Aus der Zukunft der Ehe


„Einsame Menschen“ von Gerhart Hauptmann, Regie Julia Hölscher, gesehen am 20.02.12 im Staatsschauspiel Dresden

 

Familiäre Harmonie, der Teppichboden schluckt jedes laute Geräusch, die heimeligen Stehlampen dimmen die Emotion. Und gleich wird gegessen.

Doch Johannes entzieht sich, miesepetert sich durch den Stückanfang, demütigt seine Frau ohne Unterlass und gibt sich unverstanden. „Du hast ja wenigstens mich, aber wen hab ich?“ Seine verheulte, verzweifelt um Beachtung ringende Käthe fühlt sich ungeliebt und überflüssig, trotz des kürzlich geborenen Nachwuchses. Mutter und der Freund des Hauses schauen dem Treiben hilflos zu.

Auftritt Anna, Epikur dient als Brücke zu Johannes, der Haus-Tyrann entdeckt die Poesie. Kurzzeitig weitet sich die Szenerie zu einer Idylle, selbst Mama Vockerath ist endlich mal glücklich.

Natürlich hält das nicht lange (was solln denn die Nachbarn sagen), aus Mama wird Miss Trauisch, die argwöhnisch über dem Geschehen thront, Käthe ist noch verunsicherter. Und zerreißt prompt Johannes’ fundamentale Gedankenketten. Was muss sie auch grad jetzt mit dem blöden Thema Geld kommen?

Johannes konstatiert seine mangelnde Eignung zum Familienvater.

Unerträglich tickende Uhren kündigen die Tragödie an, eine erste Explosion der Gefühle ist nur der Vorbote, die Kartenhäuser wackeln.

Was des einen Leid wäre, könnte der anderen Freude sein, aber Annas Abschied bleibt unvollendet. Das Unheil nimmt pflichtbewusst seinen Lauf.

Braun, Freundfeind von Johannes, versucht jenem Vernunft einzuprügeln, oder zumindest das was er dafür hält. Familie oder Anna, die Schablonen sehen ein „und“ nicht vor.

Ein neuer, höherer Zustand zwischen Mann und Frau? Anna und Johannes tanzen den Blättertanz, es kommt zur geistigen Vereinigung, beobachtet von fiebrig glänzenden Käthchenaugen.

 

Anna will gehen und doch wieder nicht, Braun hilft auch nicht wirklich bei der Entscheidung. Der herbeigerufene Vater hat Johannes nicht mehr als „es kommt auf den Gehorsam an“ zu bieten, ein Hinweis, den Johannes wohl nicht mal akustisch versteht.

„Irgendwann will ich auch mal an mich denken!“ Der Kopf ist wüst und leer.
Das Ende in Melodramatik.

„Wenn wir uns wiedersehn, haben wir uns verloren“, die Logik erschließt sich nicht sofort.

Ein erster, letzter Kuß. Abgang Anna.

„Und nun musst du wieder froh und glücklich sein.“

Aber im Hintergrund droht schon der Müggelsee.

 

Tja, was soll man da noch sagen? Hauptmanns frühes Werk, mit Ende Zwanzig geschrieben, handelt – leicht versimpelt – davon, was ein Mensch dem anderen sein soll und ob man alle Ansprüche in einem Menschen befriedigt sehen kann. Und ob es legitim ist, den Kreis der Lieben zu erweitern, wenn dem nicht so ist.

In Hauptmanns Stück scheitert dies an gesellschaftlichen Konventionen, aber nicht allein daran. Die inneren Barrieren der Protagonisten sind zu hoch, die erlernten Verhaltensmuster zu stark. Und damit bleibt es aktuell.

 

Julia Hölschers Inszenierung verzichtet auf eine äußerliche Transkription in die Neuzeit, was dem Stoff gut tut. Wie schon z.B. bei „Adam und Evelyn“ und dem „Käthchen von Heilbronn“ gibt es zum Glück keine Schnörkel und zuschauerquälende Pirouetten auf der Bühne. Die straffe Erzählweise und auch die klug eingesetzte Musik (und gerne nochmal: die tickenden Uhren) bieten den Schauspielern einen guten Rahmen um zu glänzen.

Lars Jung hätte, wenn er als Fußballtorwart angetreten wäre, wenig Bälle zu halten gehabt, tat dies aber souverän. Philipp Lux gab glaubhaft einen nicht recht greifbaren, undurchsichtigen Braun. Fabian Gerhardt war herzlich unsympathisch, wenn er seine Frau quälte, und glaubwürdig in seinem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben.

Das Damen-Trio hatte aber die Nase vorn: Hannelore Koch als besorgte, von ihrem Sohn entsetzte und die Liebe auf die Schwiegertochter übertragende Mutter ging mir nahe. Annika Schilling (eingesprungen für Ina Piontek) war eine selbstbewusste, offene Anna, die am Ende konsequent den Schnitt macht, zu dem Johannes nicht in der Lage ist. Bei mir aber ganz oben: Ines Marie Westernströer, die die Käthe mit einer Hingabe spielte, die mich wirklich mitleiden ließ. Grandios die kleinen Gesten, der Gesichtsausdruck, grandios aber auch ihr Ausbruch in der Mitte des Stücks.

 

Mein Schauspielführer behandelt „Einsame Menschen“ nur unter „Hauptmanns weitere Stücke“. Das ist ungerecht. Ich finde, zumindest in der hiesigen Inszenierung sollte man das gesehen haben.

 

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