in etwa „Die sind ja nackt und wollen nur spielen“, eine Art Gebrauchsanweisung für heutiges Theater. Die will ich lesen und hoffe, sie ist nicht so unverständlich wie die meiner Waschmaschine. Theater ist eine Art Gottesdienst, ja, und dass zweieinhalbtausend Jahre alte Worte heute immer noch funktionieren, ist ein Mysterium. Nochmal ja.

Winfried Schulz als Hausherr stellt dann klar, dass Theater immer nur in Bezug auf die Gegenwart stattfinde und kein Museum sei. Keine Widerrede, ist so.

Ein wenig streitig dann seine These, dass der Text nur eine Dimension von mehreren im komplexen Erlebnisses Bühnenstück sei, neben Licht, Bühne, Gestik usw.. Er erntet leisen Widerspruch, auch ich würde dem Text schon das Primat zubilligen, wir sind ja nicht beim Ballett.

 

Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT, begeistert sich für die Klassiker als das Öl für die Theaterlampe, dank der Sprachgewalt der Texte sei alles herausholbar, fast jede aktuelle Interpretation sei möglich.

Der Intendant des DT Berlin, Ulrich Khuon, der gleichzeitig den Deutschen Bühnenverein repräsentiert, bezeichnet die Dialoge als Kampf, der Zuschauer habe Gelegenheit, an Konfrontationen teilzunehmen, die im „richtigen Leben“ oftmals nur unterschwellig ausgetragen würden.

 

Man ist sich sichtbar einig, dass man dem Zuschauer nicht nach dem Munde spielen dürfe, und dass es das homogene Publikum ohnehin nicht gäbe. Phantasie wäre zu jeder Vorstellung mitzubringen.

So weit, so banal. Das Gespräch plätschert auf hohem Niveau dahin, die einheitlich unkrawattierten Herren sind entspannt und souverän.

 

Herr Schulz zündelt ein bisschen, als er das Theater als großen Verschwender bezeichnet, das nicht recht haben müsse, sondern nur Vorschläge mache. Mir persönlich wäre das zu unverbindlich, und ich glaub auch nicht, dass er das so meint. Theater hat eine Verantwortung, dafür wird es von allen bezahlt und dazu ist es schlicht da. Das Wort „Bildungsauftrag“ scheint mir gerade groß genug. „Kritisches Dafür-Sein“, auch das trifft es.

 

Khuon schlägt den Bogen zu den zwischenmenschlichen Beziehungen, die auch ausgeleuchtet gehören, schließlich ist Mensch hier sonst mit sich ziemlich allein. Wie leben wir miteinander? Und warum? Und warum nicht anders? Am Theater werden ständig Konflikte ausgetragen, der Zuschauer muss Differenzen aushalten. Man kann nicht alles den Psychotherapeuten überlassen.

 

Der folgende Schwenk zur Stütze der Demokratie misslingt. Ich frage mich, wo Thomas Bille seine krude These hernimmt, dass Theater in Diktaturen besonders gut funktioniere. Hat er nie „Mephisto“ gesehen? Dass man das für die DDR halbwegs behaupten kann, zeigt ja nur, dass nicht mal die Diktatur hier richtig funktionierte.

 

Kümmel beschreibt dann sehr poetisch, dass jeden Abend um 20.37 Uhr auf hundertfünfzig deutschen Bühnen ein Wunder geschehe. Ja, so ist es. Eifriges Nicken eint die Runde, alle lieben das Theater. „Die Luft sei freier am Theater“, auch das stellt niemand in Frage.

Der Vorteil der Runde, der Verzicht auf den üblichen Talkshowklamauk, ist auch ein Nachteil. Es nimmt kaum jemand Bezug auf einen anderen, eigentlich sind das fünf parallele Interviews.

 

Die Diskussion über Demokratie am Theater wird dann ein bisschen putzig. Der Ponyhof, der da geschildert wird, dürfte den Realitätstest nicht überstehen, und die bösen Patriarchen, die brüllend über die Bühne marschierten, sollten (auch) an den Ergebnissen gemessen werden.

Wolfgang Engel endlich spricht es aus. Der Theaterbetrieb ist per se undemokratisch, und das ist gut so. Außerdem könne er als alter Intendantensack gar nicht richtig mittuten im Kanon der Basisdemokratie.

 

Thomas Bille schwenkt zur Bürgerbühne. Ein Dresdner Unikat, mit dem Antritt von Wilfried Schulz gegründetes Erfolgsmodell eines Theaters von Bürgern (mit professioneller Unterstützung) für Bürger. Die „Spezialisten des Alltags“ geben hier authentisch Auskunft. Der Beschreibung, dass hier (nur) Menschen am Rande ein Podium gegeben würde, widerspreche ich allerdings energisch. Die Bürgerbühne ist in der Mitte der Gesellschaft genauso beheimatet wie an deren Rändern.

Schulz lässt sich voller Begeisterung dazu hinreißen, der am Vortage phänomenal gestarteten „Jungfrau von Orleans“ 30 Abende in dieser Saison zu versprechen. Na schaunmermal. Seine emphatische Erklärung des Ganzen, sein Bild des „Wärmestroms mit der Stadt“ und seine Hervorhebung von Miriam Tscholl, die das Ganze verantwortet, sind dann aber der stärkste Teil des Nachmittags.

 

Bille fragt listig nach dem cleveren Geschäftsmodell, mit Freunden und Verwandten der Darsteller das Haus zu füllen, aber Schulz lässt ihn abtropfen. Ja, klar, auch das, aber nur ein angenehmer Nebeneffekt.

Herr Khuon ist ein wenig pikiert (gehört so was nicht eigentlich nach Berlin?) und versucht zu relativieren. Allein, ohne Kenntnis der Details – was man ihm kaum vorwerfen kann – geht das ins Leere.

(Ein schöner Anschauungsunterricht zu den vielen Vorzügen und tolerierbaren Nachteilen der Bürgerbühne war am selben Abend übrigens „Ja, ich will.“ im Kleinen Haus, wieder ein beeindruckendes Beispiel für Ausdrucksstärke und Öffnungsbereitschaft der Darsteller.)

 

Nachdem berechtigterweise die Layouter der Hefte zur 100. Saison gelobt werden, schießt Thomas Bille ein schönes Tor mit dem Vergleich des Wiener Burgtheaters mit dem FC Bayern. Wilfried Schulz fühlt sich aufgerufen, den Tote-Hosen-Song „Ich würde nie zum FC Bayern gehen“ im Geiste anzustimmen, den man den jeweiligen Interpreten immer solange glaubt, bis sie mit dem haifischgrinsenden Uli Hoeneß die erste Pressekonferenz im neuen Sportdress geben.

Aber im Ernst: Man erklärt die Singularität der Wiener Burg als Staatsreligionsersatz und bekennt sich trotzdem zum Wettbewerb. Leider wird das Thema, ob Dresden nun in der obersten Liga mitspielen solle und wolle, nicht weiter vertieft. Man ist ja zum Feiern da.

 

Ebenso wenig vertieft man, ob die von Khuon erwähnten 1.800 Euro (brutto!) als Einstiegsgage für einen Schauspieler geeignet sind, die Klasse zu halten. In diese profanen Niederungen wollen wir uns heute nicht begeben.

 

Die Konkurrenz zum Film wird noch verhandelt, es wird beklagt, dass durch die Mikro-Ports das klassische Sprechtheater stark verändert würde.

