Die Antwort ist d13


[pünktlich zum Ende der dokumenta13 hier meine Eindrücke vom Juli, kann ja niemand mehr nachprüfen]

Kassel ist hässlich. Das ist der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man den Bahnhof verlässt, der Eindruck, der einen über die ganze Zeit des Hierseins begleitet und den man mitnimmt, wenn man der Stadt den Rücken kehrt.

Vielleicht – gewagte These – kommt gerade hier moderne Kunst deshalb besonders zur Geltung, der verschwitzte Charme der versammelten Scheußlichkeiten aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren bildet in seiner Vergilbtheit aller fünf Jahre den passenden Hintergrund für die Documenta.

Kassel ist nicht überall hässlich, gottbewahre. Die Museen sind hübsch anzuschauen, und die Karlsaue (wobei man vielleicht streiten könnte, ob die zu Kassel gehört oder nur angrenzt) hat Größe und auch sonst alles, was ein Landschaftsgarten braucht. Sonst lenkt aber nichts von der Groß-Ausstellung ab.

Die 13. Documenta, die sich in bemühter Originalität in vertauschter Groß- und Kleinschreibung präsentiert (was in diesem Text unbedingt vermieden wird), wird von einer erwartbar polyglotten Kuratorin in Szene gesetzt, einer Amerikanerin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln. Ob die „13“ hier eine Unglückszahl ist, vermag ich nicht zu beurteilen, bei den zwölf Vorgängerinnen war ich aus verschiedensten Gründen nicht dabei.

Ich habe mir vorgenommen, meinen Besuch für die aufhorchende Öffentlichkeit zu protokollieren, ohne Anspruch darauf, als Kunstexperte zu gelten. Aber „normaler“ Kunstkritik mangelt es ja oftmals an der gleichen Ebene zwischen Autor und Publikum, der Kritiker profiliert sich lieber gegenüber Künstlern und Kollegen und lässt eine meist ratlose Leserschaft zurück. Das kann hier nicht passieren: Vom Laien für Laien, aber auch für alle anderen. Also los.

Die Vielzahl an zeitraubenden Videoarbeiten erschreckt im Vorfeld zunächst mal. Man kann unmöglich alle komplett sehen, und sich nur jeweils Schnipsel anzuschauen, hat eigentlich keinen Sinn. Also gilt es, sich zu beschränken.

In den zwei Tagen, die mir zum Glück gegeben waren, habe ich alle Hauptorte besucht, dazu noch einige Nebenschauplätze. Vielleicht zwei Drittel aller Exponate nahm ich mehr oder weniger intensiv zur Kenntnis. Mehr war nicht drin. Aber es reicht zum Mitreden.

Der Hauptbahnhof, inzwischen zum Kulturbahnhof geadelt, bildet den Auftakt des ersten Tages. Gut gewählt, wenn auch eher verkehrstechnisch bedingt. Mein Erstes-Mal-Documenta ist eine Installation von Istvan Csakany, ein Volltreffer gleich zu Beginn, der bis zum Ende auf der Favoritenliste bleibt. Eine menschenleere Nähfabrik aus Sperrholz, daneben Gruppen von kopflosen Puppen in klaren Posen. Viel Raum zum Geschichten erfinden.

William Kentridge ist populär genug, um die Erwartung hochzuhängen. Er erfüllt sie voll, ein fulminantes Spektakel aus Bildern, Klängen, Musik und beweglichen Objekten namens „The refusal of time“. Schwer zu beschreiben, muss man selber sehen, unbedingt.

Über den Schrottberg von Lara Favaretto, der im Außengelände zu bestaunen ist, musste ich eher schmunzeln.

All das spielt sich im Nordflügel ab, Südflügel und Nachrichtenmeisterei bieten für mich wenig Erwähnenswertes, allein die aufbereiteten Mobiltelefonfilme und –fotos aus dem syrischen Bürgerkrieg von Rabih Mroue sind beeindruckend und beklemmend. Ein Besuch beim „Offenen Kanal“ in der Haupthalle lohnt sich aber unbedingt, schon architektonisch.

