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Die Liebe und das Vaterland
„Vaterlandsliebe“ … Unlängst aus dem Touri-Geplapper an der Fähre herausgehört: „… mehr Angst als Vaterlandsliebe …“.
Ja, sicherlich. Ist ja auch nicht schwer.
Aber ein schönes Wort, diese „Vaterlandsliebe“. Bringt einen auf Gedanken.
Zunächst einmal würde ich das aus meiner Perspektive dem homosexuellen Spektrum zuordnen. An sich kein Problem, ich wollt es nur mal gesagt haben.
Gibt es dann auch eine Vaterlands-Jugendliebe? Und muss man nach dem ersten Mal gleich heiraten, weil sonst die großen Brüder böse sind?
Wie ist das mit dem Körperlichen? In meinem Verständnis – gut, rein subjektiv – gehört das ja doch irgendwie dazu? Ob nun dreimal täglich oder jeweils am Hochzeitstag, bleibt der Neigung und der körperlichen Verfassung überlassen, aber ganz ohne? Schwierig, um diese schöne neudeutsche Vokabel auch hier unterzubringen.
Wie äußert sich Vaterlandsliebe? Gedichte schreiben, ok. Und sonst?
Kann ein Mann mehrere Vaterländer gleichzeitig lieben? (Bei mir wärs neben dem Königreich Böhmen dann noch die Bunte Republik, aber das nur nebenbei.)
Und die Frauen? Stabile Zweierbeziehung? Vaterfigur fällt mir da ein, oder besser Vaterlandsfigurliebe. Oder Vaterfigurlandsliebe? Jedoch, allein wegen der Figur liebt man doch nicht?
Apropos, kann ein Vaterland auch fremd gehen? Und wenn ja, auf welchem Mutterboden?
Gibt es auch Dreiecksbeziehungen? Offene? Führt das zu diplomatischen Verwicklungen? Wird der Botschafter einbestellt? Wozu? Zur Vaterlandsliebe?
Wozu führt unglückliche Vaterlandsliebe? Zum Wahnsinn, wie sonst auch? Oder nur zur Staatenlosigkeit?
Und, ganz wichtig: Gibt es freie Vaterlandsliebe? Ist Europa so was Ähnliches? Und warum ist Arthur Schnitzler dann ein Schweizer?
Für die, die bis hier durchgehalten haben:
Vaterlandsliebesspiel. Vaterlandsliebesvorspiel. Mir fällt da nur die teutsche Nationalmannschaft (m/w) ein. Erst singen, dann spielen.
Kann man Vaterlandsliebe erzwingen? Von welcher Seite aus?
Hm.
Ich glaub, ich hab in Stabü nicht aufgepasst.
War das jetzt schon Sex?
Ein Denkmal für die fehlende Barmherzigkeit
In Dresden, am Neustädter Markt, gibt es das Blockhaus. Nach der Zerstörung im Krieg schon in der DDR wiederaufgebaut, gehört es heute dem Freistaat Sachsen, der seine Akademien der Künste und der Wissenschaft sowie die Stiftung Natur und Umwelt dort untergebracht hat. Das (wirklich schöne) Haus besitzt einen repräsentativen Saal, der gern und oft für Empfänge und Veranstaltungen genutzt wird.
Dies wurde wohl (mindestens) einem Obdachlosen zum Verhängnis, der seit einiger Zeit das windgeschützte Portal des Hauses „bewohnte“. Dank zweier Bänke links und rechts der Treppe war dies sicher ein komfortables Lager.
Damit ist es nun vorbei: Der Hausherr hat je zwei Querbalken auf den Absätzen anbringen lassen, dem Denkmalschutz gehorchend natürlich aus Sandstein. Mit der Bequemlichkeit ist es nun vorbei.
Ich wurde durch eine Postkarte von Tobias Stengel, die in einigen Neustädter Lokalen ausliegt, darauf aufmerksam und schaute mir die Sache heute mit eigenen Augen an. Lang kann die Baumaßnahme noch nicht vollendet sein, der Mörtel unter den Balken wirkte recht frisch.
So weit, so sachlich zur Tatsache. Nunmehr begeben wir uns in den Bereich der subjektiven Meinung.
Ist euch denn gar nichts zu peinlich, ihr freistaatlichen Hausverwalter? Muss man seine Abneigung gegen den wohnungslosen Abschaum derart deutlich demonstrieren? Habt ihr Angst, eure Gäste mit (einem Teil) der Dresdner Realität zu konfrontieren? Mich erfasst die berühmte Fremdscham. Ich kann nichts dafür, ich wohn nun mal hier und hab mir diese Regierung mit ihrem Apparat nicht ausgesucht. Aber ein Mindestmaß an Anstand und Empathie hätte ich mir von einer christlich (!!) und liberal (!) geführten Verwaltung doch erwartet.
Wir wollen uns nicht missverstehen: Sozialromantik ist mir fremd, ich weiß auch, dass selbst mit mehr Geld (was sicher bitter nötig ist) das Problem der Obdachlosigkeit nicht vollständig zu lösen ist. Aber manchmal geht es eben auch um Symbolik, um Botschaften. Und hier versagt der Freistaat mit schöner Regelmäßigkeit jämmerlich.
Eine nicht-beweisbare Boshaftigkeit: Dieselben Leute, die die Anbringung dieser Pennersperren angeordnet haben, stehen sicher mit reinem Herzen in der Menschenkette am 13. Februar. Das ist ja auch was ganz anderes, wohlfeil und tut nicht weh.
Ich versuche mir vorzustellen, wie das gelaufen sein mag am Blockhaus. Wer hat wohl den ersten Stein geworfen? „Schaffen Sie den mal diskret weg, unsere Gäste wollen so was nicht sehen.“
Danach vielleicht der Form halber eine Umfrage unter den Mietern:
„Rein wissenschaftlich betrachtet sind Obdachlose eine verschwindende Minderheit, in erster Näherung existieren sie gar nicht.“
„Aus künstlerischer Sicht ist die Beschäftigung mit dem Thema Armut hochinteressant, aber die Lagerung dieses Herrn von unserer Tür kann keinesfalls als Performance gewertet werden, dazu fehlt es an den berichtenden Medien.“
„Nach Durchsicht unserer Unterlagen müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Spezies „Obdachloser“ auf keiner Schutzliste zu finden ist. Aus umweltfachlicher Sicht bestehen deshalb keine Bedenken zur Umquartierung“.
War es so? Fast fürchte ich, ja.
Also trat eines grauen Morgens ein Trupp Handwerker an, lud die zuvor zurechtgeschnittenen Balken ab und machte sich ans Werk. Ob jener Bewohner dabei vor Ort war, weiß man nicht. Wenn ja: Im Umfeld gibt es genug Ministerien, deren Wachen sicher nichts gegen eine kleine Abwechslung hatten.
Die ganze Sache brauchte sicher kaum einen halben Vormittag, auf unsere Handwerkskunst sind wir Sachsen stolz. Und das Leben geht für (fast) alle ganz normal weiter.
Und nun haben wir also ein neues Kunstwerk in Dresden. Danke.
Es thematisiert die fehlende Barmherzigkeit der offiziellen Gesellschaft, das Verdrängen-Wollen von unangenehmen Zivilisationserscheinungen aus dem öffentlichen Raum. Mit einer schlichten, aber wirkungsvollen Symbolik – nicht mehr als vier Sandsteinbalken, die quer zu früher als Schlafplatz genutzten Bänken angebracht wurden – vermittelt uns der Künstler eine klare Botschaft: „Die“ sind hier nicht erwünscht.
Selten hat ein öffentlich finanziertes Werk eine solch präzise Aussage vorzuweisen. Gesellschaftskritik kommt hier in unauffälliger Form daher, niemand wird konfrontiert mit dem Thema, aber jeder ist eingeladen, darüber nachzudenken.
Man darf sich auf weitere Werke dieses begabten Künstlers freuen.
In Dresden sind wir alle weltberühmt
Es gibt sicher niemanden (von der Familie Wettin mal abgesehen), der über die Tatsache, dass es derzeit im Freistaat Sachsen keinen König gibt, trauriger ist als die Unterhaltungsredaktion des Mitteldeutschen Rundfunks. Dem amtierenden Freistaatsoberhaupt merkt man seine Abstammung von sorbischen Ackerbürgern leider dann doch an, der Glamourfaktor ist vernachlässigbar.
