Sieben Toren sind der Faust

 

Die Geschichte einer Theaterproduktion der Bürgerbühne Dresden haben wir in „Wir armen Toren“ nachverfolgen können, ganz nett sicher, aber …

Wovon handelt das Stück eigentlich?

Gar nicht so leicht zu sagen.

Vom Faust? Sicher. Von Gretchen? Auch ein bisschen. Von der bösen Midlife-Crisis? Ja, auch. Aber nicht nur.

Es geht um „Männerbiographien“, wie einer so schön sagt, ganz verschiedene, die ein Bruch (oder auch mehrere) verbindet, aber sonst erstmal nicht viel.

Das Stück lebt von der Potenz (und der erlebbaren Hilflosigkeit) seiner Protagonisten, sieben Lebenslinien werden auf der Faust-Geschichte verprobt, meistens passt es, manchmal nicht. Es ist – stellenweise – dieselbe Story in sieben Variationen, jeder ist Faust und ist es auch nicht, die „Hunde-Monologe“ zum Einstieg machen das deutlich.

Ein assoziationsreiches Bühnenbild, sieben Felder, Kabinen, Zellen, Boxen, Rückzugsräume … davor ein schmaler Steg und fünf Meter Abstand zum Publikum. Den wird es brauchen.

Regie und Dramaturgie übertreffen sich mit Einfällen. Die drei Erzengel und den Herrgott selbst spielt einer allein, auch im Himmel ist das Personal knapp. Davor noch als Einstieg die Monologe, die dem Stück den Namen gaben: Sechs Lebensläufe im Duktus der Studierstube, einer darf dazwischen das Original aufsagen.

Man wird also eingeführt mit Berichten aus dem krisengeplagten Mittelleben, die gesamte Bandbreite dessen, was man heute so haben kann, kommt zutage. Was haben die Sieben mit Faust zu tun? Sehr viel, jeder für sich.

Überhaupt, Sieben. Die mythische Bedeutung der Zahl ist nicht zu unterschätzen, nur die Drei gibt vielleicht noch mehr her. In sechs plus einem Tag soll die Welt erschaffen worden sein (der Ruhetag gehört unbedingt dazu), sieben Todsünden sind bisher bekannt, sieben Freunde müsst ihr sein (zumindest im Handball), die sieben Schwaben hatten immerhin ein gemeinsames Ziel, von den Glorreichen Sieben waren am Ende zwar nur wenige übrig, aber sie haben gewonnen. Die sieben Geißlein wurden von der Klugheit des jüngsten gerettet. Die Älteren unter uns werden sich noch an Herrn Carrells „verflichste Sieben“ erinnern. „Sieben auf einen Streich“ darf natürlich auch nicht fehlen. Und wie würde „Schneewittchen und die fünf Zwerge“ klingen?

Aber was passiert nun weiter im Stück? Die aus der Hexenküche neu gewonnene Jugendlichkeit und Energie kanalisiert sich in halbstarker Brünstigkeit, Sinnsuche und Unternehmertum.

Das Gretchen, das später erscheint, ist am Anfang eine Verheißung und am Ende ein Störfaktor. Keiner scheint ihr gewachsen, nur der Goethe-Freak bezwingt sie mit seinen Versen. Aber als es ernst zu werden scheint, kneift der Depp und klammert sich an die literarische Vorlage.

Gretchen wäre hier eher respektvoll Margarete zu nennen. „Das Heute-Gretchen und die sieben Fäuste“ ist vielleicht als Titel zu direkt, aber träfe es schon irgendwie. Und wie weiland die verstoßene Königstochter hat sie die Meute im Griff, bis … ja, bis einer sich mit der originalen Geschichte vom weltlichen Ende des Gretchens in ihr Herz schleicht. Dann ist es vorbei mit der kühlen Souveränität, das Weib Grete schlüpft am Ende gar in Helenas Identität, doch vergebens: Faust IV. (in der Reihenfolge des Auftritts, eigentlich ja Heinrich IV., aber das passt so gar nicht) fühlt sich überfordert vom direkten Begehren, er hat es eher mit der Theorie.

Bis dahin ist aber noch viel geschehen: Zunächst beklagen die Fäuste wortreich und lautstark ihr schweres Schicksal, ein Pudel assistiert dabei. Jener verwandelt sich flugs in den aus dem Prolog bekannten Mephisto und verleitet figilant den Faust zum Glücksspiel. Während Quadflieg und Gründgens in der Projektion stumm große Kunst bescheren, stammeln die Protagonisten auf der Bühne deren Texte aus dem Kopfhörer nach. Interessant, sag ich mal.

Da Faust konsequent die Existenz eines Jenseits verleugnet (zu seinem Glück hat Goethe nicht schon ein paar Jahrhunderte früher gelebt), dünkt ihm sein Einsatz gering. Also was soll‘s, wetten wir halt.

Nun muss Mephisto aber liefern. Im Gegensatz zu heutigen potentiellen Lieferanten tut er’s auch, nach einer kraftvollen Hexenküchenshow (Kochen ist ja eh im Trend) stehen 7 Jung-Fäuste da, offensichtlich mitten in der Pubertät.

Man sieht es bei der Gretchen-Erscheinung, erst per Video, dann – Auftritt aus der Menge – real: Eine große Bandbreite zwischen Verschüchterung und Macho-Gehabe tut sich auf. Letzterer bereut es, eine Polka kann auch weh tun. Mit Minnesang ist der Dame auch nicht beizukommen, sie stellt insistierend die Frage, der sie den Namen gab und duldet kein Ausweichen. Die anderen Fäuste verpissen sich, als auch die dank Brieftasche dicke Hose des Dritten sie nicht beeindruckt.

Nur der Feingeist bleibt übrig. Scheinbar wird auch er zerhackt, doch dann – wundersame Wendung – rührt er die Amazone mit dem Nachspiel von Gretchens Ende. Aber … kaum scheint er zu gewinnen, meldet sich der kleine Mann im Hinterkopf. No woman no cry …. Also Rückzug, kein Happy Ende.

Nach notgedrungen etwas ruckelndem Übergang zwei anrührende Beichten und ein Gefühlsausbruch aller Fäuste.

Mephisto zaubert im Teil Zwei unverdrossen weiter. Wenig später schwimmen alle im Geld. Aber sind die Scheine auch was wert? Man muss nur fest dran glauben. „Im Hintergrund Mephisto lacht, weil die Gier immer alles nur noch schlimmer macht.“

DER Faust – der Goethe-Kenner hatte wie vermeldet die Konkurrenten aus dem Feld geschlagen – sucht weiter Helena und findet Gretchen wieder. So war das nicht gedacht. Wieder kein Happy-End.

Finale Eins:

Die Auflösung der Wette zwischen Faust und Mephisto. Die Deutsche Bank gewinnt. Die Deutsche Bank gewinnt immer.

Finale Zwei:

Jeder der Faust-Kandidaten wettet noch einmal. Werden sie jetzt gewinnen? Meine Prognose ist 3:4.

Das Stück sollte man sicher nicht klassisch nennen, trotz der erhabenen Vorlage und vieler Zitate ist es modern angelegt. Ein dünner roter faustischer Faden zieht sich hindurch, die durchgängige Handlung der Vorlagen blitzt nur gelegentlich auf, es sind eher aneinandergereihte Szenen, mal nach, mal ohne, mal fast gegen Goethe. Der Wiedererkennungsfaktor des Faust ist manchmal gering, auch Deutschlehrer werden nicht jede Episode einordnen können. Aber darauf kommt es auch nicht an.

Ich armer Tor“ verhält sich zur deutschen Nationaldichtung wie ein heutiger Nachfahre des verehrten Herrn von Goethe zu ebenjenem: Man sieht vielleicht noch die Verwandtschaft, nur behaupten muss sich der Urururenkel heute selbst, mit seinen eigenen Möglichkeiten.

Und das tut das Stück, denke ich. Dennoch. Deshalb. Sowohl. Als auch.

Bis zum Jahreswechsel noch fünf Mal im Theater Ihres Vertrauens.

Wir armen, reichen Toren

Innenansichten einer Theaterproduktion

Vorbemerkung:
Trotz seines Erfolgs hat sich das Konzept „Bürgerbühne“ sicher noch nicht weltweit rumgesprochen, deshalb eine kurze Erklärung. Die Grundidee des Staatsschauspiels Dresden ist, eine professionelle Infrastruktur (Regie, Dramaturgie, Bühne, Technik usw.) projektbezogen für Laiendarsteller zur Verfügung zu stellen und damit Stücke zu inszenieren oder zu entwickeln. Das läuft jetzt erfolgreich in der vierten Saison, es ist (für mich) immer wieder erstaunlich, welch Kreativität und Ausdrucksstärke auch beim „normalen“ Menschen zu Tage gefördert werden kann.
„Ich armer Tor“ ist eine aktuelle Produktion der Bürgerbühne (Premiere am 09.11.12), von derem Entstehungsprozess hier berichtet werden soll.

