Kategorie: Dresden

Doch die Ergebnisse, die gibt es nicht.

Die Auswertung der 3. „Dresdner Debatte“ zum Verkehrsentwicklungsplan am 9. Dezember 2013 im Verkehrsmuseum war gar keine

 Eine schöne Veranstaltung, eigentlich. Hatte meine Vorfreude geweckt, fachlich und auch sonst. Kam auch nur fünf Minuten zu spät.

 War in diesen fünf Minuten alles Neue bereits verkündet worden? Denn was danach in zwei Stunden folgte, hätte man – mit wenigen Ausnahmen – auch zum Auftakt des Prozesses sagen können.

 Sicher, die LH Dresden hat sich mit der gleichnamigen Debatte ein tolles Instrument gegeben, das zu Recht auch überregional Beachtung findet. Die Berichterstattung, wer wann auf welchem Kongress dazu sprach, nahm gefühlt die erste Stunde in Beschlag. Der Moderator mit Architektenhabitus, dessen Namen ich leider nicht behielt, Herr Szuggat und eine Mitarbeiterin seines Amtes lobpreisten sich gegenseitig, sicher auch angebracht, wenn vielleicht nicht unbedingt in dieser epischen Breite. Dann erklärte Dr. Mohaupt, nach welchen Prämissen und mit welchen Szenarien der Verkehrsentwicklungsplan 2025+ aufgestellt würde, auch das keine wirkliche Neuigkeit.

 Dann ging es aber doch mal um die Ergebnisse der Debatte. Die Klickzahlen wurden berichtet (4.500), 2.200 Beteiligte seien es gewesen, 1.200 Beiträge gab es, die allermeisten im Block „Infrastruktur“. Inhalte? Fehlanzeige.

Immerhin wurde vom Wunsch-Modal-Split der Teilnehmerinnen berichtet, die inzwischen übliche Vierteiligkeit wird in Dresden noch zugunsten des Fußverkehrs verschoben. Leider beeilte man sich, dieses interessante Ergebnis gleich als „unrealistisch“ zu relativieren.

 Erschwert wurde die Verständlichkeit noch, weil man den obligatorischen Beamer zwar dabei hatte, ihn aber so unglücklich platzierte, dass höchstens die erste Reihe des Podiums die eng beschrifteten Folien lesen konnte.

 Wenn nicht die etwa 100 Zuhörer gelegentlich etwas Konkretes nachgefragt hätten, wäre die ganze Sache nur an der Oberfläche verblieben. So erfuhr man immerhin, dass die Stadt auch ohne den Segen des Freistaats an der „Straßenbahnlinie 5 aka. 62“ dranbleiben wolle, für die Situation auf der Bautzner (Land-) Straße im Bereich Bühlau kein wirkliches Konzept habe und an einen kostenlosen ÖPNV für alle nicht gedacht sei.

Zwischen den Zeilen war dann noch zu vernehmen, dass man mit der Auswertung der (nach
Aussagen der Bearbeiter äußerst sachlichen und hochwertigen) Beiträge noch nicht durch wäre. Zumindest kam es so rüber, doch siehe unten.

 So, und nun? Die geplante Abschlussveranstaltung wurde absolviert, man kann das Häkchen setzen. Dass diese inhaltsarm blieb, wird im Reporting sicher nicht erwähnt.

Aber warum hat man nicht die Größe, eine Veranstaltung dieser Relevanz mal einfach zu verschieben, wenn man sich noch nicht aussagefähig fühlt? Das Weihnachtsfest in Dresden wäre keinen Deut glanzloser ausgefallen deswegen.

 Doch, oh Wunder:

Im heimischen Büro angelangt, rief ich die einschlägige Seite auf, (www.dresdner-debatte.de), und was stand da? Ein 89seitiger Abschlussbericht. Mit allen Fakten, die ich in der Veranstaltung so schmerzlich vermisste, sauber aufbereitet. Im Text finden sich so interessante Sätze wie „Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden sprach sich gegen einen Ausbau aus und forderte eine zweispurige Straße“. Ratet mal, um welche es geht.