Sehr bedenkenswert dann die Ausführungen von Kümmel zu modernen Inszenierungsmitteln, die er mit dem ADHS-Syndrom vergleicht. Aller fünfzig Sekunden muss ein Blitz kommen, damit der Zuschauer nicht wegdämmert. Die Analogie zum „Totmannknopf“ (der Sicherheitsfahrschaltung auf Lokomotiven, die im Schnitt aller 50 Sekunden betätigt werden muss, damit der Zug nicht zwangsgebremst wird und die Rückfallebene beim Umkippen des Lokführers darstellt) ist wirklich originell. Doch auch hier entspinnt sich keine wirkliche Debatte.

 

Ein kleiner Missklang: Sebastian Hartmann kriegt noch sein Fett weg. Nachtreten ist unfair und keiner der beiden Beteiligten hat das nötig.

 

Das Ende fast Poesie: Die Beschreibung der Möglichkeiten von Theater, Khuons Merksatz „Widersprüchlichkeiten erleben, aushalten, bewältigen“ und das „Recht auf Scheitern“ (nicht ausdrücklich erwähnt, aber neulich von Herrn Koall sehr schön auf den Punkt gebracht) zeugt eine noch harmonischere Runde.

Das Theater ist nicht totzukriegen, so das gemeinsame selbstgewisse Fazit, das Gemeinschaftsgefühl eines Schau-Spiel-Erlebnisses sei nicht zu digitalisieren. Auch das will ich gern glauben.

 

Wie soll man das nun einordnen?

Außer den bereits erwähnten Besetzungsmängeln ist kaum etwas zu bekritteln, wenn man bedenkt, was Zweck der Veranstaltung war:

Eine Art Ehren-Kolloquium wie für den Emeritus, der schon fünfzehn Jahre im Ruhestand ist und sich immer noch bester Gesundheit erfreut. Da gibt es ein bisschen Fachliches für den Rahmen, aber eigentlich freuen sich alle, mal wieder beieinander zu sein (und einige auch, überhaupt dabei zu sein). Und dann gibt es ja auch noch ein schönes Buffet.

 

Ein Sonntagnachmittag ohne große Erkenntnisse, aber mit dem guten Gefühl, dass man nicht allein ist mit seiner Theaterliebe.

Aus der Zukunft der Ehe

„Einsame Menschen“ von Gerhart Hauptmann, Regie Julia Hölscher, gesehen am 20.02.12 im Staatsschauspiel Dresden

 

Familiäre Harmonie, der Teppichboden schluckt jedes laute Geräusch, die heimeligen Stehlampen dimmen die Emotion. Und gleich wird gegessen.

Doch Johannes entzieht sich, miesepetert sich durch den Stückanfang, demütigt seine Frau ohne Unterlass und gibt sich unverstanden. „Du hast ja wenigstens mich, aber wen hab ich?“ Seine verheulte, verzweifelt um Beachtung ringende Käthe fühlt sich ungeliebt und überflüssig, trotz des kürzlich geborenen Nachwuchses. Mutter und der Freund des Hauses schauen dem Treiben hilflos zu.

Auftritt Anna, Epikur dient als Brücke zu Johannes, der Haus-Tyrann entdeckt die Poesie. Kurzzeitig weitet sich die Szenerie zu einer Idylle, selbst Mama Vockerath ist endlich mal glücklich.

Natürlich hält das nicht lange (was solln denn die Nachbarn sagen), aus Mama wird Miss Trauisch, die argwöhnisch über dem Geschehen thront, Käthe ist noch verunsicherter. Und zerreißt prompt Johannes’ fundamentale Gedankenketten. Was muss sie auch grad jetzt mit dem blöden Thema Geld kommen?

Johannes konstatiert seine mangelnde Eignung zum Familienvater.

Unerträglich tickende Uhren kündigen die Tragödie an, eine erste Explosion der Gefühle ist nur der Vorbote, die Kartenhäuser wackeln.

Was des einen Leid wäre, könnte der anderen Freude sein, aber Annas Abschied bleibt unvollendet. Das Unheil nimmt pflichtbewusst seinen Lauf.

Braun, Freundfeind von Johannes, versucht jenem Vernunft einzuprügeln, oder zumindest das was er dafür hält. Familie oder Anna, die Schablonen sehen ein „und“ nicht vor.

Ein neuer, höherer Zustand zwischen Mann und Frau? Anna und Johannes tanzen den Blättertanz, es kommt zur geistigen Vereinigung, beobachtet von fiebrig glänzenden Käthchenaugen.

 

Anna will gehen und doch wieder nicht, Braun hilft auch nicht wirklich bei der Entscheidung. Der herbeigerufene Vater hat Johannes nicht mehr als „es kommt auf den Gehorsam an“ zu bieten, ein Hinweis, den Johannes wohl nicht mal akustisch versteht.

„Irgendwann will ich auch mal an mich denken!“ Der Kopf ist wüst und leer.
Das Ende in Melodramatik.

„Wenn wir uns wiedersehn, haben wir uns verloren“, die Logik erschließt sich nicht sofort.

Ein erster, letzter Kuß. Abgang Anna.

„Und nun musst du wieder froh und glücklich sein.“

Aber im Hintergrund droht schon der Müggelsee.

 

Tja, was soll man da noch sagen? Hauptmanns frühes Werk, mit Ende Zwanzig geschrieben, handelt – leicht versimpelt – davon, was ein Mensch dem anderen sein soll und ob man alle Ansprüche in einem Menschen befriedigt sehen kann. Und ob es legitim ist, den Kreis der Lieben zu erweitern, wenn dem nicht so ist.

In Hauptmanns Stück scheitert dies an gesellschaftlichen Konventionen, aber nicht allein daran. Die inneren Barrieren der Protagonisten sind zu hoch, die erlernten Verhaltensmuster zu stark. Und damit bleibt es aktuell.

 

Julia Hölschers Inszenierung verzichtet auf eine äußerliche Transkription in die Neuzeit, was dem Stoff gut tut. Wie schon z.B. bei „Adam und Evelyn“ und dem „Käthchen von Heilbronn“ gibt es zum Glück keine Schnörkel und zuschauerquälende Pirouetten auf der Bühne. Die straffe Erzählweise und auch die klug eingesetzte Musik (und gerne nochmal: die tickenden Uhren) bieten den Schauspielern einen guten Rahmen um zu glänzen.

Lars Jung hätte, wenn er als Fußballtorwart angetreten wäre, wenig Bälle zu halten gehabt, tat dies aber souverän. Philipp Lux gab glaubhaft einen nicht recht greifbaren, undurchsichtigen Braun. Fabian Gerhardt war herzlich unsympathisch, wenn er seine Frau quälte, und glaubwürdig in seinem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben.

Das Damen-Trio hatte aber die Nase vorn: Hannelore Koch als besorgte, von ihrem Sohn entsetzte und die Liebe auf die Schwiegertochter übertragende Mutter ging mir nahe. Annika Schilling (eingesprungen für Ina Piontek) war eine selbstbewusste, offene Anna, die am Ende konsequent den Schnitt macht, zu dem Johannes nicht in der Lage ist. Bei mir aber ganz oben: Ines Marie Westernströer, die die Käthe mit einer Hingabe spielte, die mich wirklich mitleiden ließ. Grandios die kleinen Gesten, der Gesichtsausdruck, grandios aber auch ihr Ausbruch in der Mitte des Stücks.

 

Mein Schauspielführer behandelt „Einsame Menschen“ nur unter „Hauptmanns weitere Stücke“. Das ist ungerecht. Ich finde, zumindest in der hiesigen Inszenierung sollte man das gesehen haben.

 

Mutter Vater Achterbahn

„Vater Mutter Geisterbahn“ von Martin Heckmanns, gesehen am 15.02.12 im Staatsschauspiel Dresden

 

Der Boden dreht sich unter den Füßen weg, und es wird immer schwüler. „Beste Voraussetzung für die Kunst, die Realität nicht mehr sehen zu können“? Hier wird sie überdeutlich. Trotzdem Kunst.

