Mrs. Polly Macheath-Peachum, CEO Bank of Beggars, London-Soho

„Die Dreigroschenoper“, gesehen am 28.09.12 in einer Inszenierung von Friederike Heller am Staatsschauspiel Dresden

Frau Heller setzt konsequent auf Show und Glamour, die Story und die Brechtsche Moral sind eher Nebensache. Das funktioniert theatertechnisch gut, auch von teils sehr guten Darstellern getragen, aber hinterlässt dann doch einen gewissen Phantomschmerz bei mir.

 

2. Rang. Immerhin, überhaupt eine Karte ergattert. Die Beinfreiheit ist wie im Billigflieger, aber dafür hat man einen Blick wie beim Landeanflug, um im Bilde zu bleiben. Das Haus ist voll, auch voller Nachwuchszuschauer, so gehört sich das.

 

Die „Moritat von Mackie Messer“ wird als Reigen angeboten, fast jedeR außer dem Ungeheuer darf mal ran. Das wirkt doch konventionell und über-werktreu, sogar die Strophe mit dem Licht gibt es zu hören.

 

Des Bettlerkönigs Büro, ein armer Schlucker will hier mittun. „Licences only for professionels“, niemand glaubt einem das eigene Elend, deshalb gibt es bei Peachum ein Fremdes.

Das Spiel scheint seltsam statisch, man hangelt sich von Song zu Song. Diese sind zweifelsohne die Highlights bisher.

 

Auftritt der Räuber als Muppets, sie swingen mit Mac und Polly, dann walzert es. Weill ist geduldig.

Hochzeit. Wie oft kommt das schon vor. Und dann in einem Pferdestall? Miss Polly is not amused. So richtig funktioniert die Bande nicht, offenbar schon innere Kündigung. Und Macheath Machtworte verhallen ohne sichtbares Ergebnis.

Es ist eine traurige Fete, bis Polly die Seeräuber-Jenny gibt. Wer hat da geschrieben, Sonja Beißwenger habe gesangliche Defizite? Blödsinn. Wir sind beim Schauspiel, nicht in der Operette.

 

Was ich persönlich sehr schade finde: Christian Friedel versemmelt jenen großartigen Text von Mac, bei dem er im ersten Halbsatz Polly lobt und ihr im zweiten das Singen ein für alle mal untersagt. Das ist leider kaum zu hören.

Nein, Friedel ist auch kein Mackie. Er singt wunderbar, er tanzt, besser tänzelt elegant, er sprüht vor Charme … aber da ist nichts zu sehen von Verschlagenheit und Hinterlist, von Macho und Serienkiller, von Skrupellosigkeit und Machtwillen. Er ist einfach zu lieb, ich glaub es ihm nicht. Oder sollte er so sein? Dann wäre der Rolle aber mächtig Gewalt angetan worden.

 

Dann kommt noch die Obrigkeit in Form von Tiger Brown, dem Sheriff, zur bescheidenen Hochzeit. Der kennt die Gesellschaft aus seinen Akten, ist aber rein privat hier, als Macheath alter Ego. Ahmad Mesghara vertrat souverän den maladen Benjamin Höppner, ohne dabei Bäume ausreißen zu können.

 

Das Ehepaar Peachum keift inzwischen aus der Loge, like the Muppet-Show (ein hübscher, wenn auch verzichtbarer Einfall), aber es hilft nichts mehr. Aus Miss Peachum wurde Mrs. Macheath, die sichtbar noch einige Eingewöhnungsschwierigkeiten im neuen Umfeld hat.

Was tun, wie auch Lenin und Hübner fragen? Jonathan Jeremiah Peachum kennt Tiger Browns dünne Stelle und sticht kräftig rein. Jener fällt um und nach Mackie wird plötzlich gefahndet.

 

Für Thomas Eisens Peachum gilt mit Abstrichen für mich dasselbe wie für Friedels Mackie: Die dunklen Seiten bleiben weitgehend verborgen. So ist der Bettlerkönig eher ein freundlicher Kostümverleiher denn ein gerissener Geschäftsmann. Ganz anders seine Frau Cylia, Antje Trautmann gestaltet sie wunderbar, ohne in eine Karikatur zu verfallen. Und gesanglich spielt sie in einer eigenen Liga.

 

Dass der Text sich weiter zäh gestaltet, liegt sicher auch am Text selbst. Man kann den glaub ich auch ohne Herrn Brecht zu schänden heute etwas kürzen.

 

Herr Macheath wird gewarnt, ziert sich ein wenig und entschließt sich dann doch zu fliehen, erstmal nach Highgate und dann ins Bankgeschäft. Ach Mackie, es hat so kurz gedauert, seufzt eine ahnungsvolle Polly, die das Stück vermutlich auch schon gesehen hat: „So manch großer Geist blieb in ner Hure stecken“. Es folgt die Übergabe der Amtsgeschäfte, die Verwandlung von Mrs. Peachum in ihre neue Rolle ist erstmals zu ahnen. Prima gespielt.

 

Abgang Mackie, aber er kommt nicht weit. Will er ja auch nicht. Jenny und ihre Schwestern im Gewerbe heißen ihn willkommen. Dass jene Huren eingangs nymphengleich auf Schaukeln sitzen und sich im Laufe der Szene in Polizisten verwandeln, ist für mich der beste Regieeinfall des Abends. Hoffentlich wird das in Sachsen nicht als Beamtenbeleidigung ausgelegt.

 

Ein großartiges Duett von Mackie und Jenny, von Sebastian Wendelin mit vollem Körpereinsatz gespielt. Diese Besetzung ist eine tolle Idee, was sich am Abend noch öfter erweisen wird.

Das Duett endet allerdings mit der Zuführung des Ganoven nach Old Bailey. Und zwar nicht zum Baileys-Trinken.

 

„Mac, ich bin es nicht gewesen“, ein sichtlich zerknirschter Brown fleht um Vergebung. Jener revanchiert sich mit einer großen Show, das ist der Platz, auf dem Friedel sich austoben kann. Szenenapplaus, wie vorher auch schon einige Male.

Auftritt einer bonbonfarbenen Lucy, des Tigers Töchterlein. Die hat nun ihre eigenen Interessen, die sie mit einem (gefaketen) runden Bauch untermauert, und nimmt Macheath in Gefangenschaft. Dann kommt auch noch Polly resp. Mrs. Macheath, das Dreckhaufen-Duett beginnt. Sehr schön, auch von Christine-Marie Günther in ihrer ersten großen Rolle am Hause.

Pollys Auftritt wird beendet durch eine Quoten – Darth Vader (Vada?). „Ich bin deine Mutter“ röchelt Antje Trautmann unter ihrem Helm.

Mackie gelingt es, Lucy zu be-, was auch immer, jedenfalls ist er draußen.

 

Ausgeflogen, das Vögelchen, muss auch Peachum erkennen, der zu Besuch kommt. Die Polizei kann da gar nichts machen, bedauert Sheriff Brown.

Das großartige Lied vom Fressen und der Moral ebenso großartig dargeboten. Aber … es mangelt mir im ganzen Stück an Statisten, das nimmt viel Wirkung weg. Sowas muss doch nicht sein, in einer so theaterverrückten Stadt hätten sich doch leicht zwei Dutzend Huren und Bettler gefunden?

Peachum klärt inzwischen mit Brown die Machtverhältnisse. Die schiere Masse des Lumpenproletariats sorgt für Entsetzen beim Sheriff und für die Wende. Aber auch hier alles sehr oberflächlich, fast operettenhaft.

Schön das folgende Bonmot, dass die Menschen zwar ohne Probleme Elend anstiften können, es aber nicht aushalten, es anzusehen. Das „Geschäftsmodell“ der Hilfsorganisationen.

 

Der folgende Salomo-Song, sonst bei mir gefürchtet ob seiner Tonfolgen, wird bei Wendelin zum Genuss.

Macheath wird abermals gewarnt und geht abermals in die Falle, wenigstens die Huren halten sich an die Absprachen. Tja, bevor es Nacht ward, lag er wieder droben, und nun wird es eng. Morgen früh wird Mackie hängen.

Seine Verzweiflung ist nun glaubhaft, zumal sich seine Getreuen langsam abwenden und auch seine liebe Gattin schon als Schwarze Witwe erscheint und sich außerstande sieht, ihm das Bestechungsgeld zu besorgen. Aus ist’s.

(Diese Szene hab ich schon viel viel dramatischer gesehen, vor allem mit den Räubern, aber das war sicher nicht geplant)

 

Noch nicht ganz, den Spannungsbogen hält ein witziges Filmchen. Ja, kann man machen, warum nicht? Will ja nicht immer nur nörgeln.

 

Dann kommt also – nach kurzer Erläuterung des dramaturgischen Ansatzes – der reitende Bote des Königs.

„Anläßlich der Dröhnung ihrer Majestät …“, das wär doch ein hübscher Witz gewesen. Oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls wird Macheath begnadigt, geadelt usw.usf.. Die Begeisterung auf der Bühne hält sich aber in Grenzen. Seine Stelle ist schon eingespart, an der Spitze der Organisation steht jetzt seine Fast-Witwe, da ist kein Platz mehr für die alten Halunken. Es wird jetzt nicht mehr eingebrochen, es wird gegründet.

 

Eine Maslowsche Bedürfnispyramide wird zum Ende hochgehalten, sozusagen die Zusammenfassung des Stückes in einem Bild. Langanhaltender Beifall motiviert die Schauspieler zu einer (geplanten) Einzelvorstellung des Ensembles, schöne Idee.