 Ach Verwaltung, Deine Wege sind manchmal unergründlich.

Doch mein interner Betriebsrat hat heute schon „Feierabend“ gerufen. Deshalb gibt es in den nächsten Tagen noch einen zweiten Teil, „Die Ergebnisse der Dresdner Debatte zum VEP“. Hier, in diesem Theater. Das ist doch schön, oder?

An einem Sonntagabend.

Sie zieht das kurze Kleid an. Eine dicke Strumpfhose darunter, die wärmt und sieht sexy aus.
Sie geht in die Jazzbar im Viertel. Da ist ja immer jemand, und meist auch Musik auf der Bühne.
Sie behält recht. Etwas Gezupftes, Geblasenes, nett, nicht wirklich relevant. Genau das Richtige am Sonntagabend.
Sie wird angesprochen, klar. Kleid, Strumpfhose und blonde Mähne. Das funktioniert immer. Geplänkel.
Sie trinkt Wein. Dann Espresso. Dann wieder Wein. Macht man so.
Sie unterhält sich. Es wird spät. Mit einem kann man richtig reden. Sie tut es.
Sie erschrickt. Es ist halb zwei. Und morgen wieder das Büro.
Und dann doch noch eine Stunde Plaudern, im Mantel.
Sie geht.
Ein Sonntagabend, ganz normal.

Ein perfekter Sonntagabend

Da sitzt einer – Heiko „Hesh“ Schramm, u.a. coloRadio-Macher – auf der kleinen Bühne vom Blue Note in Dresden-Neustadt.
Und singt. Und spielt. Auf elektrischen Gitarren. Irgendwo zwischen Tom Waits und Leonard Cohen.
Und erzählt. Über Literatur, amerikanische. Truman Capote und Norman Mailer, Ihr wisst schon. Und auch über Mrs. Rowlings ersten „Erwachsenen-Roman“.

Das Ganze fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Was will man mehr, an diesem ersten Dezembersonntagabend, von interessierten Stellen auch „erster Advent“ genannt?

Ein wundersamer Abend.

Heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung Dresdens

Der neunte November 2013

 Johannes Lohmeyer, mit dem ich selten einer Meinung bin, hat heute diesen Satz verwendet. Egal, ob dies schon einmal jemand so sagte, für diese Äußerung gebührt ihm uneingeschränkter Respekt.

 Man muss sicher niemandem erklären, was es mit diesem Datum auf sich hat. Spätestens die frisch geputzten und mit Blumen und Kerzen geschmückten Stolpersteine stoßen auch den Letzten mit der Nase darauf, dass heute vor 75 Jahren in einem Land mitten in Europa Menschen ihre Mitmenschen überfielen, beraubten, erschlugen und ihre Gotteshäuser anzündeten. Gemeinhin wird dafür der verharmlosende Begriff „Kristallnacht“ verwendet, manche geben ihm mit dem Zusatz „Reichs-„ gar noch einen amtlichen Anstrich.

 Aber man muss das Pogrom nennen, genauso wie die vielen ähnlichen Untaten in den Jahrhunderten zuvor, in Deutschland und anderswo. Oder auch den Beginn des Holocaust.

 Es ist kein Trost, dass nicht nur das deutsche Volk in Abständen dem Verlangen folgt, einen Teil der Bevölkerung zu massakrieren. Man kann Verbrechen nicht miteinander aufrechnen. Und wenn auch in Polen, Ungarn und anderswo solche Gräuel vorkamen, dann ist das eine Schande für diese Völker. Wir Deutsche haben uns mit unserer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

 Und da haben wir einiges zu „bieten“. Nicht nur einen perfekt organisierten Überfall auf eine Volksgruppe einschließlich eines Stillhaltebefehls an die Feuerwehren (nur in Halberstadt hatte man die Synagoge nicht angezündet, aus Angst um die umstehenden Fachwerkhäuser), sondern in der Folge auch den weltweit ersten industriellen Massenmord. Der Tod wurde zum Meister aus Deutschland, zum Diplom-Ingenieur des Menschenentsorgungswesens.

