Fröhlicher Nachruf auf das Käthchen von Dresden


„Das Käthchen von Heilbronn“, von Heinrich von Kleist, in der Regie von Julia Hölscher, gesehen am 5. Juni 2012 im Staatsschauspiel Dresden (letzte Vorstellung)

Warum schreibt man über letzte Vorstellungen? Weil man es vorher nicht gemacht hat. Weil es angebracht ist. Weil es gut war und das auch gesagt werden muss. Weil man sich bedanken will.

Theobald Friedeborn, Waffenschmied in Heilbronn, hat es nicht leicht im Leben. Erst stirbt die Frau, dann dreht die Tochter beim Anblick eines Ritters durch und stürzt sich aus dem Fenster. Kaum halbwegs genesen, läuft sie davon und fortan dem Grafen Wetter vom Strahl wie ein Hündchen hinterher. Das kann nur mit Zauberei zugehen. Der Kaiser soll es richten.

Eine nüchterne Szenerie bei Gericht, vor dem Vorhang. Der Kaiser hört den Theobald an, der vom Strahl, angeklagt als Mädchenverderber, ist peinlich berührt, kann nichts entgegenhalten und nichts erklären. Käthchen wird als Zeugin geladen, erkennt das Gericht aber nicht an, ihr hoher Herr ist der Graf. Also muss der das Verhör machen, was er auch hochnotpeinlich tut und trotzdem am Ende mit blütenweißem Hemde dasteht. Käthchen antwortet auf jede Frage in hilfloser Verwirrtheit, am Ende ist man so klug als wie zuvor. Also Freispruch aus Mangel an Beweisen, Theobald nimmt sein widerstrebendes Kind mit, aber nicht für lange, wie wir ahnen. Der Ärger fängt erst an.

Diese erste halbe Stunde ist übrigens ein schöner Beleg dafür, dass man ein Bühnenbild nicht immer braucht. Vier erstklassige Schauspieler reichen aus, dann entsteht das Bild von ganz allein im Kopfe.

Graf Wetter hat eigentlich andere Sorgen. Ihm gehört ein Ländchen, das einen unklaren Grundbucheintrag zu haben scheint. Zumindest bemüht sich Kunigunde von Thurneck nach Kräften, dieses zu erlangen und setzt hier entschlossen die Waffen der Frau ein (um sich mal auf dieses Niveau zu begeben). Zwei wackere Ritter hat sie schon im Kampf gegen den Grafen Wetter vom Strahl verschlissen, eh sie im Walde von ebenjenem dem enttäuschten Liebhaber Burggraf von Freiburg abgejagt wird. Es dauert eine Weile, ehe alle Beteiligten wissen, wer das Gegenüber ist, aber dann wird flugs das Kriegsbeil begraben. Kunigunde orientiert sich hurtig und erfolgreich um. Der kundige Zuschauer mag da an die Büchse der Pandora denken, die der Wetter da auf die heimische Burg schleppt, aber es ist zu spät. Er hat schon angebissen.

Käthchen erscheint wieder auf der Burg. Aber da ist ja schon das Fräulein Kunigunde. Der Graf jagt sie vors Tor, sie kampiert im Unterholz nahe der Burgmauern, bis ihr Vater erscheint und nach einem Befehl des Grafen Wetter an Käthchen sein Töchterlein wieder mitnimmt. Aber nun will sie ins Kloster, was ihm auch nicht die beste Lösung dünkt. Zurück darf sie jedenfalls auf des Grafen Geheiß nicht mehr. Für einen solch bedingungslosen Gehorsam sorgen sonst nur Religion, Ideologie oder diverse Substanzen. Aber dabei ist der Aufwand deutlich größer. Ach, die Lie-hi-hiebe …

Der Rheingraf vom Stein tritt auf, noch ein Bekloppter mehr im Rund. Auch er ein abgelegter Verehrer, auch er voller Rachegelüste. „Töten, töten!“ So richtig glaubt er seinem Rufen auch nicht, aber die Regeln sind nun mal so. Die Ritter sind bitter, wenn die Ehre nicht stimmt. Also rüstet er zum Überfall auf Schloss Thurneck, wo die frisch Verlobten inzwischen angekommen sind. Dort schweben diese auf einer rosa Wolke, bis nun wieder Käthchen Überall auftaucht und einen Brief präsentiert, den sie (Achtung, Kleistscher Kunstgriff) in dem ihr zugedachten Kloster erbeutet hat und der den feigen Anschlag ankündigt. Eh der Graf sie ernst nimmt (eigentlich tut das nur der Knappe Gottschalk), brennt die halbe Burg. Der Rheingraf ist angekommen und erklärt beiläufig, dass jetzt Krieg wäre.

Und nun die Schlüsselszene, oder zumindest eine davon. Kunigunde beklagt tränenreich den Verlust eines Bildes, das der Graf ihr verehrte, Käthchen Immerbereit stürzt sich ins Feuer und rettet dieses auf wundersame Weise. Doch sie erntet Undank: Nicht das Bild entbehrte Kunigunde, sondern das schlichte Futteral. Graf Wetter zweifelt erstmals an den sozialen Kompetenzen seiner Braut.

