Ein beschissener Abend für alle Beteiligten


Nein, um Gottes Willen, das ist nicht die Zusammenfassung. In dieser Überschrift wird schlicht der Inhalt des Stücks beschrieben, und vielleicht stimmt das so auch gar nicht. Im Zuschauersaal hatte man unterhaltsame zwei Stunden trotz des Tiefgangs, ein typisches Hübner.

 

Was tun“ von Lutz Hübner in der Regie von Barbara Bürk,

Uraufführung am 6. Oktober 2012 im Staatsschauspiel Dresden

 

 

Eine Vorgeschichte:

Es ist nicht unbedingt der beste Start in den Abend, wenn man um 19.12 Uhr im Foyer feststellt, dass man seine Premierenkarte zu Hause vergessen hat. Es ist auch nicht hilfreich, wenn es draußen Bindfäden regnet. Aber es motiviert ungemein.

Das erste Mal passiere ich den Albertplatz auf meinem treuen Rappen aus diversen Metallen um 19.20 Uhr, das zweite Mal um 19.23 Uhr. Da bin ich schon völlig durchnässt, und jetzt auch noch Gegenwind. Und niemand neben mir, der „Quäl dich, du Sau“ brüllt.

Dennoch, neuer Bahnrekord, um 19.30 Uhr schlage ich an der Pforte auf, sprinte die Treppe zum 2. Rang (auch das noch) hoch, lächele so freundlich wie es mir noch möglich ist die Garderobiere an und plumpse um 19.31 Uhr auf meinen Sessel, der zum Glück am Rande der Reihe liegt. Es kann losgehn.

 

 

Hübners neuestes Stück spielt mit drei verschiedenen Handlungssträngen, die (zu Anfang) voneinander völlig unabhängig sind.

Zu Beginn erhält man einen Einblick in eine Ehehölle, deren Fegefeuer jedoch noch im Verborgenen lodert. Zwei ungleiche Freunde trinken sich in Anwesenheit der zugehörigen Damen (die eine langjährige Ehefrau, die andere frische Freundin) für den Abend warm. Jener wird sehr unterschiedlich verlaufen, für den einen droht ein literarisch-musikalischer Abend im engsten Kreise, der andere absolviert seinen monatlichen Termin im Swinger-Club. Nachdem der Gatte Gerald hör- und sichtbar seinen Neid bekundet, wirft die resolute Gattin Moni das lockere Pärchen raus.

 

Szenenwechsel, extrem. Ein in Ehren ergrauter Gewerkschaftsfunktionär brieft noch einmal ein Opfer unternehmerischer Willkür, die Altenpflegerin Bine, die das seit 30 Jahren war und nun nicht mehr ist, nachdem sie die Missstände in ihrer Altenverwahranstalt öffentlich gemacht hat. Den ersten Prozess hat sie verloren, nun soll die Öffentlichkeit helfen. Karl hat seine Verbindungen spielen lassen, eine Pressekonferenz steht an.

 

Nächste Szene: Der Empfang, auf dem Moni noch nicht erschienen ist. Der Redakteur Richard hat seinen Gespielen Hanno mitgebracht, einen Ex-Schauspieler und Neu-Sprecher, der gerade ein erfolgreiches Hörbuch abgeliefert hat. Nun soll der natürlich zwischen den Häppchen auch was rezitieren, allein, der Gute kann vor Publikum nicht. Aber es sind wichtige Leute da, und sanfter Druck führt dann doch zur Einlage.

 

Wieder zurück in der Ehehölle. Das Geschehene muss ausgewertet werden. Im Ergebnis geht Moni allein zum Kränzchen und Gerald macht sich noch ne Flasche auf.

 

Die Pressekonferenz bleibt ohne Presse, nur der Sohn des Opfers betritt mit einem fulminanten Wutanfall die Szenerie. Nicht im System sich wehren, sondern das System bekämpfen!

 

Hanno hat nun doch rezitiert, sehr schlecht, gar nicht recht. Nun ist ihm übel. Er fühlt sich missbraucht und unverstanden, auch vom Partner. Abgang, er muss heute noch was Besonderes erleben.

 

Bei der PK ist inzwischen immerhin eine Praktikantin eingetroffen, der Herr Redakteur war leider verhindert. Beim ersten Mal tuts noch weh, aber Luise schlägt sich erstaunlich wacker. Völlig abgeklärt, diese jungen Leute. Sonst kommt keiner, man vergaß einzuladen, na so was.

Lifestyle trifft Klassenkampf, es geht um die Fakten oder um das Gefühl. Das kann nur schiefgehn. Abgang Opfer mit Sohn. Aber für ein Bier ist für den Kämpfer Sikorski und die Maus Luise noch Zeit.

 

Neue Szene, der besagte Swingerclub. Die Umkleidezelle betont nüchtern, der Statist in seinen rosa Stiefeln bekommt Szenenapplaus. Na gut, warum auch nicht.

Andi und Judith, die Gäste aus der Ehehölle, treffen hier auf Hanno, der auf der Suche nach seinem besonderen Erlebnis ist. Er macht ihnen ein unmoralisches, aber spannendes Angebot: Zu dritt ein Hotelzimmer zu beziehen und einen schönen Abend zu haben. Andi, der glaubt, dass dieser Kick ihm wieder auf die Beine hilft (zwinker, zwinker), überzeugt die widerstrebende Judith, bittet sich aber eine zweite Dame aus. So soll es dann sein.