Das Fridericianum beherbergt die größte Zahl von Objekten, darunter auch alte Stücke, sogar ganz alte, baktrische Prinzessinnen aus dem Jahr 2.500 v.u.Z.. Sinn und Zweck dieses Brückenschlags in die Vergangenheit geht mir nicht ganz auf. Sehenswert auf jeden Fall die Korbiniansäpfel und die Kreation von Emily Jacir im Zwehrenturm. Und die Papierschlacht von Ida Applebroog. Und nicht zu vergessen der geniale Wandteppich von Goshka Macuga nebst dem Film von Mariam Ghani über die Verbindung Kabul – Kassel.

Das Wetter bleibt stabil, also auf in die Karlsaue. Zuvor noch einen Abstecher zum Hugenottenhaus, das für die Zeit der Documenta als Künstlerkolonie eingerichtet ist, was angesichts der baulichen Verhältnisse dort nur bedingt witzig ist. Einige Videoarbeiten sind zu sehen, ein paar kleinere Objekte. Ganz nett, muss aber nicht unbedingt auf dem Tourplan stehen.

In der Aue fällt zunächst der bronzene Baum von Giuseppe Penone ins Auge, der einen schweren Stein in der kahlen Krone trägt (der Baum, nicht der Künstler). Der steht schon zwei Jahre dort, ist aber immer noch hübsch anzusehen. Weiter aufgefallen: Eine Richtstätte am See, ein mit Müll vollgestopftes Häuschen umgeben von Ruderbooten, ein Klangpfad im Wald (der leider schon verstummt war, um achte ist Sense) und die Welle direkt an der Orangerie, ein Kunstwerk, das einen zum Meditieren bringt, wenn man nur lang genug hineinstarrt.

Kassel ist nicht für Nachtleben bekannt, und das ist auch gut so. Der nächste Tag wird hart.

Es gießt aus Eimern am nächsten Morgen. Zum Glück ist der Außenbereich schon abgehakt. Nach einem wirklich guten und relativ preiswerten Frühstück im „Alex“ wechsele ich schirmbewehrt ins Ottoneum. Kein guter Start, außer der Hölzer-Bibliothek von Mark Dion fesselt mich nichts.

Weiter in die Kunsthalle. Dieser imposante und elegante Bau enthält neben Verzichtbarem wie den 100 verdeckten Zeichnungen von Gustav Metzger auch Großkunst von Julie Mehretu (sehr schön) und Thomas Bayrle (naja). Letzterer ist ein gutes Beispiel, wie Kunst an der Praxis scheitern kann: Die in die Motorengeräusche montierten Mitschnitte von Predigten gehen im Lärm der Halle unter, wenn man es nicht weiß, bekommt man es nicht mit. Und eilt weiter ins Basement zu einer wunderhübschen Installation von Nanini Malani.

Natürlich kann Yan Lei hier nicht unerwähnt bleiben. Ich teile die Begeisterung nur bedingt, gebe aber zu, dass der Ansatz, aus ganz verschiedenen Bildern der Welt 360 Gemälde zu machen, die in einen Raum zu stopfen und nach und nach überzulackieren, interessant ist. So verändert sich der Raum mit jedem Tag, bis am Ende nur noch farbige Tafeln übrig sind. Was mich ein wenig stört, ist die offensichtlich auf Wiedererkennung setzende Bilderwahl, die ich ziemlich banal finde.

Und noch ein Highlight: Die Zwei-Kanal-Videoarbeit von Moon und Jeon nebst angeschlossenem Kabinett. Ganz großes Kino, aber nicht nur das.

Auf dem Wege zur Neuen Galerie – der Regen hat sich inzwischen verzogen – passiere ich ein hübsches Bretterhäuschen. Hier bietet eine renommierte Kunstkritikerin an, eingereichte Werke zu begutachten und versteht dies als Beitrag zur Documenta. Find ich gut, zumal Werk und Kritik dann öffentlich gemacht werden. Ich hoffe nur, dass die Hütte nicht von ambitionierten Hausfrauen gestürmt wird.

Die Neue Galerie verknüpft ihre Bestandsausstellung mit der documenta. Das ist schön, beide Teile sollte man unbedingt anschauen, auch wenn dadurch der Vorsatz, „nur“ Documenta zu schauen, hinfällig wird.

Die 100 Esel von Sanja Ivekovic find ich toll. Was erst kitschig aussieht, erschließt sich beim Lesen des Begleittextes. Wirklich gelungen.