 

Also:

Nicht meine Lieblingsversion, dem Witz fiel oftmals die Tiefe zum Opfer. Aber sehenswert, wenn man sich darauf einlässt. Sonja Beißwenger für mich der unbestrittene Star des Abends, die Wandlung von einem Naivchen zur Gangster-Bossesse war überzeugen.

Thomas Eisen und Christian Friedel kämpften zwar wacker, verloren aber am Ende dann doch deutlich gegen mein Lieblings-Duo Tom Quaas und Tim Grobe, die vor sieben Jahren diese Bretter bespielten. Lag sicher auch an der „taktischen Marschroute“.

 

Übrigens auch wieder ein sehr schönes und informatives Programmheft.

 

Meine Nacht als Ü-Irgendwas

26.09.12

Ok, heute kann, heute muss es mal wieder sein. Allmittwochabendlich lädt eine renommierte Neustädter Garage zum Ball für die reifere Jugend. Heute auch mit mir.

Nach Mitternacht kommen ist Routine, vorher sind nur die Frühaufsteher da. Krachbumm-Musik like Rammstein wechselt mit Balkanpop, der Laden ist halb gefüllt, man amüsiert sich wie Bolle.

Militär ist heute kaum vorhanden und fehlt mir auch nicht. Ansonsten die üblichen Verdächtigen, ein paar versprengte Touristen und etwas Frischfleisch, das neugierig beäugt wird. Alles wie immer also.

Der Laden hat sich aufgehübscht seit ich das letzte Mal hier war. Coole Sessel vor Großportraits von Musikschaffenden, die meisten leider schon tot. Nett.

Duran Duran? Ach ja, ich vergaß, Ü-Haltbarkeitsdatum. Trotzdem auch mal wieder schön.

„Hit the road, Jack.“ Na, jetzt noch nicht. Das Publikum zerfällt grob in zwei Teile: Aus-Versehen-hierher-Geratene und Abonnenten. Letztere sind deutlich in der Überzahl. Wo gehör ich eigentlich dazu? Wie immer irgendwo dazwischen.

In the Name of Love, ja klar, deshalb sind wir hier. Ein tiefer Blick aus einsamen Augen, ich verbiete mir jedweden Zynismus. Aber ich kann sie heute nicht trösten.
Die Barmäuse sind mal wieder die Schönsten im Saal, da mag man sich auf der Tanzfläche noch so abstrampeln. Sie beeindrucken durch schlichte Präsenz.

Ach, den DJ kenn ich doch? Klar, sonnabends, Lofthouse, war ich früher auch mal. Die Musik ist jetzt rockig, was nicht unbedingt tanzbar bedeutet, zumindest wenn man noch nicht betrunken ist. Aber the Cranberries hör ich doch ganz gerne.

Ein Uhr, ich hab den Eindruck, alle eingeschmuggelten „U“ verlassen jetzt den Saal. Na gut, sind wir halt unter uns.

Der Genuss alkoholhaltiger Mixgetränke verführt mich dann auch zu halbwegs rhythmischen Bewegungen auf der angenehm übersichtlichen Tanzfläche. Der DJ haut mir allerdings umgehend mit AC/DC einen großen Knüppel zwischen die Beine. Da könnte ja jeder kommen.

Schneller als ich es erwartete finden sich die ersten Temporärpaare. Na gut, es ist mitten in der Woche, man muss vielleicht früh raus. Ich blicke dezent zur Seite und wünsch ihnen Glück.

Eigentlich hab ich alles gesehn, die Musik dümpelt auch irgendwie so dahin. Na gut, austrinken können wir ja noch.

Jetzt gibt es sogar Rock’n’Roll. Man bewegt sich irgendwie dazu, ich kenne meine Grenzen und bleib hocken.

Es reaggaet jetzt, naja, auch nicht so meins. Ein paar neue Menschen sind hinzugekommen, aber voll wird es dadurch nicht. Gut so, sag ich als User.

So, der Drink ist ausgedrinkt, kein Grund mehr zu bleiben. Der DJ macht den Abschied leicht.

Zum Abschied noch ein freundliches Lächeln mit den Reinlassern getauscht, „Rausschmeißer“ wär hier echt fehl am Platze, und ab. Bis zum nächsten Mal, irgendwann.

Der letzte Satz ist nicht logisch? Dochdoch. Ich mag den Laden und die Schubse jeden Mittwoch. Das ist ja ohnehin die Zukunft der Neustadt … 😉

 

Jungs, hier kommt der Masterplan

„… was man alles machen kann“ … sang schon in den Neunzigern die Musikgruppe Tocotronic. Na dann, lassen wir uns mal überraschen.

Der siebente Stadtspaziergang führt heute (26.09.12) durch die Leipziger Vorstadt, jene Diaspora zwischen Neustädter Elbufer und Hansastraße, deren geografische Mitte in etwa der „Alte Schlachthof“ bildet. Mehr als 30 Interessierte stehen vier städtischen Angestellten gegenüber, die sich erneut wacker schlagen und den Ausflug zu einem Gewinn werden lassen.

Die L. V. bietet „ein ungeordnetes Erscheinungsbild, besticht aber durch ihre Lagegunst“. Ja, so fühl ich mich auch manchmal.

Wieder interessante Geschichten: Mit dem Alten Leipziger Bahnhof und dem Winterhafen fing es an, Villeroy & Boch produzierten und versendeten hier ihr Sanitärporzellan, vulgo wohl Kloschüsseln. Inzwischen ist die Gegend etwas „aus der Nutzung gefallen“, ach, ich liebe diese Planersprache.

Aber es gibt seit 2010 einen Masterplan, kleiner haben wir es nicht. Die Gegend soll entwickelt, Pieschen über Grünzüge mit der Innenstadt verknüpft werden. Im Hafen ist an eine Marina gedacht, Schiff ahoi. Wohnen und Gewerbe (sowie Schulstandorte, dazu später noch) sind vorgesehen, dazu eine Kulturspange vom Schlachthof zum Elbufer. Da es hier um etwa 50 Hektar geht, macht man sich keine Illusionen: Vor 2025 ist an eine Fertigstellung nicht zu denken, wobei Teile durchaus auch eher entstehen können und sollen.

Erster Rastplatz ist die Ecke Hallesche / Erfurter / Gehestraße. Früher ein wilder Parkplatz, ist diese nun aufgewertet. Na gut, bisschen langweilig vielleicht, aber ordentlich und sauber.

Mangels Anwohnern (die Bevölkerungsdichte im Planungsgebiet gleicht momentan jener des Schönfelder Hochlands) kam ein Beteiligungsprozess bisher nicht recht in Gang, die Stadtplanung präsentiert aber ihre Ideen, u.a. zu den Schulstandorten. Ein neues fünfzügiges Gymnasium soll hier entstehen, vorzugsweise dort, wo die Erfurter auf den Puschkinplatz trifft. Auch die riesige Bahnfläche nordwestlich der Gehestraße ist im Gespräch, auch für Grund- und Mittelschulen. Leider verfügt die Stadt kaum mehr über eigene geeignete Flächen, so dass diese Projekte teuer und langwierig sein werden. Andererseits … „Brache als Chance“. Platz ist ja an sich genug. Und da sich Pieschen neben der Neustadt und Blasewitz des größten Kinderzuwachses erfreut, tut das auch dringend not.

Wir schlendern weiter und passieren am Puschkinplatz zwei je 15 m lange Spielstraßen. Die Straßenverkehrsbehörde beweist hier ihre Liebe zum Detail.

Am Schlachthof angekommen, fällt dann nach 45 min endlich verschämt das Stichwort „Globus“. Äh, ja … die Stadtplanerinnen lächeln gequält. Nein, im Masterplan ist das nicht drin, kann auch nicht. Und ja, wenn der Bebauungsplan, der jetzt mit Stadtratsmehrheit auf den Weg gebracht wurde, so ausfällt, wie die Initiatoren sich das wünschen, müsse der Masterplan natürlich angepasst werden („in die Tonne treten“ ist eine Formulierung, die sich ein städtischer Angestellter nie erlauben würde).

Wie singt man so schön abends im Schauspielhaus? „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.“ (B.B.)

Aber es ist noch Hoffnung: Der durch den globalen Großmarkt induzierte Verkehr wird ein wichtiger Aspekt der Abwägung sein, und wenn man nicht die Leipziger Straße zur nächsten Stadtautobahn umbauen will, sollte dies ausreichen, das Projekt sanft entschlafen zu lassen.

Die sich entspinnende Diskussion dreht sich im Wesentlichen um den Wohnungsbau. Dresden hat sich vor Jahren entschlossen, auf einen eigenen Wohnungsbestand zu verzichten und kann nun in diesen Boomzeiten nur indirekt Einfluss auf bezahlbaren Wohnraum nehmen, auch wenn dies heute massiv gefordert wird. Man muss sich darauf verlassen, dass der Markt das schon richtet und kann maximal die Randbedingungen günstig gestalten.

Interessanter Aspekt dabei: Die am schnellsten wachsende Gruppe von Einwohnern ist jene der Hochbetagten (80 Jahre und älter). Hier gibt es bisher nur ansatzweise Konzepte. Am Rande noch zu erfahren war, dass das Durchschnittsalter in Dresden von 35 (Neustadt) bis 55 (rate mal) variiert, was man u.a. auch am Wahlverhalten ablesen könne. Ich spar mir hier Interpretationen.

Die Bezeichnung der Bahnstrecke vom Abzweig Pieschen über Dre-Neustadt Gbf zum Südkopf des Bahnhofs Dresden-Neustadt Pbf als (entbehrliches) „Havariegleis“ lässt mich dann doch schmunzeln. Sooo einfach wird das wohl nicht werden.

