Kategorie: Musik

Die Wahrheit ist hart, Mann!

Schrecklichschön / Schön schrecklich

„Kellerkinder extended – Morbide Moritaten“, eine Produktion des Emsemble La Vie, (dann doch) Premiere im Projekttheater Dresden, 12. Oktober 2013

Es wird viel gelitten auf der Bühne – oder auch geleidet – gestöhnt, geheult, getrotzt, gebösartigt, selbst gebrochen, vulgo gekotzt.
Im Saale eher weniger: Dort ist man spätestens nach der zweiten Ballade hin und weg. Am Ende werden die vier da vorne förmlich gezwungen zur zweiten Zugabe. Geschieht ihnen recht.

Eine delikate Sammlung, ein Potpourri „von großer Oper bis dreckigem Punk“, mit Kleinoden der Unterhaltungskunst der letzten Jahrhunderte. Bekanntlich gibt es keine Sterne in Athen, und eine schwere Kindheit kann auch den Start in ein erfülltes Berufsleben bedeuten. Aus einem gebrochenen Zentralorgan werden dann auch mal zwei, die Kraft der zwei Herzen, wie es in der Werbung im ZDF heißen soll.

Paul Voigt und Benjamin Rietz sind das Orchester, das nicht nur den Rahmen bildet, sondern auch selbst zum Frohsinn beiträgt, hollodihi, hollodihi, du wolltest dir doch bloß den Abend vertreiben.

Christin Wehner wischt sich öfter tapfer die Tränen aus dem Gesicht und singt, nein spielt dann Unglaubliches. Selbst wenn sie nach dem Willen der Ärzte durch ein Monster ums Leben gebracht wird, ist das ein schöner Tod. Und wenn Mr. Paul McCartney das gehört hätte, würden die bunten Blätter bald was zu berichten haben.

Ihr Partner / Peiniger / Retter René Rothe ist ein Held in Jogginghosen, der schönste Mann in ganz Prohlis-Nord. Und ein Charmebolzen dazu. Der Beruf des Regisseurs mag ein ehrbarer sein, aber … „diese Mann geherrt auf Biehne“!

Der Berichterstatter kam zur unverdienten Ehre einer Premiere, die eigentliche fiel krankheitsbedingt aus am Vortage. Manchmal hat man eben auch Glück.

Morgen nochmal, am 13. Oktober 2013, 20.00 Uhr, Projekttheater, Louisenstraße 47, 01099 Dresden. Neustadt!
Das ist keine Empfehlung, das ist ein Befehl.

Und dann nie wieder? Kann, will ich mir nicht vorstellen.

PS: Ab jetzt auch in der seriösen Presse zu lesen:
http://www.kultura-extra.de/theater/feull/performance_kellerkinder_ensemblelavier.php

Das Auge! Das Ohr!

„Die Nase“, nach der Novelle von Nikolai Gogol, Inszenierung der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, Regie Miriam Tscholl, musikalische Leitung Michael Emanuel Bauer, Premiere am 28.09.2013

Ein szenisches Konzert? Oder ein Ballett dieser Art? Eine Burlesque, ein Bürgerchor? Video-Kunst? Ein Comic mit Menschen? Ein atonales Ereignis? Clownerie? Großes Kino? Ein Singspiel? Eine Farce? Ein Dramolette? Eine Semi-Opera? Gar ein Hörspiel unterm Theaterdach? In Momenten auch ein Wutstück?
Eine quietschbunte Revue, das auf jeden Fall. Und Schwerstarbeit für die Technik, das auch.

Miriam Tscholl hat einen Parforce-Ritt durch alle Genres organisiert und nennt das bescheiden ein Musikspiel. Gogols „Nase“, jene absurd-komische Parabel vom Verlust der eigenen Nase und damit auch der Identität, bildet die Vorlage und den Handlungsrahmen. Aber das Stück ist weit mehr, ein Monument der Spiel- und Sangesfreude, der überbordenden Lust am (Sich-) Ausprobieren, ein neues Flaggschiff der Bürgerbühne.

