Tafelrunde – Next Generation

Tafelrunde – Next Generation

„Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst, eine Produktion der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden mit Dresdner Jugendlichen, Regie Kristo Šagor, Premiere am 27. September 2014

Hier der Bericht:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_merlin_buergerbuehnedresden.php

Thälmannstraße 89/4: Der Stoff, aus dem die Seife ist

Montag, 22.09., Helden zeugen

Das Ganze muss heroischer werden, findet Redakteur Helmstedt, ein sich sträubender Autor lässt seinen Jens schließlich in der FDJ-Versammlung Partei für die von Studienplatzverlust bedrohte Johanna ergreifen, was ihn um den Fackelzug in Berlin bringt. Direktor Rothe ist not amused über das Ausscheren seines bisherigen „Hundertzwanzigprozentigen“, das wird sicher auch dem Herrn Vater nicht lang verborgen bleiben.

Die Rahmenhandlung bietet aber weiterhin mehr, diesmal einen Anruf der Programmchefin und eine neue Direktive: „mehr Doku-Drama, keine Schmonzette“. Da auch schon eine Alternative bereitsteht, fünfzehn Interviews mit den üblichen Verdächtigen, lässt sich Helmstedt zu einem beachtlichen Klageruf mit Aufzählung der vermuteten Protagonisten hinreißen. (Wenn das mal nicht Arnold Vaatz erzürnt, liebes Figaro, zum einen allgemein ob der insubordinanten Klage, zum anderen, weil sein Name in den Top 15 der Wende nicht vorkommt.)

Im Figaro-eigenen Netz entspinnt sich inzwischen anhand der letzten Wochenzusammenfassung der Teichelmauke eine Debatte über den Realismus der Serie und die dafür gewählte Form. Eine Diskussion, die den zu unterstreichenden Satz „Nun sind wir bei FIGARO – Gott sei Dank – nicht die Siegelbewahrer der historischen Wahrheit“ enthält, sicher noch ausbaufähig und hier nachzulesen ist:
http://meinfigaro.de/inhalte/b549525a2ef2fe09

Was allerdings verblüfft beim Sichten der Figaro-Seite, ist die Möglichkeit, die kommenden beiden Beiträge schon vorzuhören.
Gut, das mindert mir einige Terminzwänge, entspricht aber so gar nicht den klassischen Gepflogenheiten. Aber der Inhalt der Folgen ist ja jetzt schon bis zum Ende nachlesbar (mit sehr schönen Bildern der Aufzeichnung übrigens), auch eine Art von „Glasnost“.

Mittwoch, 24.09., Bisschen Heftig

Diesmal wird starker Tobak geboten: Im Wendeherbst erlebt Markus auf eine Schwangere einprügelnde Polizisten und ist davon so schockiert, dass er sich auch von Johanna nicht von seinem Vorhaben abbringen lässt, umgehend das Land zu verlassen. In ihrer Verzweiflung ruft jene die unlängst erhaltene Nummer an …

Auch drumherum ist es nicht spaßig. Redakteur Helmstedt will ob der erlittenen Einnordung durch die Sendeleitung seine Sachen packen, er hätte doch andere Ideale von Pressefreiheit gehabt, als er 90 hier rüber kam. Erstaunlich, dass ihm das in 25 Jahren erstmals passiert sein soll. Autor Bentwisch spendet erfolgreich Trost und Helmstedt waltet wieder seines Amtes, sprich er verlangt eine Entschärfung der Prügelszene, das sei ja wohl nichts für das Frühprogramm.

Hm. Diesmal hat man Mühe, den Handlungen zu folgen, es geht doch etwas fix, das Formatproblem zeigt sich wieder.

Freitag, 26.09., Große Gefühle

Johanna wird vom Autor rehabilitiert, nein, sie hat nicht verpfiffen, sondern im letzten Moment aufgelegt. Des Redakteurs Weltbild ist vorerst gerettet. Überhaupt ist der erstaunlich emotional bei der Sache, ist doch gar nicht seine?

Derweil sitzt Johanna im Wendeherbst bei Markus Mutter in der Küche, der Verlust verbindet. Prompt klingelt das Telefon, der Getürmte meldet sich aus der Prager Botschaft, was Mutter und Freundin durchaus unterschiedlich aufnehmen. Letztere gibt ihm fernmündlich den Laufpass, eilt hernach reichlich erschüttert in den Hausflur und fällt dem verdutzten Jens in die Arme. Der darf den Tröster geben, es schmatzt vernehmlich, doch vor dem zwischenzeitlichen Happy-End wird diskret abjeblendt.

Redakteur und Autor sind gerührt von der Geschichte, es ist eine tränenreiche Folge. Und der folgende Musiktitel ist wieder fein ausgewählt, „bridge over troubled water“, natürlich gesungen von Johnny Cash und Fiona Apple, jetzt bin auch ich angefasst.