Letzte Etappe Neustädter Hafen. Die Entwürfe für eine „Hafen-City“ (mit diesem Begriff ist man selbst nicht glücklich) werden präsentiert, viel hochwertige Wohnbebauung, eine Marina (Sportboothafen) mit den zugehörigen Einrichtungen und etwas Gastronomie. Die Visualisierungen sehen verwechselbar aus, könnte auch die Speicherstadt in Hamburg sein, oder der Duisburger Hafen. Eine interessante Idee dabei ist, den Radweg in diesem Bereich um einige Meter von der Elbe weg zu verlegen, zur Konfliktentschärfung mit dem erwartet üppigem Fußgängerverkehr im Hafenbereich. Dem mit der Vorstellung verbundenen generellen Appell, „Rücksicht zu lernen“, kann ich mich nur anschließen.

Aber ob das alles so kommt? Immerhin gibt es jetzt einen Investor, der das ganze große Areal bis einschließlich der Bülow-Tiefgaragenruinen gekauft hat. Dessen Name ist noch geheim, aber in Dresden bleibt ja nichts lange verborgen.

Die Gespräche laufen, aber das „B-Plan-Verfahren“ ist noch nicht mal begonnen, der Hochwasserschutz ist noch zu klären, das „Globus-Thema“ hat sicher Einfluss, deshalb sind die penetranten Fragen eines Herrn mit offenem Haar nach dem Termin des Baubeginns auch neben der Spur.

Die Quintessenz: Das macht richtig Spaß. Man entdeckt auf diesen Spaziergängen Ecken, in die man sich nie verirrt hätte, erfährt viel Neues und einige Hintergründe zur städtischen Entwicklungsplanung und hat die Chance, sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden.

Der Spaziergang in der Leipziger Vorstadt soll übrigens wiederholt werden, zum heutigen gab es über sechzig Anfragen. Da sage noch einer, der Bürger sei nur im Meckern stark.

Spazieren mit dem Amt

Zugegeben, auf diese Idee kommt man nicht unbedingt von selbst. Doch eben weil der Bürger kaum zum Amte kommt, geht jenes für Stadtplanung jetzt mit ihm spazieren.

In dreizehn Stadtspaziergängen will das Stadtplanungsamt (bitte auf dem mittigen „a“ betonen, wenn man dazugehören will) den Stand der Fortschreibung des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes dem geneigten Bürger nahebringen und dessen Beteiligung induzieren. Auch kann man sich online beteiligen, alles Wissenswerte hier:

http://www.dresden.de/de/08/01/stadtentwicklung/integrierte_stadtentwicklungsplanung/zukunft-dresden-2025-plus/spaziergaenge.php

Der Spaziergang Nr. 6 hieß heute (25.09.12) „Albertstadt – Stadtleben zwischen Neustadt und Dresdner Heide“, unterüberschrieben war das Ganze mit:

„Wohnen und Leben am nördlichen Innenstadtrand. Auf ehemaligen Brachflächen wohnen Dresdnerinnen und Dresdner in neuen Wohn- und Eigentumsformen.“

Und ich war dabei.

Nicht ganz logisch begann der Spaziergang bei St. Pauli. Zwar zählt der Hecht nicht zur Albertstadt, aber dort, in der Kiefernstraße, gibt es sehenswerte Beispiele der Re-Urbanisierung.

Zwei Dutzend Teilnehmer jeden Alters, ein breites Spektrum, Mann trägt Tuch, um seine Individualität zu betonen und wirkt damit etwas uniformiert (ok, ich auch). Zwei Herren der Stadt bzw. eines Planungsbüros bringen uns kompetent Anliegen und Inhalt des Spaziergangs nahe, vorab schonmal danke für den gelungenen Marsch.

Eingangs wird einiges zum Ziel der Stadtplanung für 01099/97 berichtet. Die Bindung der (bisher stark flukturierenden) Einwohner an ihr Viertel soll durch die Schaffung entsprechender familientauglicher Infrastrukturen erhöht werden, wobei man beim Markt hier offene Türen einrenne. JedeR will in die Neustadt, am liebsten mit Kleinkindern.

Mein schüchterner Einwand, dass das zur Verdrängung der nicht so zahlungskräftigen Klientel aus derem Soziotop führe, wird u.a. mit dem unschönen Wort „Auffüllmasse“ für Problemstadtteile beantwortet. Also auf nach Löbtau, Friedrichstadt, Kackpieschen, ihr Minderbemittelten dieser Stadt. Aber was hilft das Quengeln, es kommt ja doch so.

In der Kiefernstraße sind recht hübsche Ein- und Mehrfamilienhäuschen zu sehen, wo früher Brachen waren. Das wirkt gut und wird angenommen. Einziges Problem: Die hoffnungslos veraltete Sächsische Bauordnung, die einen Stellplatz pro Wohnung fordert, was zu den hässlichen Inhouse-Garagen führt und alternative Konzepte behindert.

Die Neustadt hat eine PKW-Dichte von unter 300 pro 1.000 Einwohner, halb so hoch wie der Dresdner Durchschnitt. Diesen Vernunftsvorsprung (und Einkommensrückstand) kann man aber leider nicht nutzen, Ausnahmen sind nicht vorgesehen. Auch hier also eine große Baustelle.

Noch was Interessantes: Unser Viertel hat mit 14.000 Einwohnern pro Quadratkilometern die mit Abstand höchste Siedlungsdichte, mehr noch als Prohlis.

Nächste Station Tannenstraße, Volvo-Ghetto. Hier ist man „dabei, aber nicht mittendrin“ in der Neustadt, ideal also für Teilzeithippies etc.. Nach dem ersten Höhensprung des Elbtals erhebt sich eine kleine feine Siedlung, die entfernt daran erinnert, dass hier mal eine große Kaserne stand.

Schon wieder interessant: Der Alaunpark war früher eine Steinwüste und der Exerzierplatz der Albertkasernen. Erst in der DDR (vgl. „Es war nicht alles schlecht“) wurde er begrünt. Den Namen „-park“ gibt es übrigens offiziell (noch) gar nicht, eigentlich ist das alles „-platz“.

Die Erweiterung des Alaun-, äh, Platzes nach Westen ist theoretisch nunmehr beschlossen, der Freistaat scheint einverstanden und es gibt einen entsprechenden Stadtratsbeschluss. Nix also mit Feuer- oder Polizeiwache.

Aber … finanziert ist das Ganze noch nicht. Da bin ich ja mal gespannt.

Die Attraktivität nicht nur dieser Wohnanlage (auch des nächsten Bauabschnittes) steht und fällt natürlich mit dem, was so schön „Wohnfolgeeinrichtungen“ genannt wird, also vor allem Kindereinrichtungen und Schulen. Dazu ist schon hinreichend geschrieben worden, die Versäumnisse der letzten Jahre sind kaum aufholbar, die LH Dresden ist finanziell überfordert und der Freistaat Sachsen begreift das nur langsam. Das wird noch spannend.

Und parallel stellt sich noch die Frage, wer denn die Kinderlein erziehen und lehren soll … Manchmal wünscht man sich die Planwirtschaft zurück.

Schlusswort am zweiten Ort: Die Neustadt ist der heißeste Stadtteil mit der schlechtesten Luft. Ersteres kann ich bestätigen.

Dann marschieren wir in Richtung MHM. Dort wird allerdings eine Vereiterung gefeiert. Das erscheint mir seltsam, ich kenn mich aber bei den Bräuchen der Olivgrünen auch nicht so aus.

Wir weichen zum sowjetischen Ehrenmal aus, das bekommt damit endlich mal wieder zahlreichen Besuch.

Etwas Geschichte: Der Militärkomplex „Albertstadt“ wurde aus den Reparationszahlungen der Franzosen 1871 errichtet, er war bis 1918 autonom (dem Kriegsministerium unterstellt) und kein Bestandteil von Dresden. Die Grenze verlief an der Tannenstraße. In Mobilisierungszeiten fasste er 40.000 Soldaten. Soviel übrigens auch zum Thema „unschuldige Kunst- und Kulturstadt“.

Heute ist bereits – dank der Offiziershochschule des Heeres, die die modernste Schwimmhalle Dresdens hat, was einem zwar nichts nützt, aber doch stolz macht – das Gelände teilsaniert, in einige Kasernen sind Wohnungen eingezogen, Brachen sollen mit EFH und Reihenhäusern besetzt werden. Das wird sicher noch ein paar Jährchen dauern, ebenso wie der S-Bahn-Haltepunkt „Albertstadt“, den die Stadt in Höhe der Staufenbergallee gerne hätte.

Fazit: Interessante zwei Stunden, gelungene Veranstaltung, wenn auch vieles unverbindlich blieb, bleiben musste. Bis zum 9. Oktober gibt es noch sieben weitere Spaziergänge in allen Stadtteilen.

Noch zwanzig Jahr zu arbeiten …

„Die Firma dankt“, UA von Lutz Hübner, in der Regie von Susanne Lietzow gesehen am 22. April 2012 im Staatsschauspiel Dresden

Eine Parabel zwischen alter und neuer Arbeitswelt, sie handelt vom verlorenen Wert von Verdiensten, vom Neu-Erkämpfen-Müssen seiner Position, vom Spielen nach unbekannten Regeln, von den Schmerz-Grenzen erhaltener Demütigungen. Lutz Hübner lässt einen Mittvierziger die „Neuaufstellung“ seiner Firma durchleben und durchleiden. Am Ende muss jener erkennen, dass für ihn kein Platz mehr da ist, den er ohne Selbstaufgabe ausfüllen könnte.

Adam Krusenstern muss warten. Warten im Gästehaus seiner frisch übernommenen Firma, die ihn zu diesem Wochenende einbestellte. Ihn, den letzten verbliebenen Abteilungsleiter, alle anderen wurden vom neuen Management schon entsorgt. Er hat keine Ahnung, was ihn erwartet, Rauswurf, Degradierung oder Beförderung.