Schmerzlich bewusst wird uns dieses bei Gelegenheiten wie dem nach eigener Aussage bedeutendsten deutschen Ball (wie misst man das eigentlich?): dem SemperOpernball. Seit 2006 wird diese Festivität vom Verein „Semper OpernBall e.V.“ zelebriert, es ist also eine private Veranstaltung, was gern vergessen wird. Kopf des Vereins ist der in Dresden gut bekannte Hans-Joachim Frey, bis 2007 Operndirektor am Hause. Sein weiteres Wirken als Intendant am Theater Bremen war nicht von Glück begleitet, nach dem Versenken von 2,5 Mio. Euro nahm er dort 2010 den Hut.
Besser läuft da schon der Dresdner Opernball, hier ist man dankbar für jeden Hauch der großen weiten Welt, auch wenn man nicht immer ein glückliches Händchen mit seinen Stargästen hat. Jene werden durch die Verleihung eines absonderlichen Preises (seit 2010 „St. Georgs Orden“) angelockt, auf welchem der Hl. Georg zu Pferde sowie der Sinnspruch „Gegen den Strom“ (lateinisch, damit es nicht so peinlich ist) zu sehen sind. Den haben inzwischen so bekannte Gegen-den-Strom-Schwimmer wie Kurt Biedenkopf, Henry Maske, Roman Herzog und – das ist sicher bekannt – Wladimir der Demokratische erhalten, auch Michael Jackson, ja, kleiner hammer’s nicht. Jener konnte sich allerdings nicht mehr wehren, der Preis wurde ihm posthum hinterhergeworfen, eine seiner zahlreichen Schwestern vertrat ihn würdig.
„Herausragende Persönlichkeiten, die sich um Deutschland … und um Sachsen verdient gemacht haben“ werden ausgezeichnet. Interessanter Denksport, was wohl Roger Moore und Ornella Muti da zu bieten haben. Auch bei José Carreras fällt mir nicht gleich was ein, bei Putin ist die Sache allerdings klar: Schließlich hat er einige Jahre in Dresden für Ruhe und Ordnung gesorgt.
Noch eine Nörgelei gefällig? Genau zwei der fünfundzwanzig bisher Bedachten waren Frauen (und sind es vermutlich immer noch). Das erreicht bestes CSU-Niveau, und wenn das Verhältnis im Parkett ähnlich aussähe, müssten sich doch viele Männer bunte Tücher um den Arm binden und sich dann Mühe geben, nicht zu führen beim Walzer. Aber das tun sie ja meist ohnehin nicht.
Aber, wie schon gesagt: Es ist eine private Veranstaltung, es ist auch ein privater Preis, und seine Jodeldiplome kann jeder verleihen, an wen er möchte. Eigentlich.
Nun ist es aber so, dass dieser Ball durch die Anwesenheit des und durch die Eröffnung durch den sächsischen Ministerpräsidenten eine quasi-staatliche Bedeutung erhält. Auch schritten bereits eine Reihe von Bundespräsidenten den roten Teppich entlang, zuletzt Herr Wulff, und heuer ist „Berlin“ mit Peter Ramsauer vertreten, der bestimmt auch irgendwie zuständig ist und sein stählernes Lächeln mitgebracht hat.
Warum diese Vorrede? Weil es Dresden bzw. der Ballveranstalter wieder mal geschafft haben, mit dem Arsch ins Fettfass zu plumpsen. Selbst bis ins provinzielle Dresden sollte es sich herumgesprochen haben, dass jener Monsieur Depardieu, den man als Star- und Überraschungsgast gewonnen hat, derzeit eine kleinere steuerliche Auseinandersetzung mit seinem Geburtsland Frankreich hat und deswegen sozusagen fiskalisches Asyl bei einem vorherigen Preisträger beantragte. Dies ist mitnichten seine Privatsache, wenn ihm sogleich dieser Orden an den aufgedunsenen Leib geheftet wird. Und war da nicht eben noch was mit 50 Jahre Elysée-Vertrag? Gut, die Feiern sind vorbei, da wollen wir mal wieder Francois ein bisschen ärgern. Fingerspitzengefühl in Dresden und Berlin? Haben wir gar nicht nötig.
Ich hoffe sehr, dass jetzt M. Hollande Christian Wulff zum Ritter der Ehrenlegion ernennt, dann wären wir quitt.
Aber mit diesen abwegigen Gedanken werden sich die Gäste in und vor der Semperoper nicht plagen. Man muss anerkennen, dass das Management recht clever ist: Das Ding mit den Elefanten war nicht mehr zu kontrollieren, man weiß ja, wozu diese Tierschützer fähig sind, nöch? Das hätte hässliche Bilder gegeben, selbst der MDR hätte nicht drumrum filmen können. Also kurzfristig gecancelt, Respekt.
Wirtschaftlich brummt das Ding offenbar, die Karten scheinen alle weg zu sein, bei Preisen von 1.900 Euro bis runter zu 250 Euro (2. Klasse, Stehplatz) nicht unbedingt selbstverständlich. Wie viele werden die Karten wohl selbst bezahlt haben?
Man darf dabei durchaus fragen, ob es zu den Aufgaben des MP gehört, private Feiern zu eröffnen. Und selbst wenn – was ich in diesem Fall noch nachvollziehen kann – wäre der Preis für die Eintrittskarten für ihn und Frau Gemahlin doch als geldwerter Vorteil zu versteuern, wenn den der Freistaat bezahlt hat? Oder gab es gar keine Rechnung? Dann wär es Vorteilsnahme. Auweia, wenn das jemand liest …
Bei Herrn Bundesminister kann mir niemand glaubhaft machen, dass er „Verkehr, Bau und Stadtentwicklung“ an diesem Abend wesentlich voranbringt. Aber vielleicht hat ihn Frau Merkel geschickt, um oben genannten Fauxpas auch bundesamtlich zu beglaubigen. Dann wäre er aus Gründen der Staatsräson da.
Die übrigen Gäste sind klug ausgewählt. Herr Ballack kann seinen Werbe-Marktwert etwas aufpolieren, was sicher nur noch im Osten funktioniert, Herr Winterkorn lässt sich feiern, dass er in Sachsen weiter Autos bauen lässt und das Piech-Denkmal am Großen Garten nicht schleift, M. Juncker holt sich seinen ihm zustehenden Orden und dankt schon im Voraus auf der Website artig, wenn auch inhaltlich etwas schräg. Und Lauterbach lässt sich von seinem Zwilling im Geiste namens Ochsenknecht lobhudeln, im nächsten Jahr erleben wir das Traumpaar des schlechten Geschmacks vielleicht andersrum.
Zu Gerard Depardieu fällt mir noch ein, dass es in den Technischen Sammlungen am 4. und 5. April „Die letzte Metro“ gibt, ein Meisterwerk von Truffaut mit Catherine Deneuve und ebenjenem Spätverblödeten.
Prinzipiell, liebe Leser, hab ich nichts gegen sowas wie Opernbälle. Es soll doch jeder nach seiner Facon selig werden. Solange die freistaatliche Semperoper nicht auf den Kosten sitzenbleibt und den Einnahmeausfall (immerhin blockiert der Ball vier Tage lang das Haus) ersetzt bekommt, sollnse doch machen. Die Polizei tritt leider wie sonst auch kostenlos an, wenn auch nicht umsonst. Und die DVB wird ja wohl die Umleitungsaufwendungen in Rechnung stellen.
Auch die wirtschaftlichen Aspekte sind sicher nicht zu unterschätzen, grade im hochpreisigen Segment. Und die Arbeitsplätze in diesen Tagen. Und der Imagefaktor … Jaja.
Aber man kann sich ja trotzdem drüber lustig machen.
Zum Beispiel über die Bedeutungshuberei der Medien. Bei den bunten Blättern kann man das verstehen, das ist ja ihr Kerngeschäft, aber das vermeintlich rationale Zeitungen an der Spitze der Bewegung stehen, ist schon seltsam. Die SächsZ hat einen Twitterkanal geschalten und berichtet alles, was ihr so auf- und einfällt. Frau Derek ist ohne Mann da! Ich überlege kurz, doch noch hinzufahren. Und entscheide mich positiv. Mal sehen, was da so für Leute sind.
