Mutter Vater Achterbahn


„Vater Mutter Geisterbahn“ von Martin Heckmanns, gesehen am 15.02.12 im Staatsschauspiel Dresden

 

Der Boden dreht sich unter den Füßen weg, und es wird immer schwüler. „Beste Voraussetzung für die Kunst, die Realität nicht mehr sehen zu können“? Hier wird sie überdeutlich. Trotzdem Kunst.

Eine Kleinfamilie namens Klein versucht die (verbliebene) Kraft des positiven Denkens für die Alltagsbewältigung zu nutzen. Einmal Eltern, immer Eltern, das war vorher so nicht klar. Das Kind Otto soll durch Überforderung einschlafen, interessanter Ansatz.

Mutter Anne flüchtet aus Überforderung, kehrt aber zurück. „Jetzt bin ich wieder hier.“ So halbwegs. „Mutti, was willst Du eigentlich mal werden?“ Vater Johann wiederholt sich. Und Bildung schadet eigentlich nur im Beruf. Zumindest wenn man im Copy-Shop arbeiten muss.

Das Kind verweigert seine Rolle und übertritt diese gleichzeitig. Bei mir macht er das nie … Ein Alltag ohne Kraft und Zuversicht. Die ganze Zeit geht es so nicht mehr weiter.

Ernst oder Spiel? Ein ernstes Spiel mit verborgenen Regeln. Der Satz „Kann es sein, dass du mal wieder mit mir schlafen willst?“ wird in der Betonung so oft variiert, bis er die ganze Breite des Ehelebens abbildet.

Den Kernsatz des Stücks hier unkommentiert in epischer Breite: „Ja, ich habe geträumt, dass ihr beiden nur noch ein Paar seid, weil ihr Angst habt vor der Altersarmut und dass ihr euch nicht trennt, weil ihr niemanden mehr findet und dass ich nur dazu da bin, um am Ende die Schuld gehabt zu haben an eurem verpfuschten Leben.“

Dann doch nochmal alles auf Anfang, die Inszenierung von Otto als einziger Lebensinhalt, einzig verbliebene Gemeinsamkeit der Eltern. Ein halbwegs gutes Leben reicht doch auch, um in den Himmel zu kommen. Oder nicht?

Was verstehst du unter „verstehen“? Das Kind Otto hat keinen Vergleich, es sind die einzigen Eltern, die es je gehabt haben wird.

Am Ende ist Otto weg. Die Eltern haben erreicht, was sie wollten, nämlich einen selbständigen Menschen zu erziehen und sind über das konkrete Ergebnis doch bestürzt. Er war alles, was sie hatten, alles, was sie zu verlieren hatten. Nun haben sie nur noch sich selbst. Viel Spaß dabei. Schlafen kann man nur alleine.

Bühne (ein karges Wohnzimmer, oft in Rotation befindlich) und Kostüme (unspektakulär, aber gut) bieten den drei sehr gut agierenden Schauspielern Christian Erdmann, Robert Niemann und Nele Rosetz einen angemessenen Rahmen. Letztere ragt dank der vielschichtigeren Rolle noch etwas heraus.

Der unsentimentale und lebensnahe Text von Martin Heckmanns kann einem durchaus Angst machen, wenn man über Familienplanung nachdenkt. In den einschlägigen Vorabendprogrammen aller relevanten Sender ausgestrahlt, würde er sicher zu einem zu einem neuen Pillenknick führen. Aber damit ist vermutlich nicht zu rechnen.

Fazit: Ein beeindruckendes Gegenwartsstück, realistisch und ohne Schnörkel auf die Bühne gebracht. Sehr zu empfehlen.

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