 Mich erfüllt tiefe Scham, nicht nur für die Generation meiner Großeltern, auch (fremd) für alle, die heute nichts dabei finden, das alles zu relativieren und den berühmten Schlussstrich ziehen wollen. Mord verjährt nicht, auch nicht Massenmord unter staatlicher Legitimation.

 Ja, heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung von Dresden, am Hasenberg.

 

Familienaufstellung nach Kästner

Die Sache mit Isabella

Nun ist es soweit:
Nach unendlich langer Zeit habe ich fertig damit. Mein erstes Buch.Na gut, kein „richtiges“, ein eBook. Aber immerhin.

Hier: https://www.xinxii.com/die-sache-mit-isabella-p-347919.html

Und hier ein Auszug:

Die Sache mit Isabella

Not sorry
Cranberries

Keep on looking through the window again, …

You told me lies, and I sighed, and I sighed, and I sighed.
‚Cause you lied, lied, and I cried, yes I cried, yes, I cry, I cry, I cry again.

I swore I’d never feel like this again,
But you’re so selfish,
You don’t see what you’re doing to me,

I keep on looking through the window again.
No I’m not sorry if I do detest you.

Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns Halt im Leben. Manchmal. Und wenn sie dann weg sind, fällt man ins Bodenlose.

Epilog vorweg
Diese eine erschrockene Geste, mit der sie hilflos ihr Gesicht zu verbergen suchte, als Diego sie am Dienstag danach zufällig nachmittags auf der Straße an der Hand eines Vollbarts sah, wird ihm immer in Erinnerung bleiben. Und das ist gut so. Genau das bleibt sein Bild von Isabella.
Vielleicht ließe sich das Drama vom ersten Juli-Wochenende noch halbwegs mit einer extrem eskalierenden Dreieckssituation erklären: Die Protagonistin kann sich nicht entscheiden zwischen dem, den sie zu lieben glaubt (und der sie mit Stoff versorgt) und dem, von dem sie weiß, dass er gut für sie wäre, vielleicht der Einzige, der sie rausholen könnte aus ihrem (bisher geheim gehaltenen) Sumpf.
Jenem passiert dann ein Kurzschluss, er steigert sich in seine Helferrolle hinein, entdeckt das ganze (?) Elend. Sie flüchtet in die Psychiatrie, er geht zur Polizei und zeigt den Konkurrenten an. Sie schlägt zurück, mit dem einzigen Mittel, das ihr bleibt.
Am Ende sind beide Verlierer, bei Shakespeare wären sie tot. Vom Dritten weiß man es noch nicht.
Nur, wie passt das zum Händchen-Halten mit einem Vierten am Dienstag Nachmittag? Broterwerb? Am Abend zuvor kennengelernt wegen Nachtasyl? Großer Bruder? Ist die Geschichte doch eine ganz andere? Wir werden sehen. Vielleicht.

Isabella Silbernagel hieß nicht immer so.
Sie hatte Diego zwar eine nette Story von ihrer jüdischen Abstimmung erzählt, aber in Wahrheit war sie eine geborene Sorge [der traurige Wortwitz fließt dem Erzähler nur schwer aus den Fingern]. Ihre Kindheit schien nicht glücklich gewesen zu sein, ihr Fixpunkt war die Oma, wenn man ihren Erzählungen trauen durfte. Ihren schönen Nachnamen hatte sie aus erster Ehe behalten, ebenso wie einen fast erwachsenen Sohn, der bei seinem Vater lebte. Dann gab es auch noch einen zweiten Sohn, woher auch immer, inzwischen ebenfalls weit entfernt von ihr.
All das fand Diego erst am Sonntag heraus, beim Sichten der seit Monaten ungeöffneten Post in ihrer alten Wohnung, zu der er den Schlüssel von ihr dann doch bekommen hatte. Und er begriff dort noch viel mehr.
Immerhin ihre Tochter Mia, der Diego gerne ein guter Ersatzvater gewesen wäre, lebte bei ihr. Und hier war – bis zu einem gewissen Punkt – auch alles stimmig, Diego sah keinen Grund, an ihr zu zweifeln. Und plante ein Leben mit Isabella.