Die grellen Kostüme und teils auch die Frisuren lassen einen an die Siebziger denken, YMCA-hej. Doch gegen Ende kommen Klamotten (Sabine Hilscher) und Darsteller (zehn an der Zahl, ich verbiete mir, jemanden herauszuheben) im Heute an. Wiederum geniale Video-Schnipsel von Sami Bill, Breitband-Musik von Michael Bauer (auch wenn Parov Stelar manchmal stark durchschimmert), dramaturgisch geschickt verbunden von Julia Weinreich, die auch das lesenswerte Programmheft (u.a. mit einem schönen Zitat aus Süskinds „Parfüm“ und einer schlüssigen Erklärung, warum die Nase eigentlich die Identität ist) verantwortet, auf einer zurückhaltend-schlichten Bühne von Katja Turtl und zusammengefügt von „Miss Spielfreude“ Miriam Tscholl, die wieder nicht das Letzte, sondern das Beste aus ihren Akteuren herausholt.

Verzichtbar höchstens die unvermeidlich scheinenden Mundart-Einlagen. Ansonsten ein Genuss für alle Sinne, vom olfaktorischen vielleicht mal abgesehen.
Wer einmal einen Abend richtig gute Unterhaltung oberhalb der einschlägigen Samstagabendshows der verschiedenen Glotzen genießen möchte, möge sich an die Kasse des Staatsschauspiels Dresden wenden, dort wird ihm geholfen.

(erscheint in Kürze – so Zeus will – auch auf livekritik.de)

Sieben Leben hat der Sachse

„King Arthur“, Semiopera von John Dryden und Henry Purcell, Regie Tilmann Köhler, musikalische Leitung Felice Venanzoni, eine Kooperation mit der Semperoper Dresden, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 13. September 2013 (Premiere)

Nachtrag vorweg:
Der Text musste korrigiert werden, zum Glück. Ich war einem Irrtum erlegen: Christian Erdmann hat seinen Aussetzer so perfekt gespielt, dass er mich damit völlig überzeugt hatte. Mea culpa.
Die Szene bleibt großartig, ich fürchte nur, sie wird Teile des Publikums genauso überfordern wie mich.

Endlich mal eine richtige Publikumsbeschimpfung!
Matthias Reichwald lässt im Prolog von Armin Petras nichts aus. Dabei haben die armen Leute schon einiges hinter sich: Eine gute Rede des Intendanten Wilfried Schulz, ein Grußwort-Geseier des Ministerpräsidentendarstellers und kluge Reflexionen der Jüngsten (Lea Ruckpaul) und des Dienstältesten (Albrecht Goette) am Haus. Es war endlich DAS Jubiläum, hundert Jahre Schauspielhaus Dresden, taggenau. Nun haben wir es geschafft und können uns wieder der Zukunft zuwenden.
(Das jener Herr Tillich nach seinem verlesenen Referentenentwurf, in dem man sich auch nicht entblödete, von einem Fenstersturz zu schwafeln, nein, nicht von jenem von Erich Loest, sofort das Weite suchte, ist mir allerdings eine Anmerkung wert. Selbst der sächsische König hatte es vor hundert Jahren immerhin bis zur Pause ausgehalten.)

Zurück zur Kunst. Nach der Schlacht ist vor der Schlacht. Das Gehoppel auf den imaginären Pferden ist kein bisschen peinlich, und jeder, der aus der Szene geht, gesellt sich zu den zahlreich herumliegenden Toten, das ist schon mal ein ordentlicher Einstieg.
Zwei Männer, eine Frau, wie gehabt, und da jene Männer mit Macht versehen sind, ist das Unheil nicht weit. Der verliebte Sachse ist einer der gefährlichsten.
Wir müssen alle Opfer bringen, bei den Sachsen sind es heute sogar drei, die Kraft kehrt damit sichtbar in deren König Oswald zurück. Es geht nun wieder gegen Engeland.