Es nieselt, manchmal schüttet es auch.
Die üblichen Verdächtigen schlurfen durch ein schmales Spalier von Schaulustigen und durchs Foyer, sicher steckt eine ausgeklügelte Logistik dahinter, die Hackordnung zu beachten und jedem Sternchen genug Aufmerksamkeitszeit zu schenken.
Zwar bin ich nicht im Besitz eines Fernsehgerätes, könnte mir also später nicht mal in einem Maso-Anfall den Rest der vierstündigen Hofberichterstattung des MDR ansehen. Aber ich erlebe die erste Stunde live mit und kann mir gut vorstellen, was noch kommt.
Witzig ist das, was auf dem Theaterplatz stattfindet. „SemperOpenairball“, auf so einen Namen muss man erstmal kommen.
Man kann dort: Sich langsam einregnen lassen, am Public Viewing vom Ballsaal teilnehmen, Bratwurst essen, den Jubelperser geben, mitgebrachten oder überteuerten Alkohol verzehren, die Aufstellung eines Weltrekords „wagen“ (nämlich dem Auf-glattem-Pflaster-so-tun-als-ob-man-Walzer-tanzt in einer noch nienienie dagewesenen ganz großen Gruppe), oder – Höhepunkt! – mit Gotthilf Fischer-Dübel und Roberto „Blacky“ Blanco ein Lied einüben! Es handelt sich dabei um das bekannte deutsche Volkslied „Moskau, Moskau“, womit wir erstens wieder bei Putin wären und zweitens endlich den Grund in diesem Meer von Schwachsinn erreicht haben, was mit dem neuen Text des Siegelschen Gassenhauers auch bewiesen wird.
Die genannten Herren zu kritisieren, gehört sich nicht. Schlimm genug, wenn man in diesem Alter noch arbeiten muss, zumal man sich sichtlich mit gerontotypischen Krankheiten rumschlägt. Ich bedecke diese Kadaver des Niveaus mit einem großen Tuch voller Barmherzigkeit und Milde.
Zwei euphorisierte Moderatoren auf der Bühne vor der Oper mühen sich nach Kräften, das doch ziemlich zahlreich erschienene Volk bei Laune zu halten, damit es seiner Hauptaufgabe nachkommen kann: Den Promis zuzujubeln. So wird auch ein schlichter Ballbeginn zu einem Ereignis, dass der Jahrtausendwende in nichts nachsteht.
So wie es Berufsbetroffene gibt, gibt es auch Berufsprominente. Einer, der dazu auf bestem Wege ist, wird vor das Mikrofon gezerrt. Michael Ballack ist solo da, Sensation! Und er will gar nicht tanzen! Das geht ja wohl gar nicht. „Ok, notfalls tanz ich mit meiner Mam“, hoffentlich hat das die Dame nicht gehört.
Flanierkarteninhaberinnen, aufgepasst. Hier geht was …
Wolfgang Stumph hat Geburtstag, na so ein Glück. Auch er darf sein Gesicht ins Fernsehen halten.
Auftritt Herr Tillich nebst Gattin. Völlig überraschend fällt die Reporterin über ihn her und fragt das Übliche. Nein, Herr Tillich, es gibt Sprechblasen, die nicht überall passen. „Mit der Unterstützung der Menschen hier draußen“ lässt sich ein Eröffnungswalzer nicht überstehen. Aber es wird schon gehn, ist ja nicht das erste Mal.
Ebenjene Menschen hier draußen sind äußerst gutwillig, machen brav alles, was die Moderatoren verlangen. Ihr da drin, wir hier draußen, das geht schon in Ordnung. Ein bisschen was vom Glanze fällt sicher ab.
Selbst das sturzdumme Liedchen wird mitgebrüllt und bejubelt, wenn es schon nichts mit dem Massenwalzerrekord werden sollte, zumindest den bei Peinlichkeit pro Quadratmeter haben wir erreicht.
Dann endlich ist es Neune. Emmer-wieder-Emmerlich eröffnet, das ist sein Parkett, hier ist er souverän. Das Girlie an seiner Seite kenn ich nicht, aber ein schönes Kleid hat sie an.
Einmarsch der Ehrengäste. Ballack zusammen mit Juncker, vielleicht geht ja auch da was. Frau Ferres und Herr Maschmeyer, ich überlege kurz, wie vielen hier draußen er wohl die Ersparnisse geleichtert hat. Waldi Hartmann, keine Feier ohne Meier, am Arm einen Ochsenknecht. Lauterbach gelackt wie immer, Bo Derek sieht von weitem noch recht frisch aus. Zum Schluss das Letzte: Ein früherer Sympathieträger namens Depardieu. Mon Dieu.
Dann gibt es ein bisschen Zirkus, wie vermeldet ohne Elefanten, was natürlich keiner erwähnt beim MDR.
Und nu? Eigentlich wollte ich bis halb Elf bleiben, wenn das Frischfleisch in den Saal gelassen wird. Aber was mach ich bis dahin? Die Laudatoren kann ich mir unmöglich anhören, ich würde auf dem Theaterplatz zur geistigen Revolution aufrufen müssen, was natürlich keiner befolgen würde bzw. könnte. Also kurzentschlossen Abmarsch. Feiert euren Ball doch alleene, ich hab genug gesehn.
Das Fazit:
Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber nehmt Euch bitte nicht so wichtig.
Vielleicht schlachte ich ja doch mein Sparschwein und kauf mir im nächsten Jahr auch einen Logenplatz. In meinem Bekanntenkreis gibt es genug Damen, denen Kleider sehr gut stehen und die auf diese Festivität abfahren. Dann kann ich beim DressurTanzen der DebütantInnen zusehen (bestimmt lecker) und komm ins Fernsehen. Vielleicht kann ich auch einer anderen Dame weismachen, ein C-Promi zu sein, gibt ja genug Fernsehsender, die kann man unmöglich alle gucken.
Dann würde ich mir aber wünschen, dass diesmal der große Rainer Brüderle, unser Handtaschen-Berlusconi in der Pfälzer-Leberwurst-Edition, einen Preis bekommt. Verdient hätte er den mit Sicherheit.
Drüben (ich bin wieder auf der anderen Elbseite angelangt) ist das Festival der Irrelevanz nun in vollem Gange. Ich kann mir vorstellen, so nach Zwei kann es ganz nett dort sein. Naja, hier ist es auch schön.
Die fünf Anomalien des Autofahrers
In meinen gut vier Jahrzehnten als Verkehrsteilnehmer ist mir ein Sachverhalt immer wieder bewusst geworden, den ich anfangs nur ahnte, letztlich mit langjähriger Feldforschung und einigen Selbstversuchen vorgestern endlich endgültig verifizieren konnte:
Der Autofahrer unterscheidet sich vom normalen Menschen durch einige Anomalien, genauer gesagt durch Stücker fünf an der Zahl. Diese sollen im Folgenden kurz skizziert werden.
A1 (um hier einen Fachterminus zu verwenden):
Bewusstseinsübergang vom Fahrer zum Fahrzeug
Im Ergebnis kann der Fahrer die Körperlichkeiten beider Ob- bzw. Subjekte nicht mehr sauber trennen, es kommt dann zu dem schönen Satz „Ich steh dahinten“. Von anderen Transportmitteln ist dies bisher nicht bekannt, weder bei Kreuzfahrtschiffen, Bollerwagen, Fahrrädern oder Pferden liegen entsprechende Augenzeugenberichte vor. Ob der Bewusstseinsübergang auch bei LKW und Motorrädern stattfindet, ist in der Fachwelt noch umstritten.
A2:
Übertragung der Hygieneregeln vom Fahrer auf das Fahrzeug
Diese eng mit A1 verwandte Anomalie führt dazu, dass der Fahrer seine eigenen Körperpflegerituale auch an seinem Fahrzeug ausführt. Gern wird dies im traditionellen Fahrzeugpflegergewand vollzogen, das aus einem ehemals weißen Feinrippunterhemd, einer zerschlissenen Jogginghose in Schockfarben (wichtig sind dabei die großen Beulen an den Knien) und strassentauglichen Pantoffeln besteht. Profis tragen dazu noch ein Käppi mit der im Besitz befindlichen Automarke, um nicht versehentlich den falschen Wagen zu putzen.