Eine Kleinfamilie namens Klein versucht die (verbliebene) Kraft des positiven Denkens für die Alltagsbewältigung zu nutzen. Einmal Eltern, immer Eltern, das war vorher so nicht klar. Das Kind Otto soll durch Überforderung einschlafen, interessanter Ansatz.

Mutter Anne flüchtet aus Überforderung, kehrt aber zurück. „Jetzt bin ich wieder hier.“ So halbwegs. „Mutti, was willst Du eigentlich mal werden?“ Vater Johann wiederholt sich. Und Bildung schadet eigentlich nur im Beruf. Zumindest wenn man im Copy-Shop arbeiten muss.

Das Kind verweigert seine Rolle und übertritt diese gleichzeitig. Bei mir macht er das nie … Ein Alltag ohne Kraft und Zuversicht. Die ganze Zeit geht es so nicht mehr weiter.

Ernst oder Spiel? Ein ernstes Spiel mit verborgenen Regeln. Der Satz „Kann es sein, dass du mal wieder mit mir schlafen willst?“ wird in der Betonung so oft variiert, bis er die ganze Breite des Ehelebens abbildet.

Den Kernsatz des Stücks hier unkommentiert in epischer Breite: „Ja, ich habe geträumt, dass ihr beiden nur noch ein Paar seid, weil ihr Angst habt vor der Altersarmut und dass ihr euch nicht trennt, weil ihr niemanden mehr findet und dass ich nur dazu da bin, um am Ende die Schuld gehabt zu haben an eurem verpfuschten Leben.“

Dann doch nochmal alles auf Anfang, die Inszenierung von Otto als einziger Lebensinhalt, einzig verbliebene Gemeinsamkeit der Eltern. Ein halbwegs gutes Leben reicht doch auch, um in den Himmel zu kommen. Oder nicht?

Was verstehst du unter „verstehen“? Das Kind Otto hat keinen Vergleich, es sind die einzigen Eltern, die es je gehabt haben wird.

Am Ende ist Otto weg. Die Eltern haben erreicht, was sie wollten, nämlich einen selbständigen Menschen zu erziehen und sind über das konkrete Ergebnis doch bestürzt. Er war alles, was sie hatten, alles, was sie zu verlieren hatten. Nun haben sie nur noch sich selbst. Viel Spaß dabei. Schlafen kann man nur alleine.

Bühne (ein karges Wohnzimmer, oft in Rotation befindlich) und Kostüme (unspektakulär, aber gut) bieten den drei sehr gut agierenden Schauspielern Christian Erdmann, Robert Niemann und Nele Rosetz einen angemessenen Rahmen. Letztere ragt dank der vielschichtigeren Rolle noch etwas heraus.

Der unsentimentale und lebensnahe Text von Martin Heckmanns kann einem durchaus Angst machen, wenn man über Familienplanung nachdenkt. In den einschlägigen Vorabendprogrammen aller relevanten Sender ausgestrahlt, würde er sicher zu einem zu einem neuen Pillenknick führen. Aber damit ist vermutlich nicht zu rechnen.

Fazit: Ein beeindruckendes Gegenwartsstück, realistisch und ohne Schnörkel auf die Bühne gebracht. Sehr zu empfehlen.

Impressionen vom spanischen Hofe

Don Carlos von Friedrich Schiller im Staatsschauspiel Dresden (seit 2010)

 

Rache. Liebe. Raserei. Hoffnungslosigkeit am Ende.

Das wahnwitzige Bühnenbild sammelt nach dem ersten Akt alle Freiheit ein und fährt die Mauern hoch.

Carlos trifft auf die verliebte Eboli. Scheiße, da kommt er kaum mehr raus. Wär er mal geblieben.

„Wer mich entbehren kann wird Wahrheit für mich haben“. Vielleicht.

Das Leben ist so erstaunlich schnell vorbei.

Ein sturzbetrunkener, von allen sich betrogen fühlender Philipp schlägt seine Frau. Das Verhängnis nimmt endgültig seinen Lauf.

Posa steigt zum Höhepunkt der Macht und fällt tief. Auch Carlos muss bezahlen. Und Elisabeth. Die Eboli sowieso. Schiller ist nicht als Humorist bekannt.

Und am Ende hat Mielke alles gewusst und ist doch vor der Zeit um sein Werkzeug betrogen.

Philipp wird zwischen seinen Hunden grau.

Gedanken über Barbara

„Barbara“, ein Film von Christian Petzold, 2012

 

Es ist ein ganz großer Vorzug dieses Films, das er die Vorgeschichte nur soweit es unbedingt nötig ist erzählt. Es bleibt sehr viel Platz für Phantasie, und man kann sich unbelastet voll auf die Handlung in der Gegenwart konzentrieren.

Petzold setzt einiges voraus, man sollte die Gegebenheiten der späten DDR einigermaßen kennen, um begreifen zu können, was da geschieht. Die Hausdurchsuchungen bei Barbara z.B., ein normaler Westeuropäer begreift das gar nicht.

Die Titelheldin ist anfangs fast ein wenig zu kühl, zu angstfrei. Abgestumpft durch lange Schikanen, das sicherlich. Ihr Wille, rauszukommen, erklärt sich aber weniger aus der etwas klischeehaften Beziehung zum Westfreund als eher aus den Umständen, unter denen sie nun leben muss, nach einem Ausreiseantrag vor einiger Zeit.

Andre als nach einem „Vorfall“ in die Provinz versetzter verhinderter Wissenschaftler strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, er scheint unerschütterbar, selbst dann, als ihm (zum ersten Mal vielleicht) die hässliche Fratze des Sozialismus konkret in Form der Schikanen gegen Barbara begegnet. Sein vorsichtiges und doch beharrliches Werben um sie lässt sich nicht von ihrer Schroffheit und ihrem Misstrauen abwürgen, aber auch er ist hilflos, als sie plötzlich weg ist. „Die kommt nie wieder“, weiß der Stasi-Mann.

Stella, das junge, schwangere Mädchen aus dem Werkhof, bringt mit ihrem unbändigen Freiheitswillen die Geschichte immer wieder voran. Am Ende gleitet sie statt Barbara mit dem Schlepper am nächtlichen Ostseestrand in Richtung Freiheit, man fiebert, dass sie es schaffen möge.

Barbara hat ihren Platz auf dem Boot hergeschenkt für sie, und nicht nur das: Auch eine Zukunft im Westen, eine Partnerschaft mit dem Westmann, alles, was es nur „drüben“ gibt. Sie wählt den schweren Weg zurück, in eine feindliche Umgebung, als einzige Stütze Andre, vielleicht.

Der Film spielt im Jahr 1980. Noch über neun Jahre bis zur Wende. Es lohnt sich nachzudenken, was passieren wird.

Ein Paar werden Andre und Barbara bestimmt, aber dauerhaft? Wie lange wird man ihren schädlichen Einfluss dulden? Dann vielleicht die nächste Provinz für Frau Dr. Barbara. Wird ihre Liebe das aushalten?

Oder deckt der Stasi-Offizier aus Dankbarkeit für das, was Andre für seine krebskranke Frau getan hat, die beiden? Finden sie dort eine Nische und überwintern, bis sich die Verhältnisse irgendwann ändern?

Es bleiben viele Fragen offen, gut so. Der Film entlässt einen mit Hausaufgaben, viel Stoff zum Nachdenken.