Rückblende:
Hochsommer 2012, 45 Männer drängeln sich im Foyer Mitte des Kleinen Hauses. Bisher gibt es nur die Idee, auf Basis der Faust-Tragödie (ja, kleiner hammer’s nicht) ein Stück über midlife-Krisen zu machen sowie den Wagemut der Macher. Und offenbar ein großes Interesse der Zielgruppe.
Zu den angesetzten Auswahl-Workshops kommen fast alle. Der Wettbewerb ist hart und heftig, man muss sein Innerstes preisgeben, sonst hat man keine Chance. Ohne einen Seelen-Strip geht es nicht.
Der Trost: „Wir suchen Typen, nicht die Besten.“ Dennoch bin ich dabei.

Das erste Beschnuppern untereinander ist privat, einer hat die gute Idee eines gemeinsamen Video-Abends. Es gibt – Überraschung – Gründgens Faust aus den fünfziger Jahren.

Dann die erste Probe: Locker werden, locker bleiben. Eine große Mannschaft von Profis steht uns gegenüber. Das ist schon mal beeindruckend. Und allein das Bühnenbild von Bernhard würde das Mitspielen lohnen.
Erste Überraschung: Disziplin und Pünktlichkeit sind wichtige Tugenden am Theater. Darüber wacht die Regieassistentin Nane, deren Strenge so gar nicht zu ihrer lieblichen Erscheinung passen will. Zum Glück darf und muss sie das Gretchen geben, so lernen wir auch andere Seiten von ihr kennen.

Es folgt: Viel ausprobieren, Extreme spielen, alles rauslassen, szenische Versuche, biographische Schnipsel aus unseren Interviews. Noch weiß keiner, was daraus wird.
Dann erste Szenenfragmente, viel Spaß dabei. Das könnte passen, das auch, und das eher nicht.

Noch etwas Erstes: Der doppelte Kurzauftritt bei der Saison-Eröffnungsfeier, „Die Faust-Show“, danach geiles Gefühl, ej, wir haben es drauf!
Geprobt wird nun gefühlt täglich, all night long.
Kurz darauf ist auch noch das ZDF bei der Probe, wenn auch nur mit dem Sonntag­vormittag-Programm (ich frag mich ja, wer da guckt). Einer ist der Star, aber alle anderen sind auch im Bild. Schöner Bericht. Noch mehr Flow.

Dann doch die erste Durststrecke. Ewig dasselbe proben, auch wenn man die Szene Scheiße findet. Und dann wird die gestrichen. Die Freude ist zwiespältig, schade um die Mühe.
Ganz langsam zeichnet sich ein Stück ab. Aber es ist noch sooo lang … Der Dramaturg Hajo kommt und kürzt und streicht. Aber immer noch fast zwei Stunden.
Die Szenen verdichten sich, nicht nur zeitlich. Noch einige Rollentausche. Es scheint jetzt zu passen.

Der erste komplette Durchlauf bleibt aber unbefriedigend. Es längt, es hakt überall. Miese Stimmung, in der Garderobe später hat keiner gute Laune. Miriam, die Regisseurin, tröstet, aber wir spüren auch ihre Anspannung.

Foto-Shooting im Casino, so komm ich da auch mal rein. Theater bildet.
Jetzt auch noch ein eigenes Kamerateam, das uns begleitet bis zur Premiere. Egal, wir machen hier unser Ding.

„AMA 1“, Theatersprech, „Alles mit Allem“ heißt das. Im internen Publikum der Intendant. Man merkt es an der Nervosität der Beteiligten. Nur wir Laien nehmen das nicht so wichtig.
Es läuft gut, viel besser als zuvor. Alle stolz. Der Intendant ist zufrieden, lässt er bestellen.
Auswertung: Erst im KH Mitte, dann noch lange in der Kantine. „War schon viel Schönes dabei“ … Im Ernst, alle sind gut drauf, ein Meilenstein ist geschafft. Und wir haben noch viel Zeit …

Aber es beginnen die Mühen der Ebene. Der sichtbare Fortschritt wird kleiner, nun geht es an den Feinschliff, das nervt manchmal. Man hört es auch am Ton.
Die „AMA 2“: Pleiten, Pech und Pannen. Einer fällt von der Leiter, ein anderer stolpert gleich über zwei Mitspieler. Der rechte Schwung ist auch nicht drin.

Die Auswertung dauert diesmal lange, Kantine fällt aus. Jaja, wir wissen, woran es lag. Und jetzt sind die größten Änderungen auch durch, versichert die Dramaturgie.
Wie lautet nochmal der (vorläufige) Schlusssatz des ersten Finales? „Wer’s glaubt, wird selig.“

Dann ist es auf einmal nur noch eine Woche bis zur Premiere.
Die Technik klemmt noch, nicht nur die der Darsteller, sondern auch jene, die von den großen Pulten aus gesteuert wird. Jan, der Musikus, feilt an den Einsätzen. Die Proben sind mühsam, gehen ins Detail. Die Leichtigkeit und Großzügigkeit der ersten Wochen ist dahin. Unter drei Wieder­holungen bleibt keine Szene. Aber man sieht endlich mal, was die anderen so machen, während man in seiner Box hockt. Das tut gut und spornt an.

Es ist x-6, Sonnabend, „erste Hauptprobe“, davor noch ein technischer Durchlauf. Ersterer holpert, aber die Hauptprobe läuft fast optimal. Zur Belohnung gibt es einen freien Abend mit teambildenden Maßnahmen.
Der Sonntag ist probenfrei. Seltsames Gefühl, man wähnt sich nutzlos, keine, die einem sagt, was zu tun ist. Zum Glück geht auch dieser vorbei.

Die letzten fünf Tage verbringen wir de facto in Quarantäne. Vier Stunden Probe vormittags, fünf nachmittags. Da kann ich auch arbeiten gehen.
Wir fühlen uns wie die Nationalmannschaft vor dem Finale, mindestens. Nur das Mannschaftshotel fehlt, die Presse, Waldi und vor allem das Defilee der Spielerfrauen.
Kann man noch intensiver proben? Ja, man kann. Und man kann auch Tage vor der Premiere noch wesentliche Teile ändern. Oder streichen.

Die öffentliche Probe an (x-3) wird zwiespältig empfunden. Die Protagonisten sind größtenteils unzufrieden, hadern mit ihren Fehlern. Aber die Resonanz ist gut, das Publikum – ob nun vom Fach oder nicht – scheint zufrieden.
Am nächsten Morgen fallen nochmal einige Szenen aus dem Stück. Nicht alle sind begeistert. Und auch die Auffassungen in der künstlerischen Leitung sind nicht immer konform. Egal, ab jetzt entscheidet nur die Regisseurin. Wir proben die Änderungen bis zum Erbrechen.
Am Abend der vorletzte Durchlauf. Neuer Bahnrekord. Aber nicht schlecht. Das Stück ist spielbar, das Gefühl haben inzwischen alle. Und für die Tausend Details gibt es ja noch achtundvierzig Stunden.

Der letzte richtige Probentag. Die Liste von Miriam ist erstaunlich lang. Aber plausibel. Da müssen wir wohl nochmal ran.
Am Abend die Generalprobe. Ab 18 Uhr lungern alle in der Kantine und machen sich gegenseitig nervös. Dann aber ein nettes gemeinsames Aufwärmen, kann losgehen.

Am Ende strahlt Miriam. Zu Recht. Es lief – fast – alles bestens, fast schon zu gut. Hoffentlich können wir das Niveau halten.
Zum Abschluss die große Kantinenrunde, es werden immer mehr. Kaum zu glauben, aber selbst an einer recht kleinen Produktion sind über zwanzig Menschen beteiligt.

Der Tag der Premiere ist ruhig. Jeder soll für sich Kraft sammeln. Ab 18 Uhr sehn wir uns in der Kantine.
Noch zwei Stunden bis zum Startschuss, dann rollt die Kugel. Dann ist jeder allein in seiner Box.

Luise Millerowa wird im Pathos ertränkt

Gastspiel des „Prijut Komedianta“ St. Petersburg mit Schillers „Kabale und Liebe“ am 3.11.12 im Kleinen Haus Dresden (im Rahmen der „St. Petersburger Theaterspielzeit“)

Silence is sexy, das geniale Werk der Neubauten begleitet uns das ganze Stück über. Nur am Anfang ist offen, welche Stille gemeint ist.

Maximalbestuhlung im Saal, schwere Parfums und funkelnde Klunkern füllen diesen. Das Gastspiel ist fast ein Heimspiel, warum auch nicht?

Die Szenerie ist in ein Wohn-Tonstudio verlegt, Musiker Miller ist der Inhaber, gestraft mit seiner alt gewordenen Rockerbraut, gesegnet mit dem schönen Töchterlein Luise, auf das neben dem blassen Vorstandsassistenten Wurm auch der Oligarchensohn Ferdinand mehr als nur ein Auge geworfen haben. Nur letzterem gelingt die Eroberung des schönen Fräuleins, was dem Wurm aus den verschiedensten Gründen missfällt. Des (Firmen-) Präsidenten Walters Sohn wird im Hochzeits- und Machtpoker gebraucht.