Es sind auch Fälle einer vollständigen, also restlosen Übertragung des eigenen Reinigungsbedürfnisses auf das Fahrzeug bekannt, bzw. es wurden solche ruchbar.
A3:
Persönlichkeitsspaltung am Steuer
Die letzte der intrarelationalen Anomalien beschreibt die Verwandlung eines an sich friedfertigen Menschens in einen überreizten Fluchkanonier, der seine Umwelt generell als feindlich betrachtet, sobald er ein Lenkrad umfasst. Hier steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang, eine Arbeitshypothese geht von einem doppelt asymptotischen Zusammenhang zwischen dem Verhalten außerhalb und innerhalb des Fahrzeugs aus, d.h., beide Alltagsextreme (lammfromm und bösartig) zeigen signifikant negative Verhaltensweisen im Verkehr, alle anderen sind irgendwie beherrschbar.
Über die Ursachen dieses Phänomens ist erst recht nichts bekannt, auch kennt man bislang kein Gegenmittel.
B1:
Krankhaft verändertes Rechtsempfinden
Hier handelt es sich um eine Anomalie in Bezug auf die (natürlich feindliche) Umwelt. Sie tritt oftmals in Verbindung mit A3 auf und führt beim Fahrer zum Grundgefühl, generell im Recht zu sein. Gern wird dies auch mit „eingebauter Vorfahrt“ beschrieben, vor allem bei Fahrzeugen mit höherem Kraftstoffverbrauch. Der davon Befallene nimmt Verkehrszeichen und Ampeln nur dann wahr, wenn sie ihn in Vorteil setzen.
Sollte sich das Problem nicht kurzfristig von selbst erledigen, erzielt man gute Therapieerfolge mit der Verschreibung von Kleinwagen oder bei schweren Fällen mit der Versetzung in den einstweiligen Fußgängerstatus.
B2:
Selektive Wahrnehmung von Verkehrsteilnehmern
Diese Anomalie ist inzwischen so weit verbreitet, dass die Fachwelt sich streitet, ob sie überhaupt noch als solche bezeichnet werden kann.
Sie bezeichnet das Vermögen von Autofahrern, durch nichtmotorisierte Strassenpartner einfach hindurchzusehen. Gut beobachten lässt sich dies an Einmündungen unterrangiger Strassen (wer nicht gesehen wird, kann auch kein Vorrecht haben) oder beim beliebten Parken vor abgesenkten Bordsteinen. Da ersteres inzwischen zum guten Ton gehört, verzichten viele Fußgänger und Radfahrer inzwischen auf die Ausübung ihres Vorrangs und tragen damit dazu bei, diese Anomalie in eine gesellschaftlich anerkannte Verhaltensweise zu überführen.
Das Vorstehende kann natürlich nur der allererste Einstieg in eine breit angelegte, interdisziplinäre Forschung sein. Neben der notwendigen weiteren Befassung mit den Grundlagen (eventuell sind sogar weitere Anomalien zu entdecken) gibt es zahlreiche Einzelfragen, die einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedürfen. Exemplarisch seien genannt:
- Aus welchem Missverständnis speist sich das oftmals angenommene Menschenrecht auf kostenloses Parken vor der eigenen Haustür?
- Warum kauft jemand Pseudo-Geländewagen, wenn er doch maximal Bordsteine überfährt?
- Was führt zur generellen Ignorierung von Geschwindigkeitsvorgaben bei ansonsten kreuzbraven Bürgern?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Selbstbewusstsein des Fahrzeughalters (oder ggf. von körperlichen Ausprägungen) und der Leistungsstärke seines Fahrzeugs?
- usw.
Also ein weites, dankbares Feld, ihr jungen Forscher und -innen. Frischauf ans Werk, oder auch: Vollgas! Die Welt wird es euch einmal danken.
Kunst am öffentlichen Verkehr – legitimes Recht oder illegale Inbesitznahme?
Einige subjektive Betrachtungen, inspiriert von einem mailwechsel
Alles begann mit einem Hinweis auf der Plattform cynal.de:
Conceptual Vandalism
03.12.2012 14:57
“ Eine ganz kriminelle Ausstellung“
Mitte der 1980er schwappte das US-amerikanische Phänomen U-Bahn Wagen zu besprühen nach Europa über. Da es in wenigen Städten großflächige Metrosystem gab, konzentrierte man sich auf andere Nahverkehrsmittel . S-Bahnen und Regionalzüge schienen das perfekte Pendant zu sein, um die amerikanischen Vorbilder zu imitieren. Die Writing Ideologie “Schreibe deinen Namen so oft wie nur möglich auf Züge” wurde dabei übernommen.
Seit 2000 sind neue Tendenzen zu entdecken. Das simple Namedropping wurde einer Gruppe Sprüher zu langweilig. Sie entwickelten neue Strategien auf Zügen zu malen. Bis 2009 war es eine kleine Gruppe an Zugkünstlern, die sich vom klassischen Writing auf Zügen getrennt haben. Seitdem scheinen, durch den Einfluss des Internets, immer mehr Writer das “Züge Verkunsten” als ernsthafte Strategie zu begreifen.
Conceptual Vandalism fasst eine Gruppe Zugmaler zusammen die bereits vor 2009 im non-writing Kontext konzeptuell auf Zügen arbeiteten.
Werke der Ausstellung
Die Originalkunstwerke werden in Deutschland immer binnen kürzester Zeit zerstört. Die Fotografie ist das am weitesten verbreitete Medium zur Dokumentation der Werke.
Deshalb zeigt die Ausstellung vor allem dokumentarische Fotografie. Ergänzt wird der Inhalt durch Skizzen, Objekte, Videos und Internetinhalte.
Künstler
An der Ausstellung beteiligen sich Künstler, die nicht öffentlich in Erscheinung treten. Die Künstler agieren ausschließlich im Untergrund. Zugmalerei ist bis heute illegal und wird strafrechtlich verfolgt.
Kurator: Jens Besser
Der Verfasser fühlte sich berufen, seine Meinung als Kommentar dazuzugeben:
„Züge verkunsten“, so kann man das auch nennen.
Unabhängig vom künstlerischen Wert der Hervorbringungen und von der Diskussion, ob man ohne weiteres anderer Leute / Firmen Eigentum als Grundfläche für seine Arbeiten nehmen sollte: Ich schau gerne aus dem Fenster in der S-Bahn. In der Straßenbahn ist das ja inzwischen meist durch Werbung verklebt.
Was ich wirklich schick fände, wär mal eine farbenfrohe Aufhellung der inzwischen unzähligen Stadtgeländewagen, aber privates Eigentum scheint höher zu stehen als quasi-öffentliches. Schade.“
Der Kurator Jens Besser antwortete prompt und ausführlich. Es entspann sich eine Diskussion per mail, die kurzzeitig und teilweise auf dem blog teichelmauke.me dokumentiert wurde, dort aber wegen einiger Missverständnisse nicht mehr zu finden ist.
Davon angeregt, entstand aber der folgende Text, der nicht den Anspruch haben soll, ein „Urteil“ zu fällen, aber dank der vorausgegangenen Debatte etwas gelassener mit dem Thema umgeht.
Zunächst einmal ist festzustellen, dass wir alle in (rechtlich) sehr geregelten Verhältnissen leben. Für jeden Lebensbereich gibt es unzählige Gesetze, Richtlinien und Vorschriften, und wenn doch mal eine Lücke auftaucht, hilft meist das Bürgerliche Gesetzbuch.
In diesem nimmt das Eigentum einen prominenten Platz ein. Auch durch die Verfassung ist es geschützt, obgleich dort auch die Wendung „Eigentum verpflichtet“ zu finden ist.
Wenn also jemand (A) hergeht, das Eigentum eines anderen (B) mit was auch immer zu versehen, ohne dass ihm dessen Einwilligung vorliegt, ist dies in unserer Gesellschaft Unrecht, und B kann erwarten, dass deren Vollzugsorgane gegen A aktiv werden, um B zu seinem Recht zu verhelfen. So weit, so theoretisch.