 

Wenn auch gänzlich anders angelegt, Parallelen zu „Das Leben der Anderen“ drängen sich auf. Auch hier eine realistische Beschreibung der DDR-Wirklichkeit, ohne Verklärung, aber auch ohne Denunziation. „Barbara“ ist noch mehr im Alltag angesiedelt, die (wenigen) Protagonisten sind glaubwürdig gezeichnet, auch wenn es letztlich nur um die beiden Hauptpersonen geht.

 

Ronald Zehrfeld war für mich eine absolute Entdeckung, mit ganz sparsamen Mitteln vermittelt er ein Bündel von Emotionen. Er ist in jeder Sekunde absolut glaubhaft, sein Zweifeln zwischen den eingelernten Wahrheiten und der erlebten Realität ist fast körperlich spürbar.

Nina Hoss, deutlich renommierter, lässt ihre Barbara anfangs kalt und stumm erscheinen angesichts dessen, was ihr widerfährt. Der Zwiespalt zwischen der möglichen Flucht einerseits und ihrer Sorge um Stella und der aufkeimenden Liebe zu Andre ist ihr dann an Körper und Augen abzulesen. Man zittert mit ihr, wenn sie am Ende durch den dunklen Wald in eine ungewisse Zukunft fährt.

Ein letzter Satz: Der Film ist mehr wert als alle gutgemeinten Wende-Denkmale zusammen.

Kettencarussell im Schlachthof

(Anmerkung 25.08.13: Früher hieß der Text anders. Aber da dies auch die Grundkomposition des beliebten Molotow-Cocktails beschrieb, gingen die Klickzahlen auf einmal dank der Suchmaschinen durch die Decke. Deswegen hab ich es geändert, fremde Federn brauch ich nicht)

In Sachsen sollte man vorsichtig sein mit solchen Zeilen.

Kettcar (am 1.3.12 im Schlachthof) war mir bislang nicht als Tanzkapelle bekannt, das muss ich korrigieren. Der Saal hüpft von Anfang an wie bekloppt und hat recht damit. Er ist uebrigens gefüllt nicht nur mit der Mitte der Gesellschaft, sondern auch mit den symphatischen Rändern derselben. Erstaunlich textsicher die Meute, die CD ist doch erst neulich …? Da kann ich nicht mithalten.

Im Falle dieser Combo wäre die Ausgabe von Textheften sinnvoll, so wie das andere Religionsgemeinschaften auch handhaben. So lauscht man der einen Zeile hinterher und verpasst die beiden nächsten, was schade ist, weil die voll ausm Leben sind. Zwar besteht das Leben nicht nur aus Kotze im Haar, aber eben auch.
Zur Nachbereitung bleibt die CD.

Das Licht – um das nicht wieder zu vergessen – passte. Nicht weniger.

Musikalisch? Irgendwo auf dem Weg von Sterne zu Tocotronic. Aber noch nicht weit gekommen, was nicht schlimm ist. Da war eh eine Lücke. Genau dort.
Die Band (irgendwie sehn die gar nicht aus wie Musiker), einheitlich und wohltuend schlicht gewandet, ist keine für die großen Hits, aber für ein konstant hohes, abwechslungsreiches Niveau. Es macht Spass zuzuhören, auch wenn man nicht zum harten Kern gehoert.

Euphorisch ist das Publikum, mit jedem Titel mehr. Nach dem Zugabenblock, der von meinem Favoriten „Am Tisch“ gekroent wird, dann ein effektvoller Abgang, der dann doch nicht endgültig ist: die Mannschaft verlässt einer nach dem anderen die unsinkbare Bühne, der Schlagzeuger geht als Letzter. Da weiß man, wer wirklich die Hosen anhat.

Die Begeisterung ist am Ende beidseitig, die Kapelle ist sichtlich gerührt von der Dresdner Ekstase.
Feines Konzert.

Macht immer was euer Herz euch sagt. Das kann man getrost mit nach Hause nehmen.

Meisters Werk und Teufels Beitrag

[„Der Meister und Margarita“ nach dem Roman von Michail Bulgakow, gesehen am 16.03.12 im Schauspielhaus Dresden]

 

In Kürze: Der Roman von Michail Bulgakow wurde von Felicitas Zürcher für die Bühne bearbeitet und wird effektvoll und spielfreudig in Szene gesetzt. Die fesselnde Geschichte und ein gut besetztes Ensemble lassen dabei einige Längen vergessen. Ein bunter und unterhaltsamer Abend, der aber dennoch dem ernsten Grundthema gerecht wird.

 

Der Meister, ein kommender sowjetischer Großschriftsteller, trifft am Anfang seine Muse. Er ist dann kurzzeitig eifersüchtig auf seinen Roman, was man verstehen kann.

Jener Roman (über Pontius Pilatus) wird von den Kultur-Apparatschiks einhellig verrissen, was ihm erst Lachen, dann Verwunderung und schließlich Angst beschert, die schlussendlich in scheinbarem Wahnsinn endet. Er verschwindet aus dem Leben von Margarita, nicht ohne vorher seine Manuskripte zu vernichten. Der Auftakt ist karg illustriert und ein wenig anstrengend, er lebt von der Qualität der beiden Darsteller Nele Rosetz und Benjamin Höppner.

Dann zieht der Teufel in Moskau ein, mit klingendem Spiel sozusagen. Er war noch nie hier, warum auch, Kollege Stalin ist ja da. Die ersten beiden Passanten, die ihm begegnen, verwickelt er in einen quasi-theologischen Disput über die Existenz von Gott, Teufel und anderen Fabelwesen. Ohne Gott kein Teufel und umgekehrt. Die wackeren Genossen bezahlen ihren festen Klassenstandpunkt mit dem Tode bzw. dem Irrenhaus, wobei die Frage offen bleibt, was schlimmer ist. (Die in der Diskussion verbreitete These, dass nicht die Sterblichkeit an sich, sondern die Plötzlichkeit des Todes das Traurige wäre, muss von interessierter Stelle allerdings energisch widersprochen werden. Nur die Unverhofftheit lässt uns den Tod ertragen.) Wir lernen daraus: Auch Sonnenblumenöl kann gefährlich sein, und Kater Behemoth (alias Stefko Hanushevsky, auch in den anderen Rollen dynamisch und spielfreudig) tanzt uns die Folgen beeindruckend vor.

Szenen- und Zeitenwechsel: Der Prokurator trifft auf den Wanderphilosophen Jeshua, der ihn zwar von seinen Kopfschmerzen heilt, aber dank Judas dann doch hingerichtet werden muss.

Zurück in Moskau sehen wir den verzweifelt um Vertrauen in seine Geschichte kämpfenden Lyriker Besdomny. Leider ist die Wahrheit die geringstwahrscheinliche Variante, und so landet er im Zimmer gleich neben dem Meister. Dann ins Variete-Theater, des Teufels Gefolge mischt den Saal auf, der Chef amüsiert sich. Philipp Lux als Korowjew gibt den Entertainer, der den Platzhirsch von der Bühne fegt, gewohnt authentisch und ist ansonsten rollengerecht schmierig-schlaksig. Der Saal tost dabei in Teilen, aber die Sache zieht sich, bis es endlich Rubel regnet. Da wird die Stimmung überall ausgelassen, und zur Krönung fällt noch ein einsamer 50 Euro-Schein vom Theaterhimmel ins dankbare Publikum. Jener gehört(e) Herrn Intendanten Schulz, wie wir erfahren. Nun gut, der Fänger sah nicht aus, als ob er den Zuschuss unbedingt gebraucht hätte, aber die Idee ist nett. Künftig Tombola im Foyer? Achten Sie auf ihre Kartennummer!

Lang und länger wird der Ausflug ins Showbiz, bis endlich der ungetreue Gatte im Publikum entlarvt wird. Na so eine Überraschung! Pause.