Diese Translation in die Gegenwart scheint schlüssig, bezieht sich aber leider fast nur auf Bühne und Kostüm. Der durchgängig hohe Ton von Schiller passt einfach nicht mehr zum gewählten Ambiente, auch wenn er um einige zeitgerechte Sätze ergänzt wird. Zumindest mich begleitete das ganze Stück über ein gewisses Unbehagen ob dieser Differenz. Zumal auch noch einige unmotivierte Klamaukszenen dazu kamen, die dann gänzlich für Verwirrung sorgten.

Das Bühnenbild ist an sich eine gute Idee, nicht nur die Scheibe zwischen Studio und Aufnahmeraum gibt viel her. In letzterem findet die Hälfte aller Szenen statt, er ist auch Chefbüro, Managerfechthalle und Schlafgemach der Lady Milford. Nur … er ist weit im Hintergrund und von den vorderen Außenplätzen schlicht nicht einsehbar. Auch die Stimmen sind gedämpft, was allerdings bei den Über- oder besser Seitentiteln keine Rolle spielt. Jene, um auch das zu vermerken, schienen mir ein wenig lieblos erstellt, neben ärgerlichen Rechtschreibfehlern überforderte das Tempo der Einblendungen manchmal den Zuschauer. Auch das Timing war nicht immer glücklich.

Mal was Positives: Die Idee der absichtlich fehlgeleiteten SMS. Welche Scherereien damit verbunden sind, wussten sicher einige im Saal.

Die allgemein bekannte Handlung soll hier nicht nacherzählt werden, nur einige Anmerkungen: Lady Milford (wirklich reizend: Marina Iwanowa) war etwas eindimensional darzustellen, die Geschichte vom armen gefallenen Mädchen kaum glaubhaft. Eine Verführung mit dem Nerv-Klassiker „Je t’aime“ ist sicher nicht das Niveau der Lady, und die sich wie Kaugummi ziehende Szene mit Luise, in welcher die Milford zum Schönenreinengutenwahren bekehrt wird, empfand ich als Bestrafung. Des Zuschauers.

Generell gilt: Solange die Schauspieler (ob nun „Verdient“ oder nicht) in ihren Rollenklischees blieben, konnte man folgen. Sinneswandlungen oder Erkenntnisse nahm man (ich) ihnen aber kaum ab.

Eine Ausnahme vielleicht Ilja Del, dessen Ferdinand in seiner kalten Wut Größe gewann (die er dann aber wieder mit viel Pathos am Ende abzutragen hatte). Polina Tolstun (Luise) fand ich sehr gut in den Anfangsszenen, je dramatischer es wurde, desto mehr flüchtete sie jedoch in Stereotype.

Die Musik bediente sich aus dem reichen Repertoire der Rockklassiker, na gut, nicht überraschend, aber auch nicht störend. Und „Where did you sleep last night“ von Nirvana passt natürlich wie die Faust aufs Auge.

Das Ende ist schnell erzählt: Einige bewegende Bilder, aber auch oft Langeweile in den endlosen Dialogen, vereinzelt auch fast schon Fremdschämen ob der hölzernen Szenen. Die Cola-Vergiftung der Hauptakteure beendet gnädig das Spektakel.

Silence is sexy, yeah. But to much „Pathos“ is very unsexy, daragije Druhsja!

Gundi goes global und bleibt lokal

Ein Gundermann-Gedenkabend am 19.10.12 im Theaterhaus Rudi, Dresden-Mickten

Hütte voll im bluutschen Rudi, schon kurz nach Sieben. Der Gundermann-Freund ist pünktlich und vollzählig angetreten. Der „große“ Saal birst vor Menschen, dass es im großzügigen Souterrain noch eine Bühne gibt, muss sich erst rumsprechen.
Einige Musikschaffende versuchen sich oben wie unten an Gundi’s Werk. Das Ohr bedient sich bei Bedarf aus der Erinnerung, so wird auch das Verhunzte schön. Es wird inbrünstig mitgesungen und es kommt zu ersten Umarmungen. Einige Extremisten vollziehen gar das gefürchtete Mitklatschen.
Global geht Gundi deswegen, weil jetzt auch ein Holländer-Michel zur Gilde der Nachsänger gehört. Nach Schwaben ein weiterer Expansionserfolg. Und auf Russisch und Französisch soll es Gundi auch schon geben. Heute gehört uns Holland, morgen … Ach Quatsch. Blödes Zeilenfüllgebrabbel.
Im Keller werden auch Amateure und Debütanten auf die Bühne gelassen. Einer spielt und singt ähnlich schlecht wie Bob Dylan, wird aber sicher nicht so berühmt, diese Nische ist ja schon besetzt.
Die fast Einzige, die ich auf der Programmliste kenne, ist Barbara Thalheim. Deren Auftritt lässt ein bißchen auf sich warten, aber dann: es beginnt klassisch und wird dann aktueller, bleibt aber gut. Sicher ein schönes Konzert, wenn auch ein bißchen belehrend, was mir dann doch auf den Senkel geht. Ab in den Keller.
Dort darf ich immerhin die Sängerin auf die Wange küssen, als Ersatz-Muserich, traut sich sonst keiner. Nicht nur deshalb scheine ich einen interessanten Auftritt von Judith Reimann verpasst zu haben.
Aber auch der folgende Barde ist hörbar, schade, dass sich nur zehn Leute im geräumigen Keller verlieren. Dann wechselt es zu Betroffenheitslyrik, also wieder nach oben. Frau Thalheim immer noch am Set, nun fast rockig. Klingt gut. War aber schon die Zugabe.
Die Pausenmusik zielgruppengerecht klassischer Ostrock, modern abgemischt, was ihn nicht unbedingt besser macht.
Dann Herr Kondschak aus Tübingen, einer der Priester der Szene. Er hat seine Tochter mitgebracht, was in jeder Hinsicht erfreulich ist. Gott ist eine Frau, hab ich dabei gelernt.
Während der Herr Vater nur gelegentlich an Dieter Birr erinnert, tanzt Tochter Merle sehr schön und singt auch. Inhalt? Naja, … auch dabei, manchmal. Ein vertonter Lebenslauf, nichts Überraschendes. Manchmal aber doch ein bewegender Moment, für den es sich lohnt zu bleiben. Und „Stilles Glück“ ist dann sicher der Höhepunkt des Konzerts. Dann noch Gundi’s „Linda“ mit Geige, leicht verheult geh ich zum Rauchen.
Die Party (ja, werte Herren aus einer bekannten Nachtgaststätte, solche Partys gibt es auch) beginnt mit dem alten Skoda Octavia. Na gut, es ist eher eine Session. Und Platz zum Tanzen ist auch kaum. Aber die Sache nimmt Fahrt auf, als ich weiche (muss morgen früh raus) geht es offenbar erst richtig los. Schön für die Zurückbleibenden.
Im Nachgang: Was ist der heutige Gundi-Fan für einer, so im Durchschnitt? Schwierig, zu heterogen ist diese Gruppe. Ein klassischer Typus davon ist um die Fünfzig, Alt-Ossi, durchaus angekommen im neuen Leben, Mittelschicht, tritt bevorzugt in gemischtgeschlechtlichen Paaren auf, mit dem Hang zur Lagerfeuer- Nostalgie. Weeßte noch? In zehn Jahren werden sie sich erzählen, wer auch schon tot ist.
Aber es gibt auch viele andere.
Der Akademikeranteil und jener der Linken-Mitglieder scheint deutlich überdurchschnittlich zu sein, egal, das sind ja auch Menschen.
Es gibt auch einen Verein namens „Seilschaft“, wusste ich bisher nicht. Die passende Vokabel dazu heißt wohl rührig, zumindest hat jener zum 15. Todestag ein beachtliches Programm in mehreren Städten auf die Beine gestellt. Das Rudi ist zudem mit goldenen Worten des Meisters tapeziert, eine hübsche Idee.
Die Mitglieder des Vereins laufen stolz mit Hostessen-Schildchen rum, die sie als solche kenntlich machen. In den meisten Fällen hätte man das auch so gesehen.
Es ist vermutlich nicht mehr weit bis zur Ersten Gundischen Freikirche, aber warum auch nicht? Es gibt banalere Gründe fürs Glauben.
Ich geb heute kein endgültiges Urteil ab, ein Bericht muss reichen. Bin befangen und ein bißchen gerührt. Die Musik von Gundi fängt auch mich immer wieder ein, und die Party war größtenteils doch unterhaltsam.

Ein langes Stück über das Töten

Titus Andronicus“ von William Shakespeare in der Regie von Jan Klata,

gesehen am 7. Oktober 2012 im Staatsschauspiel Dresden

Heute mal keine Nacherzählung. Das würde den Rahmen sprengen, soviel wie hier gemordet, getötet, vergewaltigt und aufgefressen wird. Ich verweise auf seriöse Quellen. Aber einige Anmerkungen:

1. Das Wagnis, ein Stück in zwei Sprachen mit Schauspielern polnischer und deutscher Zunge zu inszenieren und dabei trotz der naheliegenden historischen Bezüge nicht in die Korrektheitsfalle zu laufen, ist aller Ehren wert. Wegen jener Falle musste es wohl auch ein polnischer Regisseur sein, nein, nicht irgendeiner, sondern DER polnische Regisseur dieser Tage.