Kapitel 1, ab August 2010

„Ich beobachte das Leben, und manchmal nehme ich daran teil.“

In diesen Tagen nach jenem tragischen Wochenende, als der Schock bei Diego langsam nachließ, dachte er oft daran, wie alles angefangen hatte.
Diego war fast vier Jahrzehnte verhaltensunauffällig gewesen.
Dann warf ihn eine traurig endende Liebe aus den lange gewohnten Bahnen, er landete schließlich in der hier so genannten Republik. Und begann eine neue Existenz, die im Wesentlichen aus der mehr oder weniger erfolgreichen Suche nach einer neuen Partnerin fürs Leben oder zumindest für eine Woche bestand.
Hierbei lernte er viel, vor allem über sich, machte schöne und traurige Erfahrungen. Vor allem Frida und Tausendschön prägten sein erstes Jahr, beide verlor er aber wegen seiner Unstetigkeit. Vielleicht hatte es auch einfach nicht für mehr gereicht.
Zu Beginn dieser Erzählung war er gerade wieder frisch verliebt in Brigitta, die er auf recht seltsame Art kennengelernt hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Trotz der seit nun schon vierzehn Tagen andauernden aufregenden Verbindung mit Brigitta streunte Diego nachts über die Inseln der Republik. Ohne wirkliche Absichten, bisschen den Marktwert testen vielleicht. Und die Zeit des Urlaubs vertreiben bis zur nächsten Begegnung mit ihr.
Es kam wie es kommen musste. Isabella hatte ihm gewunken mit den Äugelein, und Diego war geschmeichelt über das Interesse einer so schönen Frau. Ein kurzer Plausch, ein paar Tänze, ein vorsichtiger Kußversuch (eher erfolglos). Dann entschwand sie in die Nacht.
Er war überrascht von der sms am nächsten Mittag, fing aber sogleich Feuer.

Isabella(12/8):
Eigentlich ungewöhnlich, für jemand der offensichtlich arbeitend ist, solange beim Älternabend auszuharren… 😉 Gruss Isabella

Diego (12/8):
Naja, das trau ich mir auch nur im urlaub. Du warst aber auch ungewöhnlich an diesem ort: du bist doch eher der dienstags-saloppe-typ, oder? Gruß, Diego

Isabella(12/8):
Nein nicht ganz… eher die gelegentlich zu Electro tanzende Showboxx Typin, falls man das so nennen kann… 😉

Diego (12/8):
Tatsächlich? Da lag ich ja richtig daneben. In der box war ich noch nie, aber egal, bin ja tolerant. Und sonst so?
(ich sitz übrigens heute nachmittag in der republik rum, falls du das mit dem kaffee ernst meintest, könnte man das gleich erledigen)

Isabella(12/8):
‚Erledigen‘? Ich brauch heute noch ein wenig Ruhe, das ist mit fast vierzig so und irgendwann auch nicht mehr von der Hand zu weisen… wie wäre es mit morgen?

Diego (12/8)
Huch, schon wieder daneben. Ich hätte dich dem studentenvolk zugeordnet, wenn ich mal so plump komplimentieren darf. Aber auch das ist akzeptabel (vor allem, wenn man selbst ähnlich drauf ist).
Morgen ist es ein wenig schwierig, aber da ich samstag für ein paar tage wegfahr, würd ich die chance gern nutzen. Geht um vier bei dir? Irgendwo hier?