Auch die ersten Begegnungen machen ihn nicht klüger. Hier scheinen alle keine Nachnamen zu haben. Kein Zeitplan, keine Tagesordnung, so ein Chaos hat Adam in 20 Jahren Betriebszugehörigkeit noch nicht erlebt. Die Assistentin umschwirrt ihn (oder überwacht sie ihn?), die beißlustige Personaltrainerin gibt abwechselnd den guten und den bösen Bullen, der neue Personalchef bleibt ganz allgemein in seinen Sprechblasen. Alle sind irgendwie unter Spannung. Nur der mutmaßliche Praktikant ist überlocker, Krusenbergs Ratschläge zu Umgangsformen belustigen ihn. Hier prallen Welten aufeinander.

Krusenberg spürt, dass etwas von ihm erwartet wird. Er beruft ein Meeting ein, aber es wird ein Desaster. Schon am Gestühl scheiternd, verhungert er bei seinem Schaulaufen vor einem desinteressierten Kreis. Demütigung durch Ignoranz. Das Auftauchen des jungen Schnösels, den alle wer weiß warum anhimmeln, lässt die Besprechung endgültig platzen. Die Teilnehmer widmen sich wichtigeren Dingen.

Nur der selbstgewisse Schnösel bleibt, versaut erst Adams Anzug und dann endgültig dessen Laune mit seinen Thesen von der modernen Wirtschaft. Erfahrung und Kompetenz sind unwichtig, die Systeme organisieren sich selbst, Produktperfektion ist irrelevant, man muss den Kaufvorgang verkaufen. Krusenstern versinkt im riesigen Sofa und taucht als Marionette wieder auf. Alles ist offensichtlich Scharlatanerie, aber diese kommt an. Doch was sollen facebook-Produkte in einem Stahlwerk? Hat er in seinen 20 Arbeitsjahren wirklich alles falsch gemacht? Ist er verdorben für die schöne neue Firmenwelt?

Die anderen sind inzwischen in Feierlaune. Der vermeintliche Praktikant Sandor ist ein umworbener Shooting-Star der New Economy, der endlich zugesagt hat, den Laden zu übernehmen. Der Aktienkurs steigt.

Die Nutzwertanalyse des frischgebackenen Chefs geht allerdings zu Krusensterns Ungunsten aus. Adam macht den üblichen Deal, Abfindung gegen geräuschlosen Abgang, besser er wird mit ihm gemacht. Mangels Personalakte muss zu seiner Verabschiedung aus seinem Dossier vorgelesen werden. Was man so alles anhäuft in zwanzig Jahren … die wissen wirklich alles.

Es ist Sandors erste selbstverursachte Kündigung, das will er sich aus der Nähe ansehen. Sein strafverschärfendes Mitgefühl und seine These, Krusenberg sei ein Oldtimer, zwar unpraktisch und kaum verwendbar im Alltag, aber sehr faszinierend, lässt jenen die Contenance verlieren. Er hat noch zwanzig Jahre zu arbeiten!

Die folgende Prügelei bleibt einseitig. Sandors geschmeidige Virtualität hat der physisch-archaischen Gewalt aus der Old Economy nichts entgegenzusetzen. Sieg durch K.O. in der ersten Runde.

Dies führte nun eigentlich zum berechtigten fristlosen Rauswurf des Übeltäters, allein Sandor fühlt sich als Warhol-Wiedergänger und erkennt eine prägende Szene aus dessem Leben: Das Valerie-Attentat. So einen könnte er doch gut brauchen? Er trifft eine Management-Entscheidung.

Die Runde ist irritiert, dass Krusenstern nun wieder im Rennen ist. Offenbar verstehen auch sie die Regeln nicht ganz. Aber nach welchen Regeln würfeln die Affen? Der Personalchef hängt seinen Golfpullover in den neuen Wind, die Trainerin nimmt erneut seine Daten auf. War ja alles schon gelöscht.

Mitten im Gespräch entspringt ihr eine flammende Rede über Würde und Selbstachtung. Sie ahnt, dass die Probleme des Krusenstern bald auch die ihren sein werden.

Adam entwickelt seine Strategie zur Würdebewahrung, reicht die innere Kündigung ein und geht auf Sabotagemission am Betriebsklima. Auch übt er schon mal Fiesigkeit am schwächsten Glied der Kette, alles natürlich präzise abgehört von Sandors Spielzeugen. Dennoch will der ihn haben, für die Skeptiker-Rolle ist er die Idealbesetzung.

Schlussszene. Während Sandor von der Old-School-Vorstellung des Krusensternschen Meetings schwärmt und dieses am nächsten Tag mit seinem neuen Team als Retro-Kapitalismus zelebrieren will und die Personaltrainerin plötzlich nicht mehr gebraucht wird („Danke, wir melden uns“), verschwindet der Personalchef vollumfänglich in Krusensterns Gesäß.

Davon unangenehm aufgestoßen, steht Adam die ganze Absurdität der Situation plötzlich klar vor Augen. Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Weiterbeschäftigung? Er geht ab, ob er den Personalchef vorher noch ausscheidet, ist nicht zu erkennen. Den Dank, Firma, begehr ich nicht.

Game over.

Wie kommen Menschen mit den immer schnelleren Veränderungen in der Arbeitswelt zurecht? Wie agieren Menschen in Systemen, die sie nicht mehr verstehen? Wie reagieren Menschen auf die Tatsache, dass man sie als nicht mehr brauchbar einschätzt? Wie fühlen Menschen, die heute noch Vollstrecker und morgen schon Aussortierter sind? Wie gehen Menschen mit Macht um?

Alle diese Fragen werden angerissen in Hübners Stück, logisch, dass sie nicht komplett beantwortet werden können. Aber er bereichert damit eine Diskussion über mindestens zwei Zukunftsthemen, nämlich der von Personalchefs gerne so genannten „Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer“ (welche inzwischen bei Mitte Vierzig beginnen) und ganz nebenbei auch zur Relevanz von virtuellen Werten in der Ökonomie. Die Gegenpole Sandor und Krusenstern (alle anderen Figuren sind nur Mittel zum Zweck) repräsentieren die alte und die neue Welt, wobei das Neue nicht unbedingt gut sein muss, nur weil es das Neue ist. Irgendeiner muss den Jungen auch erklären, dass ein Geldschein nicht größer wird, wenn man mit der bekannten I-Geste zwei Finger auf ihm spreizt.

Ich habe zahlreiche nachdenkliche Gesichter nach draußen gehen sehen, unter den meisten waren Krawatten befestigt. Der nächste Tag wird ein Montag sein, da wird Vielen Vieles bekannt vorkommen.

Nach „Frau Müller muss weg“, jener Cash-Cow des Staatsschauspiels, wo es sehr präzise um den vergleichsweise beschränkten Bereich der Schullaufbahnwahl der lieben Kleinen ging, dreht Lutz Hübner jetzt ein größeres Rad, ist dabei aber ebenso genau in den Beobachtungen und hellsichtig in den Prophezeiungen. Man sollte das Stück (auch) auf Aktionärsversammlungen spielen.

Last but not least wie immer die Schauspieler:

Julia Keiling und Annedore Bauer als Gäste standen in den großen Pumps von Ina Piontek und vor allem Christine Hoppe, die die Premiere bestritten hatten. Frau Hoppe (auf deren baldige Wiederkehr sicher neben mir sehr viele hoffen) hatte ihre Personaltrainerin weiter nach vorne in der Wahrnehmung gebracht, Frau Bauer spielte zurückhaltender. Letzteres hilft sicher der Konzentration auf die beiden Antipoden, auch wenn die Ella in ihrer Ahnung, dass auch sie bald zu den Krusensterns gehören wird, eine sehr interessante Figur ist.

Thomas Eisen ist sehr präzise besetzt, eine Rolle wie für ihn gemacht, der er ohne Abstriche gerecht wird.

Christian Clauß in seiner ersten größeren Arbeit (noch als Student begonnen) sehr sehr authentisch, mit jeder Faser das verwöhnte Jüngelchen, dessen Spielzeug immer größer wird, dem man wegen seines wachen Interesses und seiner Begeisterungsfähigkeit aber nicht wirklich böse sein kann.

Der Krusenstern ist eine Figur, bei der man vorsichtig sein muss: Zu viele können da aus eigenem Erleben mitreden. Philipp Lux nimmt sich der Aufgabe in äußerst sensibler Weise an, er zeigt keine Karikatur, keinen Revoluzzer, auch kein Opfer, sondern einen Menschen, der die Welt um sich herum nicht mehr versteht und deshalb zweifelt, ob er noch dazu gehört. Bravo.

Ich las mit Freude, dass das Stück auch in dieser Saison auf dem Spielplan stehen wird. Also noch viel Zeit, um meiner Empfehlung zu folgen: Unbedingt ansehen!

Die Metaphernschlacht im böhmischen Wald

„Die Räuber“, Friedrich Schiller, in der Regie von Sebastian Baumgarten gesehen am 20. April 2012 im Staatsschauspiel Dresden

Aus Schillers Frühwerk wird in der Regie von Sebastian Baumgarten ein Franz-zentriertes, mit zeitgeschichtlichen Metaphern vollgeladenes Schauspiel. In einer grandiosen Bühne kämpfen die ungleichen Brüder um ihre Rolle im Leben und die Gunst des zweifelnden Vaters. Durch die besondere Heraushebung von Franz und Amalia gewinnt Baumgarten einen eigenen Blick auf die Geschichte, der allerdings von einem Zuviel an Bezügen und Zitaten wieder verstellt wird.

