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Die Liebe und das Vaterland

„Vaterlandsliebe“ … Unlängst aus dem Touri-Geplapper an der Fähre herausgehört: „… mehr Angst als Vaterlandsliebe …“.
Ja, sicherlich. Ist ja auch nicht schwer.

Aber ein schönes Wort, diese „Vaterlandsliebe“. Bringt einen auf Gedanken.
Zunächst einmal würde ich das aus meiner Perspektive dem homosexuellen Spektrum zuordnen. An sich kein Problem, ich wollt es nur mal gesagt haben.

Gibt es dann auch eine Vaterlands-Jugendliebe? Und muss man nach dem ersten Mal gleich heiraten, weil sonst die großen Brüder böse sind?
Wie ist das mit dem Körperlichen? In meinem Verständnis – gut, rein subjektiv – gehört das ja doch irgendwie dazu? Ob nun dreimal täglich oder jeweils am Hochzeitstag, bleibt der Neigung und der körperlichen Verfassung überlassen, aber ganz ohne? Schwierig, um diese schöne neudeutsche Vokabel auch hier unterzubringen.

Wie äußert sich Vaterlandsliebe? Gedichte schreiben, ok. Und sonst?
Kann ein Mann mehrere Vaterländer gleichzeitig lieben? (Bei mir wärs neben dem Königreich Böhmen dann noch die Bunte Republik, aber das nur nebenbei.)
Und die Frauen? Stabile Zweierbeziehung? Vaterfigur fällt mir da ein, oder besser Vaterlandsfigurliebe. Oder Vaterfigurlandsliebe? Jedoch, allein wegen der Figur liebt man doch nicht?

Apropos, kann ein Vaterland auch fremd gehen? Und wenn ja, auf welchem Mutterboden?
Gibt es auch Dreiecksbeziehungen? Offene? Führt das zu diplomatischen Verwicklungen? Wird der Botschafter einbestellt? Wozu? Zur Vaterlandsliebe?

Wozu führt unglückliche Vaterlandsliebe? Zum Wahnsinn, wie sonst auch? Oder nur zur Staatenlosigkeit?
Und, ganz wichtig: Gibt es freie Vaterlandsliebe? Ist Europa so was Ähnliches? Und warum ist Arthur Schnitzler dann ein Schweizer?
Für die, die bis hier durchgehalten haben:
Vaterlandsliebesspiel. Vaterlandsliebesvorspiel. Mir fällt da nur die teutsche Nationalmannschaft (m/w) ein. Erst singen, dann spielen.
Kann man Vaterlandsliebe erzwingen? Von welcher Seite aus?

Hm.
Ich glaub, ich hab in Stabü nicht aufgepasst.
War das jetzt schon Sex?

Ein Denkmal für die fehlende Barmherzigkeit

In Dresden, am Neustädter Markt, gibt es das Blockhaus. Nach der Zerstörung im Krieg schon in der DDR wiederaufgebaut, gehört es heute dem Freistaat Sachsen, der seine Akademien der Künste und der Wissenschaft sowie die Stiftung Natur und Umwelt dort untergebracht hat. Das (wirklich schöne) Haus besitzt einen repräsentativen Saal, der gern und oft für Empfänge und Veranstaltungen genutzt wird.

Dies wurde wohl (mindestens) einem Obdachlosen zum Verhängnis, der seit einiger Zeit das windgeschützte Portal des Hauses „bewohnte“. Dank zweier Bänke links und rechts der Treppe war dies sicher ein komfortables Lager.

Damit ist es nun vorbei: Der Hausherr hat je zwei Querbalken auf den Absätzen anbringen lassen, dem Denkmalschutz gehorchend natürlich aus Sandstein. Mit der Bequemlichkeit ist es nun vorbei.

Ich wurde durch eine Postkarte von Tobias Stengel, die in einigen Neustädter Lokalen ausliegt, darauf aufmerksam und schaute mir die Sache heute mit eigenen Augen an. Lang kann die Baumaßnahme noch nicht vollendet sein, der Mörtel unter den Balken wirkte recht frisch.

 

So weit, so sachlich zur Tatsache. Nunmehr begeben wir uns in den Bereich der subjektiven Meinung.

Ist euch denn gar nichts zu peinlich, ihr freistaatlichen Hausverwalter? Muss man seine Abneigung gegen den wohnungslosen Abschaum derart deutlich demonstrieren? Habt ihr Angst, eure Gäste mit (einem Teil) der Dresdner Realität zu konfrontieren? Mich erfasst die berühmte Fremdscham. Ich kann nichts dafür, ich wohn nun mal hier und hab mir diese Regierung mit ihrem Apparat nicht ausgesucht. Aber ein Mindestmaß an Anstand und Empathie hätte ich mir von einer christlich (!!) und liberal (!) geführten Verwaltung doch erwartet.

Wir wollen uns nicht missverstehen: Sozialromantik ist mir fremd, ich weiß auch, dass selbst mit mehr Geld (was sicher bitter nötig ist) das Problem der Obdachlosigkeit nicht vollständig zu lösen ist. Aber manchmal geht es eben auch um Symbolik, um Botschaften. Und hier versagt der Freistaat mit schöner Regelmäßigkeit jämmerlich.

Eine nicht-beweisbare Boshaftigkeit: Dieselben Leute, die die Anbringung dieser Pennersperren angeordnet haben, stehen sicher mit reinem Herzen in der Menschenkette am 13. Februar. Das ist ja auch was ganz anderes, wohlfeil und tut nicht weh.