Isabella(12/8):
War ja auch ziemlich dunkel da drin, so dass graue Haare und Falten außen vor blieben… morgen dann… um vier, das müsste ich schaffen. Wo treffen wir uns?

Diego (12/8):
Wenn das wetter gut ist, am selben orte wie heute nacht? Da sitzt man auch tagsüber ganz nett. Ansonsten irgendein cafe, ich trink gerne schokolade. Wir können uns ja trotzdem hier treffen.
Und falls dein ruhebedürfnis doch nicht so groß ist: gerne auch heute noch spontan. Wär für mich entspannter als morgen, ich hab da nur eine gute stunde. Aber es geht auch.
Bis dann, Diego

Isabella(12/8):
Ich wohne nicht in der Neustadt, deswegen etwas ungünstig mit dem spontan sein. Wir machen das morgen einfach so, indem wir uns vor der Insel treffen… Gruss Isabella

Diego (12/8):
Na gut. Dann ruh dich mal schön aus. Bis morgen, ich freu mich. D
Frauen haben keine Jahresringe, immer schwer zu schätzen, ob knapp volljährig oder schon eine Weile auf dem Markt. Im Falle von Isabella war das ohnehin egal: Sie erschien in einem atemberaubenden Kleid, ihre braunen Kulleraugen harmonierten sehr schön mit ihren langen Haaren und ihrer sonnengebräunten Haut, und die Figur erst … Diego hatte Mühe, sein Begehren halbwegs zivilisiert zu zeigen.

Diego (13/8):
Hm … War offenbar so beeindruckt, dass ich auf dem heimweg gleich einen blechschaden fabriziert habe. Aber war nicht so schlimm.
Danke für die schöne stunde.

Isabella(13/8):
Oh, das tut mir aber leid! Ich fand es auch sehr angenehm… 🙂 entspannten Abend Dir noch, Isabella

Problembär, der er war, musste er natürlich sofort Grundsätzliches klären.

Diego (14/8):
Entschuldige die späte störung, die du ja hoffentlich erst morgens bekommen wirst. Ich sitz noch im note und denk über dich nach. Ich bin sehr begeistert von dir, soviele gemeinsamkeiten … Leider habe ich ein talent, menschen am ende unglücklich zu machen mit meinem unsteten leben. Ich leide jedesmal mit und will das nicht mehr.
Ich seh dich sehr gern wieder, aber … Sei vorsichtig. Ich kann mich manchmal selbst nicht leiden, aber auch nicht raus aus meiner haut.
Trotzdem freu ich mich sehr auf dienstag abend. Diego

Isabella(14/8):
Man kann niemand unglücklich machen, der es eh schon vorher war – ich bin es nicht! In diesem Sinne bis Dienstag…

Diego (14/8):
Das ist aber ein schwieriges gleichnis … Da haben wir ja was zu reden am dienstag. Freu mich sehr drauf. D
PS: dein kleid heute war wirklich hinreißend.

Die ersten Irritationen kamen prompt. Geschah ihm recht.

Isabella(14/8):
Danke! Ich hoffe, dass Du eine Frau findest, für diese und kommende Nächte – im Blue Note, nicht ungewöhnlich – wenn, mir auch ganz Recht… 🙂

Diego (14/8):
Das note hat zwar diesen ruf, aber das stimmt nur bedingt.
An sowas hab ich auch kein interesse (mehr). Bin da ein bißchen übersättigt.
Wo bist du grad? Irgendwie hab ich das gefühl, wir könnten heute nacht noch schön an der elbe sitzen und auf das viele wasser schauen.