Schwieriger scheint die (mentale) Lage zu sein, wenn es sich bei B um ein Unternehmen im Besitz des Staates (also von uns allen) handelt und bei A um einen ambitionierten Künstler, der seinen Werken damit öffentliche Aufmerksamkeit bescheren will, auch, um Nachdenken zu provozieren und für Aufklärung zu sorgen (oder zumindest das, was er dafür hält). A beruft sich dabei auf die Kunstfreiheit und die positiven Reaktionen, die er gelegentlich erfährt.
„Juristisch“ ändert das natürlich nichts, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich will ein wenig über die etwaige moralische Rechtfertigung oder mögliche Alternativen nachdenken.
Einen „Notstand“ zu definieren, bei welchem die Gesetze nicht mehr gelten, dürfte selbst dem glühendsten Verfechter dieser Kunstform schwer fallen. Unzweifelhaft ist Kunst dringend notwendig, aber aus der Verhinderung einer sehr kleinen Sparte davon erwächst noch kein Recht zum Regelbruch.
Auch die Krokodilstränen, die wegen der gewöhnlich schnellen Zerstörung dieser Schöpfungen vergossen werden, können mich nicht rühren. Jeder Sprüher weiß das vorher, und jedes infrage kommende Werk mit dem Titel „Kunst“ zu schmücken und ihm damit den Status einer heiligen Kuh zu verschaffen, scheitert an der fehlenden Ausstattung der Fahrzeugwerkstätten mit künstlerischem Fachpersonal.
Hier sei auch auf „Nipple Jesus“ verwiesen, ein Stück von Nick Hornby, das derzeit am Schauspielhaus läuft. Hier ist die Zerstörung (und deren Dokumentation) eines Bildes das eigentliche Kunstwerk, was sich aber sicher nicht 1:1 übertragen lässt.
Berechtigterweise kann man nun einwenden, dass „legal“ diese Kunst so gut wie unmöglich sei, da Unternehmen wie B im Allgemeinen nicht von Leuten geleitet werden, die für ihre Kunstsinnigkeit bekannt sind. Aber auch das reicht als Argument bei weitem nicht aus, die von B meist so genannte „Sachbeschädigung“ zu vollziehen.
Interessanter ist aber die Frage nach einem „öffentlichen Interesse“. Ist es für die Gesellschaft wichtig, solche Kunstformen zu fördern, auch wenn diese sich bisher meist illegaler Methoden bedienen? Hier fällt mir ein „Ja“ nicht schwer, auch wenn die Meinungen über den Grad des Interesses der Öffentlichkeit zwischen Jens Besser und mir deutlich auseinandergehen.
Nur, wie? Natürlich gibt es auch hier Behörden und Institutionen, die sich dafür zuständig fühlen müssten, wir haben ja sogar auch seit mehr als zehn Jahren einen Bundeskultur- äh, Beauftragten. Nur ist es sicher illusorisch zu glauben, dass beispielsweise das Dresdner Kulturamt die Sprayflaschen kaufen würde, mit denen dann nachts die S-Bahn verkunstet wird.
Die Lösung kann ja nur sein, dass diese Institutionen behilflich sind, diese Kunstform in die Legalität zu überführen, indem sie vermitteln, fördern und organisieren. Dass dies ein dickes Brett ist, was zu bohren wäre, weiß ich selbst.
(Ich habe allerdings den leisen Verdacht, ohne ihn mangels Szenekenntnis belegen zu können, dass für einige Akteure dann der Reiz des Nervenkitzels entfiele und sie ihre gewohnte Arbeitsweise fortsetzen würden. Aber das ist nur eine Behauptung.)
Dies hätte übrigens einen weiteren Vorteil: Die Arbeiten würden zuvor kuratiert werden. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, muss man sich ja doch oft viel Schrott ansehen, auch handwerklich betrachtet (ok, das ist subjektiv).
Das ist nämlich meiner Meinung nach neben der Unrechtmäßigkeit der zweite große Mangel an der aktuellen Situation: Jeder, der sich traut und eine Sprühflache halten kann, verschafft sich ein Podium, egal, ob er eine anspruchslose Sammlung von Tags produziert oder ein ambitioniertes Bild. Ich hatte mich im mailwechsel mit dem Kurator auch schon über die Arroganz jener ereifert, denen das Zuglayout zu langweilig sei und die es deshalb nach eigenem Duktus aufhübschen wollten.
Nicht, dass ich glaube, das oben Geschilderte wäre illusorisch. „Irgendwann“ kann ein solcher Zustand eintreten, Jens Besser erwähnte auch einige entsprechende Aktivitäten. Der Zeitraum bis dahin dürfte allerdings ein großer sein. Also was tun, bis es soweit ist?
Meiner Meinung nach gibt es keine dringende Notwendigkeit, auf Fahrzeuge zu sprühen (die Experten werden vielleicht widersprechen). Die Werke wirken ebenso auf bewegungslosen Flächen, auch wenn sie dort vielleicht nicht dieselbe Reichweite erzielen. Und es gibt überall genug Ruinen, denen eine Gestaltung gut täte (auch dies ist an sich nicht rechtmäßig, aber deutlich unproblematischer).
Nur wird diese meine Meinung die Protagonisten der Szene nicht sonderlich interessieren, es wird also weitergehen mit dem Sprayen, wobei zu hoffen ist, dass parallel eine „legale Szene“ heranwächst, die sich dann – auch dank der zu erwartenden qualitativen Überlegenheit – irgendwann durchsetzen wird.
Dass diese sich dann natürlich aus dem vormals illegalen Agieren herleitet und dort ihre Wurzeln hat, ist unbestritten. Und im Umkehrschluss würde sich daraus auch eine gewisse Legitimation der wilden Sprayerei ergeben, originellerweise aber eben erst in dem Moment, wo genug gesellschaftliche Akzeptanz vorhanden ist. Ich denke, dass es da viele Parallelen zu anderen Entwicklungen gibt, nur leider meist mit dem Unterschied, dass sich die Vorreiter nicht illegaler Methoden bedienten resp. bedienen mussten.
Abschließend: Beim Mailwechsel mit Jens Besser habe ich auf diesem Felde vieles dazugelernt, ich sehe jetzt einiges differenzierter. Zum Konsens sind wir aber nicht gelangt, wie auch.
Ein Zitat von ihm: „Sprüher sehen ihre Werke eben als Kunst und nicht als Vandalismus.“ Ja, gern, aber auch die Kunst heiligt nicht alle Mittel.
Ich wünsche mir sehr, dass es mehr Kunst im öffentlichen Raum gibt, auch auf Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs. Ich denke aber, dass das noch ein langer Weg ist, und ich glaube nicht, dass das eigenmächtige Besprühen von Zügen uns da wesentlich voranbringt. Es verhärtet eher die Fronten. Hier ist Vermittlung gefragt, und vielleicht auch mal eine Art Waffenstillstand.
Rundum Wohlfühlen bei facebook: Bloß nichts Negatives! Bloß keinen verärgern!
I like it, ein Dutzend Male am Tag …
Jedes “Like” ein neues Zeichen an die Welt: Ja, ich bin noch da, spiel noch mit, habe eine (positive) Meinung. Ich „leike“ (im Folgenden bleibe ich bei dieser Variante), also bin ich, bin existent und wahrnehmbar.
Außerdem gibt es eine Erwartungshaltung. Bei manchen meiner facebook-Kumpel (über das Wort „Freund“ ist schon genug gelästert worden) habe ich den Eindruck, sie sind beleidigt, wenn ich auf einen ihrer Beiträge mal nicht systemkonform reagiere. Führen die Abhak-Listen? Oder gibt es inzwischen ein Tool bei facebook (gegen Zuzahlung natürlich), das das Abhaken übernimmt und Statusberichte sendet? „Teichelmauke hat drei deiner Posts gelesen, aber noch nicht geleikt“? Da hab ich wohl was verpasst.
Ich gebe zu, dass mir manchmal auch Sachen gefielen, die ich dann nicht geleikt habe. Vielleicht, weil ich den Autor generell nicht so leiken kann, vielleicht auch aus Neid, dass das nicht mir eingefallen war. Manchmal hab ich es auch schlicht vergessen.
Ja, auch den umgekehrten Fall hat es gegeben, meist weil ich der Autorin eine gewisse Leikheit entgegenbrachte, die sich eher weniger auf ihre belletristische Originalität bezog. So ein Leikchen in Ehren kann niemand verwehren …
Ob es je etwas nutzte, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch hier gibt es kein ceteris paribus.