Ich versuche mir vorzustellen, wie das gelaufen sein mag am Blockhaus. Wer hat wohl den ersten Stein geworfen? „Schaffen Sie den mal diskret weg, unsere Gäste wollen so was nicht sehen.“

Danach vielleicht der Form halber eine Umfrage unter den Mietern:
„Rein wissenschaftlich betrachtet sind Obdachlose eine verschwindende Minderheit, in erster Näherung existieren sie gar nicht.“
„Aus künstlerischer Sicht ist die Beschäftigung mit dem Thema Armut hochinteressant, aber die Lagerung dieses Herrn von unserer Tür kann keinesfalls als Performance gewertet werden, dazu fehlt es an den berichtenden Medien.“
„Nach Durchsicht unserer Unterlagen müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Spezies „Obdachloser“ auf keiner Schutzliste zu finden ist. Aus umweltfachlicher Sicht bestehen deshalb keine Bedenken zur Umquartierung“.

War es so? Fast fürchte ich, ja.

Also trat eines grauen Morgens ein Trupp Handwerker an, lud die zuvor zurechtgeschnittenen Balken ab und machte sich ans Werk. Ob jener Bewohner dabei vor Ort war, weiß man nicht. Wenn ja: Im Umfeld gibt es genug Ministerien, deren Wachen sicher nichts gegen eine kleine Abwechslung hatten.
Die ganze Sache brauchte sicher kaum einen halben Vormittag, auf unsere Handwerkskunst sind wir Sachsen stolz. Und das Leben geht für (fast) alle ganz normal weiter.

 

Und nun haben wir also ein neues Kunstwerk in Dresden. Danke.
Es thematisiert die fehlende Barmherzigkeit der offiziellen Gesellschaft, das Verdrängen-Wollen von unangenehmen Zivilisationserscheinungen aus dem öffentlichen Raum. Mit einer schlichten, aber wirkungsvollen Symbolik – nicht mehr als vier Sandsteinbalken, die quer zu früher als Schlafplatz genutzten Bänken angebracht wurden – vermittelt uns der Künstler eine klare Botschaft: „Die“ sind hier nicht erwünscht.
Selten hat ein öffentlich finanziertes Werk eine solch präzise Aussage vorzuweisen. Gesellschaftskritik kommt hier in unauffälliger Form daher, niemand wird konfrontiert mit dem Thema, aber jeder ist eingeladen, darüber nachzudenken.
Man darf sich auf weitere Werke dieses begabten Künstlers freuen.

In Dresden sind wir alle weltberühmt

Es gibt sicher niemanden (von der Familie Wettin mal abgesehen), der über die Tatsache, dass es derzeit im Freistaat Sachsen keinen König gibt, trauriger ist als die Unterhaltungsredaktion des Mitteldeutschen Rundfunks. Dem amtierenden Freistaatsoberhaupt merkt man seine Abstammung von sorbischen Ackerbürgern leider dann doch an, der Glamourfaktor ist vernachlässigbar.

 

Schmerzlich bewusst wird uns dieses bei Gelegenheiten wie dem nach eigener Aussage bedeutendsten deutschen Ball (wie misst man das eigentlich?): dem SemperOpernball. Seit 2006 wird diese Festivität vom Verein „Semper OpernBall e.V.“ zelebriert, es ist also eine private Veranstaltung, was gern vergessen wird. Kopf des Vereins ist der in Dresden gut bekannte Hans-Joachim Frey, bis 2007 Operndirektor am Hause. Sein weiteres Wirken als Intendant am Theater Bremen war nicht von Glück begleitet, nach dem Versenken von 2,5 Mio. Euro nahm er dort 2010 den Hut.

 

Besser läuft da schon der Dresdner Opernball, hier ist man dankbar für jeden Hauch der großen weiten Welt, auch wenn man nicht immer ein glückliches Händchen mit seinen Stargästen hat. Jene werden durch die Verleihung eines absonderlichen Preises (seit 2010 „St. Georgs Orden“) angelockt, auf welchem der Hl. Georg zu Pferde sowie der Sinnspruch „Gegen den Strom“ (lateinisch, damit es nicht so peinlich ist) zu sehen sind. Den haben inzwischen so bekannte Gegen-den-Strom-Schwimmer wie Kurt Biedenkopf, Henry Maske, Roman Herzog und – das ist sicher bekannt – Wladimir der Demokratische erhalten, auch Michael Jackson, ja, kleiner hammer’s nicht. Jener konnte sich allerdings nicht mehr wehren, der Preis wurde ihm posthum hinterhergeworfen, eine seiner zahlreichen Schwestern vertrat ihn würdig.

 

Herausragende Persönlichkeiten, die sich um Deutschland … und um Sachsen verdient gemacht haben“ werden ausgezeichnet. Interessanter Denksport, was wohl Roger Moore und Ornella Muti da zu bieten haben. Auch bei José Carreras fällt mir nicht gleich was ein, bei Putin ist die Sache allerdings klar: Schließlich hat er einige Jahre in Dresden für Ruhe und Ordnung gesorgt.

Noch eine Nörgelei gefällig? Genau zwei der fünfundzwanzig bisher Bedachten waren Frauen (und sind es vermutlich immer noch). Das erreicht bestes CSU-Niveau, und wenn das Verhältnis im Parkett ähnlich aussähe, müssten sich doch viele Männer bunte Tücher um den Arm binden und sich dann Mühe geben, nicht zu führen beim Walzer. Aber das tun sie ja meist ohnehin nicht.

 

Aber, wie schon gesagt: Es ist eine private Veranstaltung, es ist auch ein privater Preis, und seine Jodeldiplome kann jeder verleihen, an wen er möchte. Eigentlich.

Nun ist es aber so, dass dieser Ball durch die Anwesenheit des und durch die Eröffnung durch den sächsischen Ministerpräsidenten eine quasi-staatliche Bedeutung erhält. Auch schritten bereits eine Reihe von Bundespräsidenten den roten Teppich entlang, zuletzt Herr Wulff, und heuer ist „Berlin“ mit Peter Ramsauer vertreten, der bestimmt auch irgendwie zuständig ist und sein stählernes Lächeln mitgebracht hat.