Isabella(14/8):
Ich liege in meinem Bett, da, wo ich hin gehöre und da bin ich auch gern mal allein…

Diego (14/8):
Ja, war ja nur so eine idee .. Bin wirklich sehr begeistert von dir, hab aber die sorge, was falschzumachen. Schlaf dann mal, mir bleiben die bilder von heute u. d. vorfreude auf dienstag. Das ist ja immerhin was.
Nochmal PS: du hast mich wirklich erwischt mit dem kleid. Hat mir echt den atem genommen.

Verdiente Belohnung für seine Euphorie war ein Abend einige Tage später. Heiße Küsse, wenn auch noch ohne Höhepunkt(e). Dasselbe am nächsten Abend, an dem er sich wirklich wie ein Idiot fühlte. Diego saß mit ihr abends am Fluss, alles war schön, an sich. Aber irgendwie fand er nicht ins Spiel, wie die Fußballfraktion sagen würde. Immer diese Ur-Angst, zurückgewiesen zu werden, das kannte er schon seit der Pubertät. Diego stand sich halt gerne selber im Weg. Traute sich auch kaum, den Arm um sie zu legen, geschweige sie zu küssen. Brachte sie dann irgendwann frustriert nach Hause, nannte sich einen Vollidioten.
Es gibt solche Tage. Zu viele, wie er fand. Aber es wurde verziehen.

Isabella(19/8):
Ich hab Dir noch mal kurz ne Mail geschickt, falls Du noch nicht schläfst, oder noch unterwegs sein solltest… 😉

Diego (19/8):
Danke für sms und mail, das hat mich getröstet. Ich kam mir heute ziemlich tollpatschig vor, war nicht so mein tag. Freu mich aufs nächste mal!

Isabella(19/8):
Ich fand das sehr authentisch und vor allem wichtig: entspannt. 🙂

Diego (19/8):
Naja, gut wenn es so wirkte. Und gut, dass du es so siehst. Schlaf schön, ich merke jetzt auch die lange nacht.

Dann der Abend, an dem sie ihn erhörte.

Ab sofort online.

Hamsterrad mit Granaten, waagerecht

 

„Marathon“ von Aharona Israel, ein Tanz-Theaterstück, Gastspiel im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Societätstheater Dresden, gesehen am 25. Oktober 2013

 

 Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Pali-Tuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, tut man sich erst einmal schwer, die israelische Gesellschaft zu begreifen. Ein Land der extremen Gegensätze, zwischen Orthodoxen und dem Strand von Tel Aviv, mehr und mehr von einem russischen Jungbrunnen aus Menschen gespeist und von den allgegenwärtigen Bomben und Raketen mühsam zusammengehalten? Vielleicht auch.

Ich weiß viel zu wenig über die „Palästina-Frage“, über Jerusalem oder die Golanhöhen, um mich hier eindeutig positionieren zu können. Aber über die Menschen in Israel, da weiß ich seit heute einiges mehr.

 

Aharona Israel, Choreographin und Performerin, inszeniert ihren „Marathon“ als ewigen Lauf im kleinen Kreis, ohne Pause, nur unterbrochen von Kommandos, Change! für den Richtungswechsel, Hora! für den Tanz, Schickse! angesichts eines unziemend daherkommenden Mädchens, Aufrecht! für die Haltung, Granate! für das, was allgegenwärtig ist.

Am Start: Ein junger Mann mit aus der Kindheit stammendem Scheidungstrauma, eine orthodox erzogene junge Frau, die dann doch lieber tanzt als zur Armee zu gehen und ein russischer Einwanderer mit abgöttisch geliebtem Sohn, der nicht russisch sprechen darf, weil seinen Vater das Heimweh plagt. Eine Avocado ist nun mal keine Kartoffel.

 

Am Anfang sind alle voller Disziplin und Aufopferungsbereitschaft in dieser Gesellschaft unter permanentem Druck, doch man merkt schnell, wie dicht am Wahnsinn das alles hier gebaut ist. Wir wandern, nein rennen durch den Psychosengarten. Das Mädchen will eine vorbildlich trauernde Schwester sein und schafft es doch nicht, der Junge beginnt nach dem Sinn des Ganzen zu fragen und lebt in seinen Alpträumen, dem Vater steht „njet“ in der Hand geschrieben. Kaputt das alles, am Ende sieht man es auch deutlich. Die Bewegungen werden langsamer, ersterben fast.