2. Wenn man Shakespeares blutigstes Stück heute auf die Bühne bringt, bedarf es neben einer „angemessenen“ Darstellung des zügellosen Mordens auch einer gewissen Distanz dazu, die ohne Ironie nicht herzustellen ist. Dies schien mir absolut gelungen.

3. Man muss nicht jeden Regieeinfall mögen, einige waren auch richtig peinlich. Auf Luftgitarre spielende Goten hätte ich ebenso verzichten können wie auf den prächtigen Ständer des Mohren. Jenen (weißen Schauspieler) schwarz einzufärben, fand ich hingegen lustig, von jeglicher p.c. unbefleckt.

4. Der Einstieg ins Stück mit einem die Särge seiner Söhne hereinschleppenden Titus Michalek (überragend als Vieh und Mensch) und deren ordnungsgemäße Registrierung, Beweinung und Aufbewahrung, unterstützt von einer martialischen Marschmusik aus der Heavy-Ecke, gehört für mich zu den stärksten Anfängen, die ich jemals auf der Bühne gesehen habe (gut, so viel Theatererfahrung hab ich nun auch noch nicht).

5. Die reduzierte Fabel des Stücks, dass aus Siegern schnell Verlierer werden, wenn sie sich von List und Tücke auseinander dividieren lassen, war trotz des Brimboriums klar erkennbar. Titus krönt schlicht den falschen Kaiser, so nimmt das Unheil seinen Lauf. Und letztlich sind an allem ja nur die Frauen schuld, ob nun aktiv oder passiv. Love hurts.

6. Klata findet interessante, für Dresden ungewohnte Formen. Dass das oftmals aufkeimende Entsetzen stets mit einer Parodie konterkariert wird, hält den Zuschauer tränenfrei und das Stück am Laufen.

7. Jener Zuschauer wurde natürlich auch hinreichend gequält. Ob nun Hochfrequenztöne, Lärmterror oder eine ausgewalzte angedeutete Vergewaltigung am vorderen Bühnenrand, man musste schon wissen, worauf man sich einließ. Ein Dutzend Besucher ging vorzeitig von der Fahne, was den ohnehin nur zu einem Drittel gefüllten Saal weiter dezimierte. Klata wird gewusst haben, warum er keine Pause einbaute.

8. Einen, nun ja, Musikschaffenden wie „Fancy“ aus der verdienten Versenkung geholt zu haben, ist auch ein Verdienst des Stücks. Ich persönlich hätte Modern Talking noch passender gefunden, aber die hatten offenbar keine so treffenden Zeilen wie „Slice me nice“.

9. und letztens: Ich prophezeie, das Stück wird in Dresden nicht lange laufen. Trotz aller Modernität „von oben“ ist ein Großteil des Publikums hier sicher nicht gewillt, sich auf extreme Formen von Theater einzulassen. Das ist schade.

Wie das in Wroclaw aussieht, kann ich leider nicht einschätzen.

Also: Ich ging hin und rechnete mit dem Schlimmsten. Ich ging weg und war doch sehr angetan. Relativ gesehen also ein absoluter Treffer. Und auch sonst ein gutes, sehenswertes Stück.

Ein beschissener Abend für alle Beteiligten

Nein, um Gottes Willen, das ist nicht die Zusammenfassung. In dieser Überschrift wird schlicht der Inhalt des Stücks beschrieben, und vielleicht stimmt das so auch gar nicht. Im Zuschauersaal hatte man unterhaltsame zwei Stunden trotz des Tiefgangs, ein typisches Hübner.

 

Was tun“ von Lutz Hübner in der Regie von Barbara Bürk,

Uraufführung am 6. Oktober 2012 im Staatsschauspiel Dresden

 

 

Eine Vorgeschichte:

Es ist nicht unbedingt der beste Start in den Abend, wenn man um 19.12 Uhr im Foyer feststellt, dass man seine Premierenkarte zu Hause vergessen hat. Es ist auch nicht hilfreich, wenn es draußen Bindfäden regnet. Aber es motiviert ungemein.

Das erste Mal passiere ich den Albertplatz auf meinem treuen Rappen aus diversen Metallen um 19.20 Uhr, das zweite Mal um 19.23 Uhr. Da bin ich schon völlig durchnässt, und jetzt auch noch Gegenwind. Und niemand neben mir, der „Quäl dich, du Sau“ brüllt.

Dennoch, neuer Bahnrekord, um 19.30 Uhr schlage ich an der Pforte auf, sprinte die Treppe zum 2. Rang (auch das noch) hoch, lächele so freundlich wie es mir noch möglich ist die Garderobiere an und plumpse um 19.31 Uhr auf meinen Sessel, der zum Glück am Rande der Reihe liegt. Es kann losgehn.

 

 

Hübners neuestes Stück spielt mit drei verschiedenen Handlungssträngen, die (zu Anfang) voneinander völlig unabhängig sind.

Zu Beginn erhält man einen Einblick in eine Ehehölle, deren Fegefeuer jedoch noch im Verborgenen lodert. Zwei ungleiche Freunde trinken sich in Anwesenheit der zugehörigen Damen (die eine langjährige Ehefrau, die andere frische Freundin) für den Abend warm. Jener wird sehr unterschiedlich verlaufen, für den einen droht ein literarisch-musikalischer Abend im engsten Kreise, der andere absolviert seinen monatlichen Termin im Swinger-Club. Nachdem der Gatte Gerald hör- und sichtbar seinen Neid bekundet, wirft die resolute Gattin Moni das lockere Pärchen raus.

 

Szenenwechsel, extrem. Ein in Ehren ergrauter Gewerkschaftsfunktionär brieft noch einmal ein Opfer unternehmerischer Willkür, die Altenpflegerin Bine, die das seit 30 Jahren war und nun nicht mehr ist, nachdem sie die Missstände in ihrer Altenverwahranstalt öffentlich gemacht hat. Den ersten Prozess hat sie verloren, nun soll die Öffentlichkeit helfen. Karl hat seine Verbindungen spielen lassen, eine Pressekonferenz steht an.

 

Nächste Szene: Der Empfang, auf dem Moni noch nicht erschienen ist. Der Redakteur Richard hat seinen Gespielen Hanno mitgebracht, einen Ex-Schauspieler und Neu-Sprecher, der gerade ein erfolgreiches Hörbuch abgeliefert hat. Nun soll der natürlich zwischen den Häppchen auch was rezitieren, allein, der Gute kann vor Publikum nicht. Aber es sind wichtige Leute da, und sanfter Druck führt dann doch zur Einlage.

 

Wieder zurück in der Ehehölle. Das Geschehene muss ausgewertet werden. Im Ergebnis geht Moni allein zum Kränzchen und Gerald macht sich noch ne Flasche auf.

 

Die Pressekonferenz bleibt ohne Presse, nur der Sohn des Opfers betritt mit einem fulminanten Wutanfall die Szenerie. Nicht im System sich wehren, sondern das System bekämpfen!

 

Hanno hat nun doch rezitiert, sehr schlecht, gar nicht recht. Nun ist ihm übel. Er fühlt sich missbraucht und unverstanden, auch vom Partner. Abgang, er muss heute noch was Besonderes erleben.

 

Bei der PK ist inzwischen immerhin eine Praktikantin eingetroffen, der Herr Redakteur war leider verhindert. Beim ersten Mal tuts noch weh, aber Luise schlägt sich erstaunlich wacker. Völlig abgeklärt, diese jungen Leute. Sonst kommt keiner, man vergaß einzuladen, na so was.

Lifestyle trifft Klassenkampf, es geht um die Fakten oder um das Gefühl. Das kann nur schiefgehn. Abgang Opfer mit Sohn. Aber für ein Bier ist für den Kämpfer Sikorski und die Maus Luise noch Zeit.

 

Neue Szene, der besagte Swingerclub. Die Umkleidezelle betont nüchtern, der Statist in seinen rosa Stiefeln bekommt Szenenapplaus. Na gut, warum auch nicht.

Andi und Judith, die Gäste aus der Ehehölle, treffen hier auf Hanno, der auf der Suche nach seinem besonderen Erlebnis ist. Er macht ihnen ein unmoralisches, aber spannendes Angebot: Zu dritt ein Hotelzimmer zu beziehen und einen schönen Abend zu haben. Andi, der glaubt, dass dieser Kick ihm wieder auf die Beine hilft (zwinker, zwinker), überzeugt die widerstrebende Judith, bittet sich aber eine zweite Dame aus. So soll es dann sein.

 

Noch ein neuer, alter Schauplatz: Der wütende Sohnemann hat die Privatadresse des fiesen Personalchefs seiner Mutter (dem Opfer) ausbaldowert und nötigt sie zur Konfrontation mit diesem. Es ist – Überraschung – Gerald aus der Ehehölle. Dessen Gesprächsbereitschaft wird mit einigen Schlägen in die Fresse hergestellt. Man wird hereingebeten.

 

Moni trifft nun bei Sybilla ein, der Gastgeberin des künstlerverschleißenden Zirkels. (Können Sie noch folgen?) Diese führt sie in die Psychologie des Mannes Mitte vierzig ein („in dem Alter, wo sie einen Rappel kriegen“) und rät zur Gelassenheit. Nachher sei es wieder ganz einfach. Aber Moni ist dafür irgendwie zu verkrampft.

