Jungs, hier kommt der Masterplan


„… was man alles machen kann“ … sang schon in den Neunzigern die Musikgruppe Tocotronic. Na dann, lassen wir uns mal überraschen.

Der siebente Stadtspaziergang führt heute (26.09.12) durch die Leipziger Vorstadt, jene Diaspora zwischen Neustädter Elbufer und Hansastraße, deren geografische Mitte in etwa der „Alte Schlachthof“ bildet. Mehr als 30 Interessierte stehen vier städtischen Angestellten gegenüber, die sich erneut wacker schlagen und den Ausflug zu einem Gewinn werden lassen.

Die L. V. bietet „ein ungeordnetes Erscheinungsbild, besticht aber durch ihre Lagegunst“. Ja, so fühl ich mich auch manchmal.

Wieder interessante Geschichten: Mit dem Alten Leipziger Bahnhof und dem Winterhafen fing es an, Villeroy & Boch produzierten und versendeten hier ihr Sanitärporzellan, vulgo wohl Kloschüsseln. Inzwischen ist die Gegend etwas „aus der Nutzung gefallen“, ach, ich liebe diese Planersprache.

Aber es gibt seit 2010 einen Masterplan, kleiner haben wir es nicht. Die Gegend soll entwickelt, Pieschen über Grünzüge mit der Innenstadt verknüpft werden. Im Hafen ist an eine Marina gedacht, Schiff ahoi. Wohnen und Gewerbe (sowie Schulstandorte, dazu später noch) sind vorgesehen, dazu eine Kulturspange vom Schlachthof zum Elbufer. Da es hier um etwa 50 Hektar geht, macht man sich keine Illusionen: Vor 2025 ist an eine Fertigstellung nicht zu denken, wobei Teile durchaus auch eher entstehen können und sollen.

Erster Rastplatz ist die Ecke Hallesche / Erfurter / Gehestraße. Früher ein wilder Parkplatz, ist diese nun aufgewertet. Na gut, bisschen langweilig vielleicht, aber ordentlich und sauber.

Mangels Anwohnern (die Bevölkerungsdichte im Planungsgebiet gleicht momentan jener des Schönfelder Hochlands) kam ein Beteiligungsprozess bisher nicht recht in Gang, die Stadtplanung präsentiert aber ihre Ideen, u.a. zu den Schulstandorten. Ein neues fünfzügiges Gymnasium soll hier entstehen, vorzugsweise dort, wo die Erfurter auf den Puschkinplatz trifft. Auch die riesige Bahnfläche nordwestlich der Gehestraße ist im Gespräch, auch für Grund- und Mittelschulen. Leider verfügt die Stadt kaum mehr über eigene geeignete Flächen, so dass diese Projekte teuer und langwierig sein werden. Andererseits … „Brache als Chance“. Platz ist ja an sich genug. Und da sich Pieschen neben der Neustadt und Blasewitz des größten Kinderzuwachses erfreut, tut das auch dringend not.

Wir schlendern weiter und passieren am Puschkinplatz zwei je 15 m lange Spielstraßen. Die Straßenverkehrsbehörde beweist hier ihre Liebe zum Detail.

Am Schlachthof angekommen, fällt dann nach 45 min endlich verschämt das Stichwort „Globus“. Äh, ja … die Stadtplanerinnen lächeln gequält. Nein, im Masterplan ist das nicht drin, kann auch nicht. Und ja, wenn der Bebauungsplan, der jetzt mit Stadtratsmehrheit auf den Weg gebracht wurde, so ausfällt, wie die Initiatoren sich das wünschen, müsse der Masterplan natürlich angepasst werden („in die Tonne treten“ ist eine Formulierung, die sich ein städtischer Angestellter nie erlauben würde).

Wie singt man so schön abends im Schauspielhaus? „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.“ (B.B.)

Aber es ist noch Hoffnung: Der durch den globalen Großmarkt induzierte Verkehr wird ein wichtiger Aspekt der Abwägung sein, und wenn man nicht die Leipziger Straße zur nächsten Stadtautobahn umbauen will, sollte dies ausreichen, das Projekt sanft entschlafen zu lassen.

Die sich entspinnende Diskussion dreht sich im Wesentlichen um den Wohnungsbau. Dresden hat sich vor Jahren entschlossen, auf einen eigenen Wohnungsbestand zu verzichten und kann nun in diesen Boomzeiten nur indirekt Einfluss auf bezahlbaren Wohnraum nehmen, auch wenn dies heute massiv gefordert wird. Man muss sich darauf verlassen, dass der Markt das schon richtet und kann maximal die Randbedingungen günstig gestalten.

Interessanter Aspekt dabei: Die am schnellsten wachsende Gruppe von Einwohnern ist jene der Hochbetagten (80 Jahre und älter). Hier gibt es bisher nur ansatzweise Konzepte. Am Rande noch zu erfahren war, dass das Durchschnittsalter in Dresden von 35 (Neustadt) bis 55 (rate mal) variiert, was man u.a. auch am Wahlverhalten ablesen könne. Ich spar mir hier Interpretationen.

Die Bezeichnung der Bahnstrecke vom Abzweig Pieschen über Dre-Neustadt Gbf zum Südkopf des Bahnhofs Dresden-Neustadt Pbf als (entbehrliches) „Havariegleis“ lässt mich dann doch schmunzeln. Sooo einfach wird das wohl nicht werden.

Letzte Etappe Neustädter Hafen. Die Entwürfe für eine „Hafen-City“ (mit diesem Begriff ist man selbst nicht glücklich) werden präsentiert, viel hochwertige Wohnbebauung, eine Marina (Sportboothafen) mit den zugehörigen Einrichtungen und etwas Gastronomie. Die Visualisierungen sehen verwechselbar aus, könnte auch die Speicherstadt in Hamburg sein, oder der Duisburger Hafen. Eine interessante Idee dabei ist, den Radweg in diesem Bereich um einige Meter von der Elbe weg zu verlegen, zur Konfliktentschärfung mit dem erwartet üppigem Fußgängerverkehr im Hafenbereich. Dem mit der Vorstellung verbundenen generellen Appell, „Rücksicht zu lernen“, kann ich mich nur anschließen.

Aber ob das alles so kommt? Immerhin gibt es jetzt einen Investor, der das ganze große Areal bis einschließlich der Bülow-Tiefgaragenruinen gekauft hat. Dessen Name ist noch geheim, aber in Dresden bleibt ja nichts lange verborgen.

Die Gespräche laufen, aber das „B-Plan-Verfahren“ ist noch nicht mal begonnen, der Hochwasserschutz ist noch zu klären, das „Globus-Thema“ hat sicher Einfluss, deshalb sind die penetranten Fragen eines Herrn mit offenem Haar nach dem Termin des Baubeginns auch neben der Spur.

Die Quintessenz: Das macht richtig Spaß. Man entdeckt auf diesen Spaziergängen Ecken, in die man sich nie verirrt hätte, erfährt viel Neues und einige Hintergründe zur städtischen Entwicklungsplanung und hat die Chance, sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden.

Der Spaziergang in der Leipziger Vorstadt soll übrigens wiederholt werden, zum heutigen gab es über sechzig Anfragen. Da sage noch einer, der Bürger sei nur im Meckern stark.

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