Es ist eher eine Opernausstattung, finde ich, Bühne und Kostüme lassen die Herkunft des Inszenierungsteams erahnen. Was ja nicht schlecht sein muss.

Begonnen wird mit einer fulminanten Überraschung: Der sechsfache Hausknecht verwirrt anfangs, bereichert aber dank seiner / ihrer animalischen Beweglichkeit das Bühnenspiel ungemein. Erstes Bravo.

Man kommt recht schnell zur Sache mit Franzens Intrige. Der alte Graf von Moor will den Einflüsterungen seines Zweitgeborenen, den er immer verachtete und ihn das auch spüren ließ (die klassische schwere Kindheit) aber noch nicht recht lauschen, zumal ihm mit der vorlesenden Schwiegertochter in spe Amalia Angenehmeres winkt. Ob man diese nun unbedingt aus „Emmanuelle“ vortragen lassen muss, sei dahingestellt.

Der Graf wurde diesmal von Albrecht Goette vom Blatt gespielt, Dieter Mann war erkrankt. Aber es war dennoch zu sehen, dass die eingeschmolzene Rolle eines (hierfür überqualifizierten) Gaststars nicht bedurft hätte. Die Handlung trugen andere Figuren.

Noch winkt der „böse“ Franz nach seinen Ausbrüchen verlegen ins Publikum. Das soll sich bald ändern.

Szenenwechsel. In einer Leipziger Drill-Station (Warum eigentlich? Hier folgt doch die Ursache der Wirkung?) erhält der „gute“ Karl den verhängnisvollen Brief, der seine Terroristenkarriere begründet. So weit, so plausibel.

Franz umwirbt derweil mit den Mitteln des Schwanensee die treue Amalia, die aber standhaft bleibt. Deren Figur (Sonja Beißwenger voll gefordert in der anspruchsvollen Rolle) ist stark aufgewertet im Stück, sie verkörpert das Reine und Gute und ist damit in der Unterzahl.

Dennoch hat die Welt sich umgedreht, nur ist der erste Platz in Vaters Herzen derzeit nicht vergeben. Karl muss endgültig weg, das ist klar, und doch will Franz es nicht gern selbst getan haben. Der Plan muss nochmal in die Intrigenschmiede.

Franz als armer Tor? Im Spielplan verrutscht? Auch schön, Faust hatten wir lange nicht am Hause.

Gesucht wird nun ein Werkzeug, ein Pferd aus Troja, um des Vaters Herz zu stürmen. Der Zombie Hermann (muss ich wohl nochmal nachlesen) steht bereit. Zwar glaubt der Alte die Geschichte vom heldenhaften Ableben seines gefühlt einzigen Sohnes, mobbt Franz aber weiter. Und am Tode des armen Karl will er nicht schuld gewesen sein, erst recht nicht Franz, der nur mal kurz Hände waschen muss.

Nun hacken fünf Zwerge Holz im Takt zu Melodien aus Winnetou. (Ja, ich weiß, das Bild soll ein anderes sein, aber das hier ist ja mein Bild) Über den seltsamen Auftritt der Nonnen breiten wir den Mantel des Schweigens. Der Räuber, Brandschatzer und GEZ-Betrüger Karl von Moor wandelte sich wohl zwischenzeitlich zum Stülpner Karl oder allgemeinverständlich zum Robin Hood. Dann sind es sieben, die nach getaner Räuberarbeit friedlich das Abendessen einnehmen, kalorienarm und alkoholfrei. Nur ein Schneewittchen fehlt zum Idyll.

Der alte Mordbube Schufterle muss gehen, er passt nicht mehr zum gelifteten Markenauftritt. Allein, es ist zu spät, die Bande ist umzingelt. Karl ist fortan für die Durchhalteparolen zuständig, und da keiner der Genossen den Chef ausliefern will, kommt es bald zum großen Showdown. Aber erstmal ist Pause.

In der Vermutung, einen erholten Zuschauer vorzufinden, lässt Regisseur Baumgarten dann aus allen Rohren Metaphern in die Menge feuern.

Wir ertragen eine Grundsatzrede des Franz mit den üblichen Versatzstücken. Damit man es auch nicht falsch einordnet, gibt es Bilder von brennenden Büchern und Reichstagen dazu. Aha. Die lauwarme Symbolik des 33-45-89 ist ein erstes Buh wert.

Das zweite gibt es für das simple Bild mit Kampftrommeln und Runenschrift, das allein durch Lautstärke imponiert.

Irgendwann in der ersten Halbzeit wurde der Kapitän ausgewechselt, sprich Graf von Moor ging von uns. Ich gestehe, ich hab es nicht mitbekommen. Jedenfalls steigt jener wieder aus der Gruft und verleitet Amalia zu einer seltsamen Sprecharie. Der mit sauteuren Rosen auf der Szene erscheinenden Franz erhält von ihr mit ebenjenen eine ordentliche Tracht Prügel. Dann wird’s aber unappetitlich. Für alles zusammen Buh Nummer Drei.

Zurück im Wald, Karl ist den Häschern wie auch immer mit geringen Verlusten entronnen. Was den böhmischen Recken nicht glückte, gelingt dann aber einem Paterchen mit einer rührenden Geschichte, die Karl verdammt an die eigene erinnert. Spontan beschließt er, gen Franken, nach Hause zu ziehen.

Eh es untergeht: Das Bühnenbild ist eine wundersame Allzweckkonstruktion, die gefühlt ein Dutzend Szenenbilder ermöglicht. Bravo Zwo ist fast zuwenig des Lobes.

Jenes Bühnenbild muss dann auch irgendwie Afrika abbilden. Hm. Das wird schon alles seinen Sinn haben.

Die Wiederbegegnung mit Amalia findet teil-inkognito mit Karl als Großwildjäger statt. Dann gibt es noch eine angedeutete Titanic-Bug-Szene, ist ja grad Jahrestag. Ich ahne, das nimmt kein gutes Ende.

Zumindest für Spiegelberg, den Vize der Räuberkompanie, tritt dies schnell ein. Seine eigene Meuterei überlebt er nicht. Die Kameraden sind treu wie … ich kenn mich da nicht so aus.

Franz hat offenbar auch eine Farm in Afrika. Aber das bekommt ihm nicht, er wird vor Angst fast wahnsinnig und klärt vorsichtshalber seine Beziehung zur Religion. Richtig weiter bringt ihn das nicht, er bringt sich aus Angst vor dem Tode um. Offiziell heißt das „er richtete sich selbst“, in praxi versaut er erst seine Unterwäsche und haucht nachher recht unspektakulär sein Leben aus. Franz Moor hat seine Schuldigkeit getan, er kann vergehen.

In der Folge setzt ein Massensterben ein, das Geschehen wird unübersichtlich. Der Schweizer ist offenbar eher ein Samurai, Amalia leistet ihren Beitrag zum Thema „Sterbehilfe“, einige andere werden auch noch vermisst. Man weiß nicht recht, wer am Ende noch am Leben ist, aber zum Schlussapplaus sind alle wieder da.

Ist das zu albern? Mag sein, aber mit dem Ausflug nach Afrika ging mir die Ernsthaftigkeit flöten, tut mir leid.

Die unfreiwillige Krönung: Der fiese Räuber Namenlos wird zum Geburtshelfer und nimmt das Kindlein der sterbenden Amalia, nun ja, entgegen. Die angedeutete Entbindung der A. verdient den Peinlichkeitspreis 1. Klasse. Am Nabelschnürchen.

Der alte Moor vergeht nicht und lebet ewiglich, lernen wir in der Schlussszene. Sogar mit neuer Amalia. Aber nun kann uns nichts mehr erschüttern. Ende, der Applaus herzlich, aber nicht so üppig wie gewohnt.

Zu zwei Hauptdarstellern ist noch nichts gesagt worden: Matthias Reichwald hat den ihm gelassenen Raum meist genutzt, die Motive von Karl traten aber nicht so klar zutage, wie ich es mir gewünscht hätte. Das ist aber vor allem eine Frage der Regie.

Wolfgang Michalek war unbestritten der Star des Abends, der die Szenerie dominierte. Die Monologe waren grandios, im Spiel mit den anderen blieb er aber seltsam blass. Dennoch eine hervorragende Leistung.

Nein, es war nicht so, dass ich nur „böhmische Wälder“ verstand, wie Amalia so hübsch sagte. Es ist auch nicht so, dass mir das Stück gar nicht gefallen hätte. Ich hatte mir nur mehr versprochen.

„Die Räuber“ sind Allgemeingut am Theater, selbst ich hab schon drei Inszenierungen davon gesehen. Es ist sicher schwer, noch etwas Neues hineinzuinterpretieren. Aber willkürlich die Zeitgeschichte ins Stück zu pressen, reim dich oder ich fress dich, kann es auch nicht sein. Weniger wär hier mehr gewesen.

Übrigens, auch mal interessant: Vergleichende Rezensionsstudien.

Was sonst nur die Presseabteilung für die hauseigene Wandzeitung macht, hab ich für den Privatgebrauch getan (nein, ich hab nicht abgeschrieben oben, höchstens ganz wenig, und wenn überhaupt, dann nicht mit Absicht).

Erfreulicherweise wird unser Viertelprovinz-Theater immer öfter überregional wahrgenommen, und der Name Baumgarten ist stets für einen Skandal gut. Trotzdem gab es außer den drei üblichen Verdächtigen (SächsZ, DNN und nachtkritik.de) bis dato nur eine Besprechung in der Frankfurter Rundschau (wortgleich in der Berliner Zeitung) und eine in der Freien Presse aus Chemnitz, die ich fand.