Warum diese Vorrede? Weil es Dresden bzw. der Ballveranstalter wieder mal geschafft haben, mit dem Arsch ins Fettfass zu plumpsen. Selbst bis ins provinzielle Dresden sollte es sich herumgesprochen haben, dass jener Monsieur Depardieu, den man als Star- und Überraschungsgast gewonnen hat, derzeit eine kleinere steuerliche Auseinandersetzung mit seinem Geburtsland Frankreich hat und deswegen sozusagen fiskalisches Asyl bei einem vorherigen Preisträger beantragte. Dies ist mitnichten seine Privatsache, wenn ihm sogleich dieser Orden an den aufgedunsenen Leib geheftet wird. Und war da nicht eben noch was mit 50 Jahre Elysée-Vertrag? Gut, die Feiern sind vorbei, da wollen wir mal wieder Francois ein bisschen ärgern. Fingerspitzengefühl in Dresden und Berlin? Haben wir gar nicht nötig.

Ich hoffe sehr, dass jetzt M. Hollande Christian Wulff zum Ritter der Ehrenlegion ernennt, dann wären wir quitt.

 

Aber mit diesen abwegigen Gedanken werden sich die Gäste in und vor der Semperoper nicht plagen. Man muss anerkennen, dass das Management recht clever ist: Das Ding mit den Elefanten war nicht mehr zu kontrollieren, man weiß ja, wozu diese Tierschützer fähig sind, nöch? Das hätte hässliche Bilder gegeben, selbst der MDR hätte nicht drumrum filmen können. Also kurzfristig gecancelt, Respekt.

 

Wirtschaftlich brummt das Ding offenbar, die Karten scheinen alle weg zu sein, bei Preisen von 1.900 Euro bis runter zu 250 Euro (2. Klasse, Stehplatz) nicht unbedingt selbstverständlich. Wie viele werden die Karten wohl selbst bezahlt haben?

 

Man darf dabei durchaus fragen, ob es zu den Aufgaben des MP gehört, private Feiern zu eröffnen. Und selbst wenn – was ich in diesem Fall noch nachvollziehen kann – wäre der Preis für die Eintrittskarten für ihn und Frau Gemahlin doch als geldwerter Vorteil zu versteuern, wenn den der Freistaat bezahlt hat? Oder gab es gar keine Rechnung? Dann wär es Vorteilsnahme. Auweia, wenn das jemand liest …

Bei Herrn Bundesminister kann mir niemand glaubhaft machen, dass er „Verkehr, Bau und Stadtentwicklung“ an diesem Abend wesentlich voranbringt. Aber vielleicht hat ihn Frau Merkel geschickt, um oben genannten Fauxpas auch bundesamtlich zu beglaubigen. Dann wäre er aus Gründen der Staatsräson da.

 

Die übrigen Gäste sind klug ausgewählt. Herr Ballack kann seinen Werbe-Marktwert etwas aufpolieren, was sicher nur noch im Osten funktioniert, Herr Winterkorn lässt sich feiern, dass er in Sachsen weiter Autos bauen lässt und das Piech-Denkmal am Großen Garten nicht schleift, M. Juncker holt sich seinen ihm zustehenden Orden und dankt schon im Voraus auf der Website artig, wenn auch inhaltlich etwas schräg. Und Lauterbach lässt sich von seinem Zwilling im Geiste namens Ochsenknecht lobhudeln, im nächsten Jahr erleben wir das Traumpaar des schlechten Geschmacks vielleicht andersrum.

Zu Gerard Depardieu fällt mir noch ein, dass es in den Technischen Sammlungen am 4. und 5. April „Die letzte Metro“ gibt, ein Meisterwerk von Truffaut mit Catherine Deneuve und ebenjenem Spätverblödeten.

 

 

Prinzipiell, liebe Leser, hab ich nichts gegen sowas wie Opernbälle. Es soll doch jeder nach seiner Facon selig werden. Solange die freistaatliche Semperoper nicht auf den Kosten sitzenbleibt und den Einnahmeausfall (immerhin blockiert der Ball vier Tage lang das Haus) ersetzt bekommt, sollnse doch machen. Die Polizei tritt leider wie sonst auch kostenlos an, wenn auch nicht umsonst. Und die DVB wird ja wohl die Umleitungsaufwendungen in Rechnung stellen.

Auch die wirtschaftlichen Aspekte sind sicher nicht zu unterschätzen, grade im hochpreisigen Segment. Und die Arbeitsplätze in diesen Tagen. Und der Imagefaktor … Jaja.

Aber man kann sich ja trotzdem drüber lustig machen.

 

Zum Beispiel über die Bedeutungshuberei der Medien. Bei den bunten Blättern kann man das verstehen, das ist ja ihr Kerngeschäft, aber das vermeintlich rationale Zeitungen an der Spitze der Bewegung stehen, ist schon seltsam. Die SächsZ hat einen Twitterkanal geschalten und berichtet alles, was ihr so auf- und einfällt. Frau Derek ist ohne Mann da! Ich überlege kurz, doch noch hinzufahren. Und entscheide mich positiv. Mal sehen, was da so für Leute sind.

 

Es nieselt, manchmal schüttet es auch.

Die üblichen Verdächtigen schlurfen durch ein schmales Spalier von Schaulustigen und durchs Foyer, sicher steckt eine ausgeklügelte Logistik dahinter, die Hackordnung zu beachten und jedem Sternchen genug Aufmerksamkeitszeit zu schenken.