Der Krieg findet in Zeitlupe statt, Freund und Feind sind kaum zu unterscheiden. Überall liegen Leichen, der Luftgeist Philidel (Sonja Beißwenger mit einer neuen Facette, aber wieder großartig) irrt darin verzweifelt herum und wird vom herab fahrenden Merlin (Albrecht Goette) unter Vertrag genommen. Philidel, ein deutscher Deserteur.
Ein Zaubererhimmel aus gehängten Latten, das Bühnenbild (Karolyi Risz) ist nicht nur dabei wonderful, auch bei den güldenen Tüchern – die mal eine wärmende Hülle sind und mal ein Flammenmeer – und bei noch viel mehr. Und der Chor (Leitung Christiane Büttig) singt nicht nur, er spielt, z. B. himmlische Heerscharen und die des Teufels. Great.

Die Briten (u.a. Holger Hübner und André Kaczmarczyk) sind ein wenig zu siegessicher, und König Arthur (Matthias Reichwald, dem ich später noch einen Kranz winden werde) ist sich des blinden, schönen Fräuleins Emmeline (Yohanna Schwertfeger bringt eine neue Klangfarbe ins Ensemble, ein absoluter Gewinn) gewiss. Doch die Sachsen sind nicht totzukriegen.
Christian Erdmann gibt einen zweifelnden Sachsenkönig, der sehr höflich Emmeline entführt, als sich zufällig die Gelegenheit ergibt. Er ist wie so oft eine der Stützen des Abends.

Krieg ist das Geschäft der Könige, vorerst also business as usual, aber dann kommen die blöden Gefühle ins Spiel. Eine amour fou, die Dame wird vorerst nicht gefragt dabei.
Oswald steht Osmond zur Seite, ein „sächsischer Zauberer“, wie das Programmheft weiß. Was das wohl sein soll? Egal, Benjamin Pauquet gibt jenen mit der bei ihm gewohnten Distanz zur Figur und läuft zu großer Form auf, als er sich an die Macht putscht.

Doch vorerst verhindert der von ihm geschaffene feindliche Zauberwald die Befreiung der Jungfer durch King Arthur, selbst der große Merlin ist machtlos und wird intern in Frage gestellt. Und Philidel geht in die Falle von Grimbald, einem erdgeistigen Handlanger der Sachsen. Doch wie er/sie/es sich da wieder rauswindet, ist großes Kino.

„Zauber gegen Zauber“, vorerst unentschieden, auch wenn es Merlin gelingt, Arthur und Philidel in die sächsische Burg zu schmuggeln, wo Emmeline als Gefangene und potentielle Gespielin des Oswald schmort. Diese erhält bei der Gelegenheit ihre Sehkraft zurück, und wie sie nun das Licht der Welt erblickt und dann auch noch sich selbst im Spiegel, ist pure Poesie.
Ein Moment der Glückseligkeit, aber nicht für lange, Arthur und die Seinen müssen fort, ohne Emmeline, der Gegenzauber ist zu stark.

„Lieben oder die Lieb ertragen“, diese Alternativen bieten sich jetzt Emmeline. Ein durchgeknallter Osmond hat Oswald abgesägt und begehrt nun selbst die Gunst der Dame. Trotz der vorherigen Blindheit müssen deren Augen ordentlich blingbling machen können, das Scheusal ist genauso angefixt wie die Herren vor ihm.
Der Jahrtausendhit aus diesem Stück, die Arie des Grimbald (Peter Lobert), kommt dann aber seltsam kraftlos daher, schade. Generell braucht man auch manchmal viel Geduld mit der Oper, und Verständnis für das Plakative.

Fast eine Titanic-Szene nachher, wenn auch ohne Kerl. Osmond lässt folgend voller Liebespein die Hosen runter, das Biest und die Schöne, das Ganze balanciert auf dem schmalen Grat zwischen großartig und peinlich und fällt dann doch auf der falschen Seite runter. Pause.