 

Karl Sikorsky und Luise trinken Bier.

Das alte Schlachtross braucht keine Hilfe, keine Erklärungen und keine Belehrungen. Es wettert lieber vor sich hin. Aber irgendwie mögen sich die beiden.

 

Ein Hotelzimmer. Hanno, Judith und Andi. Jener will doch nur einen schönen Abend. Aber, Hanno ist ein Frischling. Wie googelt man eine Nutte?

Andi weiß Rat: Das Klax in Fickpieschen. Und soll sich dann besser selber drum kümmern.

Judith und Hanno allein, die Euphorie erlahmt schnell, Befangenheit tritt ein. Hanno schluckt seine Pillen und gibt Hugo von Hoffmannsthal als Privatvorstellung, Judith staunt.

Wie lächerlich kann ein Fummel aussehn, wenn der Träger sich unwohl fühlt darin. Hanno fühlt sich falsch im Leben, zarte Annäherung.

 

Zurück in der Hazienda des Personalchefs.

Gerald erklärt die Welt. Seine Welt.

Bine erklärt die Welt. Ihre Welt.

Abgang Bine und Sohn.

 

Hanno liegt ohnmächtig am Boden. Der zurückgekehrte Andi, die gewünschte Nutte im Schlepptau, ist misstrauisch. Hat Judith nun mit dem oder nicht? Das hier ist was anderes als Swingerclub. Scheiß Abend.

Der herbeigerufene Richard erscheint, weckt Hanno. Der will jetzt nur noch nach Hause. Scheiß Abend.

Andi ist jetzt zum Heulen, und Judith? Scheiß Abend?

 

Noch ein Bier für Karl und Luise. Jener staunt. Die 23jährige ist so was von selbstsicher … Das macht ihm Angst. Karl will lieber weiter beleidigt sein, ihm hört ja keiner mehr zu. Nicht mal mehr an den Kopierer darf er im DGB-Haus. Scheiß Abend. Scheiß Leben.

 

Moni ist wieder zu Hause.

Geralds Geschichte von der Heimsuchung ist gar zu unglaubwürdig, alle Indizien sprechen gegen ihn. Er war fremdvögeln, das ist klar. Nun sitzt er in der Falle. Scheiß Abend.

Mit großer Geste schmeißt sie ihn raus. Noch einmal scheiß Abend.

 

Am Ende fummeln alle alleine, jeder für sich, an ihren Mobiles. Der scheiß Abend wird dadurch nicht besser. Vorhang. Langer Applaus.

 

 

Lutz Hübner sind wieder wunderbare Figurenstudien gelungen, mit ganz wenigen Szenen weiß man, mit wem man es zu tun hat. Man glaubt die Leute zu kennen, von nebenan.

Das Stück beschreibt, es urteilt nicht. Für die Moral sind andere zuständig. Auch darin liegt seine Stärke.

 

Darin liegt aber auch seine Schwäche. Man kann sich mit jedem auf der Bühne identifizieren, auch der Personalchef verdient angesichts seiner familiären Verhältnisse zumindest Mitleid. Auf eine Wertung, gar eine Botschaft wird konsequent verzichtet. Schaut her, so ist das Leben. Ja. Und?

 

Man schaut von draußen durch verschiedene Fenster in unterschiedliche Räume eines Hauses, und einige Wände zwischen denen brechen nach und nach in sich zusammen, die Handlungen verschmelzen. Das bleibt mir als wesentlichster Eindruck.

 

 

Intendant Wilfried Schulz betätigt sich bei der Premierenfeier in der ungewohnten Rolle des Entertainers und huldigt mit vollem Recht seiner großartigen Schauspielertruppe und dem Autor. Elf gleichwertige Rollen für neun Schauspieler, das muss man erstmal hinbekommen. Schwierig, jemanden hervorzuheben, am längsten im Gedächtnis werden zumindest mir Ines Marie Westernströer („Okay?“), Tom Quaas, Karina Plachetka, Holger Hübner (als Gerald) und als primus inter pares Christian Erdmann bleiben. Aber eigentlich auch alle anderen.

 

Es war wirklich eine tolle Ensembleleistung in einem guten, sehenswerten Stück. Hübner hat die hohen Erwartungen erfüllt.

 

Wer stehen bleibt ist raus

„Das normale Leben oder Körper und Kampfplatz“, deutsche Uraufführung von Christian Lollike, gesehen am 01.10.12 unter der Regie von Hauke Meyer am Staatsschauspiel Dresden

 

In einem sich thematisch ungefähr zwischen „Die Firma dankt“ und „Vater Mutter Geisterbahn“ verortenden Stück wird in einer temporeichen Inszenierung die aktuelle Gretchenfrage gestellt: Wie und womit bestehst Du in der modernen Welt?

 

 

Eine Bühne ganz in Weiß, eine Schrankwand voller Schubkästen, eine weiße Couch als Gefängnis. Es wirkt klinisch, oder besser wie in einem Labor. Die Versuchsanordnung besteht aus A, B und C, ihr Aktionsfeld ist die moderne Welt.

 

Gleich am Anfang seien die Darsteller bedacht: Von Annika Schilling, Philipp Lux und dem Noch-Studenten Jonas Friedrich Leonhardi mag ich niemanden hervorheben. Alle spielten präzise und glaubhaft, ohne sich über den Text zu stellen. Eine seriöse Leistung, wie hier am Hause gewohnt.

 

Die Handlung:

Sie (A) fühlt sich verfolgt. Er (C) meint, das wäre die innere Stasi, ein Organ, da zu einem gehört und doch wieder nicht, weil es einen kontrolliert und steuert. Noch ein Er (B) ist skeptisch.

So fängt das Stück in etwa viermal an. Immer wieder verlaufen sich die Akteure in den Tiefen des Alltags, „wollten wir nicht eine ganz normale Geschichte erzählen, eine Huldigung an die Lebenslust?“, immer wieder Neuanfang.

 

Die moderne Religion Fitness, der Zwang zum schlank und gesund aussehen. Der Konkurrenzdruck im Büro, der mit nach Hause genommen wird. Die Angst, die überall lauert. Das alles wird plausibel vorgeführt, ebenso wie die Abneigung gegen fette Menschen, die jener gegen Fremde gleicht und auf einen natürlichen Instinkt zurückzuführen sein soll, das Fette, Fremde als Bedrohung.

 

Man möchte so gern tolerant sein, aber man ist neidisch auf den Zusammenhalt der Kanaker. Weil man nicht so sein kann, sollen die auch nicht so sein. „Kapitalismus“ als Wort ist verpönt, erinnert zu sehr an schuldbewusste Fürsorgehumanisten (ich persönlich würde eher Peace-Brezeln sagen). Aber immerhin ist man sich bewusst, dass man statt Mensch nur ein Konsumentenprofil ist, was zwischen Shops pendelt.

 

Im Heimischen ist es nicht besser. Erziehungsmodelle prallen aufeinander, und wenn es dann mal drauf ankommt, muss Mutti arbeiten. Genialer Satz: „Natürlich sollst du am Wochenende nicht arbeiten, du sollst mit deinen Kindern zusammen sein, es sei denn, du bist im Rückstand.“ Im Rückstand ist man schnell. Erster Zusammenbruch.

 

In ihrer Vorstellung fliehen sie auf eine einsame Insel, aber in der Realität der anderen werden sie gefunden, GPS machts möglich. Man kann jetzt TV-schön werden, aber irgendeiner hat meine Identität gestohlen und läuft jetzt damit rum und spielt mich. Echt blöd.

 

Man ist die wandelnde Leere, ein Loch, zu nichts nutze, ohne Orientierung. Und man ist doch schon 39 … Da werden einige im Saal genickt haben. Und in anderen Sälen sicher auch.

Dann das schöne Bild, dass man dem Zug hinterher rennt, der aber viel zu schnell fährt, als das man ihn erreichen könnte. Abends ist einem klar, dass das Schwachsinn ist, aber da ist man betrunken, und morgen geht das Rattenrennen weiter. Wer still steht ist raus.

 

Wir haben Google Maps, doch wir wissen nicht wonach wir suchen sollen. Aber dank der neuen Bekenntniskultur können wir das immerhin allen mitteilen. Früher behielt man so einen Scheiß für sich bis man platzte.

 

Das private Leben geht natürlich auch in die Brüche, überreizt wie man ist, ist man auf dem Kampfplatz Familie verloren. „Willst du mich verlassen? – Du hast mich doch schon lange verlassen.“ Eine Light-Zigarette in der Penthouse-Küche als Rebellion, dann sogar noch eine. That’s Rock’n’Roll.

 

Die einzige Fluchtmöglichkeit scheint, mit dem Existieren aufzuhören. Wenn selbst der Partner ein IM der inneren Stasi ist … Du hast die Möglichkeit, auf normale Weise individuell zu sein, aber bitte nicht umgekehrt. Man kann jetzt seinen Partner lokalisieren, das ist das Ende vom Ende. Zweiter Zusammenbruch.