Zwar bin ich nicht im Besitz eines Fernsehgerätes, könnte mir also später nicht mal in einem Maso-Anfall den Rest der vierstündigen Hofberichterstattung des MDR ansehen. Aber ich erlebe die erste Stunde live mit und kann mir gut vorstellen, was noch kommt.

 

Witzig ist das, was auf dem Theaterplatz stattfindet. „SemperOpenairball“, auf so einen Namen muss man erstmal kommen.

Man kann dort: Sich langsam einregnen lassen, am Public Viewing vom Ballsaal teilnehmen, Bratwurst essen, den Jubelperser geben, mitgebrachten oder überteuerten Alkohol verzehren, die Aufstellung eines Weltrekords „wagen“ (nämlich dem Auf-glattem-Pflaster-so-tun-als-ob-man-Walzer-tanzt in einer noch nienienie dagewesenen ganz großen Gruppe), oder – Höhepunkt! – mit Gotthilf Fischer-Dübel und Roberto „Blacky“ Blanco ein Lied einüben! Es handelt sich dabei um das bekannte deutsche Volkslied „Moskau, Moskau“, womit wir erstens wieder bei Putin wären und zweitens endlich den Grund in diesem Meer von Schwachsinn erreicht haben, was mit dem neuen Text des Siegelschen Gassenhauers auch bewiesen wird.

 

Die genannten Herren zu kritisieren, gehört sich nicht. Schlimm genug, wenn man in diesem Alter noch arbeiten muss, zumal man sich sichtlich mit gerontotypischen Krankheiten rumschlägt. Ich bedecke diese Kadaver des Niveaus mit einem großen Tuch voller Barmherzigkeit und Milde.

 

Zwei euphorisierte Moderatoren auf der Bühne vor der Oper mühen sich nach Kräften, das doch ziemlich zahlreich erschienene Volk bei Laune zu halten, damit es seiner Hauptaufgabe nachkommen kann: Den Promis zuzujubeln. So wird auch ein schlichter Ballbeginn zu einem Ereignis, dass der Jahrtausendwende in nichts nachsteht.

 

So wie es Berufsbetroffene gibt, gibt es auch Berufsprominente. Einer, der dazu auf bestem Wege ist, wird vor das Mikrofon gezerrt. Michael Ballack ist solo da, Sensation! Und er will gar nicht tanzen! Das geht ja wohl gar nicht. „Ok, notfalls tanz ich mit meiner Mam“, hoffentlich hat das die Dame nicht gehört.

Flanierkarteninhaberinnen, aufgepasst. Hier geht was …

 

Wolfgang Stumph hat Geburtstag, na so ein Glück. Auch er darf sein Gesicht ins Fernsehen halten.

Auftritt Herr Tillich nebst Gattin. Völlig überraschend fällt die Reporterin über ihn her und fragt das Übliche. Nein, Herr Tillich, es gibt Sprechblasen, die nicht überall passen. „Mit der Unterstützung der Menschen hier draußen“ lässt sich ein Eröffnungswalzer nicht überstehen. Aber es wird schon gehn, ist ja nicht das erste Mal.

 

Ebenjene Menschen hier draußen sind äußerst gutwillig, machen brav alles, was die Moderatoren verlangen. Ihr da drin, wir hier draußen, das geht schon in Ordnung. Ein bisschen was vom Glanze fällt sicher ab.

Selbst das sturzdumme Liedchen wird mitgebrüllt und bejubelt, wenn es schon nichts mit dem Massenwalzerrekord werden sollte, zumindest den bei Peinlichkeit pro Quadratmeter haben wir erreicht.

 

Dann endlich ist es Neune. Emmer-wieder-Emmerlich eröffnet, das ist sein Parkett, hier ist er souverän. Das Girlie an seiner Seite kenn ich nicht, aber ein schönes Kleid hat sie an.

Einmarsch der Ehrengäste. Ballack zusammen mit Juncker, vielleicht geht ja auch da was. Frau Ferres und Herr Maschmeyer, ich überlege kurz, wie vielen hier draußen er wohl die Ersparnisse geleichtert hat. Waldi Hartmann, keine Feier ohne Meier, am Arm einen Ochsenknecht. Lauterbach gelackt wie immer, Bo Derek sieht von weitem noch recht frisch aus. Zum Schluss das Letzte: Ein früherer Sympathieträger namens Depardieu. Mon Dieu.

 

Dann gibt es ein bisschen Zirkus, wie vermeldet ohne Elefanten, was natürlich keiner erwähnt beim MDR.

Und nu? Eigentlich wollte ich bis halb Elf bleiben, wenn das Frischfleisch in den Saal gelassen wird. Aber was mach ich bis dahin? Die Laudatoren kann ich mir unmöglich anhören, ich würde auf dem Theaterplatz zur geistigen Revolution aufrufen müssen, was natürlich keiner befolgen würde bzw. könnte. Also kurzentschlossen Abmarsch. Feiert euren Ball doch alleene, ich hab genug gesehn.

 

Das Fazit:

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber nehmt Euch bitte nicht so wichtig.

 

Vielleicht schlachte ich ja doch mein Sparschwein und kauf mir im nächsten Jahr auch einen Logenplatz. In meinem Bekanntenkreis gibt es genug Damen, denen Kleider sehr gut stehen und die auf diese Festivität abfahren. Dann kann ich beim DressurTanzen der DebütantInnen zusehen (bestimmt lecker) und komm ins Fernsehen. Vielleicht kann ich auch einer anderen Dame weismachen, ein C-Promi zu sein, gibt ja genug Fernsehsender, die kann man unmöglich alle gucken.

 

Dann würde ich mir aber wünschen, dass diesmal der große Rainer Brüderle, unser Handtaschen-Berlusconi in der Pfälzer-Leberwurst-Edition, einen Preis bekommt. Verdient hätte er den mit Sicherheit.