Erster Zwischenruf: Man muss dem Stück – neben vielem anderen – unbedingt positiv anrechnen, dass es endlich mal wieder eine Pause gibt. Selbige dient ja nicht nur der Ver- und Entsorgung, sondern auch dem Sortieren des Gesehenen, des ersten Austausches mit etwaigen Begleitern und überhaupt dem entspannten Flanieren in den ehrwürdigen Gängen resp. dem dekorativen Herumstehen auf dem Balkon am 2. Rang links. Auch dies gehört zum Theatererlebnis, verehrte Regisseure und Dramaturgen.

Zweiter Zwischenruf: Meinen Gerechtigkeitssinn kränkt es, wenn in ebenjener Pause die Herren schon lange erleichtert wieder vor dem Einlass ins Auditorium lungern, während ihre Begleiterinnen noch eine Wartegemeinschaft vor den wenigen Damentoiletten bilden. Auf Festivals o.ä. löst man das unkonventionell, aber im Staatsschauspiel ist dies eher ungebräuchlich. Also: Eine Vermehrung der Damen-WC trägt zur Entspannung bei und könnte zudem als Gleichstellungsmaßnahme abgerechnet werden.

Aber zurück ins Stück und damit ins Irrenhaus. Der Meister könnte türmen, aber weiß nicht wohin. Ist ja auch nicht schlecht hier, man braucht keine Pläne. Ein Kantinenwirt mit schimmligem Käse beschwert sich beim Teufel, dass die Zauberrubel zu Papier zerfielen. „Sagen Sie mal, wann sterben Sie eigentlich?“ Er bekommt seine Rubel wieder, wird sie aber nicht mehr lang genießen können. Jener Teufel wird übrigens von Matthias Reichwald gespielt, der zwar das Glück hat, in seiner recht kurzen Zeit in Dresden schon wunderbare Rollen bekommen zu haben, aber diese Vorlagen stets konsequent nutzte. Auch diesmal ohne Fehl und Tadel, wobei mich besonders seine Stimme beeindruckte.

Margarita beschwört die ewige Liebe. „Meine Ruh ist hin …“, deutsch-sowjetische Autorenkooperation über Grenzen und Zeiten. Der Kater (von welcher Dienststelle ist der denn?) lädt sie ein, die Ballkönigin zu werden auf des Teufels Frühlingsball. Sie willigt ein, in der Hoffnung, etwas vom Meister zu erfahren. Die Hexenwerdung geht dank Creme hurtig, als erste Tat wird – mangels der Anwesenheit des Kritikers Latunski – dessen Wohnung zerlegt.

Dann der Ball. Margaritas Walzer mit dem Teufel erinnert in Teilen an einen ungleichen Boxkampf, aber immer, wenn sie zu Boden geht, rappelt sie sich wieder auf und rettet sich so über die Zeit. Der Tanz der beiden erntet verdienten Szenenapplaus. Eigentlich ein schönes Paar, aber als sie sich am Ende etwas wünschen soll, will sie mit dem Meister zurück in die Kellerwohnung.

Jener schlurft sogleich heran, von der Klinik schwer gezeichnet. Doch als Mitgift gibt es noch den vernichtet geglaubten Roman auf dem Silbertablett.

Alles soll so sein wie früher? Nie ist etwas so wie früher. Der Meister hat keine Träume mehr, keine Inspiration. Man mag die Geschichte gar nicht weiterdenken.

An sich könnt es das gewesen sein, aber wir bekommen noch die Planung zur Erstechung des Judas vorgeführt. Alles kommt halt, wie es kommen muss. Dann noch ein bisschen Geplänkel, das Stück versickert eher als es endet.

Dennoch verdientermaßen langer Beifall im ausverkauften Haus. Wolfgang Engel hat wieder einen Straßenfeger auf die Bühne gebracht und trifft damit den Nerv vieler, für die die Romanvorlage ein Kultbuch war. Trotz einiger Kritteleien halte ich die Inszenierung für sehr gelungen. Nachdem ich ohne jedwede Vorkenntnis die öffentliche Probe sah, war ich doch ziemlich reserviert ob der wilden Story, hab dann aber meine Hausaufgaben gemacht. Und wenn man vorher einigermaßen weiß, worum es geht, kann man diese Vertheaterung eines großen Buches wirklich genießen. Also schlaumachen und reingehen. Nicht zuletzt sind ja 50 Euro zu gewinnen (nach Insiderinformationen schlägt der Schein immer im Parkett links ab Reihe 15 auf).

AllsäFlaSaG: Allgemeines sächsisches Flaschensammelgesetz

Wer kennt sie nicht, die mehr oder weniger sympathischen, mehr oder weniger originellen, mehr oder weniger erfolgreichen Sammler des allabendlich im Zähneviertel anfallenden Leerguts? Niemand.

Auch dem wachsamen Auge des Gesetzgebers sind diese privatwirtschaftlichen Initiativen nicht entgangen. Zwar handelt es sich im Wesentlichen um Klein- bzw- Beschaffungswirtschaft, aber in Zeiten des Wählerschwunds muss sich ein FDP-Minister auch um eine eigentlich parteiferne Klientel kümmern. Und so brachte unsere lächelnde Eierschecke ein Gesetz auf den Weg und dank der Sommerpause des Parlaments weitgehend unbemerkt ins sächsische Amtsblatt, das im Folgenden kurz erläutert wird.

In der Präambel wird zunächst gelobpriesen (lobgepriesen? priesgelobt?), dass sächsischer Erfindungsgeist und das sprichwörtliche hiesige Unternehmerherz erneut eine glückliche Verbindung eingegangen wären. Über kurz oder lang würde diese zur Vollbeschäftigung im Freistaat und dann zur Zuwanderung sammelwütiger Drittstaatenbewohner führen. Aber obwohl das freie Spiel der Marktkräfte keinesfalls behindert werden solle, sind dennoch einige leitende Verfügungen notwendig.

 

Das Flaschensammeln wird ab sofort lizensiert.

Analog der Verteilung der Kassenärztezulassungen wird eine sachsenweite Einteilung in Sammelbezirke vorgenommen, deren Lizenzen unter den Interessenten verlost werden. Um allen Bewerbern gleiche Chancen einzuräumen, werden die Bezirke unabhängig vom Wohnort vergeben. Die Lizenzen sind nach der Zuteilung handelbar, es wird hierfür eine rechnergestützte Börse am sächsischen Hofe eingerichtet. Für die Veräußerung eines Bezirks fällt eine Gebühr in Höhe des Kaufpreises an, die jeweils vom Erwerber und vom Veräußerer zu zahlen ist.

Der Inhaber einer Sammellizenz hat in seinem Bezirk für Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Im Gegenzug kann die Anzahl der Planstellen bei der Polizei auf die Hälfte reduziert werden. Aus diesem Grunde aus dem Polizeidienst ausscheidenden Bürgern wird ein Sammelbezirk zu einem in den ersten beiden Tätigkeitsjahren ermäßigten Abgabensatz angeboten.

Für einen Sammelbezirk fällt nach Lizenzerteilung oder –übernahme eine jährliche Grundgebühr an, die sich nach Anzahl der Einwohner, Durchschnittsverbrauch an Getränken und Gammawert (Häufigkeit des Aufenthalts im Freien) bildet. Diese ist im Voraus zum zweiten Werktag des Geschäftsjahres fällig.

Sollte ein Lizenznehmer glaubhaft belegen können, dass die Einnahmen aus der Sammeltätigkeit (die natürlich hinter den Bemühungen um R-O-S zurückstehen muss) unter der Gebühr für seinen Sammelbezirk liegen, hat er zunächst einmal Pech gehabt.

Im Zuge eines Gnadenverfahrens ist es jedoch möglich, den angeblichen Verlust als Verlustvortrag in der Steuererklärung geltend zu machen.