 

Sie ist für niemanden mehr genug da. Das Hamsterrad dreht immer schneller. Wahnvorstellungen. Klinik. Mann weg. Kinder weg. Draußen.

 

Der Kreis schließt sich am Ende. A begegnet sich selbst, die eine joggt gegen die (Lebens-) Uhr, die andere sitzt verfettet auf der Parkbank und frisst den bösen Kuchen. Die eine verachtet die andere, die eine ist der anderen egal. Wer ist wohl glücklicher?

Ende.

 

Soweit die Nacherzählung. Ein berührendes Thema, in meist plausible Bilder gesetzt, sowohl sprachlich als auch seitens der Bühne. Ein Verwandtschaft zu Hübners „Die Firma dankt“ ist unverkennbar, ebenso zu Heckmanns „Vater Mutter Geisterbahn“. Letzteres beschaut das private, ersteres das berufliche Leben, Lollike bringt beides übereinander. Fast könnte man die Stücke als Trilogie begreifen.

 

Ob die abgeleiteten Thesen alle so zutreffen oder hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, mag jeder für sich entscheiden. Ich frag mich schon manchmal, was denn das Besondere an der „heutigen“ Arbeitswelt ist, die diese so böse und verschleißend macht. Ich denke, der Hauer im Schacht „Gute Hoffnung“ um die vorletzte Jahrhundertwende oder noch früher die Fabrikarbeiterin in Manchester hätten gerne unsere Probleme gehabt. Und auch heute braucht man nur mal den Erdteil wechseln, um wirkliche Probleme vor sich zu haben.

Ok, das ist ein Totschlagargument, ich will psychischen Druck nicht verharmlosen und von Karoshi hab ich auch schon gehört. Diese Themen sollen nicht relativiert werden, manchmal ist mir aber sehr viel Nabelschau und Befindlichkeitskult dabei.

 

Ein – natürlich völlig unpassendes – Argument habe ich neulich im Netz gelesen: Ein renommierter Psychologe antwortete auf die Frage, ob die mit den modernen Kommunikationsmitteln gegebene ständige Erreichbarkeit die Menschen nicht in fürchterlichen Stress versetzen würde, sinngemäß so, dass die (deutschen) Menschen im Dreißigjährigen Krieg für die Schweden physisch ständig erreichbar gewesen seien, das sei viel größerer Stress gewesen.

Deutlicher kann man das kaum ausdrücken.

 

Also, bei aller Empathie: Ja, auch die Entfremdung und Vereinzelung der Menschen im heutigen Leben ist ein Problem in der Welt, nicht das einzige oder das größte, aber immerhin eines, das eine Menge von Menschen in der „Ersten Welt“ betrifft und worüber nachzudenken lohnt, gerne auch in der Form eines Theaterstücks. Und wenn das Thema so angepackt wird wie von Lollike, kann das eine Bereicherung für alle sein, die damit zu tun haben. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

 

Am Fluss entlang

Der Elb-Kilometer 54,5 auf der Neustädter Seite, Königsufer Dresden, ein schöner Sonntagnachmittag. Spazierengehen ist die höchste Form der Fortbewegung. Ich wende mich flussabwärts.

 

Für die barocke Silhouette habe ich heute kaum einen Blick, zuviel Schönheit ist auch langweilig auf Dauer. Ich schau lieber Menschen, da sind ja auch ein paar Schöne dabei.

Für die gehetzt wirkenden Jogger gilt das sicher nicht. Wovor laufen die nur alle weg?

 

Es gibt Momente voller Poesie zu bestaunen, zum Beispiel die Schlafende, die sich an ihre Satteltasche kuschelt. Ich unterdrücke den Impuls, ein Foto zu machen, das gehört sich nicht.

 

Wer einen Partner hat, der zeigt das, wer keinen, auch. Letztere haben sicher ihren Rilke gelesen und wissen, der Winter ist nicht mehr fern.

Es gibt etwa 50 Arten, auf der Wiese zu sitzen, hier kann man sie alle sehen.

 

Noch 23 km bis Meißen, das wird eng bis zum Sonnenuntergang. Ich sing mir selbst was vor im Kopf, was, das verrat ich nicht.

 

Wie immer ist ein hohes Verkehrsaufkommen zu verzeichnen, solange der Weg noch königlich breit ist, stellt das auch kein Problem dar.

Ein Ring liegt des Wegs, zum Schiffe-Festmachen, am Glockenspiel. Was der wohl alles schon gesehen hat. Ich halte ehrfurchtsvoll inne.

 

Am Park am Palais grüßt eine rätselhafte Plastik ein bisschen von oben herab. Ich glaube, einen Torso zu erkennen, aber bin mir nicht sicher. Es muss also Kunst sein.

 

Der Weg verschmälert sich baustellenbedingt. Nun sind Wille und Fähigkeit zur friedlichen Koexistenz gefragt. Mit beidem ist es nicht weit her, ich bin froh, als ich die Marienbrücken hinter mir habe.

 

„Ich bin das Licht der Welt – Jesus Christus“, so steht es an der Lagerhalle. Das wird schon seine Ordnung haben, aber ich frage mich, ob der Herr Jesus dann physikalischen Gesetzen gehorcht, wo der Strom dafür herkommt und ob er auch für Muselmanen leuchtet.

 

Ein freudiges Wiedersehen mit dem Lastenträger am Neustädter Hafen. Herr Meunier hat dem eine derartig unproletarische Eleganz verliehen, man mag glauben, er tanze heute abend an der Semperoper.

 

Den Hochgeschwindigkeitsradlern entziehe ich mich durch das Begehen der Hafenmauer. Aber lange kann ich meinen Sonderweg nicht gehen. Ich erreiche die Zone des hohen Bräunungsgrads, mit 100% Sonnenbrillenabdeckung.

Der Kalauer mit „City-Bitch“ ist natürlich viel zu billig, um hier verwendet zu werden.

 

Ein „Fun-Park“, soso. Leider hab ich keinen Spaß dran, Fun zu haben.

Die Zwischennutzungen müssen irgendwann der „Hafen-City“ weichen, wenn es denn jemand wagt, in großen Stil zu investieren. Ich find das nicht schlimm, „denn alles was entsteht, ist wert das es zugrunde geht“, und es gibt noch genug Brachflächen in Dresden.

 

Das Leben ist dann doch manchmal ein Ponyhof, ein kaum fassbares Idyll tut sich auf. Dann erblicke ich einen herrenlosen Einkaufswagen, ich habe aber keinen Möllemann-Chip dabei und lass ihn stehen.

 

Von vorn nähert sich ein bedrohliches Surren. Ein Herrenmensch auf teurem Gerät erwartet, dass ich mich in Luft auflöse oder zumindest zur Seite spritze.

Hah, aber heute hat er Pech. Er trifft auf El Pedestro, den Rächer aller Fußgänger. Henry Fonda vs. Charles Bronson, „Das Lied vom Tod“, Finale. Ich hab die besseren Nerven, fluchend geht der Billig-Armstrong in die Eisen.

Ich fürchte, seine Kanzlei wird morgen unter schlechter Laune leiden müssen.

 

Eine andere Sorte von Terroristen besitzt ein Motorboot. Und lässt das auch alle hören.

 

Der alte Kai hat schon lange keine Fracht mehr gesehen, auch wenn sich ein Gleis noch so elegant an ihn heranschwingt. Er dient heute anderen Freuden.

 

Immerhin fünf Flugzeuge werde ich im Laufe meiner Wanderung aufsteigen sehen. Na ja, wenn Börlin-Brrandenbörg-Internäschenel irgendwann mal fertig ist, kann der City-Beach dort oben in Klotzsche sicher die Hallen günstig nutzen.

 

Dem Diensthafen des Schifffahrtsamtes (dolle Technik) folgt jener des Sportvereins. Ein Kleinboot (sagt man so?) heißt „Freedom“, Kleine Freiheit Nr. 7 vielleicht. Ich würde mich auf der Nussschale eher eingeschränkt fühlen, aber das ist ja Ansichtssache.

 

Die Brücke über die Hafenzufahrt beweist, dass man in Dresden auch heute noch schöne Brücken bauen kann, wenn man will. Sie hat nur einen Fehler: Sie liegt im falschen Stadtteil. (Mein sehr eindeutiges Verhältnis zu diesem Drecksviertel setze ich als bekannt voraus, und wenn nicht, wurde das hiermit nachgeholt.)

 

Beim Watzke hat es einen vollen Garten. Nein, liebe Leute, nicht Bier-Garten. Ein solcher definiert sich erstens durch konsequente Selbstbedienung und zweitens durch die uneingeschränkte Möglichkeit, sich selbst sein Essen mitbringen zu können. Letzteres haben die Münchner Bürger in einer Art Revolution erkämpft und damit einen klaren Blick für das Wesentliche bewiesen. In Dresden steht diese Befreiung noch aus.

 

Wieder viele Brachflächen, zum Teil mit verwunschenen Ruinen bedeckt, zum Teil völlig leer (vgl. auch www.Cynal.de).

Die Hochwasserschutzmauer übt steinerne Gewalt aus, meine Güte, muss die wirklich so dick sein?