 

 

Drüben (ich bin wieder auf der anderen Elbseite angelangt) ist das Festival der Irrelevanz nun in vollem Gange. Ich kann mir vorstellen, so nach Zwei kann es ganz nett dort sein. Naja, hier ist es auch schön.

Der Himmel ist unteilbar

„Der geteilte Himmel“ nach Christa Wolf in der Regie von Tilman Köhler, für die Bühne bearbeitet von ihm und Felicitas Zürcher, gesehen am 19. Januar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (94. Premiere n.u.S.)

Ich nehme es vorweg: Schon lang nicht mehr hat mich ein Stück derart angerührt und begeistert.

Die Geschichte nachzuerzählen, ist in diesem Landstrich wohl eher albern. Ich beschränke mich auf einige Schlaglichter.
Zuerst die Bühne (Karoly Risz): Mal hängt der Himmel ganz tief, mal lässt er etwas Luft zum Atmen. Dann wird der feste Boden unter den Füßen plötzlich schräg und schräger, die Protagonisten haben Mühe, sich zu halten. Ein sparsamer Videoeinsatz (Michael Gööck) ergänzt dies kongenial.
Die Musik (Jörg-Martin Wagner): Eine einzige Geige auf der Bühne, gespielt von Maria Stosiek, ersetzte ein ganzes Orchester. Großartig.
Klug ausgewählte Kostüme (Susanne Uhl) setzen ihre eigenen Höhepunkte.

Schon der Prolog ist ein kluger Schachzug: Mit Texten u.a. aus „Stadt der Engel“ wird das Thema in die Zeiten eingeordnet. Dies bleibt aber die einzige Aktualisierung, ansonsten erleben wir die Handlung im Wechselspiel zwischen Ritas Krankenhausaufenthalt und dem eigentlichen Geschehen.

Die dramaturgische Idee, Rita in drei Personen aufzuteilen, eine vor und eine nach „dem Anschlag auf sich selbst“ und eine, die sich viel später daran erinnert, ist der Grundstock der Inszenierung. Und was für einer! Man kann Felicitas Zürcher dazu nur beglückwünschen.
Aber die Abgrenzung ist kein Dogma, die Ritas werfen sich die Bälle zu, wenn es um das Erzählen der Geschichte geht.

Überhaupt: Eine elegante, zum Teil indirekte Behandlung des Stoffes durch die Schauspieler bringt den Roman zum Klingen auf der Bühne.
Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha und Philipp Lux brillieren in verschiedenen Rollen, sind mal Arbeiter, mal Chemiker, mal Familie. Hannelore Koch merkt man die Identifikation mit der älteren Rita deutlich an, und auch als Frau Herrfurth ist sie überzeugend.
Annika Schilling spielt die kranke Rita, den Punkt, von dem aus sich die Geschichte letztlich aufbaut. In ihrer letzten größeren Arbeit in Dresden (Gott sei es geklagt) setzt sie wiederum ein Glanzlicht. Wir werden sie vermissen.
Ich gebe zu, ich bin ein Fan von Matthias Reichwald. Dessen unprätentiöse, aber unglaublich energiegeladene Spielweise hab ich noch in jeder Rolle bewundert. Auch diesmal war er ein Ereignis.
Und, die größte Ehre zuletzt, Lea Ruckpaul. Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich sie auf den Plakaten sah. So jung und so eine Rolle …? Aber ich tue Buße: Diese Bühnenpräsenz, diese Klarheit im Ausdruck, diese Verletzlichkeit und Stärke … Die Nachricht, die sich auf den hinteren Programmheftseiten versteckte, ist nur folgerichtig: Ab der nächsten Saison gehört sie fest zum Ensemble.

Tilman Köhler als Regisseur gelingt es, dies alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. Er ist – für mich – wieder auf dem Niveau der „Hl. Johanna“, auch wenn die Arbeiten dazwischen auch nicht schlecht waren.

Der Inhalt des Stückes bzw. des Romans? Ist doch schon tausendmal diskutiert und besprochen worden, ich wüsste nicht, was ich da hinzufügen könnte. Letztlich muss jeder selber sehen, wie er sich zu der Grundfrage des Textes stellt. In dieser Form tritt jene heute ohnehin nicht mehr auf. Oder gibt es noch eine Ideologie, für die es sich lohnt, eine Liebe scheitern zu lassen?

Bedaure, ich habe nichts zu bekritteln. Ein ganz großer Wurf.

So war 2013 – ein vorauseilender Rückblick

 

Januar: Wegen eines Übermittlungsfehlers wird der geplante Parteiverbotsantrag versehentlich gegen die FDP gestellt. In der Vorprüfung wird allerdings so viel belastendes Material gefunden, dass die Bundeswehr erstmals im Inneren eingesetzt wird. Sämtliche Funktionäre der früheren „Liberalen“ werden durch sie eingesammelt und mittels der Costa Concordia nach Cuba verschifft.

Der FC Bayern wird im März zum Meister erklärt, da keiner mehr gegen ihn antreten will. Die Saison wird abgebrochen, die verbleibenden Spieltage werden für Deeskalationsseminare mit den Fans genutzt.

Am 1. April treten Ramsauer, Altmaier, Grube und Kretzschmann sowie Palmer gemeinsam in Schwäbisch Hall vor die kurzfristig eingeladene Weltpresse, sich an den Händen haltend. Während Grube erklärt, dass nach den jüngsten Berechnungen Stuttgart 21 am Ende sogar Geld übrig behielte, wenn man die Schadensersatzforderungen gegen die Demonstranten durchsetzen würde, lächelt Ramsauer stählern und gibt bekannt, das er die Lösung gefunden habe. Eigentlich seien es sogar zwei Lösungen: Der Bahnhof bleibt oben und in den Tunneln und Katakomben wird das dringend benötigte Endlager für Atommüll eingerichtet.