King Arthur ist nun auf Befreiungstour, fast ein bisschen wie Odysseus. Sirenengesang (Romy Petrick, Arantza Ezenarro) im Zauberwald, he is amused. Auch choreographisch ein Genuss, in dieser Farbenpracht sowieso, wie die schönen Monster herankriechen, immer enger, immer dichter. Doch nur die Liebe zählt, Arthur der Engelartige macht sich frei.
Die nächste Prüfung: Eine Art Emmeline im Baum. Fast wäre er in ihr versunken, doch Philidel erscheint rechtzeitig und enttarnt den wahren Baumbewohner, Grimbald ist es in seiner ganzen Hässlichkeit.
(Dass man im Orchestergraben durchaus gefährlich lebt, zeigt ein fliegender Zauberstab, der sich in den Rücken der Flötistin bohrt, ohne bleibende Schäden gottlob. Man sieht so was gut vom zweiten Rang, Stehplatz.)

Am Ende ein Duell. Oswald ist wieder im Rennen, nachdem sein Stürzer Osmond gekniffen hat. Ziemlich desolat tritt er an, was soll Arthur da passieren? Das geht sicher über höchstens zwei Runden.
Doch was ist das? Der Favorit strauchelt, fällt! Griechenland, äh, Sachsen ist Europameister! Alle sind verblüfft, einschließlich des Siegers. Ein absurd-geniales Ende.

Dennoch geht alles den geplanten Gang, nur der Sieger-Darsteller ist nun halt ein anderer. Er erhält Tochter und Königreich, erstere zeigt sich professionell, letzteres darf singen. Das neue königliche Paar wirkt erst wie Queen Elisabeth mit Prinzgemahl, dann wie die Spelunken-Jenny und Macheath, als es die letzten Arien über sich ergehen lässt.
Da wird zwar versucht, die noch mit etwas Handlung zu untersetzen, sexuelle Verirrungen überall, so richtig spannend ist das aber nicht. Verzichtbar, die letzten zwanzig Minuten, obgleich das Schlussbild noch einmal großartig ist. Ein feierndes Volk, ex-King Arthur steht irgendwo hinten rechts alleine rum. Die Bühnenmaschine zeigt noch einmal, was sie kann, ein Epilog von Petras, der das alles fein nach heute transportiert, dann ist Schluss.

Fast zehn Minuten heftiger, tosender Beifall, viele Bravos, gut verteilt. Gelungen das Ganze, ob man nun die erste Saisonpremiere oder gar die „100 Jahre Schauspielhaus“ als Bezug nimmt.

Hab ich was vergessen? Ja, Matthias Reichwaldens Kranz. Er ist King Arthur mit jeder Faser seines Körpers und ist es dann auch wieder nicht, weil auch er diese Distanz zur Rolle hat, die einen Großen auszeichnet. Er ist absolut geerdet, alles was er macht, ist völlig unspektakulär, und gerade das ist das Umwerfende. Ich erkläre mich erneut und gerne zum Fan.

Die „Halb-Oper“ ist ein interessantes Format, auch wenn Schauspiel und Gesang oft auch nebeneinanderherlaufen, ist es doch ein Erlebnis. Das Libretto bzw. die Geschichte ist in diesem Falle doch mehr Theater als Oper, zum Glück, das füllt schon einen Abend. Ein bisschen mehr Mut zum Kürzen, gerade am Ende, und die Sache wär perfekt gewesen.

Und jedermann erwartet sich ein Fest

Die Vorschau zur 101. Saison des Staatsschauspiels Dresden in einem empfehlenswerten Magazin.

„Der Rausch der Hundertsten ist vorbei; freuen wir uns auf den Rausch der Hundertundersten.“

http://www.kultura-extra.de/theater/feull/saisoneroeffnung_staatsschauspieldresden2013.php

Programmhinweis: Mi., 21.08.13, 22.30 Uhr Teichelmaukes Hamsterradio

Für alle, die nicht lesen können (also bitte weitersagen)

http://coloradio.org/site/

oder auch 98,4 & 99,3 MHz, wenn man im gelobten Land wohnt.

Der Arbeitstitel dieser ersten Blamage lautet

Teichelmauke trifft Canaletto trifft Wagner

Es kann noch besser werden, muss aber nicht.