Dann gehen die Zuschauer, einer nach dem anderen, überlassen die Protagonisten ihrer Welt, die aus einem waagerechten Hamsterrad besteht, mit Granaten.

 

Das ist nicht nur großartig gespielt, das ist hervorragend getanzt und einen ergreifenden Text hat es außerdem. Die drei Darsteller – deren Namen das Programm leider nicht verrät – zeigen nicht nur sportliche Höchstleistungen, sie bringen uns die Israelis nahe, ganz nahe.

Ein phantastischer Abend.

 

Die Schuld der späten Geburt und die Schuld der Geburt überhaupt

„Ein Stück von Mutter und Vaterland“ von Bozena Keff, Regie Jan Klata, Gastspiel des Polski Teatr Wroclaw im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Staatsschauspiel Dresden am 24. Oktober 2013

 

 

Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, dass Sie mit Ihrer Geburt erst deutlich nach dem großen Krieg Schuld auf sich geladen haben, weil sie sich damit dem damals erlittenen Leid feige verweigerten?

Und dass Sie überhaupt mit Ihrer Geburt dem Leben Ihrer Mutter eine irreversible Wendung gaben, an deren Folgen sie noch heute laboriert? Nein? Dann wird es Zeit.

 

Es beginnt klatanesk, ein bildmächtiges, lautes Intro. Silhouetten im Halbdunkel auf der Bühne, nicht wirklich Menschen, die Schatten sprechen und singen im Chor, vor vier blechernen Ungeheuern von Schränken auf Rollen, die Bühnen in der Bühne bilden. Quälendes Licht, tödlich laute Musik. Das wird kein Milchkaffee-Theater, soviel ist klar.

 

Die Mutter erscheint Ripley (ja, dieser Ripley) als Alien, oder erscheint das Alien als Mutter? Von Anfang an ist es schwer, der Handlung – sofern vorhanden – zu folgen, die deutschen Übertitel helfen, hindern aber auch durch das Hin-und-her-springen-müssen der Augen. Gut, das kann man einer polnischen Inszenierung in Dresden kaum vorwerfen. Da muss man halt durch.

 

Es ist ein harter Stoff, nur selten aufgeweicht durch szenische Einfälle wie das Klapperschlangenballett. Klata verbraucht Darsteller und Zuschauer, eine Zumutung, im positiven Sinne.

Sechs Akteurinnen (einer davon im Prinzip männlich), mit blonden Mähnen und gedrehten Zöpfchen angetan, klischeegerecht, aber sonst ist da nicht viel klassisch. Sie springen ständig zwischen Mutter, Tochter und Vaterland.

 

Im Prinzip – wenn ich es recht verstanden habe – geht es um die zwei Grundthemen, die eingangs schon kurz beschrieben wurden. Man könnte auch sagen, es geht um Generationenkonflikte unter besonderen geschichtlichen Umständen, und um Selbstgerechtigkeit. Die einen sind ein für allemal geadelt durch das Überleben des Holocaust und vermissen den ihnen geschuldeten Respekt, den anderen geht das ständige Erzählen von früher langsam auf den Sack.

Oder, auf eine private Ebene gebracht: Die Mutter verlangt ewige Dankbarkeit für den Akt des Gebärens, für die Tochter ist es irgendwann auch mal gut damit.

Das klingt beides nicht nach Koalitionsvertrag am Ende.

 

Den vorwurfsvollen Sermon der Mutter, der immer wieder ausgewalzt wird in den Minibühnen, die dann ein (Plattenbau-) Wohnzimmer bilden, kennen sicher viele. Du kümmerst Dich nicht um mich, mein Leben ist Dir egal, und meine Krankheitsbilder erst recht. Demütig nehmen die Töchter die Vorwürfe entgegen, zu demütig, finde ich.