Altmaier nickt tapfer, Kretzschmann säuselt etwas von „fairem Kompromiss“ und Palmer sieht aus dem Fenster. Übrigens werde Herrn Dr. Kefer in beidseitigem Einvernehmen die Leitung der unterirdischen Anlagen (mit Präsenzpflicht) übertragen, schmunzelt Ramsauer noch vor den Schnittchen.

Der Flughafen BBI geht im Juli vorzeitig in Betrieb, allerdings nur für Segelflugzeuge. Eventuell wird in drei Jahren noch eine Nutzung als Frachtflughafen möglich sein. Die Politik zieht die lange erwarteten Konsequenzen: Die Sekretärin des Flughafenchefs sowie sein Pilot werden fristlos entlassen.

Im Sommer gibt es wieder sehr schöne Bilder von Angela in den Alpen zu sehen.

In Bayern wird im September nach einem erdrutschartigen Wahlsieg der Grünroten die nächste Räterepublik ausgerufen. Es kommt zur Konterrevolution, Garmisch-Partenkirchner Gebirgsjäger und Ammergauer Heckenschützen marschieren auf München, bleiben aber im Ferien-Rückreisestau stecken und werden zwischen den Toscana-Urlaubern aufgerieben.

Nachdem Seehofer zu den Grünen übergetreten ist, übernimmt er das neue Amt des Bairischen Generalpräsidenten, während Ude die Arbeit machen muss.

Nachdem man beim DFB einschätzt, dass sich an den Kräfteverhältnissen nichts geändert hat, verzichtet man auf die Austragung einer Fußball-Meisterschaft und ernennt den FC Bayern zum Meister. Begleitet wird dies durch eine gemeinsame Kampagne mit dem Familienministerium: „Samstags gehört Papi mir!“

Steinbrück wird mit klarer Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt, tritt die Stelle aber nicht an. Man konnte sich nicht über das Gehalt einigen, munkelt man. Merkel bleibt somit vorerst kommissarisch im Amt.

Kurze Zeit später verleiht ihr Gauck den Titel auf Lebenszeit, woraufhin sie ihn zum Kaiser ausruft.

Zu Ehren beider und um die sieche Wirtschaft anzukurbeln, verzichtet das deutsche Volk auf Vorschlag von Papa Benedetto auf Weihnachten und arbeitet durch. Unentgeltlich, versteht sich.

Sonst war eigentlich nichts Besonderes.

Ehebruch und Kuckuckskind

Der wahre Kern der Weihnachtsgeschichte

Nicht nur zufällig, sondern auch ganz ohne Absicht wurde ich neulich mal wieder mit der Geschichte von Josef und Maria und „ihrem“ Kind konfrontiert. Nicht schlecht ausgedacht, der Autor hatte zweifellos Talent. In unserem Zeitalter, das später sicher mal nach Markus Söder benannt werden wird, sind jedoch einige Richtigstellungen unerlässlich.

Mit dem heute erreichten Stand der Wissenschaften kann man nämlich mit großer Sicherheit ausschließen, dass die Empfängnis der Maria gänzlich vegan, also fleischlos zustande kam. Auch war die Gentechnik damals weder erfunden noch erlaubt, intravenös scheidet damit auch aus.

Herr Gott (oder auch das Gott, wenn es beliebt) musste also die Sache selbst in die, nun ja, Hand nehmen und auf den Spuren des großen Kollegen Zeus wandeln.

In welcher Form er sich wohl der tugendhaften Gemahlin von Josef genähert hat? Vielleicht als Weihrauch? Und gab es damals schon „Kirche von hinten“? Egal.

Ich gönne jedem sein Späßle, aber es sei doch darauf hingewiesen, dass für diese Verfehlung heute ein einfacher Pfarrer seine Planstelle verliert. Ab einem gewissen Dienstrang wird der Ehebruch allerdings rückwirkend in eine Segnung umgewandelt.

Überhaupt, die Ehe. Wer denkt denn heute noch an den armen Josef? Welche Seelenqualen musste der erleiden mit seinen Hörnern? Was wohl die Kumpels in der Kneipe gesagt haben? Dass das Balg nicht seins war, musste ja irgendwann zu sehen sein.

Josef ist für mich der eigentliche Held der Geschichte und auch der Ahnherr aller Männergruppen.

Auch wegen der Erziehung des Kuckuckskinds. Was kann schlimmer sein, als wenn das pubertierende Wesen bei der traditionellen Tracht Prügel „du bist gar nicht mein Papa“ brüllt? Unschön für alle Beteiligten.

Wie oft derdiedas Gott wohl seinen Sohn gesehen hat? Die Rechtslage war ja damals eher unübersichtlich. Ging ersiees mit ihm in den Zoo? Oder hat die Arche Noah für Klein-Jesus bauen lassen? Manche Sonntags-Väter übertreiben ja gerne ein bisschen.

Und wie war das mit dem Unterhalt? Ganz unvermögend dürfte Gott ja nicht gewesen sein, ich hoffe, er ist seinen Pflichten auch nachgekommen.

Hatte Jesus eigentlich Geschwister? Wohl nicht. Gott hatte sicher anderes im Sinn inzwischen, und Josef war bestimmt der Appetit vergangen. Vielleicht hat er sich auch ganz seinen Kumpels zugewandt, hier schweigt die Bibel sich wie üblich aus.

Also ziemlich zerrüttete Verhältnisse, in denen der kleine Jesus da aufwuchs. Dass er später auf die schiefe Bahn geriet, eine Sekte gründete und die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdete, muss uns nun nicht mehr wundern.