Man hört sich, vielleicht.

Klassik trifft Peinlichkeit

Konzert der Dresdner Philharmonie zur Eröffnung des Stadtfests Dresden, 16. Aug. 2013

Oder eher umgekehrt: Die Peinlichkeit trifft die Klassik, und zwar unter der Gürtellinie. Traurig, das Ganze. Aber fangen wir mit dem Anfang an.

Das Stadtfest Dresden ist natürlich das Schönste, Größte, Tollste und whatever, mindestens weltweit, wenn man den Gute-Laune-Terroristen vom Radio Dresden – Morgenprogramm, die heute mal moderieren dürfen, glauben mag. In Dresden sind wir alle weltberühmt, ich zitiere mich mal selbst.

Auf dem Theaterplatz (selbstverständlich der schönste unserer Galaxie) wird das Stadtfest eröffnet, mit Hochkultur. Das ist ein guter Ansatz.
Es beginnt auch entsprechend, aus einem Warmspielen („Die Musiker stimmen!“ – „Na, ich hab sie nicht gezählt.“; vgl. Herricht&Preil) wächst die „Ode an die Freude“. Immer mehr Musiker steigen ein, das Ganze ohne Dirigent (Finanzbürgermeister aufgemerkt! Geht auch ohne!), dann auch noch die Chöre. Wenn ich der Meinung wäre, Ahnung zu haben, würde ich vielleicht wie Reinhard C. Brembeck formulieren: „Originell, aber etwas verwaschen im Abgang“. Aber so sag ich einfach: Nett.

Über die folgenden fünfundzwanzig Minuten, bis es dann endlich zum Konzert kommt, breiten wir gnädig den Mantel des Schweigens bzw. berichten an anderer Stelle. Ich konzentriere mich auf die Philharmonie.

Natürlich muss es zu Beginn der mottogebende Wagner sein. Ob aber die Tannhäuser-Ouvertüre so eine gute Idee ist? Es donnert dabei nur selten wagnerisch, die vielen Feinheiten bringen, nun ja, den Bierbudenlärm ringsum gut zur Geltung. Offenbar hat niemand die Bespielbarkeit des Platzes zuvor geprüft. Harfe und Bratwurst, das passt nun mal nicht.
Mir kommt das alles auch seltsam und ungewohnt schwunglos vor, nach gutem Start fällt das Stück erstaunlich schnell in sich zusammen, keine Spannung mehr. Wie Zuckerwatte. Und einmal raus ist immer raus, man spielt es halt zu Ende, mäßig. Sehr mäßig. Stadtfest.

Mozart jetzt, KV 385 „Haffner“. Das klingt ordentlich, auch wenn der Dirigent Markus Poschner für meinen Geschmack deutlich zu suggestiv ins Orchester hineinwirkt. Das wirkt wenig souverän. Das Ganze ist solides Handwerk, mehr nicht.
Dann kommen die Trolls vom Radio zurück, staunen, wie viele Musiker in so einem Orchester sitzen, wollen vom Dirigenten die genaue Zahl haben, bekommen die aber nicht, weil jener wohl über die Dämlichkeit der Frage zu entsetzt ist, als noch denken zu können. Der Herr im Anzug liest sie dann vom Spickzettel, 116 in Vollbesetzung, aha. Der Roland braucht da weniger Personal.

Aber es geht noch schlimmer. Während sich die Pressefotografen sich schon beim Mozart zum Affen machten vor der Bühne und das hier wohl mit den Puhdys am Hutberg verwechseln, dürfen sich nun auch noch alle anderen blamieren. Eine Riesen-Tuba (aus dem Museum in Markneukirchen) wird auf die Bühne gerollt, Prof. Jörg Wachsmuth muss sich zunächst einer hochnotpeinlichen Befragung unterziehen, die im Wesentlichen von seiner Zungenfertigkeit in allen Lebenslagen handelt, und verkündet dann, den „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow auf Wunsch des allgegenwärtigen Sponsors in unter 54 Sekunden zu spielen darauf.
„Wozu?“, ist man geneigt zu fragen, aber seitdem der Opernball im Februar an selber Stelle eine guinnessbuchtaugliche Dressur des Außen-Publikums zelebrierte, sind die Dämme des Geschmacks wohl allesamt gebrochen.