Zwischenzeitlich ist der Angriff abgewehrt, und in den Trümmern des Schlosses findet sich doch tatsächlich besagtes Futteral. Gottschalk entdeckt darin die Schenkungsurkunde fürs Ländle an Fräulein Kunigunde, ein Verlobungsgeschenk des Grafen. Aha! Da liegt der Hund begraben! Das ist des Pudels Kern! Wir erkennen zum einen Kunigundes praktischen Sinn und zum anderen, dass in diesem Falle Licht und Rauch eine tolle Szene perfektionieren. Das Publikum wird einigermaßen erschöpft in die Pause entlassen.

Erwähnte ich schon, dass ich der letzten Aufführung beiwohnte? Das Käthchen lief fünfundzwanzigmal, nun ist Schluss. Eigentlich schade, aber … Na ja, dazu später. Die zweite Hälfte beginnt metaphysisch. Graf Wetter weiß nicht recht, was ihm geschieht und vor allem nicht warum. Käthchen schläft rührend süß auf der Wiese, doch bevor der Graf auf dumme Gedanken kommen kann, spricht sie im Traum mit ihm. Ergebnis des angeregten Disputs: Irgendwie müssen sie beide parallel denselben Traum gehabt haben, sind sich gegenseitig erschienen, sie dabei von kaiserlichem Blute. Geht denn das? Alles ein bisschen viel für ihn. Käthchen des Kaisers Tochter? Und nu?

Aber Friedrich Wetter, Graf vom Strahl, stellt sich fortan aktiv seinem Schicksal. Auch dies eine Schlüsselszene, es offenbaren sich die Parallelwelten. Der Knappe Gottschalk (sehr ironisch Christian Friedel) hat das Talent, mit einem Satz die weihevolle Stimmung platzen zu lassen. Dann entdeckt Käthchen auch noch zufällig das eher nicht so süße Geheimnis von Kunigunde, deren Schönheitsoperationen wohl nicht immer ganz nebenwirkungsfrei waren. Diese schwört Rache, die natürlich ihre Zofe ausführen muss. Allein dazu kommt es nicht mehr. (Ohne ihre Gottschalks und Rosalies wären die hohen Herren übrigens ziemlich aufgeschmissen, aber das nur am Rande.)

Der Kaiser (wie lästig ihm das alles ist, zeigt überzeugend Ahmad Mesgarha) ist not amused über die Andichtung einer Vaterschaft, das greift ja auch in Erbregelungen ein. Theobald als angeblich Gehörnter soll es richten und muss als Duellant ran, in seinem Alter. Ein Gottesurteil soll es werden. Und wird es auch. Graf Wetter (Wolfgang Michalek sehr glaubhaft in der Wandlung vom Irritierten zum Liebenden) zwingt den armen Ex-Vater nur durch seinen Blick in die Knie. Damit wäre auch das geklärt.

Nun steht eine Hochzeit vor der Tür. Der Bräutigam steht fest, die Braut eigentlich auch, aber … Das Schicksal dreht sich. Ein leutseliger Kaiser erinnert sich eines Festes vor knapp 17 Jahren in ebenjenem Heilbronn und an die amouröse Begegnung mit einer Gertrud. Nun muss Theobald wieder leiden, denn Gertrud hieß seine Verblichene. Deren Tochter wird spontan mit dem Titel „Katharina von Schwaben“ versehen, schon mal nicht schlecht für den Anfang. Dann wird sie noch dem Grafen als Braut zugeführt, nun ist es ja auch standesgemäß. Theobald (authentisch in seiner Verzweiflung Torsten Ranft) wird mit lebenslang Kost und Logis abgefunden, immerhin, eine Belohnung für die Aufzucht des Kuckuckskindes.

Nun wird ordentlich geknutscht und Liebe gestanden, dann auch geheiratet. Es zieht sich jetzt ein wenig. Kunigunde (gewohnt zickig Rosa Enskat) ist bei der Feierei übrig und sehr allein, selbst ihre Rosalie walzert mit. Ein wunderschönes Käthchen (Annika Schilling in einer Rolle, die Kleist für sie geschrieben haben könnte, anrührend und begeisternd) sitzt am Ende an der Bühnenkante und kann ihr Glück kaum fassen.

Vorhang. Riesengroßer Applaus.

Eigentlich ist die Geschichte ja hanebüchener Unsinn (auch Goethe war da übrigens meiner Meinung). Da wird ein Mädchen allein vom Anblick eines Ritters willenlos. Da fliegt ein Todkranker durch die Silvesternacht, da holt ein junges Ding barfuss ein Bildchen aus einem brennenden Haus. Alles macht der Cherub. Und dann entpuppt sich die Prinzessin Kunigunde noch als eine Art Homunkulus. Ziemlich starker Tobak. Wie zu lesen ist, war auch Kleist der Meinung, dass da noch ein wenig Feinschliff nötig wäre. Aber die Zeit hatte er ja nicht mehr. Trotzdem – oder gerade deshalb – eine wunderbare Spielwiese für die Inszenatoren.

Und die haben sie weidlich genutzt. Es war eine sehr unterhaltsame Aufführung, ohne in Klamotte abzurutschen, wie in letzter Zeit einige Male vorgekommen. Die „25.“ hätte für mich nicht der Schluss sein müssen, auch die Begeisterung des zugegebenermaßen nur halbvollen Saals am Ende gibt mir Recht.

Aber alles hat natürlich ein Ende, und schafft dann Platz für Neues. Also wünsche ich mir für die Zukunft ähnliche Inszenierungen, von Julia Hölscher und mit Annika Schilling, Wolfgang Michalek, Torsten Ranft und all den anderen. Aber erstmal „danke“ bis hierhin.

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