Das bunte Leben in schwarz-weiß

Oh Boy,

Ein Berlinfilm wie man ihn noch nicht gesehen hat.
Eine Wiedergeburt des Film Noir. Fast jedenfalls.

„Das Einzige was ich noch für dich tun kann ist nichts mehr für dich zu tun“. Sagt der Vater und hat vermutlich recht.

Wie nicht von dieser Welt irrlichtert ein hauchzarter Nico (Tom Schilling) durch Berlin, ohne Studienplatz, ohne Job, ohne Ziel.

Es kommen vor:
Ein sexuell frustrierter Nachbar mit Mitteilungsdrang.
Eine Debilkorrekte Filmproduktion.
Eine Fahrscheinkontrolle mit internen Problemen.
Ein Koksservice mit lieber Oma.
Ein Schrei- und Stöhntheater mit empfindsamem Chroreographen.
Eine Jugendbande mit schwerer Kindheit.
Eine Psychotante mit demselben Problem, aber einer scheinbar netten Lösung.

Berlin halt.

Gwisdek in gewohnter großer Rolle, „aus heutiger Sicht gab es damals nicht“.
Dann Charité.  Dann Tod.

Und richtigen Kaffee gibt es nicht für Nico.
Sonst passiert eigentlich nicht viel.

Muss auch nicht. Tolles Kino.

Von Jan Ole Gerster. Noch nie gehört. Geht auch nicht. War sein erster.

Noch zwanzig Jahr zu arbeiten …

„Die Firma dankt“, UA von Lutz Hübner, in der Regie von Susanne Lietzow gesehen am 22. April 2012 im Staatsschauspiel Dresden

Eine Parabel zwischen alter und neuer Arbeitswelt, sie handelt vom verlorenen Wert von Verdiensten, vom Neu-Erkämpfen-Müssen seiner Position, vom Spielen nach unbekannten Regeln, von den Schmerz-Grenzen erhaltener Demütigungen. Lutz Hübner lässt einen Mittvierziger die „Neuaufstellung“ seiner Firma durchleben und durchleiden. Am Ende muss jener erkennen, dass für ihn kein Platz mehr da ist, den er ohne Selbstaufgabe ausfüllen könnte.

Adam Krusenstern muss warten. Warten im Gästehaus seiner frisch übernommenen Firma, die ihn zu diesem Wochenende einbestellte. Ihn, den letzten verbliebenen Abteilungsleiter, alle anderen wurden vom neuen Management schon entsorgt. Er hat keine Ahnung, was ihn erwartet, Rauswurf, Degradierung oder Beförderung.

Auch die ersten Begegnungen machen ihn nicht klüger. Hier scheinen alle keine Nachnamen zu haben. Kein Zeitplan, keine Tagesordnung, so ein Chaos hat Adam in 20 Jahren Betriebszugehörigkeit noch nicht erlebt. Die Assistentin umschwirrt ihn (oder überwacht sie ihn?), die beißlustige Personaltrainerin gibt abwechselnd den guten und den bösen Bullen, der neue Personalchef bleibt ganz allgemein in seinen Sprechblasen. Alle sind irgendwie unter Spannung. Nur der mutmaßliche Praktikant ist überlocker, Krusenbergs Ratschläge zu Umgangsformen belustigen ihn. Hier prallen Welten aufeinander.

Krusenberg spürt, dass etwas von ihm erwartet wird. Er beruft ein Meeting ein, aber es wird ein Desaster. Schon am Gestühl scheiternd, verhungert er bei seinem Schaulaufen vor einem desinteressierten Kreis. Demütigung durch Ignoranz. Das Auftauchen des jungen Schnösels, den alle wer weiß warum anhimmeln, lässt die Besprechung endgültig platzen. Die Teilnehmer widmen sich wichtigeren Dingen.

Nur der selbstgewisse Schnösel bleibt, versaut erst Adams Anzug und dann endgültig dessen Laune mit seinen Thesen von der modernen Wirtschaft. Erfahrung und Kompetenz sind unwichtig, die Systeme organisieren sich selbst, Produktperfektion ist irrelevant, man muss den Kaufvorgang verkaufen. Krusenstern versinkt im riesigen Sofa und taucht als Marionette wieder auf. Alles ist offensichtlich Scharlatanerie, aber diese kommt an. Doch was sollen facebook-Produkte in einem Stahlwerk? Hat er in seinen 20 Arbeitsjahren wirklich alles falsch gemacht? Ist er verdorben für die schöne neue Firmenwelt?

Die anderen sind inzwischen in Feierlaune. Der vermeintliche Praktikant Sandor ist ein umworbener Shooting-Star der New Economy, der endlich zugesagt hat, den Laden zu übernehmen. Der Aktienkurs steigt.

Die Nutzwertanalyse des frischgebackenen Chefs geht allerdings zu Krusensterns Ungunsten aus. Adam macht den üblichen Deal, Abfindung gegen geräuschlosen Abgang, besser er wird mit ihm gemacht. Mangels Personalakte muss zu seiner Verabschiedung aus seinem Dossier vorgelesen werden. Was man so alles anhäuft in zwanzig Jahren … die wissen wirklich alles.

Es ist Sandors erste selbstverursachte Kündigung, das will er sich aus der Nähe ansehen. Sein strafverschärfendes Mitgefühl und seine These, Krusenberg sei ein Oldtimer, zwar unpraktisch und kaum verwendbar im Alltag, aber sehr faszinierend, lässt jenen die Contenance verlieren. Er hat noch zwanzig Jahre zu arbeiten!

Die folgende Prügelei bleibt einseitig. Sandors geschmeidige Virtualität hat der physisch-archaischen Gewalt aus der Old Economy nichts entgegenzusetzen. Sieg durch K.O. in der ersten Runde.