Der Freistaat Sachsen unterstützt die Bildung von privatwirtschaftlichen Unternehmungen und fördert deshalb den Zusammenschluss mehrerer Lizenznehmer zu einer Gesellschaft. Dabei ist auch Wagniskapital willkommen. Als Starthilfe verzichtet der Freistaat dabei für die ersten fünfzig Jahre auf die anfallende Grundgebühr, sofern die Gesellschaft versichert, ausschließlich wohltätige Zwecke zu verfolgen. Jene können auch und insbesondere mit Spenden an die zum Erlassenszeitpunkt im Freistaat Sachsen regierenden Parteien nachgewiesen werden.

Sollte es interessante Angebote von branchenbekannten Großunternehmen für die Übernahme der Sammellizenzen in mehreren Bezirken oder landesweit geben, behält sich der Freistaat vor, die betreffenden Lizenzen mit einer Frist von fünf Werktagen entschädigungslos einzuziehen und ohne weitere Umstände dem Investor zu übergeben. Dies dient der Weltmarktfähigkeit des Freistaats und der Altersvorsorge diverser Beteiligter.

Da es sich hier um ureigene Themen der einzigen wirtschaftskompetenten Partei im Freistaat handelt, ist für – ohnehin unwahrscheinliche – Einsprüche gegen dieses Gesetz nicht der sächsische Verfassungsgerichtshof, sondern das Schiedsgericht des FDP-Sprengels Dresden-Nord zuständig. Einsprucherhebende haben die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Mit dem vorliegenden Gesetz beschreitet Sachsen neue Wege der Wirtschaftsförderung und beweist erneut die Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Stabilität, Kreativität, Krisenresistenz, Abgehobenheit und Borniertheit der sächsischen Politik (Zutreffendes bitte unterstreichen).

Speeddating heißt Blitztreffen

[„Blütenträume“, von Lutz Hübner, in der Regie von Thomas Birkmeir, gesehen am 30. Juni 2012 im Staatsschauspiel Dresden (Premiere)]

Die Partnersuch- und Findungsprobleme der Senioren stehen im Mittelpunkt dieses Stücks, das deren Bemühungen viel Komisches abgewinnt, aber auch einige hässliche Seiten beleuchtet. Leider tänzelt die Handlung unentschlossen zwischen diesen Polen und landet schließlich bei einem halbherzigen Happyend. Bedingt empfehlenswert.

Oder vielleicht „Allein machen sie dich ein“? Oder „Rest des Lebens“? Oder „Die Verzweiflung der 40er“? Oder „Jeder stirbt für sich allein“? Oderoder.

Sechs Best Agers versuchen mit Hilfe der Volkshochschule die Wiedereingliederung in den Beziehungsmarkt. Ergänzt werden sie von einem vierzigjährigen Nesthäkchen, das nur zufällig in die Runde geriet und doch die Verlorenste von allen ist. Aber dazu später.

Nach der Frauen- nun die Altenquote, mag man meinen, alles sehr p.c. am Theater. Aber es ist schön, die reife Garde mal gemeinsam auf der Bühne zu sehen, die sich heute – pardon – vielleicht auch selber spielt. Die Ränge sind diesmal (fast) geschlossen, was auch gut für den Auslastungsquotienten sein wird, das Geschehen tobt auf der Vorbühne.

Wieder ein Klassenzimmer voller Erwachsener. Aus einem (55) Plus wird schnell ein Kreuz, wenn man nicht aufpasst. Erste Erkenntnis: Einsamkeit gibt es in jedem Alter. Wer hätt’s gedacht? Das hier ist natürlich (k)eine Selbsthilfegruppe. Junglehrer Jan, gerade mal 40, schlängelt sich mit Phrasen durch die Vorstellungsrunde.

Sechseinhalb Schicksale haben nichts zu verlieren, nichts mehr. Willkommen in der Seminarhölle. Bisschen viele Lacher für meinen Geschmack lenken von der trostlosen Realität ab.

Seine Eigenschaften merkt man nicht selbst, findet der Mechaniker. Oder sind sie weg? Jan kann da nicht helfen, er lehrt vom Blatt. Kalendersprüche beiderseits, der Trainer findet keinen Zugang zum Rentnerhaufen und ist beleidigt.

Weiter in der schwierigen Balance der Komik des Zusammenspiels und des Ernstes der eigenen Lebenssituation. Wer bin ich? Auch hier kann Jan nicht helfen. Sein Appell an den Zusammenhalt der Gruppe („Wir sind EIN Kurs!“) geht ins Leere. Wenig später ist er raus. Sind sie zu hart, bist du zu weich. Adieu, Philipp Lux, du warst großartig als ein hilfloser, unsicherer, frustierter Ex-Schauspieler, der sich durchs Leben schlägt und an seinen Senioren scheitert.

Zweite Halbzeit. Eine gediegene Oberschichtwohnung, Frau Professor (verw.) hat geladen. Irgendwie hat sich der Kurs zusammengerauft und bildet eine beschwingt-beseelte Runde. Nun also doch die Selbsthilfe. I feel good, trotz alledem.

Es wird ein bisschen klamottig, das Balzen ist in jeder Altersstufe für Unbeteiligte peinlich. Das mindert auch die folgenden harten Wahrheiten ab, was schade ist.

Man kann sich selbst niemandem mehr zumuten? Das lachlustige Publikum wird ganz still bei der Schilderung des Alltags mit einem Alzheimer-Patienten. Jeder hier hat seine Macke, seine Ängste.

Ja was fängt man nun mit seinem Leben an? Ich bin erpressbar, weil ich einsam bin. Melodramatik. Aber es stimmt. Sicher.

Und wenn wir alle zusammenziehn? Altenkommune? Jeder für sich und alle zusammen? Aus der Schnapsidee wird (vorerst) Ernst, es kommt zum Schwur. Siebenmal „Ja“, Kuschelgruppe, Euphorie.

Eine interessante Parallele zum kürzlich gelaufenen Kinofilm „Und wenn wir alle zusammenziehn?“ täte sich auf. Doch schade, der Schreiberling hat ihn nicht gesehen, deshalb entfällt dieser Programmpunkt.

Bei der nächsten Sitzung ist die Begeisterung gewichen, trotz der Exposés, die Nesthäkchen Julia (Annedore Bauer bewegend in ihrer Verzweiflung und ihrer Suche nach Zuhause) dabei hat. Zwei gehen von der Fahne, dann Nummer drei und vier, diese allerdings gemeinsam. Die Runde zerfällt. Allein, allein, vor allem Julia, das ärmste Ding von allen, trotz Altersvorteil.

Wenigstens noch ein klassisches Happy-End zu zweit? Bis dahin noch ein wenig Ergriffenheit. Aber dann findet selbst der Mitkommer und Leisetreter die richtigen Worte, die Witwe zu trösten. Pathos im gedimmten Lichte. Und sie gehen einen Kaffee trinken.

Man kann so etwas auch im Fernsehen sehen, am Vorabend vermutlich. Das ist kein Werturteil, bei den Klassikern gab es halt noch kein TV. Sonst wäre Othello sicher schon als Traumschiff-Kapitän vergewaltigt worden.

Dass ich nicht so ganz begeistert bin, liegt daran, dass ich denke, man kann mehr aus diesem Stoff machen. Es ist nun mal ein Kernthema unserer Gesellschaft, die Zunahme der Vereinzelung unter den Menschen trotz des Überangebots an Möglichkeiten.

Hübner verwurstet dies zu einer Komödie mit Zweidrittel-Happyend. Aber das wird dem Problem nur zum Teil gerecht, die Realität – glaub ich – ist nicht so. Diese letztendlich heile Welt ist man vom Autor nicht gewohnt, das könnte man auch am Kudamm sehen.