Doch man merkt, dass das eine besonders subtile Form der Machtausübung ist, ein Materpatriarchat. Die Kinder sind schuld, von Anfang an, und sollen ihre Schuld nun mit Zuwendung abtragen.

 

Nein, das ist nicht mütter-, schon gar nicht frauenfeindlich, die Autorin Bozena Keff ist über diesen Verdacht erhaben. Aber sie stellt interessante Fragen, ohne Antworten dazu zu liefern. Wie auch?

„Die Mutter aus dem Schrank“, um mal einen Dresden-Bezug herzustellen, erscheint immer wieder und nervt. Aber was bleibt ihr auch übrig?

 

Das Stück endet fast versöhnlich, mit einem schönen barocken Satzgesang, tolle Stimmen. „Der (nicht vorhandene) Vorhang zu, und alle Fragen offen“. Muss man halt selber nach-denken.

 

Ein Donnerhall an Applaus, gemischt mit Begeisterungsschreien im fast vollen Kleinen Haus. Völlig zu Recht.

 

 

Gott will uns alle freehlich sehn

Schrecklichschön / Schön schrecklich

„Kellerkinder extended – Morbide Moritaten“, eine Produktion des Emsemble La Vie, (dann doch) Premiere im Projekttheater Dresden, 12. Oktober 2013

Es wird viel gelitten auf der Bühne – oder auch geleidet – gestöhnt, geheult, getrotzt, gebösartigt, selbst gebrochen, vulgo gekotzt.
Im Saale eher weniger: Dort ist man spätestens nach der zweiten Ballade hin und weg. Am Ende werden die vier da vorne förmlich gezwungen zur zweiten Zugabe. Geschieht ihnen recht.

Eine delikate Sammlung, ein Potpourri „von großer Oper bis dreckigem Punk“, mit Kleinoden der Unterhaltungskunst der letzten Jahrhunderte. Bekanntlich gibt es keine Sterne in Athen, und eine schwere Kindheit kann auch den Start in ein erfülltes Berufsleben bedeuten. Aus einem gebrochenen Zentralorgan werden dann auch mal zwei, die Kraft der zwei Herzen, wie es in der Werbung im ZDF heißen soll.

Paul Voigt und Benjamin Rietz sind das Orchester, das nicht nur den Rahmen bildet, sondern auch selbst zum Frohsinn beiträgt, hollodihi, hollodihi, du wolltest dir doch bloß den Abend vertreiben.

Christin Wehner wischt sich öfter tapfer die Tränen aus dem Gesicht und singt, nein spielt dann Unglaubliches. Selbst wenn sie nach dem Willen der Ärzte durch ein Monster ums Leben gebracht wird, ist das ein schöner Tod. Und wenn Mr. Paul McCartney das gehört hätte, würden die bunten Blätter bald was zu berichten haben.

Ihr Partner / Peiniger / Retter René Rothe ist ein Held in Jogginghosen, der schönste Mann in ganz Prohlis-Nord. Und ein Charmebolzen dazu. Der Beruf des Regisseurs mag ein ehrbarer sein, aber … „diese Mann geherrt auf Biehne“!

Der Berichterstatter kam zur unverdienten Ehre einer Premiere, die eigentliche fiel krankheitsbedingt aus am Vortage. Manchmal hat man eben auch Glück.

Morgen nochmal, am 13. Oktober 2013, 20.00 Uhr, Projekttheater, Louisenstraße 47, 01099 Dresden. Neustadt!
Das ist keine Empfehlung, das ist ein Befehl.

Und dann nie wieder? Kann, will ich mir nicht vorstellen.

PS: Ab jetzt auch in der seriösen Presse zu lesen:
http://www.kultura-extra.de/theater/feull/performance_kellerkinder_ensemblelavier.php