Lustig find ich jene Seiten, die mit dem Erreichen einer bestimmten Anzahl von Leiks eine Aussage verbinden, die dann zur Botschaft wird. Tausend Leiker können nicht irren? Oh doch.
Aber zumindest schaden solche Aktionen nicht und tragen auch nur ganz geringfügig zur Klimaerwärmung bei.
Leik und Leid liegen manchmal dicht beieinander. Was uns nachts noch leiklich schien, verursacht am Morgen danach dann doch Schmerzen. Da hilft nur, rückgängig machen und hoffen, dass es noch keiner gesehen hat.
Das Leik als Waffe des kleinen Users? Neinnein, dafür sein ist eher langweilig, das hatten wir früher in der Dadaer zur Genüge. Und der Umweg über das Leiken eines kritisches Postings auf der Seite der, sagen wir mal Kreissparkasse Pirna-Sebnitz scheitert meist an den Administratorrechten selbiger.
Wenn doch mal einer „Hau den Lukas“ schreibt und tausend Tapfere mitleiken, wird vielleicht der BND aktiv (falls es da Internet gibt), aber Minister Lukas hat das nicht mal in der Presseschau. Ein lauer Furz in einer Sommernacht …
Dies führt aber zur entscheidenden Frage: Warum gibt es eigentlich kein „Dislike“?
Weil das nicht dem Geschäftsmodell von facebook entspricht. Konfrontation ist zwar kurzzeitig unterhaltsam, vor allem für die Mitlesenden, führt dann aber doch zu negativen Gefühlen, kein gutes Umfeld für eine Werbebotschaft. Das muss man mit einem Button nicht noch erleichtern, die kritischen Texte werden ja zum Glück meist nur überflogen und schnell erlahmt auch die Aufmerksamkeit. Katzenbilder und Allerwelts-Sinnsprüche sind da gefälliger, irgendeiner leikt immer und schnell ist ein Dutzend beisammen fürs gute Gefühl.
Wat lernt uns dat? Nichts Wesentliches. Ich werde hier nicht zum Leikboykott aufrufen, ich kenne meine Grenzen. Es ist was es ist, sagt nicht nur die Liebe.
Und wir haben wahrlich andere Sorgen.
In diesem Sinne: Leik mei feier.
Wer stehen bleibt ist raus
„Das normale Leben oder Körper und Kampfplatz“, deutsche Uraufführung von Christian Lollike, gesehen am 01.10.12 unter der Regie von Hauke Meyer am Staatsschauspiel Dresden
In einem sich thematisch ungefähr zwischen „Die Firma dankt“ und „Vater Mutter Geisterbahn“ verortenden Stück wird in einer temporeichen Inszenierung die aktuelle Gretchenfrage gestellt: Wie und womit bestehst Du in der modernen Welt?
Eine Bühne ganz in Weiß, eine Schrankwand voller Schubkästen, eine weiße Couch als Gefängnis. Es wirkt klinisch, oder besser wie in einem Labor. Die Versuchsanordnung besteht aus A, B und C, ihr Aktionsfeld ist die moderne Welt.
Gleich am Anfang seien die Darsteller bedacht: Von Annika Schilling, Philipp Lux und dem Noch-Studenten Jonas Friedrich Leonhardi mag ich niemanden hervorheben. Alle spielten präzise und glaubhaft, ohne sich über den Text zu stellen. Eine seriöse Leistung, wie hier am Hause gewohnt.
Die Handlung:
Sie (A) fühlt sich verfolgt. Er (C) meint, das wäre die innere Stasi, ein Organ, da zu einem gehört und doch wieder nicht, weil es einen kontrolliert und steuert. Noch ein Er (B) ist skeptisch.
So fängt das Stück in etwa viermal an. Immer wieder verlaufen sich die Akteure in den Tiefen des Alltags, „wollten wir nicht eine ganz normale Geschichte erzählen, eine Huldigung an die Lebenslust?“, immer wieder Neuanfang.
Die moderne Religion Fitness, der Zwang zum schlank und gesund aussehen. Der Konkurrenzdruck im Büro, der mit nach Hause genommen wird. Die Angst, die überall lauert. Das alles wird plausibel vorgeführt, ebenso wie die Abneigung gegen fette Menschen, die jener gegen Fremde gleicht und auf einen natürlichen Instinkt zurückzuführen sein soll, das Fette, Fremde als Bedrohung.
Man möchte so gern tolerant sein, aber man ist neidisch auf den Zusammenhalt der Kanaker. Weil man nicht so sein kann, sollen die auch nicht so sein. „Kapitalismus“ als Wort ist verpönt, erinnert zu sehr an schuldbewusste Fürsorgehumanisten (ich persönlich würde eher Peace-Brezeln sagen). Aber immerhin ist man sich bewusst, dass man statt Mensch nur ein Konsumentenprofil ist, was zwischen Shops pendelt.
Im Heimischen ist es nicht besser. Erziehungsmodelle prallen aufeinander, und wenn es dann mal drauf ankommt, muss Mutti arbeiten. Genialer Satz: „Natürlich sollst du am Wochenende nicht arbeiten, du sollst mit deinen Kindern zusammen sein, es sei denn, du bist im Rückstand.“ Im Rückstand ist man schnell. Erster Zusammenbruch.
In ihrer Vorstellung fliehen sie auf eine einsame Insel, aber in der Realität der anderen werden sie gefunden, GPS machts möglich. Man kann jetzt TV-schön werden, aber irgendeiner hat meine Identität gestohlen und läuft jetzt damit rum und spielt mich. Echt blöd.
Man ist die wandelnde Leere, ein Loch, zu nichts nutze, ohne Orientierung. Und man ist doch schon 39 … Da werden einige im Saal genickt haben. Und in anderen Sälen sicher auch.
Dann das schöne Bild, dass man dem Zug hinterher rennt, der aber viel zu schnell fährt, als das man ihn erreichen könnte. Abends ist einem klar, dass das Schwachsinn ist, aber da ist man betrunken, und morgen geht das Rattenrennen weiter. Wer still steht ist raus.
Wir haben Google Maps, doch wir wissen nicht wonach wir suchen sollen. Aber dank der neuen Bekenntniskultur können wir das immerhin allen mitteilen. Früher behielt man so einen Scheiß für sich bis man platzte.
Das private Leben geht natürlich auch in die Brüche, überreizt wie man ist, ist man auf dem Kampfplatz Familie verloren. „Willst du mich verlassen? – Du hast mich doch schon lange verlassen.“ Eine Light-Zigarette in der Penthouse-Küche als Rebellion, dann sogar noch eine. That’s Rock’n’Roll.
Die einzige Fluchtmöglichkeit scheint, mit dem Existieren aufzuhören. Wenn selbst der Partner ein IM der inneren Stasi ist … Du hast die Möglichkeit, auf normale Weise individuell zu sein, aber bitte nicht umgekehrt. Man kann jetzt seinen Partner lokalisieren, das ist das Ende vom Ende. Zweiter Zusammenbruch.
Sie ist für niemanden mehr genug da. Das Hamsterrad dreht immer schneller. Wahnvorstellungen. Klinik. Mann weg. Kinder weg. Draußen.
Der Kreis schließt sich am Ende. A begegnet sich selbst, die eine joggt gegen die (Lebens-) Uhr, die andere sitzt verfettet auf der Parkbank und frisst den bösen Kuchen. Die eine verachtet die andere, die eine ist der anderen egal. Wer ist wohl glücklicher?
Ende.
Soweit die Nacherzählung. Ein berührendes Thema, in meist plausible Bilder gesetzt, sowohl sprachlich als auch seitens der Bühne. Ein Verwandtschaft zu Hübners „Die Firma dankt“ ist unverkennbar, ebenso zu Heckmanns „Vater Mutter Geisterbahn“. Letzteres beschaut das private, ersteres das berufliche Leben, Lollike bringt beides übereinander. Fast könnte man die Stücke als Trilogie begreifen.