 

Noch ein neuer, alter Schauplatz: Der wütende Sohnemann hat die Privatadresse des fiesen Personalchefs seiner Mutter (dem Opfer) ausbaldowert und nötigt sie zur Konfrontation mit diesem. Es ist – Überraschung – Gerald aus der Ehehölle. Dessen Gesprächsbereitschaft wird mit einigen Schlägen in die Fresse hergestellt. Man wird hereingebeten.

 

Moni trifft nun bei Sybilla ein, der Gastgeberin des künstlerverschleißenden Zirkels. (Können Sie noch folgen?) Diese führt sie in die Psychologie des Mannes Mitte vierzig ein („in dem Alter, wo sie einen Rappel kriegen“) und rät zur Gelassenheit. Nachher sei es wieder ganz einfach. Aber Moni ist dafür irgendwie zu verkrampft.

 

Karl Sikorsky und Luise trinken Bier.

Das alte Schlachtross braucht keine Hilfe, keine Erklärungen und keine Belehrungen. Es wettert lieber vor sich hin. Aber irgendwie mögen sich die beiden.

 

Ein Hotelzimmer. Hanno, Judith und Andi. Jener will doch nur einen schönen Abend. Aber, Hanno ist ein Frischling. Wie googelt man eine Nutte?

Andi weiß Rat: Das Klax in Fickpieschen. Und soll sich dann besser selber drum kümmern.

Judith und Hanno allein, die Euphorie erlahmt schnell, Befangenheit tritt ein. Hanno schluckt seine Pillen und gibt Hugo von Hoffmannsthal als Privatvorstellung, Judith staunt.

Wie lächerlich kann ein Fummel aussehn, wenn der Träger sich unwohl fühlt darin. Hanno fühlt sich falsch im Leben, zarte Annäherung.

 

Zurück in der Hazienda des Personalchefs.

Gerald erklärt die Welt. Seine Welt.

Bine erklärt die Welt. Ihre Welt.

Abgang Bine und Sohn.

 

Hanno liegt ohnmächtig am Boden. Der zurückgekehrte Andi, die gewünschte Nutte im Schlepptau, ist misstrauisch. Hat Judith nun mit dem oder nicht? Das hier ist was anderes als Swingerclub. Scheiß Abend.

Der herbeigerufene Richard erscheint, weckt Hanno. Der will jetzt nur noch nach Hause. Scheiß Abend.

Andi ist jetzt zum Heulen, und Judith? Scheiß Abend?

 

Noch ein Bier für Karl und Luise. Jener staunt. Die 23jährige ist so was von selbstsicher … Das macht ihm Angst. Karl will lieber weiter beleidigt sein, ihm hört ja keiner mehr zu. Nicht mal mehr an den Kopierer darf er im DGB-Haus. Scheiß Abend. Scheiß Leben.

 

Moni ist wieder zu Hause.

Geralds Geschichte von der Heimsuchung ist gar zu unglaubwürdig, alle Indizien sprechen gegen ihn. Er war fremdvögeln, das ist klar. Nun sitzt er in der Falle. Scheiß Abend.

Mit großer Geste schmeißt sie ihn raus. Noch einmal scheiß Abend.

 

Am Ende fummeln alle alleine, jeder für sich, an ihren Mobiles. Der scheiß Abend wird dadurch nicht besser. Vorhang. Langer Applaus.

 

 

Lutz Hübner sind wieder wunderbare Figurenstudien gelungen, mit ganz wenigen Szenen weiß man, mit wem man es zu tun hat. Man glaubt die Leute zu kennen, von nebenan.

Das Stück beschreibt, es urteilt nicht. Für die Moral sind andere zuständig. Auch darin liegt seine Stärke.

 

Darin liegt aber auch seine Schwäche. Man kann sich mit jedem auf der Bühne identifizieren, auch der Personalchef verdient angesichts seiner familiären Verhältnisse zumindest Mitleid. Auf eine Wertung, gar eine Botschaft wird konsequent verzichtet. Schaut her, so ist das Leben. Ja. Und?

 

Man schaut von draußen durch verschiedene Fenster in unterschiedliche Räume eines Hauses, und einige Wände zwischen denen brechen nach und nach in sich zusammen, die Handlungen verschmelzen. Das bleibt mir als wesentlichster Eindruck.

 

 

Intendant Wilfried Schulz betätigt sich bei der Premierenfeier in der ungewohnten Rolle des Entertainers und huldigt mit vollem Recht seiner großartigen Schauspielertruppe und dem Autor. Elf gleichwertige Rollen für neun Schauspieler, das muss man erstmal hinbekommen. Schwierig, jemanden hervorzuheben, am längsten im Gedächtnis werden zumindest mir Ines Marie Westernströer („Okay?“), Tom Quaas, Karina Plachetka, Holger Hübner (als Gerald) und als primus inter pares Christian Erdmann bleiben. Aber eigentlich auch alle anderen.

 

Es war wirklich eine tolle Ensembleleistung in einem guten, sehenswerten Stück. Hübner hat die hohen Erwartungen erfüllt.

 

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