Wir armen, reichen Toren


Innenansichten einer Theaterproduktion

Vorbemerkung:
Trotz seines Erfolgs hat sich das Konzept „Bürgerbühne“ sicher noch nicht weltweit rumgesprochen, deshalb eine kurze Erklärung. Die Grundidee des Staatsschauspiels Dresden ist, eine professionelle Infrastruktur (Regie, Dramaturgie, Bühne, Technik usw.) projektbezogen für Laiendarsteller zur Verfügung zu stellen und damit Stücke zu inszenieren oder zu entwickeln. Das läuft jetzt erfolgreich in der vierten Saison, es ist (für mich) immer wieder erstaunlich, welch Kreativität und Ausdrucksstärke auch beim „normalen“ Menschen zu Tage gefördert werden kann.
„Ich armer Tor“ ist eine aktuelle Produktion der Bürgerbühne (Premiere am 09.11.12), von derem Entstehungsprozess hier berichtet werden soll.

Rückblende:
Hochsommer 2012, 45 Männer drängeln sich im Foyer Mitte des Kleinen Hauses. Bisher gibt es nur die Idee, auf Basis der Faust-Tragödie (ja, kleiner hammer’s nicht) ein Stück über midlife-Krisen zu machen sowie den Wagemut der Macher. Und offenbar ein großes Interesse der Zielgruppe.
Zu den angesetzten Auswahl-Workshops kommen fast alle. Der Wettbewerb ist hart und heftig, man muss sein Innerstes preisgeben, sonst hat man keine Chance. Ohne einen Seelen-Strip geht es nicht.
Der Trost: „Wir suchen Typen, nicht die Besten.“ Dennoch bin ich dabei.

Das erste Beschnuppern untereinander ist privat, einer hat die gute Idee eines gemeinsamen Video-Abends. Es gibt – Überraschung – Gründgens Faust aus den fünfziger Jahren.

Dann die erste Probe: Locker werden, locker bleiben. Eine große Mannschaft von Profis steht uns gegenüber. Das ist schon mal beeindruckend. Und allein das Bühnenbild von Bernhard würde das Mitspielen lohnen.
Erste Überraschung: Disziplin und Pünktlichkeit sind wichtige Tugenden am Theater. Darüber wacht die Regieassistentin Nane, deren Strenge so gar nicht zu ihrer lieblichen Erscheinung passen will. Zum Glück darf und muss sie das Gretchen geben, so lernen wir auch andere Seiten von ihr kennen.

Es folgt: Viel ausprobieren, Extreme spielen, alles rauslassen, szenische Versuche, biographische Schnipsel aus unseren Interviews. Noch weiß keiner, was daraus wird.
Dann erste Szenenfragmente, viel Spaß dabei. Das könnte passen, das auch, und das eher nicht.

Noch etwas Erstes: Der doppelte Kurzauftritt bei der Saison-Eröffnungsfeier, „Die Faust-Show“, danach geiles Gefühl, ej, wir haben es drauf!
Geprobt wird nun gefühlt täglich, all night long.
Kurz darauf ist auch noch das ZDF bei der Probe, wenn auch nur mit dem Sonntag­vormittag-Programm (ich frag mich ja, wer da guckt). Einer ist der Star, aber alle anderen sind auch im Bild. Schöner Bericht. Noch mehr Flow.

Dann doch die erste Durststrecke. Ewig dasselbe proben, auch wenn man die Szene Scheiße findet. Und dann wird die gestrichen. Die Freude ist zwiespältig, schade um die Mühe.
Ganz langsam zeichnet sich ein Stück ab. Aber es ist noch sooo lang … Der Dramaturg Hajo kommt und kürzt und streicht. Aber immer noch fast zwei Stunden.
Die Szenen verdichten sich, nicht nur zeitlich. Noch einige Rollentausche. Es scheint jetzt zu passen.

Der erste komplette Durchlauf bleibt aber unbefriedigend. Es längt, es hakt überall. Miese Stimmung, in der Garderobe später hat keiner gute Laune. Miriam, die Regisseurin, tröstet, aber wir spüren auch ihre Anspannung.

Foto-Shooting im Casino, so komm ich da auch mal rein. Theater bildet.
Jetzt auch noch ein eigenes Kamerateam, das uns begleitet bis zur Premiere. Egal, wir machen hier unser Ding.