Ob die abgeleiteten Thesen alle so zutreffen oder hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, mag jeder für sich entscheiden. Ich frag mich schon manchmal, was denn das Besondere an der „heutigen“ Arbeitswelt ist, die diese so böse und verschleißend macht. Ich denke, der Hauer im Schacht „Gute Hoffnung“ um die vorletzte Jahrhundertwende oder noch früher die Fabrikarbeiterin in Manchester hätten gerne unsere Probleme gehabt. Und auch heute braucht man nur mal den Erdteil wechseln, um wirkliche Probleme vor sich zu haben.
Ok, das ist ein Totschlagargument, ich will psychischen Druck nicht verharmlosen und von Karoshi hab ich auch schon gehört. Diese Themen sollen nicht relativiert werden, manchmal ist mir aber sehr viel Nabelschau und Befindlichkeitskult dabei.
Ein – natürlich völlig unpassendes – Argument habe ich neulich im Netz gelesen: Ein renommierter Psychologe antwortete auf die Frage, ob die mit den modernen Kommunikationsmitteln gegebene ständige Erreichbarkeit die Menschen nicht in fürchterlichen Stress versetzen würde, sinngemäß so, dass die (deutschen) Menschen im Dreißigjährigen Krieg für die Schweden physisch ständig erreichbar gewesen seien, das sei viel größerer Stress gewesen.
Deutlicher kann man das kaum ausdrücken.
Also, bei aller Empathie: Ja, auch die Entfremdung und Vereinzelung der Menschen im heutigen Leben ist ein Problem in der Welt, nicht das einzige oder das größte, aber immerhin eines, das eine Menge von Menschen in der „Ersten Welt“ betrifft und worüber nachzudenken lohnt, gerne auch in der Form eines Theaterstücks. Und wenn das Thema so angepackt wird wie von Lollike, kann das eine Bereicherung für alle sein, die damit zu tun haben. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Der Totmannknopf im modernen Theater
Sechs ältere Herren und die Bühne*
MDR Figaro – Café „Was heißt Theater heute?“ am 16.09.12 im Schauspielhaus Dresden
*Gut, man soll nicht mit Zitaten werfen, wenn man im Altglashaus sitzt, aber das wird man wohl noch sagen dürfen?!
Schweres Parfum liegt über dem Foyer, das Dresdner Bildungsbürgertum aus Loschwitz und Umgebung ist vollzählig angetreten. Der MDR huldigt dem Staatsschauspiel Dresden zum 100. mit einem Figaro-Radiocafé, das verpasst man nicht.
Zielgruppengerecht wird die ZEIT angeboten, auch ich lasse mich becircen, der 111 Fragen gedenkend, die im dieswöchigen Magazin drin stehen. Da gibt es bestimmt auch hübsche Bilder zu.
Schamhaft gebe ich die bunte Tüte aber an der Garderobe an, muss ja nicht gleich jeder sehn.
Die nächste Versuchung: Der Figaro – Stand hat hübsche give-aways. Der Kuli schreibt sogar, und ich erfahre am Rande, dass die Marketing-Fuzzies vom MDR „Hauptabteilung Kommunikation“ heißen. Soll ich lachen oder weinen?
Es dürften im Saal einige zu finden sein, die mit diversen Hauptabteilungen schon zu tun hatten. Ja, des MfS meine ich. Aber das muss man nicht wissen als schwäbischer Organisationsentwickler.
MDR Figaro, der beste und einzige Kultursender in ganz Ostmitteldeutschland, hat geladen. Live-Übertragung? Ogott, ich bin gar nicht rasiert! Radio, ach so. Na gut.
So sieht also der Bille aus. Er wärmt erstmal auf und entschuldigt sich für die reine Männerrunde. Die Damen hätten alle keine Zeit gehabt. Nun ja. Ich will es mal glauben. (Auch wenn ich ein Freund des Spruches „Mädchen sein allein ist keine Tugend“ bin, hätte der Debatte Weiblichkeit sehr gut getan, z. B. Friederike Heller, die vorgestern erst mit der Dreigroschenoper einen fulminanten Erfolg feierte, hätte gut aufs Podium gepasst.)
Für die weitere Zusammensetzung der Runde entschuldigt sich Thomas Bille nicht, obwohl er allen Grund dazu hätte. Es diskutieren über das Theater von heute: Zwei Intendanten, ein Alt-Intendant und Alt-Regisseur sowie zwei Groß-Kritiker. Theater wird beim MDR offenbar von oben gesehen. Oh, hat der Himmel keinen Nachwuchs mehr? Kein frischer Autor, kein junger Regisseur und natürlich auch keine Schauspielerin hat es in die Runde geschafft. Wozu auch. Der Ansatz der Veranstaltung ist offenbar ausschließlich huldigend angelegt. Aber dazu später.
Bille witzelt sich durch den Soundcheck, latscht treffsicher in das Fettnäppchen „Waldschlösschen“-Brücke und plaudert aus dem Nähkästchen des Radio-Marketings. Er hat das Publikum im Griff, vor allem die älteren Damen stehen sehr auf ihn. Unter uns Pfarrern nennt man die Kanzelschwalben, aber das gehört hier nicht hin.
Hilfreich der Hinweis, dass man das Ganze auch als podcast auf figaro.de nachhören kann. Nun kanns losgehen, wir warten auf das Ende der Verkehrsdurchsagen.
Übrigens, weil es gerade passt: Kann mir jemand mal den Sinn der „Blitzer“-Warnungen auf Figaro erklären? Die Zielgruppe fährt doch eh mit Hut.
Gut, kein Witz ist zu billig, um unter den Tisch zu fallen, aber ganz im Ernst: Mich piepen diese blöden Durchsagen an, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da der Einzige bin. Letztlich ist das Strafvereitelung, und neben einer katzbuckelnden Anschleimerei an die Auto fahrende Hörerschaft kann ich da keinen Sinn entdecken.
Jetzt also live, sonor kommt nochmals die öffentliche Buße zur nicht erfüllten Frauenquote, dann geht’s los. Das Parkett ist gut gefüllt, ich habe keine Lust zu rechnen, knapp 500 Menschen werden es wohl sein.
Die erste Frage nach der persönlichen Erweckung der Theaterbegeisterung ist so erwartbar wie die Antworten, nur Wolfgang Engel (Alt-Intendant des Schauspiel Leipzig und renommierter Regisseur) tanzt aus der Reihe: Seine alleinige Zwangsteilnahme im zarten Alter an Hamlet erinnert mich an die Blechtrommel, Oskar wurde dort allerdings aus sehr eindeutigen Gründen im Spielzeugladen abgegeben. Aber ich will hier nichts unterstellen.
Schön das Zitat „Theater ist dort, wo es schön ist“.
Damit hätte die Runde eigentlich enden können, aber es ist noch viel Zeit bis zur nächsten Sendung (originellerweise das Chor-Magazin, den Scherz versteht man vielleicht erst später). Thomas Bille schmunzelt sein „Was-bin-ich-für-ein-toller-Hecht“ – Schmunzeln und übergibt erstmal ans Klavier (Stephan König).
Danach geht es um die Definition. Peter Michalzik (u.a. Frankfurter Rundschau) hat ein Buch geschrieben, in etwa „Die sind ja nackt und wollen nur spielen“, eine Art Gebrauchsanweisung für heutiges Theater. Die will ich lesen und hoffe, sie ist nicht so unverständlich wie die meiner Waschmaschine. Theater ist eine Art Gottesdienst, ja, und dass zweieinhalbtausend Jahre alte Worte heute immer noch funktionieren, ist ein Mysterium. Nochmal ja.
Winfried Schulz als Hausherr stellt dann klar, dass Theater immer nur in Bezug auf die Gegenwart stattfinde und kein Museum sei. Keine Widerrede, ist so.
Ein wenig streitig dann seine These, dass der Text nur eine Dimension von mehreren im komplexen Erlebnisses Bühnenstück sei, neben Licht, Bühne, Gestik usw.. Er erntet leisen Widerspruch, auch ich würde dem Text schon das Primat zubilligen, wir sind ja nicht beim Ballett.
Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT, begeistert sich für die Klassiker als das Öl für die Theaterlampe, dank der Sprachgewalt der Texte sei alles herausholbar, fast jede aktuelle Interpretation sei möglich.
Der Intendant des DT Berlin, Ulrich Khuon, der gleichzeitig den Deutschen Bühnenverein repräsentiert, bezeichnet die Dialoge als Kampf, der Zuschauer habe Gelegenheit, an Konfrontationen teilzunehmen, die im „richtigen Leben“ oftmals nur unterschwellig ausgetragen würden.