Einig sind sich alle, ein opulentes Werk gesehen zu haben und finden Begriffe wie Schauspiel- bzw. Ton-, Musik- und Bildergemälde, Gesamtkunstwerk oder Deutschland-Installation. Allerdings werden auch Bezeichnungen wie inszenatorischer Budenzauber, Symbolwald oder Mammutabend verwendet, die das Unbehagen über ein Zuviel an Metaphern ausdrücken.

JedeR RezensentIn ergeht sich in Lobpreisungen von Wolfgang Michalek, hier soll nur die schönste wiederholt werden: „Er ist ein Böser, der in jedem Moment anders böse ist“. Wirklich unbestritten ist das ein Michalek-Abend, dem allerdings zu Gute kommt, dass das Stück von Regie und Dramaturgie konsequent auf Franz Moor ausgerichtet wurde.

Alle anderen Darsteller laufen mit einem respektvollem Abstand ein, auch der sonst hochgeschätzte Matthias Reichwald und Alt- und Gaststar Dieter Mann. Lediglich die FR sieht Sonja Beißwenger als Amalia auf Augenhöhe und erkennt Facetten, die den Kollegen offenbar verborgen blieben.

Das Gesamturteil der Rezensenten liegt dicht beisammen. Einig ist man sich, dass man immer noch einen Schiller sah (was nicht selbstverständlich sein soll), dessen Vorlage dramaturgisch geschickt in Richtung Franz gedreht wurde. Die aktuellen Bezüge waren nicht immer schlüssig, die Menge an Bezügen und Anspielungen drückte die Handlung teilweise beiseite. Gewisse Längen nach der Pause bemerkten drei der Schreiber, mit der Dauer von immerhin drei Stunden waren alle nicht recht glücklich.

Dennoch ging keiner unzufrieden nach Hause, man sah ein interessantes, diskussionswürdiges Stück und zum Teil erstklassige Schauspielerleistungen.

Tja, wenn man also genug Rezensionen nebeneinander legt und noch die eigene laienhafte Meinung hinzu nimmt, kriegt man fast ein objektives Bild, oder?

Egal, ob Objektivität oder qualifizierte Subjektivität: Ich empfehle hinzugehen und sich selbst ein Bild zu machen. Das nächste Mal .. siehe Spielplan. In diesem Theater.

Fröhlicher Nachruf auf das Käthchen von Dresden

„Das Käthchen von Heilbronn“, von Heinrich von Kleist, in der Regie von Julia Hölscher, gesehen am 5. Juni 2012 im Staatsschauspiel Dresden (letzte Vorstellung)

Warum schreibt man über letzte Vorstellungen? Weil man es vorher nicht gemacht hat. Weil es angebracht ist. Weil es gut war und das auch gesagt werden muss. Weil man sich bedanken will.

Theobald Friedeborn, Waffenschmied in Heilbronn, hat es nicht leicht im Leben. Erst stirbt die Frau, dann dreht die Tochter beim Anblick eines Ritters durch und stürzt sich aus dem Fenster. Kaum halbwegs genesen, läuft sie davon und fortan dem Grafen Wetter vom Strahl wie ein Hündchen hinterher. Das kann nur mit Zauberei zugehen. Der Kaiser soll es richten.

Eine nüchterne Szenerie bei Gericht, vor dem Vorhang. Der Kaiser hört den Theobald an, der vom Strahl, angeklagt als Mädchenverderber, ist peinlich berührt, kann nichts entgegenhalten und nichts erklären. Käthchen wird als Zeugin geladen, erkennt das Gericht aber nicht an, ihr hoher Herr ist der Graf. Also muss der das Verhör machen, was er auch hochnotpeinlich tut und trotzdem am Ende mit blütenweißem Hemde dasteht. Käthchen antwortet auf jede Frage in hilfloser Verwirrtheit, am Ende ist man so klug als wie zuvor. Also Freispruch aus Mangel an Beweisen, Theobald nimmt sein widerstrebendes Kind mit, aber nicht für lange, wie wir ahnen. Der Ärger fängt erst an.

Diese erste halbe Stunde ist übrigens ein schöner Beleg dafür, dass man ein Bühnenbild nicht immer braucht. Vier erstklassige Schauspieler reichen aus, dann entsteht das Bild von ganz allein im Kopfe.

Graf Wetter hat eigentlich andere Sorgen. Ihm gehört ein Ländchen, das einen unklaren Grundbucheintrag zu haben scheint. Zumindest bemüht sich Kunigunde von Thurneck nach Kräften, dieses zu erlangen und setzt hier entschlossen die Waffen der Frau ein (um sich mal auf dieses Niveau zu begeben). Zwei wackere Ritter hat sie schon im Kampf gegen den Grafen Wetter vom Strahl verschlissen, eh sie im Walde von ebenjenem dem enttäuschten Liebhaber Burggraf von Freiburg abgejagt wird. Es dauert eine Weile, ehe alle Beteiligten wissen, wer das Gegenüber ist, aber dann wird flugs das Kriegsbeil begraben. Kunigunde orientiert sich hurtig und erfolgreich um. Der kundige Zuschauer mag da an die Büchse der Pandora denken, die der Wetter da auf die heimische Burg schleppt, aber es ist zu spät. Er hat schon angebissen.

Käthchen erscheint wieder auf der Burg. Aber da ist ja schon das Fräulein Kunigunde. Der Graf jagt sie vors Tor, sie kampiert im Unterholz nahe der Burgmauern, bis ihr Vater erscheint und nach einem Befehl des Grafen Wetter an Käthchen sein Töchterlein wieder mitnimmt. Aber nun will sie ins Kloster, was ihm auch nicht die beste Lösung dünkt. Zurück darf sie jedenfalls auf des Grafen Geheiß nicht mehr. Für einen solch bedingungslosen Gehorsam sorgen sonst nur Religion, Ideologie oder diverse Substanzen. Aber dabei ist der Aufwand deutlich größer. Ach, die Lie-hi-hiebe …

Der Rheingraf vom Stein tritt auf, noch ein Bekloppter mehr im Rund. Auch er ein abgelegter Verehrer, auch er voller Rachegelüste. „Töten, töten!“ So richtig glaubt er seinem Rufen auch nicht, aber die Regeln sind nun mal so. Die Ritter sind bitter, wenn die Ehre nicht stimmt. Also rüstet er zum Überfall auf Schloss Thurneck, wo die frisch Verlobten inzwischen angekommen sind. Dort schweben diese auf einer rosa Wolke, bis nun wieder Käthchen Überall auftaucht und einen Brief präsentiert, den sie (Achtung, Kleistscher Kunstgriff) in dem ihr zugedachten Kloster erbeutet hat und der den feigen Anschlag ankündigt. Eh der Graf sie ernst nimmt (eigentlich tut das nur der Knappe Gottschalk), brennt die halbe Burg. Der Rheingraf ist angekommen und erklärt beiläufig, dass jetzt Krieg wäre.

Und nun die Schlüsselszene, oder zumindest eine davon. Kunigunde beklagt tränenreich den Verlust eines Bildes, das der Graf ihr verehrte, Käthchen Immerbereit stürzt sich ins Feuer und rettet dieses auf wundersame Weise. Doch sie erntet Undank: Nicht das Bild entbehrte Kunigunde, sondern das schlichte Futteral. Graf Wetter zweifelt erstmals an den sozialen Kompetenzen seiner Braut.

Zwischenzeitlich ist der Angriff abgewehrt, und in den Trümmern des Schlosses findet sich doch tatsächlich besagtes Futteral. Gottschalk entdeckt darin die Schenkungsurkunde fürs Ländle an Fräulein Kunigunde, ein Verlobungsgeschenk des Grafen. Aha! Da liegt der Hund begraben! Das ist des Pudels Kern! Wir erkennen zum einen Kunigundes praktischen Sinn und zum anderen, dass in diesem Falle Licht und Rauch eine tolle Szene perfektionieren. Das Publikum wird einigermaßen erschöpft in die Pause entlassen.

Erwähnte ich schon, dass ich der letzten Aufführung beiwohnte? Das Käthchen lief fünfundzwanzigmal, nun ist Schluss. Eigentlich schade, aber … Na ja, dazu später. Die zweite Hälfte beginnt metaphysisch. Graf Wetter weiß nicht recht, was ihm geschieht und vor allem nicht warum. Käthchen schläft rührend süß auf der Wiese, doch bevor der Graf auf dumme Gedanken kommen kann, spricht sie im Traum mit ihm. Ergebnis des angeregten Disputs: Irgendwie müssen sie beide parallel denselben Traum gehabt haben, sind sich gegenseitig erschienen, sie dabei von kaiserlichem Blute. Geht denn das? Alles ein bisschen viel für ihn. Käthchen des Kaisers Tochter? Und nu?

Aber Friedrich Wetter, Graf vom Strahl, stellt sich fortan aktiv seinem Schicksal. Auch dies eine Schlüsselszene, es offenbaren sich die Parallelwelten. Der Knappe Gottschalk (sehr ironisch Christian Friedel) hat das Talent, mit einem Satz die weihevolle Stimmung platzen zu lassen. Dann entdeckt Käthchen auch noch zufällig das eher nicht so süße Geheimnis von Kunigunde, deren Schönheitsoperationen wohl nicht immer ganz nebenwirkungsfrei waren. Diese schwört Rache, die natürlich ihre Zofe ausführen muss. Allein dazu kommt es nicht mehr. (Ohne ihre Gottschalks und Rosalies wären die hohen Herren übrigens ziemlich aufgeschmissen, aber das nur am Rande.)