„AMA 1“, Theatersprech, „Alles mit Allem“ heißt das. Im internen Publikum der Intendant. Man merkt es an der Nervosität der Beteiligten. Nur wir Laien nehmen das nicht so wichtig.
Es läuft gut, viel besser als zuvor. Alle stolz. Der Intendant ist zufrieden, lässt er bestellen.
Auswertung: Erst im KH Mitte, dann noch lange in der Kantine. „War schon viel Schönes dabei“ … Im Ernst, alle sind gut drauf, ein Meilenstein ist geschafft. Und wir haben noch viel Zeit …

Aber es beginnen die Mühen der Ebene. Der sichtbare Fortschritt wird kleiner, nun geht es an den Feinschliff, das nervt manchmal. Man hört es auch am Ton.
Die „AMA 2“: Pleiten, Pech und Pannen. Einer fällt von der Leiter, ein anderer stolpert gleich über zwei Mitspieler. Der rechte Schwung ist auch nicht drin.

Die Auswertung dauert diesmal lange, Kantine fällt aus. Jaja, wir wissen, woran es lag. Und jetzt sind die größten Änderungen auch durch, versichert die Dramaturgie.
Wie lautet nochmal der (vorläufige) Schlusssatz des ersten Finales? „Wer’s glaubt, wird selig.“

Dann ist es auf einmal nur noch eine Woche bis zur Premiere.
Die Technik klemmt noch, nicht nur die der Darsteller, sondern auch jene, die von den großen Pulten aus gesteuert wird. Jan, der Musikus, feilt an den Einsätzen. Die Proben sind mühsam, gehen ins Detail. Die Leichtigkeit und Großzügigkeit der ersten Wochen ist dahin. Unter drei Wieder­holungen bleibt keine Szene. Aber man sieht endlich mal, was die anderen so machen, während man in seiner Box hockt. Das tut gut und spornt an.

Es ist x-6, Sonnabend, „erste Hauptprobe“, davor noch ein technischer Durchlauf. Ersterer holpert, aber die Hauptprobe läuft fast optimal. Zur Belohnung gibt es einen freien Abend mit teambildenden Maßnahmen.
Der Sonntag ist probenfrei. Seltsames Gefühl, man wähnt sich nutzlos, keine, die einem sagt, was zu tun ist. Zum Glück geht auch dieser vorbei.

Die letzten fünf Tage verbringen wir de facto in Quarantäne. Vier Stunden Probe vormittags, fünf nachmittags. Da kann ich auch arbeiten gehen.
Wir fühlen uns wie die Nationalmannschaft vor dem Finale, mindestens. Nur das Mannschaftshotel fehlt, die Presse, Waldi und vor allem das Defilee der Spielerfrauen.
Kann man noch intensiver proben? Ja, man kann. Und man kann auch Tage vor der Premiere noch wesentliche Teile ändern. Oder streichen.

Die öffentliche Probe an (x-3) wird zwiespältig empfunden. Die Protagonisten sind größtenteils unzufrieden, hadern mit ihren Fehlern. Aber die Resonanz ist gut, das Publikum – ob nun vom Fach oder nicht – scheint zufrieden.
Am nächsten Morgen fallen nochmal einige Szenen aus dem Stück. Nicht alle sind begeistert. Und auch die Auffassungen in der künstlerischen Leitung sind nicht immer konform. Egal, ab jetzt entscheidet nur die Regisseurin. Wir proben die Änderungen bis zum Erbrechen.
Am Abend der vorletzte Durchlauf. Neuer Bahnrekord. Aber nicht schlecht. Das Stück ist spielbar, das Gefühl haben inzwischen alle. Und für die Tausend Details gibt es ja noch achtundvierzig Stunden.

Der letzte richtige Probentag. Die Liste von Miriam ist erstaunlich lang. Aber plausibel. Da müssen wir wohl nochmal ran.
Am Abend die Generalprobe. Ab 18 Uhr lungern alle in der Kantine und machen sich gegenseitig nervös. Dann aber ein nettes gemeinsames Aufwärmen, kann losgehen.

Am Ende strahlt Miriam. Zu Recht. Es lief – fast – alles bestens, fast schon zu gut. Hoffentlich können wir das Niveau halten.
Zum Abschluss die große Kantinenrunde, es werden immer mehr. Kaum zu glauben, aber selbst an einer recht kleinen Produktion sind über zwanzig Menschen beteiligt.

Der Tag der Premiere ist ruhig. Jeder soll für sich Kraft sammeln. Ab 18 Uhr sehn wir uns in der Kantine.
Noch zwei Stunden bis zum Startschuss, dann rollt die Kugel. Dann ist jeder allein in seiner Box.

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