Aha, hier kommt das Fladenbrot her, von dem sich die Neustadt praktisch ernährt.

Eine Horde rüstiger Rentnerinnen naht lautstark, ich wünsche mich ans andere Ufer, rein physisch gesehen.

 

Oh, schon in Meißen? Nee, Mickten.

Frische Fische gibt es zahlreich, es ist die reine Freude, ihnen zuzusehen. Ich tu das ohne böse Absicht, im Gegensatz zu den Fischfängern, die ihre Beschäftigung als Entspannung ansehen. Über der Wasseroberfläche mag das auch so sein.

 

Trockenen Fußes durchquere ich den Flutkanal Zwo. Welch weise Entscheidung, jenen angelegt und vor Bebauung geschützt zu haben.

Die Sonne sinkt, ich singe mit. Gundermann, „Brunhilde“, ja, genau das:

„Und was sollte besser sein als so ein Abend im Frieden …“

Ich begegne einem Drohnenbastler, der seine Kamera an das fernsteuerte Fluggerät hängt. Das erreicht jetzt also auch den Freizeitbereich.

 

Die „Lindenschänke“ erinnert mich an andere Zeiten und trübt mir kurzzeitig die Stimmung. Andere, nicht bessere.

Aber der folgende Weg hellt alles wieder auf. Auf dem schmalen Pfad ist man vor selbstverwirklichenden Radfahrern sicher, der Uferkran Übigau grüßt schon von weitem.

Der Aufgang zum Schloss wirkt wie Pillnitz in runtergekommen, da wird sich sicher auch nicht so bald was dran ändern. Übrigens letztlich ein Kollateralschaden der Weltkulturenterbung, danke nochmal, ihr tapferen Brückenbauer.

 

Fluss-km 60, hier trifft Flutgraben Eins von links wieder auf die Elbe. Bei dem hat man schon gesündigt, das Kongresszentrum dürfte gar nicht da stehen, wo es steht. Bleibt zu hoffen, dass wir fortan von ähnlichen Dummheiten verschont bleiben.

Eigentlich müsste man aus künstlerischen Gründen zumindest einmal im Jahr beide Flutgräben mal fluten … und dann Inselfeste feiern. Welch schöne Luftbilder … Na gut, ich zieh die Idee zurück.

 

Auf der anderen Seite findet ein Wettrülpsen statt, auf der hiesigen kommen mir zwei Jogger mit Schnappatmung entgegen. Dass die sich beim Rennen auch noch unterhalten, bessert ihren Zustand sicher nicht. Die Gegend ist Landschaftsschutzgebiet, es sind ja auch alle Brücken schon gebaut hier.

 

Noch eine Hafenbrücke, diesmal zum Albert. Auch diese sehenswert, Fachwerk. Elbabwärts scheint ein besseres Pflaster zu sein dafür, die in Cossebaude ist ja auch gelungen.

Die Flügelwegbrücke besticht immerhin durch ihre Dimension, der man sich aber erst beim Nähertreten ganz bewusst wird. Zeit, den Spaziergang zu beenden, es dunkelt schon.

 

Warum heißen die fettesten Straßen in Dresden eigentlich immer „Weg“? Als Fußgänger kommt man sich hier asozial vor. Das denkt sicher auch der Busfahrer und ignoriert meinen wackligen Sprint.

OK, dann eben warten, [mod 15], wie wir vom Fach sagen.

 

Ich nutze die Zeit und entdecke prompt ein weiteres Kleinod, direkt hinterm DRK. Was mag das wohl gewesen sein? Alles verrammelt und blickdicht umzäunt.

Einer vom Wachschutz äugt misstrauisch, wenn er mich fragt, sag ich, ich sei bei der Egon Olsen Ltd. als Ober-Ausbaldower angestellt. (Ja, ich weiß, das heißt „Ausbaldowerer“, aber sprachlicher Feinklang geht vor Orthographie und Grammatik.)

 

Dann kommt der Bus und lässt mich am Elbepark umsteigen. Ich habe Zeit, mich weiterer Gundermann-Zeilen zu erinnern: „Das sieht aus, als ob ein Ufo dort gelandet wär, es glänzt wie gelogen und passt hier nicht richtig her.“

 

Die Antwort heißt auch heute Dreizehn. Sie bringt mich zurück ins Zähneviertel.

Und am Himmel hängt ein gelber Mond.

 

Mrs. Polly Macheath-Peachum, CEO Bank of Beggars, London-Soho

„Die Dreigroschenoper“, gesehen am 28.09.12 in einer Inszenierung von Friederike Heller am Staatsschauspiel Dresden

Frau Heller setzt konsequent auf Show und Glamour, die Story und die Brechtsche Moral sind eher Nebensache. Das funktioniert theatertechnisch gut, auch von teils sehr guten Darstellern getragen, aber hinterlässt dann doch einen gewissen Phantomschmerz bei mir.

 

2. Rang. Immerhin, überhaupt eine Karte ergattert. Die Beinfreiheit ist wie im Billigflieger, aber dafür hat man einen Blick wie beim Landeanflug, um im Bilde zu bleiben. Das Haus ist voll, auch voller Nachwuchszuschauer, so gehört sich das.

 

Die „Moritat von Mackie Messer“ wird als Reigen angeboten, fast jedeR außer dem Ungeheuer darf mal ran. Das wirkt doch konventionell und über-werktreu, sogar die Strophe mit dem Licht gibt es zu hören.

 

Des Bettlerkönigs Büro, ein armer Schlucker will hier mittun. „Licences only for professionels“, niemand glaubt einem das eigene Elend, deshalb gibt es bei Peachum ein Fremdes.

Das Spiel scheint seltsam statisch, man hangelt sich von Song zu Song. Diese sind zweifelsohne die Highlights bisher.

 

Auftritt der Räuber als Muppets, sie swingen mit Mac und Polly, dann walzert es. Weill ist geduldig.

Hochzeit. Wie oft kommt das schon vor. Und dann in einem Pferdestall? Miss Polly is not amused. So richtig funktioniert die Bande nicht, offenbar schon innere Kündigung. Und Macheath Machtworte verhallen ohne sichtbares Ergebnis.

Es ist eine traurige Fete, bis Polly die Seeräuber-Jenny gibt. Wer hat da geschrieben, Sonja Beißwenger habe gesangliche Defizite? Blödsinn. Wir sind beim Schauspiel, nicht in der Operette.

 

Was ich persönlich sehr schade finde: Christian Friedel versemmelt jenen großartigen Text von Mac, bei dem er im ersten Halbsatz Polly lobt und ihr im zweiten das Singen ein für alle mal untersagt. Das ist leider kaum zu hören.

Nein, Friedel ist auch kein Mackie. Er singt wunderbar, er tanzt, besser tänzelt elegant, er sprüht vor Charme … aber da ist nichts zu sehen von Verschlagenheit und Hinterlist, von Macho und Serienkiller, von Skrupellosigkeit und Machtwillen. Er ist einfach zu lieb, ich glaub es ihm nicht. Oder sollte er so sein? Dann wäre der Rolle aber mächtig Gewalt angetan worden.

 

Dann kommt noch die Obrigkeit in Form von Tiger Brown, dem Sheriff, zur bescheidenen Hochzeit. Der kennt die Gesellschaft aus seinen Akten, ist aber rein privat hier, als Macheath alter Ego. Ahmad Mesghara vertrat souverän den maladen Benjamin Höppner, ohne dabei Bäume ausreißen zu können.

 

Das Ehepaar Peachum keift inzwischen aus der Loge, like the Muppet-Show (ein hübscher, wenn auch verzichtbarer Einfall), aber es hilft nichts mehr. Aus Miss Peachum wurde Mrs. Macheath, die sichtbar noch einige Eingewöhnungsschwierigkeiten im neuen Umfeld hat.

Was tun, wie auch Lenin und Hübner fragen? Jonathan Jeremiah Peachum kennt Tiger Browns dünne Stelle und sticht kräftig rein. Jener fällt um und nach Mackie wird plötzlich gefahndet.

 

Für Thomas Eisens Peachum gilt mit Abstrichen für mich dasselbe wie für Friedels Mackie: Die dunklen Seiten bleiben weitgehend verborgen. So ist der Bettlerkönig eher ein freundlicher Kostümverleiher denn ein gerissener Geschäftsmann. Ganz anders seine Frau Cylia, Antje Trautmann gestaltet sie wunderbar, ohne in eine Karikatur zu verfallen. Und gesanglich spielt sie in einer eigenen Liga.

 

Dass der Text sich weiter zäh gestaltet, liegt sicher auch am Text selbst. Man kann den glaub ich auch ohne Herrn Brecht zu schänden heute etwas kürzen.

 

Herr Macheath wird gewarnt, ziert sich ein wenig und entschließt sich dann doch zu fliehen, erstmal nach Highgate und dann ins Bankgeschäft. Ach Mackie, es hat so kurz gedauert, seufzt eine ahnungsvolle Polly, die das Stück vermutlich auch schon gesehen hat: „So manch großer Geist blieb in ner Hure stecken“. Es folgt die Übergabe der Amtsgeschäfte, die Verwandlung von Mrs. Peachum in ihre neue Rolle ist erstmals zu ahnen. Prima gespielt.