Thälmannstraße 89/3: Nach der Aktion ist vor der Anwerbung

Montag, 15.09.14, Der Funk-Turm

Das anfängliche Klaviergeklimper nervt etwas.
Redakteur Dr. Helmstedt fordert „Mehr Tiefe“, dem kann ich mich anschließen. Vermutlich hat er aber andere Vorstellungen als ich. Etwas wie der Turm soll es werden, nur halt im Radio, kein Lindenstraße im Dederonkittel.
Da müsste man dem Ganzen aber etwas mehr Zeit einräumen, so bleibt es bei Ansätzen. Es geht heute um die Pleiße-Aktion, also das Skelett in der Badewanne vor den Augen des Chemie-Ministers. Jener und sein Gastgeber, Erster Sekretär der Bezirksleitung, erfüllen jedes Klischee.
Dann die Wanne vor dem Parteihaus und eine Protestbriefübergabe, sirenenumheult. Die Provokateure werden festgenommen, in echt wäre das wohl mit weniger Aufsehen geschehen.
Dass der Genosse Minister dann festlegt, wegen der angegriffenen Gesundheit des Politbüros diesem eine weitere Aufregung zu ersparen, den Vorfall zu vertuschen und die feindlich negativen Kräfte laufenzulassen, wirkt etwas konstruiert, ist aber vermutlich dramaturgisch notwendig.

Kurz nach der heutigen Folge hört man einen Trailer für den abendlichen Radio-Tatort. Vielleicht wäre das ja das bessere Format gewesen.

Mittwoch, 17.09.14, Welche Rolle spielst Du?

Markus kehrt zurück, unversehrt und nach einem kurzen Aufenthalt in der runden Ecke wieder freigelassen. Das erregt neben Johannas Freude auch erstmal deren Argwohn, aber außer dem Versprechen, nichts über die Sache zu erzählen, hat er nichts unterschreiben müssen. Wackelt etwa schon die allmächtige Stasi?

Zwischenzeitlich gibt der Erste Sekretär den Anschiss an Oberstleutnant Bentwisch weiter. Wie konnte das denn passieren, Genosse? Die Lage nicht mehr im Griff? Der Mann von der Sicherheit muss zugeben, dass sein IM in der Umweltgruppe außer Gefecht gesetzt sei, er habe sich in der konspirativen Wohnung mittels Ausrutschen das Bein gebrochen. Auch dies ein kleiner Treppenwitz der Geschichte.
Zur Wiedergutmachung bietet Bentwisch an, Johanna, die Freundin des Rädelsführers Markus und Banknachbarin seines Sohnes Jens, nun besonders ins Auge zu fassen, mit den üblichen Methoden. Die Geschichte gewinnt anscheinend an Dramatik.

Parallel lanciert MDR Figaro nun eine weitere mediale Begleitgabe zur Serie, diesmal sogar interaktiv: Ein Fragebogen, mit dem man seine Rolle in der Serie bestimmen kann. Stasi oder Widerstand, West-Redakteur oder Mitläufer?
Das ist ganz witzig, solange man es nicht zu ernst nimmt und drauf achtet, dass sich alle Fragen auf die Wendezeit beziehen und nicht auf die Gegenwart.
(Ich selber wäre übrigens eine Mischung aus Johanna, Schuldirektor und Markus, was mir nicht unplausibel ist)

Freitag, 19.09., Die Versuchung der Hl. Johanna

Es plätschert dahin, findet Redakteur Helmstedt, ein Knüller wäre gut, vielleicht eine Enthüllung … Der Klarname des IM in der Umweltgruppe scheint das Gewünschte zu sein, ist es aber dann doch nicht, da dessen Träger inzwischen im selben Funkhaus in höheren Etagen wirkt. Hübsche Idee, für mich der Höhepunkt bisher.

Johanna wird derweil zum Direktor gerufen, eigentlich eher zu dessen Besucher, der die Jugendfreundin mit der Notwendigkeit bekannt macht, für ein Medizinstudium nicht nur fachlich, sondern auch moralisch geeignet zu sein, woran in Johannas Falle wegen ihres Umgangs erheblich zu zweifeln wäre.
Den Gegenbeweis könne sie antreten, in dem sie künftig ein paar Berichte fertige, nichts Schlimmes, nur was man in der Gruppe „Initiative Grün“ (blöder Name übrigens) so vorhabe …
Formatbedingt fällt die Anwerbung sehr kurz aus, nach drei Minuten wird Johanna eine Telefonnummer in die Hand gedrückt, mit der Aufforderung, sich alsbald zu melden.

Dr. Helmstedt kann sich zwar nicht vorstellen, dass die Heldin darauf eingehen könnte, aber Bentwisch weiß es besser. Außerdem ist letztlich er der Herr der Geschichte.

Eine instrumentale Fassung von Karussells „Als ich fortging“ schließt sich an die heutige Folge an, das ist hübsch ausgesucht.