Dies führte nun eigentlich zum berechtigten fristlosen Rauswurf des Übeltäters, allein Sandor fühlt sich als Warhol-Wiedergänger und erkennt eine prägende Szene aus dessem Leben: Das Valerie-Attentat. So einen könnte er doch gut brauchen? Er trifft eine Management-Entscheidung.

Die Runde ist irritiert, dass Krusenstern nun wieder im Rennen ist. Offenbar verstehen auch sie die Regeln nicht ganz. Aber nach welchen Regeln würfeln die Affen? Der Personalchef hängt seinen Golfpullover in den neuen Wind, die Trainerin nimmt erneut seine Daten auf. War ja alles schon gelöscht.

Mitten im Gespräch entspringt ihr eine flammende Rede über Würde und Selbstachtung. Sie ahnt, dass die Probleme des Krusenstern bald auch die ihren sein werden.

Adam entwickelt seine Strategie zur Würdebewahrung, reicht die innere Kündigung ein und geht auf Sabotagemission am Betriebsklima. Auch übt er schon mal Fiesigkeit am schwächsten Glied der Kette, alles natürlich präzise abgehört von Sandors Spielzeugen. Dennoch will der ihn haben, für die Skeptiker-Rolle ist er die Idealbesetzung.

Schlussszene. Während Sandor von der Old-School-Vorstellung des Krusensternschen Meetings schwärmt und dieses am nächsten Tag mit seinem neuen Team als Retro-Kapitalismus zelebrieren will und die Personaltrainerin plötzlich nicht mehr gebraucht wird („Danke, wir melden uns“), verschwindet der Personalchef vollumfänglich in Krusensterns Gesäß.

Davon unangenehm aufgestoßen, steht Adam die ganze Absurdität der Situation plötzlich klar vor Augen. Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Weiterbeschäftigung? Er geht ab, ob er den Personalchef vorher noch ausscheidet, ist nicht zu erkennen. Den Dank, Firma, begehr ich nicht.

Game over.

Wie kommen Menschen mit den immer schnelleren Veränderungen in der Arbeitswelt zurecht? Wie agieren Menschen in Systemen, die sie nicht mehr verstehen? Wie reagieren Menschen auf die Tatsache, dass man sie als nicht mehr brauchbar einschätzt? Wie fühlen Menschen, die heute noch Vollstrecker und morgen schon Aussortierter sind? Wie gehen Menschen mit Macht um?

Alle diese Fragen werden angerissen in Hübners Stück, logisch, dass sie nicht komplett beantwortet werden können. Aber er bereichert damit eine Diskussion über mindestens zwei Zukunftsthemen, nämlich der von Personalchefs gerne so genannten „Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer“ (welche inzwischen bei Mitte Vierzig beginnen) und ganz nebenbei auch zur Relevanz von virtuellen Werten in der Ökonomie. Die Gegenpole Sandor und Krusenstern (alle anderen Figuren sind nur Mittel zum Zweck) repräsentieren die alte und die neue Welt, wobei das Neue nicht unbedingt gut sein muss, nur weil es das Neue ist. Irgendeiner muss den Jungen auch erklären, dass ein Geldschein nicht größer wird, wenn man mit der bekannten I-Geste zwei Finger auf ihm spreizt.

Ich habe zahlreiche nachdenkliche Gesichter nach draußen gehen sehen, unter den meisten waren Krawatten befestigt. Der nächste Tag wird ein Montag sein, da wird Vielen Vieles bekannt vorkommen.

Nach „Frau Müller muss weg“, jener Cash-Cow des Staatsschauspiels, wo es sehr präzise um den vergleichsweise beschränkten Bereich der Schullaufbahnwahl der lieben Kleinen ging, dreht Lutz Hübner jetzt ein größeres Rad, ist dabei aber ebenso genau in den Beobachtungen und hellsichtig in den Prophezeiungen. Man sollte das Stück (auch) auf Aktionärsversammlungen spielen.

Last but not least wie immer die Schauspieler:

Julia Keiling und Annedore Bauer als Gäste standen in den großen Pumps von Ina Piontek und vor allem Christine Hoppe, die die Premiere bestritten hatten. Frau Hoppe (auf deren baldige Wiederkehr sicher neben mir sehr viele hoffen) hatte ihre Personaltrainerin weiter nach vorne in der Wahrnehmung gebracht, Frau Bauer spielte zurückhaltender. Letzteres hilft sicher der Konzentration auf die beiden Antipoden, auch wenn die Ella in ihrer Ahnung, dass auch sie bald zu den Krusensterns gehören wird, eine sehr interessante Figur ist.

Thomas Eisen ist sehr präzise besetzt, eine Rolle wie für ihn gemacht, der er ohne Abstriche gerecht wird.

Christian Clauß in seiner ersten größeren Arbeit (noch als Student begonnen) sehr sehr authentisch, mit jeder Faser das verwöhnte Jüngelchen, dessen Spielzeug immer größer wird, dem man wegen seines wachen Interesses und seiner Begeisterungsfähigkeit aber nicht wirklich böse sein kann.

Der Krusenstern ist eine Figur, bei der man vorsichtig sein muss: Zu viele können da aus eigenem Erleben mitreden. Philipp Lux nimmt sich der Aufgabe in äußerst sensibler Weise an, er zeigt keine Karikatur, keinen Revoluzzer, auch kein Opfer, sondern einen Menschen, der die Welt um sich herum nicht mehr versteht und deshalb zweifelt, ob er noch dazu gehört. Bravo.

Ich las mit Freude, dass das Stück auch in dieser Saison auf dem Spielplan stehen wird. Also noch viel Zeit, um meiner Empfehlung zu folgen: Unbedingt ansehen!