 

Abgang Mackie, aber er kommt nicht weit. Will er ja auch nicht. Jenny und ihre Schwestern im Gewerbe heißen ihn willkommen. Dass jene Huren eingangs nymphengleich auf Schaukeln sitzen und sich im Laufe der Szene in Polizisten verwandeln, ist für mich der beste Regieeinfall des Abends. Hoffentlich wird das in Sachsen nicht als Beamtenbeleidigung ausgelegt.

 

Ein großartiges Duett von Mackie und Jenny, von Sebastian Wendelin mit vollem Körpereinsatz gespielt. Diese Besetzung ist eine tolle Idee, was sich am Abend noch öfter erweisen wird.

Das Duett endet allerdings mit der Zuführung des Ganoven nach Old Bailey. Und zwar nicht zum Baileys-Trinken.

 

„Mac, ich bin es nicht gewesen“, ein sichtlich zerknirschter Brown fleht um Vergebung. Jener revanchiert sich mit einer großen Show, das ist der Platz, auf dem Friedel sich austoben kann. Szenenapplaus, wie vorher auch schon einige Male.

Auftritt einer bonbonfarbenen Lucy, des Tigers Töchterlein. Die hat nun ihre eigenen Interessen, die sie mit einem (gefaketen) runden Bauch untermauert, und nimmt Macheath in Gefangenschaft. Dann kommt auch noch Polly resp. Mrs. Macheath, das Dreckhaufen-Duett beginnt. Sehr schön, auch von Christine-Marie Günther in ihrer ersten großen Rolle am Hause.

Pollys Auftritt wird beendet durch eine Quoten – Darth Vader (Vada?). „Ich bin deine Mutter“ röchelt Antje Trautmann unter ihrem Helm.

Mackie gelingt es, Lucy zu be-, was auch immer, jedenfalls ist er draußen.

 

Ausgeflogen, das Vögelchen, muss auch Peachum erkennen, der zu Besuch kommt. Die Polizei kann da gar nichts machen, bedauert Sheriff Brown.

Das großartige Lied vom Fressen und der Moral ebenso großartig dargeboten. Aber … es mangelt mir im ganzen Stück an Statisten, das nimmt viel Wirkung weg. Sowas muss doch nicht sein, in einer so theaterverrückten Stadt hätten sich doch leicht zwei Dutzend Huren und Bettler gefunden?

Peachum klärt inzwischen mit Brown die Machtverhältnisse. Die schiere Masse des Lumpenproletariats sorgt für Entsetzen beim Sheriff und für die Wende. Aber auch hier alles sehr oberflächlich, fast operettenhaft.

Schön das folgende Bonmot, dass die Menschen zwar ohne Probleme Elend anstiften können, es aber nicht aushalten, es anzusehen. Das „Geschäftsmodell“ der Hilfsorganisationen.

 

Der folgende Salomo-Song, sonst bei mir gefürchtet ob seiner Tonfolgen, wird bei Wendelin zum Genuss.

Macheath wird abermals gewarnt und geht abermals in die Falle, wenigstens die Huren halten sich an die Absprachen. Tja, bevor es Nacht ward, lag er wieder droben, und nun wird es eng. Morgen früh wird Mackie hängen.

Seine Verzweiflung ist nun glaubhaft, zumal sich seine Getreuen langsam abwenden und auch seine liebe Gattin schon als Schwarze Witwe erscheint und sich außerstande sieht, ihm das Bestechungsgeld zu besorgen. Aus ist’s.

(Diese Szene hab ich schon viel viel dramatischer gesehen, vor allem mit den Räubern, aber das war sicher nicht geplant)

 

Noch nicht ganz, den Spannungsbogen hält ein witziges Filmchen. Ja, kann man machen, warum nicht? Will ja nicht immer nur nörgeln.

 

Dann kommt also – nach kurzer Erläuterung des dramaturgischen Ansatzes – der reitende Bote des Königs.

„Anläßlich der Dröhnung ihrer Majestät …“, das wär doch ein hübscher Witz gewesen. Oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls wird Macheath begnadigt, geadelt usw.usf.. Die Begeisterung auf der Bühne hält sich aber in Grenzen. Seine Stelle ist schon eingespart, an der Spitze der Organisation steht jetzt seine Fast-Witwe, da ist kein Platz mehr für die alten Halunken. Es wird jetzt nicht mehr eingebrochen, es wird gegründet.

 

Eine Maslowsche Bedürfnispyramide wird zum Ende hochgehalten, sozusagen die Zusammenfassung des Stückes in einem Bild. Langanhaltender Beifall motiviert die Schauspieler zu einer (geplanten) Einzelvorstellung des Ensembles, schöne Idee.

 

Also:

Nicht meine Lieblingsversion, dem Witz fiel oftmals die Tiefe zum Opfer. Aber sehenswert, wenn man sich darauf einlässt. Sonja Beißwenger für mich der unbestrittene Star des Abends, die Wandlung von einem Naivchen zur Gangster-Bossesse war überzeugen.

Thomas Eisen und Christian Friedel kämpften zwar wacker, verloren aber am Ende dann doch deutlich gegen mein Lieblings-Duo Tom Quaas und Tim Grobe, die vor sieben Jahren diese Bretter bespielten. Lag sicher auch an der „taktischen Marschroute“.

 

Übrigens auch wieder ein sehr schönes und informatives Programmheft.

 

Meine Nacht als Ü-Irgendwas

26.09.12

Ok, heute kann, heute muss es mal wieder sein. Allmittwochabendlich lädt eine renommierte Neustädter Garage zum Ball für die reifere Jugend. Heute auch mit mir.

Nach Mitternacht kommen ist Routine, vorher sind nur die Frühaufsteher da. Krachbumm-Musik like Rammstein wechselt mit Balkanpop, der Laden ist halb gefüllt, man amüsiert sich wie Bolle.

Militär ist heute kaum vorhanden und fehlt mir auch nicht. Ansonsten die üblichen Verdächtigen, ein paar versprengte Touristen und etwas Frischfleisch, das neugierig beäugt wird. Alles wie immer also.

Der Laden hat sich aufgehübscht seit ich das letzte Mal hier war. Coole Sessel vor Großportraits von Musikschaffenden, die meisten leider schon tot. Nett.

Duran Duran? Ach ja, ich vergaß, Ü-Haltbarkeitsdatum. Trotzdem auch mal wieder schön.

„Hit the road, Jack.“ Na, jetzt noch nicht. Das Publikum zerfällt grob in zwei Teile: Aus-Versehen-hierher-Geratene und Abonnenten. Letztere sind deutlich in der Überzahl. Wo gehör ich eigentlich dazu? Wie immer irgendwo dazwischen.

In the Name of Love, ja klar, deshalb sind wir hier. Ein tiefer Blick aus einsamen Augen, ich verbiete mir jedweden Zynismus. Aber ich kann sie heute nicht trösten.
Die Barmäuse sind mal wieder die Schönsten im Saal, da mag man sich auf der Tanzfläche noch so abstrampeln. Sie beeindrucken durch schlichte Präsenz.

Ach, den DJ kenn ich doch? Klar, sonnabends, Lofthouse, war ich früher auch mal. Die Musik ist jetzt rockig, was nicht unbedingt tanzbar bedeutet, zumindest wenn man noch nicht betrunken ist. Aber the Cranberries hör ich doch ganz gerne.

Ein Uhr, ich hab den Eindruck, alle eingeschmuggelten „U“ verlassen jetzt den Saal. Na gut, sind wir halt unter uns.

Der Genuss alkoholhaltiger Mixgetränke verführt mich dann auch zu halbwegs rhythmischen Bewegungen auf der angenehm übersichtlichen Tanzfläche. Der DJ haut mir allerdings umgehend mit AC/DC einen großen Knüppel zwischen die Beine. Da könnte ja jeder kommen.

Schneller als ich es erwartete finden sich die ersten Temporärpaare. Na gut, es ist mitten in der Woche, man muss vielleicht früh raus. Ich blicke dezent zur Seite und wünsch ihnen Glück.

Eigentlich hab ich alles gesehn, die Musik dümpelt auch irgendwie so dahin. Na gut, austrinken können wir ja noch.

Jetzt gibt es sogar Rock’n’Roll. Man bewegt sich irgendwie dazu, ich kenne meine Grenzen und bleib hocken.

Es reaggaet jetzt, naja, auch nicht so meins. Ein paar neue Menschen sind hinzugekommen, aber voll wird es dadurch nicht. Gut so, sag ich als User.

So, der Drink ist ausgedrinkt, kein Grund mehr zu bleiben. Der DJ macht den Abschied leicht.

Zum Abschied noch ein freundliches Lächeln mit den Reinlassern getauscht, „Rausschmeißer“ wär hier echt fehl am Platze, und ab. Bis zum nächsten Mal, irgendwann.

Der letzte Satz ist nicht logisch? Dochdoch. Ich mag den Laden und die Schubse jeden Mittwoch. Das ist ja ohnehin die Zukunft der Neustadt … 😉