Hervorragend, kammerspielartig allerdings die Beschreibung des Entstehens der Idee einer Alterskommune und deren Scheiterns. (Fast) Jeder stirbt am Ende doch lieber für sich allein, maximal die klassische Paarbeziehung ist eine Alternative.

Interessante (und vermutlich wahrhaftige) Aussage auch, dass die 40er mit ihren ähnlich gelagerten Sorgen und Wünschen viel schlechter klarkommen als die Generation vor ihnen, die jedoch schon rein äußerlich deutlich mehr Probleme mit der Neupartnersuche haben sollte. Aber Quantität ersetzt nunmal nicht Qualität, und die Abgeklärtheit des Alters kann man nicht kaufen, auch nicht bei amazon.

Ein großartiges Sextett von gereiften SchauspielerInnen hilft über die inhaltlichen Unzulänglichkeiten des Stücks zum Glück bestens hinweg. Es ist schwer, jemanden herauszuheben, sehr schön aber die Wiederbegegnung mit Günter Kurze, der seinem einfach gestrickten Mechaniker Größe verlieh. Am einfachsten hatte es sicher Albrecht Goette als eitler, gockelnder Ex-Schuldirektor, das sei ihm aber gegönnt. Lars Jung röhrte wie gewohnt, wenn es not tat, beherrschte aber auch die leisen Töne.

Cornelia Schmaus sah ich zum ersten Mal, ihre Gila war glaubhaft bodenständig und praktisch, konnte aber auch ihre Phantasien so vermitteln, dass man den Vamp in ihr sah.

Helga Werner als Witwe eines vormals großen und nachher bestenfalls kindlichen Mannes bekommt dann doch mein persönliches Sternchen. Hier passte einfach alles, vor allem die Abgebrühtheit aus leidvoller Erfahrung und die dennoch bewahrte Seelenoffenheit waren beeindruckend zu sehen.

Hannelore Koch als zickige Spät-Emanze schließlich zeigte deutlich, dass alle vordergründige Toughness, hinter der sie sich versteckte, nur ein anderer Ausdruck von Empfindsamkeit ist, die aber am Ende auch im Wege stehen kann, wenn man sich aus ihr nicht zu lösen vermag.

Ein kurzer Abschluss: Hübners drittes Dresdner Stück erreicht nach meinem Empfinden nicht das Niveau der beiden vorherigen (es ist allerdings auch „älter“, was nun aber gar nichts heißen soll). Man kann es sich ansehen. Aber man muss nicht. Doch was muss man schon?

Die Antwort ist d13

[pünktlich zum Ende der dokumenta13 hier meine Eindrücke vom Juli, kann ja niemand mehr nachprüfen]

Kassel ist hässlich. Das ist der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man den Bahnhof verlässt, der Eindruck, der einen über die ganze Zeit des Hierseins begleitet und den man mitnimmt, wenn man der Stadt den Rücken kehrt.

Vielleicht – gewagte These – kommt gerade hier moderne Kunst deshalb besonders zur Geltung, der verschwitzte Charme der versammelten Scheußlichkeiten aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren bildet in seiner Vergilbtheit aller fünf Jahre den passenden Hintergrund für die Documenta.

Kassel ist nicht überall hässlich, gottbewahre. Die Museen sind hübsch anzuschauen, und die Karlsaue (wobei man vielleicht streiten könnte, ob die zu Kassel gehört oder nur angrenzt) hat Größe und auch sonst alles, was ein Landschaftsgarten braucht. Sonst lenkt aber nichts von der Groß-Ausstellung ab.

Die 13. Documenta, die sich in bemühter Originalität in vertauschter Groß- und Kleinschreibung präsentiert (was in diesem Text unbedingt vermieden wird), wird von einer erwartbar polyglotten Kuratorin in Szene gesetzt, einer Amerikanerin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln. Ob die „13“ hier eine Unglückszahl ist, vermag ich nicht zu beurteilen, bei den zwölf Vorgängerinnen war ich aus verschiedensten Gründen nicht dabei.

Ich habe mir vorgenommen, meinen Besuch für die aufhorchende Öffentlichkeit zu protokollieren, ohne Anspruch darauf, als Kunstexperte zu gelten. Aber „normaler“ Kunstkritik mangelt es ja oftmals an der gleichen Ebene zwischen Autor und Publikum, der Kritiker profiliert sich lieber gegenüber Künstlern und Kollegen und lässt eine meist ratlose Leserschaft zurück. Das kann hier nicht passieren: Vom Laien für Laien, aber auch für alle anderen. Also los.

Die Vielzahl an zeitraubenden Videoarbeiten erschreckt im Vorfeld zunächst mal. Man kann unmöglich alle komplett sehen, und sich nur jeweils Schnipsel anzuschauen, hat eigentlich keinen Sinn. Also gilt es, sich zu beschränken.

In den zwei Tagen, die mir zum Glück gegeben waren, habe ich alle Hauptorte besucht, dazu noch einige Nebenschauplätze. Vielleicht zwei Drittel aller Exponate nahm ich mehr oder weniger intensiv zur Kenntnis. Mehr war nicht drin. Aber es reicht zum Mitreden.

Der Hauptbahnhof, inzwischen zum Kulturbahnhof geadelt, bildet den Auftakt des ersten Tages. Gut gewählt, wenn auch eher verkehrstechnisch bedingt. Mein Erstes-Mal-Documenta ist eine Installation von Istvan Csakany, ein Volltreffer gleich zu Beginn, der bis zum Ende auf der Favoritenliste bleibt. Eine menschenleere Nähfabrik aus Sperrholz, daneben Gruppen von kopflosen Puppen in klaren Posen. Viel Raum zum Geschichten erfinden.

William Kentridge ist populär genug, um die Erwartung hochzuhängen. Er erfüllt sie voll, ein fulminantes Spektakel aus Bildern, Klängen, Musik und beweglichen Objekten namens „The refusal of time“. Schwer zu beschreiben, muss man selber sehen, unbedingt.

Über den Schrottberg von Lara Favaretto, der im Außengelände zu bestaunen ist, musste ich eher schmunzeln.

All das spielt sich im Nordflügel ab, Südflügel und Nachrichtenmeisterei bieten für mich wenig Erwähnenswertes, allein die aufbereiteten Mobiltelefonfilme und –fotos aus dem syrischen Bürgerkrieg von Rabih Mroue sind beeindruckend und beklemmend. Ein Besuch beim „Offenen Kanal“ in der Haupthalle lohnt sich aber unbedingt, schon architektonisch.

Das Fridericianum beherbergt die größte Zahl von Objekten, darunter auch alte Stücke, sogar ganz alte, baktrische Prinzessinnen aus dem Jahr 2.500 v.u.Z.. Sinn und Zweck dieses Brückenschlags in die Vergangenheit geht mir nicht ganz auf. Sehenswert auf jeden Fall die Korbiniansäpfel und die Kreation von Emily Jacir im Zwehrenturm. Und die Papierschlacht von Ida Applebroog. Und nicht zu vergessen der geniale Wandteppich von Goshka Macuga nebst dem Film von Mariam Ghani über die Verbindung Kabul – Kassel.

Das Wetter bleibt stabil, also auf in die Karlsaue. Zuvor noch einen Abstecher zum Hugenottenhaus, das für die Zeit der Documenta als Künstlerkolonie eingerichtet ist, was angesichts der baulichen Verhältnisse dort nur bedingt witzig ist. Einige Videoarbeiten sind zu sehen, ein paar kleinere Objekte. Ganz nett, muss aber nicht unbedingt auf dem Tourplan stehen.