Es beginnt, der Dirigent soll die Zeit nehmen. Klingen tut es in etwa wie „gurgel, gurgel-gurgel, gurgel-gurgelgurgel, gurgel“, aber die Zeit läuft, Prof. Wachsmuth hat sicher die beste Zwischenzeit von allen und rettet sich ins Ziel. Aber was ist das? Die Uhr läuft weiter … Entsetzen auf der Bühne, davor eher Erleichterung. Der schöne Weltrekord ist im Arsch.

Man mag nun trefflich spekulieren, was Herrn Poschner bewegt hat, den Knopf anderthalb Sekunden zu spät zu drücken. Eine kleine Gemeinheit unter Kollegen? Dirigenten mögen es im Allgemeinen nicht, wenn einer von hinten im Licht steht. Oder war sein Künstlerherz durch diese Situation so beleidigt, dass er deswegen sabotierte? Im diesem Falle knie ich voller Respekt nieder.

Egal, der Weltrekord muss her, der Sponsor hat bezahlt. Im redlichen Versuch, die Lage zu retten, erklärt der Bläser, dass es ja eigentlich gar nicht anders ginge, als exakt nach 53,xy Sekunden fertigzuwerden. Ein wunderschönes Eigentor, das die Absurdität des Ganzen noch mal toll beleuchtet. 0:3, für Union vermutlich. Auch die haben eine namensgebende Brauerei im Hintergrund.
But the show must go on. Und so wird er flugs zum Sieger (der Terzen?) erklärt, das Orchester muss nun die Produkte eines Bierherstellers aus dem Dresdner Umland verzehren. Meinen Glückwunsch, aber Vorsicht: Nach dem zweiten davon krieg ich immer Kopfschmerzen.

Während sich der GF der Plörrenbude in seinem Auftritt sonnt und Prof. Wachsmuth sich hinter der Bühne vor Scham vermutlich in die Tuba stürzt, geht es vorne weiter, mit Richard Strauss, „Till Eulenspiegels lustige Streiche“. Honi soi qui mal y pense. Ich sehe Herrn Poschner grinsen.

Musiker sind feinsinnige Menschen. Sie spüren, dass man so nicht von der Bühne gehen kann. Und sie machen fast alles wieder wett, das Ehrentor ist verdient. Es wird nämlich nochmal sehr gut, und Gott ist ein Musikant, er lässt die vorletzte Minute des Stücks kongenial von den Glocken der Hofkirche begleiten. Wie weiland bei Egon Olsens Bruch in Kopenhagen knallt es zuvor auch richtig, so geht Musik.
Besagtes Stück ist übrigens jenes, aus dem das Klassik-Radio (das, was man als intellektuell Bessergestellter gerne zufällig anhat, wenn nobler Besuch kommt) seine Jingles zieht. Der vorschnelle Beifall zum vermuteten Ende ist angesichts des Ambientes verzeihlich, und der tosende zum richtigen Ende wirklich verdient. Leider wird er von den Radioten (deren Namen man sich nicht merken muss, nur das Kleid der Dame wird mir in Erinnerung bleiben) abgewürgt. Jetzt kommt doch gleich LIFT, und die Stühle vor der Bühne sind zu räumen, es gibt Rock.
Ich halte es für besser, mir meine Erinnerungen zu bewahren und verlasse die Veranstaltung.

Tja, was soll man sagen? Erstaunlich, wofür sich auch Klassiker heute so hergeben. Müssen, wollen? Keine Ahnung, aber es gehören immer zwei dazu.
Nächste Woche spielt die Philharmonie zur Eröffnung der Waldschlösschenbrücke. Ich fürchte, die Talsohle ist noch nicht erreicht und empfehle etwas aus dem Repertoire zum 13. Februar.