Man ist sich sichtbar einig, dass man dem Zuschauer nicht nach dem Munde spielen dürfe, und dass es das homogene Publikum ohnehin nicht gäbe. Phantasie wäre zu jeder Vorstellung mitzubringen.
So weit, so banal. Das Gespräch plätschert auf hohem Niveau dahin, die einheitlich unkrawattierten Herren sind entspannt und souverän.
Herr Schulz zündelt ein bisschen, als er das Theater als großen Verschwender bezeichnet, das nicht recht haben müsse, sondern nur Vorschläge mache. Mir persönlich wäre das zu unverbindlich, und ich glaub auch nicht, dass er das so meint. Theater hat eine Verantwortung, dafür wird es von allen bezahlt und dazu ist es schlicht da. Das Wort „Bildungsauftrag“ scheint mir gerade groß genug. „Kritisches Dafür-Sein“, auch das trifft es.
Khuon schlägt den Bogen zu den zwischenmenschlichen Beziehungen, die auch ausgeleuchtet gehören, schließlich ist Mensch hier sonst mit sich ziemlich allein. Wie leben wir miteinander? Und warum? Und warum nicht anders? Am Theater werden ständig Konflikte ausgetragen, der Zuschauer muss Differenzen aushalten. Man kann nicht alles den Psychotherapeuten überlassen.
Der folgende Schwenk zur Stütze der Demokratie misslingt. Ich frage mich, wo Thomas Bille seine krude These hernimmt, dass Theater in Diktaturen besonders gut funktioniere. Hat er nie „Mephisto“ gesehen? Dass man das für die DDR halbwegs behaupten kann, zeigt ja nur, dass nicht mal die Diktatur hier richtig funktionierte.
Kümmel beschreibt dann sehr poetisch, dass jeden Abend um 20.37 Uhr auf hundertfünfzig deutschen Bühnen ein Wunder geschehe. Ja, so ist es. Eifriges Nicken eint die Runde, alle lieben das Theater. „Die Luft sei freier am Theater“, auch das stellt niemand in Frage.
Der Vorteil der Runde, der Verzicht auf den üblichen Talkshowklamauk, ist auch ein Nachteil. Es nimmt kaum jemand Bezug auf einen anderen, eigentlich sind das fünf parallele Interviews.
Die Diskussion über Demokratie am Theater wird dann ein bisschen putzig. Der Ponyhof, der da geschildert wird, dürfte den Realitätstest nicht überstehen, und die bösen Patriarchen, die brüllend über die Bühne marschierten, sollten (auch) an den Ergebnissen gemessen werden.
Wolfgang Engel endlich spricht es aus. Der Theaterbetrieb ist per se undemokratisch, und das ist gut so. Außerdem könne er als alter Intendantensack gar nicht richtig mittuten im Kanon der Basisdemokratie.
Thomas Bille schwenkt zur Bürgerbühne. Ein Dresdner Unikat, mit dem Antritt von Wilfried Schulz gegründetes Erfolgsmodell eines Theaters von Bürgern (mit professioneller Unterstützung) für Bürger. Die „Spezialisten des Alltags“ geben hier authentisch Auskunft. Der Beschreibung, dass hier (nur) Menschen am Rande ein Podium gegeben würde, widerspreche ich allerdings energisch. Die Bürgerbühne ist in der Mitte der Gesellschaft genauso beheimatet wie an deren Rändern.
Schulz lässt sich voller Begeisterung dazu hinreißen, der am Vortage phänomenal gestarteten „Jungfrau von Orleans“ 30 Abende in dieser Saison zu versprechen. Na schaunmermal. Seine emphatische Erklärung des Ganzen, sein Bild des „Wärmestroms mit der Stadt“ und seine Hervorhebung von Miriam Tscholl, die das Ganze verantwortet, sind dann aber der stärkste Teil des Nachmittags.
Bille fragt listig nach dem cleveren Geschäftsmodell, mit Freunden und Verwandten der Darsteller das Haus zu füllen, aber Schulz lässt ihn abtropfen. Ja, klar, auch das, aber nur ein angenehmer Nebeneffekt.
Herr Khuon ist ein wenig pikiert (gehört so was nicht eigentlich nach Berlin?) und versucht zu relativieren. Allein, ohne Kenntnis der Details – was man ihm kaum vorwerfen kann – geht das ins Leere.
(Ein schöner Anschauungsunterricht zu den vielen Vorzügen und tolerierbaren Nachteilen der Bürgerbühne war am selben Abend übrigens „Ja, ich will.“ im Kleinen Haus, wieder ein beeindruckendes Beispiel für Ausdrucksstärke und Öffnungsbereitschaft der Darsteller.)
Nachdem berechtigterweise die Layouter der Hefte zur 100. Saison gelobt werden, schießt Thomas Bille ein schönes Tor mit dem Vergleich des Wiener Burgtheaters mit dem FC Bayern. Wilfried Schulz fühlt sich aufgerufen, den Tote-Hosen-Song „Ich würde nie zum FC Bayern gehen“ im Geiste anzustimmen, den man den jeweiligen Interpreten immer solange glaubt, bis sie mit dem haifischgrinsenden Uli Hoeneß die erste Pressekonferenz im neuen Sportdress geben.
Aber im Ernst: Man erklärt die Singularität der Wiener Burg als Staatsreligionsersatz und bekennt sich trotzdem zum Wettbewerb. Leider wird das Thema, ob Dresden nun in der obersten Liga mitspielen solle und wolle, nicht weiter vertieft. Man ist ja zum Feiern da.
Ebenso wenig vertieft man, ob die von Khuon erwähnten 1.800 Euro (brutto!) als Einstiegsgage für einen Schauspieler geeignet sind, die Klasse zu halten. In diese profanen Niederungen wollen wir uns heute nicht begeben.
Die Konkurrenz zum Film wird noch verhandelt, es wird beklagt, dass durch die Mikro-Ports das klassische Sprechtheater stark verändert würde.
Sehr bedenkenswert dann die Ausführungen von Kümmel zu modernen Inszenierungsmitteln, die er mit dem ADHS-Syndrom vergleicht. Aller fünfzig Sekunden muss ein Blitz kommen, damit der Zuschauer nicht wegdämmert. Die Analogie zum „Totmannknopf“ (der Sicherheitsfahrschaltung auf Lokomotiven, die im Schnitt aller 50 Sekunden betätigt werden muss, damit der Zug nicht zwangsgebremst wird und die Rückfallebene beim Umkippen des Lokführers darstellt) ist wirklich originell. Doch auch hier entspinnt sich keine wirkliche Debatte.
Ein kleiner Missklang: Sebastian Hartmann kriegt noch sein Fett weg. Nachtreten ist unfair und keiner der beiden Beteiligten hat das nötig.
Das Ende fast Poesie: Die Beschreibung der Möglichkeiten von Theater, Khuons Merksatz „Widersprüchlichkeiten erleben, aushalten, bewältigen“ und das „Recht auf Scheitern“ (nicht ausdrücklich erwähnt, aber neulich von Herrn Koall sehr schön auf den Punkt gebracht) zeugt eine noch harmonischere Runde.
Das Theater ist nicht totzukriegen, so das gemeinsame selbstgewisse Fazit, das Gemeinschaftsgefühl eines Schau-Spiel-Erlebnisses sei nicht zu digitalisieren. Auch das will ich gern glauben.
Wie soll man das nun einordnen?
Außer den bereits erwähnten Besetzungsmängeln ist kaum etwas zu bekritteln, wenn man bedenkt, was Zweck der Veranstaltung war:
Eine Art Ehren-Kolloquium wie für den Emeritus, der schon fünfzehn Jahre im Ruhestand ist und sich immer noch bester Gesundheit erfreut. Da gibt es ein bisschen Fachliches für den Rahmen, aber eigentlich freuen sich alle, mal wieder beieinander zu sein (und einige auch, überhaupt dabei zu sein). Und dann gibt es ja auch noch ein schönes Buffet.
Ein Sonntagnachmittag ohne große Erkenntnisse, aber mit dem guten Gefühl, dass man nicht allein ist mit seiner Theaterliebe.