In der Aue fällt zunächst der bronzene Baum von Giuseppe Penone ins Auge, der einen schweren Stein in der kahlen Krone trägt (der Baum, nicht der Künstler). Der steht schon zwei Jahre dort, ist aber immer noch hübsch anzusehen. Weiter aufgefallen: Eine Richtstätte am See, ein mit Müll vollgestopftes Häuschen umgeben von Ruderbooten, ein Klangpfad im Wald (der leider schon verstummt war, um achte ist Sense) und die Welle direkt an der Orangerie, ein Kunstwerk, das einen zum Meditieren bringt, wenn man nur lang genug hineinstarrt.

Kassel ist nicht für Nachtleben bekannt, und das ist auch gut so. Der nächste Tag wird hart.

Es gießt aus Eimern am nächsten Morgen. Zum Glück ist der Außenbereich schon abgehakt. Nach einem wirklich guten und relativ preiswerten Frühstück im „Alex“ wechsele ich schirmbewehrt ins Ottoneum. Kein guter Start, außer der Hölzer-Bibliothek von Mark Dion fesselt mich nichts.

Weiter in die Kunsthalle. Dieser imposante und elegante Bau enthält neben Verzichtbarem wie den 100 verdeckten Zeichnungen von Gustav Metzger auch Großkunst von Julie Mehretu (sehr schön) und Thomas Bayrle (naja). Letzterer ist ein gutes Beispiel, wie Kunst an der Praxis scheitern kann: Die in die Motorengeräusche montierten Mitschnitte von Predigten gehen im Lärm der Halle unter, wenn man es nicht weiß, bekommt man es nicht mit. Und eilt weiter ins Basement zu einer wunderhübschen Installation von Nanini Malani.

Natürlich kann Yan Lei hier nicht unerwähnt bleiben. Ich teile die Begeisterung nur bedingt, gebe aber zu, dass der Ansatz, aus ganz verschiedenen Bildern der Welt 360 Gemälde zu machen, die in einen Raum zu stopfen und nach und nach überzulackieren, interessant ist. So verändert sich der Raum mit jedem Tag, bis am Ende nur noch farbige Tafeln übrig sind. Was mich ein wenig stört, ist die offensichtlich auf Wiedererkennung setzende Bilderwahl, die ich ziemlich banal finde.

Und noch ein Highlight: Die Zwei-Kanal-Videoarbeit von Moon und Jeon nebst angeschlossenem Kabinett. Ganz großes Kino, aber nicht nur das.

Auf dem Wege zur Neuen Galerie – der Regen hat sich inzwischen verzogen – passiere ich ein hübsches Bretterhäuschen. Hier bietet eine renommierte Kunstkritikerin an, eingereichte Werke zu begutachten und versteht dies als Beitrag zur Documenta. Find ich gut, zumal Werk und Kritik dann öffentlich gemacht werden. Ich hoffe nur, dass die Hütte nicht von ambitionierten Hausfrauen gestürmt wird.

Die Neue Galerie verknüpft ihre Bestandsausstellung mit der documenta. Das ist schön, beide Teile sollte man unbedingt anschauen, auch wenn dadurch der Vorsatz, „nur“ Documenta zu schauen, hinfällig wird.

Die 100 Esel von Sanja Ivekovic find ich toll. Was erst kitschig aussieht, erschließt sich beim Lesen des Begleittextes. Wirklich gelungen.

Die Arbeit von Geoffrey Farmer beeindruckt mich eher wegen des Aufwandes, der dahintersteckt, als durch Originalität. Eine etwa zwanzig Meter lange Reihe von beidseitig auf einem Rahmen angeordneten Bildschnipseln aus dem „Life-Magazin“ zwischen 1955 und 1985, thematisch sehr amerikalastig, Aussage gleich Null. Für mich. Dass die Zeit vergeht, weiß ich selber.

Hingegen die Jukebox von Susan Hiller: 100 Lieder des Widerstands in die Box gepresst, zur freien Auswahl durch die Besucher, die Texte an den Wänden verewigt. Zudem kommuniziert die Installation mit einer zweiten Jukebox im Lokal gegenüber, das auch sonst empfehlenswert ist.

Die ständige Ausstellung enthält neben einer Reminiszenz an die vergangenen Documenta (u.a. mit einem Gerhard Richter) eine große Sammlung von Joseph Beuys, die man gesehen haben muss, und Einzelstücke von Rodin, Barlach, Warhol, Corinth, Dahl und vieles andere mehr. Im Unterschied zur Documenta lohnt fast jedes Werk die nähere Betrachtung, aber sonst wär es ja auch nicht im Museum.

Gleich gegenüber das Gebrüder-Grimm-Museum. Sicher auch für sich sehenswert, heute aber nur die Ritterspiele eines ungarischen Künstlers. Das ist witzig und voller Material, ob es auf eine Documenta gehört, ist müßig zu diskutieren. Es ist ja schon da.

Nochmal Kraft gesammelt für die letzte Etappe, die Orangerie. Doch entweder ist das geistige Fassungsvermögen erreicht oder es ist schlicht nicht meins: Die dortigen Installationen lassen mich kalt. Rechnererzeugte Liebesbriefe find ich unspannend, und das versammelte Technikspielzeug interessiert mich nicht.

Aber dann doch noch ein Höhepunkt. Die faszinierende Drei-Kanal-Videoarbeit von Mika Taanita über den Bau eines Atomkraftwerks in Finnland beeindruckt durch ihre Bilder und die Musik.

So. Geschafft. Sowohl als auch. Was bleibt?

Fleißarbeiten stehen neben Genialischem, Groteskes neben der Aufarbeitung aktueller und vergangener Kriege. Aber diese Spannweite ist in Ordnung, muss sicher auch so sein. Insofern ist die Antwort wirklich Dreizehn, so facettenreich wie „42“.

Die Documenta ist kein Grand Prix, es gibt keinen Sieger am Ende. Wohl aber Favoriten. Die Meinigen hab ich oben genannt.

Neben der beachtlichen Logistik waren auch kleinere Ärgernisse zu verzeichnen. Die Beschriftungen sind zu klein geschrieben und zu unstrukturiert, sie enthalten keine biografischen Daten der Künstler und nur selten Erläuterungen zum Werk. Der Katalog ist deswegen hilfreich, die darin enthaltenen Texte nicht immer. Hier ist der Produktionsvorlauf zu spüren.

Dass man oft ohne gutes Englisch kaum auskommt, wenn man tiefer gehen will, ist unschön. Bei aller Weltläufigkeit: Die Documenta findet statt in Kassel, Hessen, Germany.

Erwartet wurden heuer an die 800.000 Besucher, die etwa 100 Mio. € zusätzlichen Umsatz in die nicht gerade strukturstarke Region spülen sollen. Die Diskussionen, ob die Documenta nicht zu teuer sei, sind deshalb lange vorbei.

Die dreizehnte Documenta ist weder gut noch schlecht. Sie ist. Und das noch bis zum 16. September.

PS:

Eine Provinzposse allererster Güte gab es übrigens im Vorfeld. Großkünstler Stephan Balkenhol, der wohl der Meinung war, er fehle im Programm, schlich sich unter Beihilfe der Kirche ins Bild und installierte eine seiner Figuren im Turm von St. Elisabeth, in Sichtweite des Documenta-Hauptgeschehens. Rein zufällig verweilt diese dort während der gesamten Laufzeit.

Frau Großkuratorin CCB entblödete sich nicht, die Entfernung dieser Figur zu verlangen und bewies damit, dass Gelassenheit keine amerikanische Tugend ist. Natürlich steht die Figur immer noch, aber es gibt nun zwei Blamierte mehr auf der Welt.