Die Arbeit von Geoffrey Farmer beeindruckt mich eher wegen des Aufwandes, der dahintersteckt, als durch Originalität. Eine etwa zwanzig Meter lange Reihe von beidseitig auf einem Rahmen angeordneten Bildschnipseln aus dem „Life-Magazin“ zwischen 1955 und 1985, thematisch sehr amerikalastig, Aussage gleich Null. Für mich. Dass die Zeit vergeht, weiß ich selber.

Hingegen die Jukebox von Susan Hiller: 100 Lieder des Widerstands in die Box gepresst, zur freien Auswahl durch die Besucher, die Texte an den Wänden verewigt. Zudem kommuniziert die Installation mit einer zweiten Jukebox im Lokal gegenüber, das auch sonst empfehlenswert ist.

Die ständige Ausstellung enthält neben einer Reminiszenz an die vergangenen Documenta (u.a. mit einem Gerhard Richter) eine große Sammlung von Joseph Beuys, die man gesehen haben muss, und Einzelstücke von Rodin, Barlach, Warhol, Corinth, Dahl und vieles andere mehr. Im Unterschied zur Documenta lohnt fast jedes Werk die nähere Betrachtung, aber sonst wär es ja auch nicht im Museum.

Gleich gegenüber das Gebrüder-Grimm-Museum. Sicher auch für sich sehenswert, heute aber nur die Ritterspiele eines ungarischen Künstlers. Das ist witzig und voller Material, ob es auf eine Documenta gehört, ist müßig zu diskutieren. Es ist ja schon da.

Nochmal Kraft gesammelt für die letzte Etappe, die Orangerie. Doch entweder ist das geistige Fassungsvermögen erreicht oder es ist schlicht nicht meins: Die dortigen Installationen lassen mich kalt. Rechnererzeugte Liebesbriefe find ich unspannend, und das versammelte Technikspielzeug interessiert mich nicht.

Aber dann doch noch ein Höhepunkt. Die faszinierende Drei-Kanal-Videoarbeit von Mika Taanita über den Bau eines Atomkraftwerks in Finnland beeindruckt durch ihre Bilder und die Musik.

So. Geschafft. Sowohl als auch. Was bleibt?

Fleißarbeiten stehen neben Genialischem, Groteskes neben der Aufarbeitung aktueller und vergangener Kriege. Aber diese Spannweite ist in Ordnung, muss sicher auch so sein. Insofern ist die Antwort wirklich Dreizehn, so facettenreich wie „42“.

Die Documenta ist kein Grand Prix, es gibt keinen Sieger am Ende. Wohl aber Favoriten. Die Meinigen hab ich oben genannt.

Neben der beachtlichen Logistik waren auch kleinere Ärgernisse zu verzeichnen. Die Beschriftungen sind zu klein geschrieben und zu unstrukturiert, sie enthalten keine biografischen Daten der Künstler und nur selten Erläuterungen zum Werk. Der Katalog ist deswegen hilfreich, die darin enthaltenen Texte nicht immer. Hier ist der Produktionsvorlauf zu spüren.

Dass man oft ohne gutes Englisch kaum auskommt, wenn man tiefer gehen will, ist unschön. Bei aller Weltläufigkeit: Die Documenta findet statt in Kassel, Hessen, Germany.

Erwartet wurden heuer an die 800.000 Besucher, die etwa 100 Mio. € zusätzlichen Umsatz in die nicht gerade strukturstarke Region spülen sollen. Die Diskussionen, ob die Documenta nicht zu teuer sei, sind deshalb lange vorbei.

Die dreizehnte Documenta ist weder gut noch schlecht. Sie ist. Und das noch bis zum 16. September.

PS:

Eine Provinzposse allererster Güte gab es übrigens im Vorfeld. Großkünstler Stephan Balkenhol, der wohl der Meinung war, er fehle im Programm, schlich sich unter Beihilfe der Kirche ins Bild und installierte eine seiner Figuren im Turm von St. Elisabeth, in Sichtweite des Documenta-Hauptgeschehens. Rein zufällig verweilt diese dort während der gesamten Laufzeit.

Frau Großkuratorin CCB entblödete sich nicht, die Entfernung dieser Figur zu verlangen und bewies damit, dass Gelassenheit keine amerikanische Tugend ist. Natürlich steht die Figur immer noch, aber es gibt nun zwei Blamierte mehr auf der Welt.

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