Der Kaiser (wie lästig ihm das alles ist, zeigt überzeugend Ahmad Mesgarha) ist not amused über die Andichtung einer Vaterschaft, das greift ja auch in Erbregelungen ein. Theobald als angeblich Gehörnter soll es richten und muss als Duellant ran, in seinem Alter. Ein Gottesurteil soll es werden. Und wird es auch. Graf Wetter (Wolfgang Michalek sehr glaubhaft in der Wandlung vom Irritierten zum Liebenden) zwingt den armen Ex-Vater nur durch seinen Blick in die Knie. Damit wäre auch das geklärt.

Nun steht eine Hochzeit vor der Tür. Der Bräutigam steht fest, die Braut eigentlich auch, aber … Das Schicksal dreht sich. Ein leutseliger Kaiser erinnert sich eines Festes vor knapp 17 Jahren in ebenjenem Heilbronn und an die amouröse Begegnung mit einer Gertrud. Nun muss Theobald wieder leiden, denn Gertrud hieß seine Verblichene. Deren Tochter wird spontan mit dem Titel „Katharina von Schwaben“ versehen, schon mal nicht schlecht für den Anfang. Dann wird sie noch dem Grafen als Braut zugeführt, nun ist es ja auch standesgemäß. Theobald (authentisch in seiner Verzweiflung Torsten Ranft) wird mit lebenslang Kost und Logis abgefunden, immerhin, eine Belohnung für die Aufzucht des Kuckuckskindes.

Nun wird ordentlich geknutscht und Liebe gestanden, dann auch geheiratet. Es zieht sich jetzt ein wenig. Kunigunde (gewohnt zickig Rosa Enskat) ist bei der Feierei übrig und sehr allein, selbst ihre Rosalie walzert mit. Ein wunderschönes Käthchen (Annika Schilling in einer Rolle, die Kleist für sie geschrieben haben könnte, anrührend und begeisternd) sitzt am Ende an der Bühnenkante und kann ihr Glück kaum fassen.

Vorhang. Riesengroßer Applaus.

Eigentlich ist die Geschichte ja hanebüchener Unsinn (auch Goethe war da übrigens meiner Meinung). Da wird ein Mädchen allein vom Anblick eines Ritters willenlos. Da fliegt ein Todkranker durch die Silvesternacht, da holt ein junges Ding barfuss ein Bildchen aus einem brennenden Haus. Alles macht der Cherub. Und dann entpuppt sich die Prinzessin Kunigunde noch als eine Art Homunkulus. Ziemlich starker Tobak. Wie zu lesen ist, war auch Kleist der Meinung, dass da noch ein wenig Feinschliff nötig wäre. Aber die Zeit hatte er ja nicht mehr. Trotzdem – oder gerade deshalb – eine wunderbare Spielwiese für die Inszenatoren.

Und die haben sie weidlich genutzt. Es war eine sehr unterhaltsame Aufführung, ohne in Klamotte abzurutschen, wie in letzter Zeit einige Male vorgekommen. Die „25.“ hätte für mich nicht der Schluss sein müssen, auch die Begeisterung des zugegebenermaßen nur halbvollen Saals am Ende gibt mir Recht.

Aber alles hat natürlich ein Ende, und schafft dann Platz für Neues. Also wünsche ich mir für die Zukunft ähnliche Inszenierungen, von Julia Hölscher und mit Annika Schilling, Wolfgang Michalek, Torsten Ranft und all den anderen. Aber erstmal „danke“ bis hierhin.

Kunst im Wasser-Bau

Das ORNÖ war 2012 nochmal in das Wasserwerk Saloppe gezogen und tat gut daran. Der altehrwürdige Bau mit seinen vielen Zimmerchen und den großen, tiefen Hallen bot den idealen Hintergrund für eine Ausstellung aktueller Kunst, die ich vorab schon mal als gelungen und sehenswert bezeichnen möchte.

 

Empfangen wird man von einer hübschen Arche Noah, einer Doppelskulptur und einer Komposition aus Klobecken und Badewanne. Letztere entfaltet ihre Wirkung sicher erst bei Dunkelheit und fließendem Wasser, weshalb ich mich hier mit einer Bewertung zurückhalten muss. Ich kam schlicht zu früh.

Den linken Eingang wählend, stehe ich vor recht großformatigen Bildern, eines davon namens „Silicon Valley“ lässt ein winziges Männchen mit einer Hebebühne das Dekollete einer überdimensionalen Dame erobern. Naja. Die Spaßgesellschaft verlangt offenbar ihr Recht. Der realistische schweizer Kesselwagen sagt mir mehr zu, ebenso wie das Mädchen mit Krähe.

 

(Ich muss mich hier entschuldigen, dass ich meist weder die Künstler noch die Namen der Werke exakt wiedergebe. Die Suche nach Hinweisen ist mühselig, ich hatte meinen Faultag und einen Katalog oder wenigstens einen Flyer mit einem Ausstellungsplan gibt es nicht. Auch nicht im Netz, schade. So beschränke ich mich in der namentlichen Nennung auf die, die mir am besten gefielen.)

 

Einer davon ist Stephan Popella. Seine vier Gemälde in einem separaten Raum gleich links begeistern mich alle, am meisten das, was ich für mich „zweifelnder Jugendfreund vor Generalsekretär“ nenne.

Gleich daneben der für mich am stimmigsten durchkomponierte Raum, die Künstlerin möge mir verzeihen, dass ich vergaß, ihren Namen zu notieren.

Viktoria Graf fällt mir im Obergeschoss noch auf, mit einem wieder sehr assoziationsreichen Bild, dazu ein Mädchen im roten Kleid mit wehendem Haar und die um einen Tisch versammelten Holzskulpturen.

 

Im ersten großen Raum angelangt, sollte man sich umgehend nach scharf rechts wenden, sehenswerte Bilder und Fotografien (?). Der kleine Junge vor dem Pferdekopf weckt mein Interesse.

Ich steige in die Tiefen des Wasserwerks, eine Künstlerin namens Peggy – Ähh – (auch hier wieder Tschuldigung) bewacht höchstselbst die ihr zugewiesene Industriegrotte und vertreibt sich die Zeit mit Malen. Zu dieser frühen Stunde sind noch recht wenige Besucher unterwegs, da ist der Wachdienst entspannt. Am besten gefällt mir hier eine Art senkrechtes Triptychon voller Weiblichkeit. Das wird mir sicher niemand verübeln.

Auch sehr schön: Ein Trinkbrunnen mit Mosaikkacheln. Der war allerdings schon vorher da und bleibt sicher auch noch länger.

 

Nun ereilt mich aber ein Ärgernis: Minutenlang grübele ich, was wohl die drei grünen Fingermonster für eine Bedeutung haben, bis es dämmert. Der Sponsor lässt grüßen. Ästhetisch ist dies ein Schlag in die Fresse des Besuchers, aber zumindest zeigen sie deutlich, wo der Unterschied zwischen Kunst und Gewerbe liegt. So hat halt alles sein Gutes, und die Nebenkosten müssen ja auch irgendwie bezahlt werden.

In einem Hinterraum treffe ich auf eine kopflose Figur, deren äußere Beschaffenheit an Fußballleder erinnert. Hübsche Assoziationen fallen mir da ein, es ist wohl nicht nötig, die noch extra aufzuschreiben?

 

Noch ein Lieblingsbild: Eine Dame in Dunkelblau beim Lippennachziehen, sie wendet mir den Rücken zu, aber im schrägen Spiegel seh ich ihr Gesicht. Sehr anregend.

Auch der sich nach hinten überbeugende Frauenkörper in der Mitte des Raums ist ansprechend, allerdings von grünglibberigen Sitzpfoten umgeben. Muss man sich halt wegdenken oder die Dinger beiseite räumen.

 

In der dritten und letzten Abteilung, direkt über der Freitreppe fällt zunächst eine wellenartige Installation aus Teebeuteln ins Auge. Vielleicht ist es auch eine Rutsche. Seltsamerweise riecht es gar nicht nach Tee.

Kay Pyta hat einen Raum am Ende der Etage mit seinen Fotografien gestaltet. Ach Augenblick, verweile doch, du bist so schön … Und die Fotos erst. Gänsehaut.

 

Ganz oben unterm Dach dann noch ein Raum, der sich mit der Flu-huut befasst (hätten wir zum Jubiläum das also auch bespielt), mir aber nicht so zusagt. Interessante Zeichnungen von Constanze Deutsch kommen noch, und die Stadtpläne aus Buchstaben, die die jeweiligen Viertel abbilden. Ganz originell, aber eher Gebrauchskunst, auch wenn die Sonderdrucke sicher dekorativ sind.

 

Nach knapp zwei Stunden steh ich wieder im Hof. Das hat Spaß gemacht. Mein zweiter Besuch wird sicher am Abend stattfinden, dann gibt es sicher noch ganz andere Eindrücke.

Hiermit wärmstens empfohlen, das Ganze.

(Nur leider nicht mehr besuchbar, seit Ende August ist Schluss)

 

 

In echt

„Kleider machen Leute“, eine Fotoausstellung von Herlinde Koelbl im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, leider schon Geschichte

 

 

Die Idee ist gut. Das Gegenüberstellen von Menschen in ihrer Berufskleidung mit sich selber im Freizeitlook bringt Erkenntnisse. Der einen und der anderen Art.

 

Das Ganze ist etwas militärlastig, klar, hier geht nichts ohne Uniform. Und reichlich „hohe Tiere“ dabei, zu reichlich. Manchmal schälen sich erstaunliche Menschen aus der martialischen Umhüllung, es gilt zumindest ein Vorurteil zu begraben.

 

Es wiederholt sich allerdings häufig, der 20. Soldat mit immer demselben Text ist nicht mehr interessant.

Überhaupt, die Texte. Man hat den Abgebildeten meist keinen Gefallen getan, als man sie über sich schreiben ließ. Banal und erwartbar das meiste, zum Teil auch peinlich. Von der angekündigten Empathie der Fotografin hab ich da nichts bemerkt, ich würde eher „Zur-Schau-stellen“ dazu sagen.

 

Die Ausstellung hat eine klare Botschaft: Der Mensch ist in der Uniform am besten angezogen. Wenn man ihm die Wahl der Kleidung selbst überlässt, kommt oft nichts Gutes dabei raus. Ich hab schon lang nicht mehr so viele schlecht angezogene Leute gesehen.

 

Auch psychisch gibt die Uniform Halt und Stärke. Während die Portraitierten sich im Berufskleid der Würde ihres Standes bewusst sind und das auch in ihrer Körperhaltung ausdrücken, wirken sie auf den privaten Aufnahmen meist linkisch und verkrampft. Nur wenige sind so cool wie der Rechtsanwalt, der keine Freizeitkleidung besitzt und sich folglich nackt präsentiert.

 

Wie schon geahnt, erscheint Bischof Müller privat in seiner Ballonseide auch äußerlich als das, was er sonst nur innerlich ist: Ein prolliger Spießbürger. Man muss ihm dankbar sein für soviel Offenheit.

 

Ein Jäger sieht seinem Hund ähnlich, ein Investmentbanker legt sein aufgeschweißtes Lächeln auch privat nicht ab.

 

Die meisten haben offenbar eine Flucht in die Uniform vollzogen, Identitätsstiftung findet durch Arbeit und Amt statt, weil da sonst nicht viel ist. Wenn sie die Uniform ins Private verlassen, ist dies keine Befreiung, sondern der Verlust der schützenden Hülle.

 

Ist das repräsentativ? Möglich. Zumindest macht es nachdenklich. Braucht der Mensch wirklich diese Herdensymbolik für sein Selbstvertrauen? Das Sein bestimmt das Bewusstsein, ja … Aber das Sein ist doch nicht die Uniform, die man anhat?

 

Die Fotoschnipsel vor der Tür sind lustig, verspielt und machen Lust, sie den gesehenen Bildern zuzuordnen. Ein versöhnender Abschluss.

Von Göttern und Bestien

„Die Leidenschaften“, ein (Ausstellungs-) Drama in fünf Akten im Deutschen Hygiene-Museum Dresden

 

Nein, ich bin kein Museumspädagoge. Auch keine promovierte Kulturhistorikerin. Aber wenn eine Ausstellung so eindeutig auf die darstellende Kunst Bezug nimmt, fühl ich mich doch angesprochen. Und zuständig, auch hier einige Eindrücke aus Laiensicht der aufhorchenden Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.

 

Das Vorspiel findet in einem barock-plüschigen Foyer statt, es scheint nur ein Garderobier zu fehlen. Immerhin gibt es die Platzanweiserin, auch wenn es an Sitzgelegenheiten mangeln wird in der Folge.

 

Akt Eins, Einführung ins Thema. Eine nüchterne Küche, auch die anderen Räume des (emotionalen) Haushalts sehr spartanisch und aufgeräumt. Ich lerne als erstes, dass der Zorn in der Nase sitzen soll laut Altem Testament und muss unwillkürlich niesen. Der Kindermund in der Ecke ist beim ersten Hören interessant, ab dem zweiten nervt er, nicht nur durch Lautstärke. Schnell weiter.

Die ausgestellten Gefühlsmasken aus dem japanischen Theater wären auch heute hilfreich, finde ich, zumindest für Menschen mit unterentwickelter Mimik. Wo gibt es die denn?

Angstschweiß riecht anders. Ich überlege, wie ich dies durch einen Versuch überprüfen kann. Die experimentelle Psychologie hält auch hier sicher ein Vorbild bereit, näher beschrieben wird aber nur der klassische Pawlow und andere Formen der Konditionierung.

Witzig im besten Sinne: Das riesige Krokodil und das Schälchen Mandeln. Dass Kaninchen zu den sensibelsten Tieren gehören, ist mir neu. Das Killer-Viech bei Monty Python muss da wohl aus der Art geschlagen sein.

 

In der zwoten Abteilung (oder auch Akt) befindet sich ein Teil der Einrichtung in beträchtlicher Schieflage, könnte jederzeit außer Kontrolle geraten. Die Gegenseite ist stabil. Die Schlacht der Definitionen: Sind die Leidenschaften nun der Wind, der die Segel des Lebens füllt oder der Krebsschaden für die praktische Vernunft? Führt Selbstbeherrschung zur Vervollkommnung oder müssen die Triebe ausgelebt werden, um den stoischen Idealzustand zu erreichen? Such dir was aus.

Auch der Dalai Lama und der Papst kommen zu Wort und haben gewohnt Nichtssagendes-Gutklingendes beizutragen.

 

Akt Drei, es scheint ein Orkan durchs Haus gebraust zu sein. Man wird mit „Psycho“ empfangen, auch sonst sind einige Erschröcklichkeiten zu sehen, aber der Putzdienst ist wohl grad durch, alles blitzeblank.

Gegen Angst gibt es immerhin das „Keine-Angst-Licht“, bei Trauer ist das schwieriger. Die Sammlung von Kotztüten ist beeindruckend. Aber das Personal ist ebenso freundlich wie aufmerksam, und mir ist auch gar nicht mehr schlecht.

„Little death“ ist hier der im Zeitraffer gezeigte Verwesungsprozess eines Hasen, das kannte ich bisher anders, aber ein Museum ist ja zur Bildung da.

Der Ekel ist laut Freud Ausdruck verdrängter Triebe, besonders der bürgerlich konditionierte Mensch sei dafür anfällig. Hm, klingt plausibel.

Erwähnenswert weiterhin der „Brustmilchstuhl“ (bitte medizinisch verstehen) und eine original Toilettentür aus einer original Dresdner Schule mit originalen Sprüchen darauf. Ein Feld, das die Wissenschaft m. E. bisher unzureichend beackert.

Nun mein Lieblingsexponat: Der Mimosengarten zum Selbstanbau. Das hab ich mir schon immer gewünscht.

Das sagenumwobene Westpaket (leider ohne den unverwechselbaren Geruch von Sonderangebotskaffee und billigen Seifen) steht hier neben einem Modell der Milchdrüsen mit und ohne Beanspruchung. Warum auch nicht, alles hat mit allem zu tun.

Meinen Sonderpreis erhält der Fernsehbeitrag über Zinedine Zidane und seinen heiligen Zorn. Immer wieder schön anzusehen, wenn auch tragisch im Ausgang. Dann hat wohl die Philosophenschule doch recht, die meint, wir sollten uns im Zaume halten?

 

Vierter Akt, die Ordnung ist wieder hergestellt. Auch ein Beichtstuhl steht bereit. Für Wohlverhalten gibt es einen Bienchenstempel.

Hilfreich dabei, den Bürger zu Ruhe und Obrigkeitstreue zu geleiten, sind u.a. Erziehung, Religion, Arbeit, Ehe, Unterhaltung und Recht und Ordnung. Diese werden ausführlich beschrieben, der Teil zum Sex, der auch dazu gehören soll, fällt dagegen spärlich aus.

Die Schandmaske eines Wildschweins für Mitbürger, die sich entsprechend benehmen, sollte ins Strafgesetzbuch. Man muss sich aber freikaufen können davon, durch Hundehaufen-Einsammeln zum Beispiel.

 

Im fünften Akt bekommen wir eingangs wieder erklärt, was jetzt zu denken ist. Das finde ich minderwitzig. Der Text ist sicher gut gemeint, aber … mir wär es neutraler deutlich lieber gewesen.

Die Idee, auf das bisher durchschrittene Haus nunmehr von draußen zu schauen, ist allerdings grandios und spricht den Voyeur in dir und mir an.

Das „Berner Gebrüll“ kann ich, liebe Museumsleute, nicht mehr hören. Und ich bin mir sicher, dass ich die Mehrheit bin. Es ist einfach genug damit. Gefühlt zehntausendmal hat Rahn dann doch geschossen, und irgendein zehntausendmal den Ball verlierender Bozcik wurde in Ungarn sicher zu Festungshaft verurteilt. Dass Deutschland Weltmeister ist, weiß ich inzwischen, aber auch, dass seitdem noch einige Weltmeisterschaften ins Land gegangen sind. Also, lassen wir alle in Frieden ruhen. Oder nehmen wir zur Abwechslung mal „Liebe junge Väter, taufen sie ihren Sohn ruhig Waldemar …“, ohne jetzt das Geschlechterbild im Sozialismus diskutieren zu wollen.

Die Emphatie wird u.a. vor dem Haus auf den Mülltonnen präsentiert, was sagt uns das? Ein Fenster bleibt verhüllt, dahinter wohnt sicher die Phantasie. Das ist mir das liebste.

 

Einen Moment glaubt man, wieder im Foyer zu stehn, sehr schöne Idee. Man muss dann aber doch den Rückweg durch die Ausstellung antreten, was dem Konzept einigen Abbruch tut. Wem wird schon nach dem Ende einer Oper das Ganze noch mal im Schnelldurchlauf rückwärts gezeigt? Ohne räumliche Gegebenheiten zu ignorieren, aber das ist schade.

 

Sehr sehenswert, sehr anregend, vielleicht ein bisschen zu klinisch rein, die Fülle der Exponate doch etwas fragwürdig. Soweit in Kürze, die Idee des Schauspiels in fünf Akten und die Übertragung des Themas auf einen Haushalt sind aber für sich genommen schon großartig genug, um unbedingt zu einem Besuch zu raten. Bis zum Ende des Jahres ist noch Zeit.