Der Mörder ist immer der Fremde

„Wir sind keine Barbaren!“ von Philipp Löhle, Regie Barbara Bürk, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 13. September 2014


Barbara Bürk hat das Ganze zu einer runden Sache zusammengefügt, vor allem gelingt es ihr, die Kurve vom boulevardesken Start zu den sich am Ende im Fünf-Minuten-Takt ändernden Extremkonstellationen zu bekommen, ohne Verwirrung zu stiften. In seiner Überspitzung ist dies alles andere als ein leicht zu inszenierender Stoff, die Versuchung des schlichten Agitproptheaters ist latent vorhanden, doch zum Glück gibt Barbara Bürk ihr nicht nach.
Man nimmt mehr Fragen als Antworten mit nach Hause, und so soll es doch auch sein.

http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/premierenkritik_wirsindkeinebarbaren_staatsschauspieldresden.php

Thälmannstraße 89/2: Sie entwickelt sich, die Geschichte.

Mittwoch, 10.09., Ein Skelett für den Minister

Alles wirkt diesmal ein wenig konstruiert, klischeehaft und im (formatgerechten) Schnelldurchlauf. Das fängt mit den Trabi-Klängen an, geht weiter in der Szene im Kirchenkeller, die anfangs wie ein FDJ-Lehrjahr anmutet, dann aber plitzplatz in eine heftige Auseinandersetzung über die Formen des Protestes mündet und in einem klassischen Stellvertreter-Konflikt in der Redaktion zwischen westlicher Revolutionsromantik und nicht verarbeiteten Wende-Komplexen Ost gipfelt.
Bisschen viel auf einmal, wobei die beiden Handlungsebenen auf jeden Fall eine gute Idee sind.

Markus, der Rivale von Jens, wird ins Geschehen eingeführt, er nimmt Johanna mit zu besagtem Treffen der Umweltgruppe und schert dann aber mit seiner kühnen Idee für eine Aktion aus der Gruppe aus. Welches Mädchen sich ihm anschließt, lässt sich anhand der Stimmen nicht klären, es wird wohl plot-gerecht Johanna sein.

Dass die Geschichte schon nach dem ersten Teil umfänglich anmoderiert und erklärt werden muss, weist auf das Problem der übergroßen Stofffülle für das verwendete Format hin. Aber vielleicht sind das nur die Anfangsschwierigkeiten.
Immerhin wird das Projekt im Netz umfangreich und lesenswert begleitet, da kann man einiges nachlesen.

Freitag, 12.09., Bei Stasis zu Hause

Diesmal ein Familienidyll made in GDR, die Familie Bentwisch versammelt sich vor dem Fernseher und lauscht dem montäglichen Karl-Eduard. Der Genosse Oberstleutnant des MfS hat auch am heimischen Herd die Hosen an, seine Gattin ist allenfalls als Echo zu hören. Aber als der Vater den Junior als Spitzel gegen die frisch bestallte neue Klassenlehrerin Frau Wagner gewinnen will, deren Offenheit im Unterricht ihm so gar nicht behagt, täuscht jener Mathe-Hausaufgaben vor und zieht sich zurück.
Dass Autor Bentwisch danach in der Rahmenhandlung einen Flashback erleidet und das Lied der Tschekisten anstimmt, erschließt sich nicht so ganz. Immerhin bietet Redakteur Dr. Helmstedt mitfühlend Wasser an und beweist damit soziale Kompetenz.

Erste Zwischenbilanz:

Im Schach würde man sagen, die Eröffnung ist vollzogen, nun geht es ins Mittelspiel. Die Figuren sind nun alle auf dem Feld, die Züge waren nicht sehr überraschend, aber immerhin hat man eine interessante Konstellation auf dem Brett.
Oder mal Klartext: Am besten gefällt mir immer noch die Idee der zwei Ebenen, Redaktion heute, reales Leben damals. Das bietet noch sehr viele Möglichkeiten (bis hin zur dramaturgischen Korrektur des Geschehens).
Die handelnden Personen entstammen klaren Typisierungen, angesichts der Kürze des Formats ist die Handlung zum Galopp gezwungen und wird damit oft arg schematisch. Mal sehen, ob es in der nächsten Woche mehr in die Tiefe geht. Aber hörenswert ist es bislang allemal.

Reif für die Inseln

„Schöne neue Welt“ nach dem Roman von Aldous Huxley (Theaterfassung von Robert Koall) am Staatsschauspiel Dresden, Regie Roger Vontobel, Uraufführung am 12. September 2014


Was war dies nun?

Die Uraufführung eines Stücks Weltliteratur am Theater – schon das ist Grund zur Freude.
Die stimmige Übertragung dieses Textes auf die Bühne – man kann dabei gern von großer Werktreue sprechen.
Ein sinnliches Ereignis? Teils. Die Musik trug sehr zur Atmosphäre bei, das Bühnenbild bot manchmal Überraschendes, die Kostüme hatten ihre eigene Sprache, aber es fehlte die große Linie dahinter.
Die Interpretation eines immerhin achtzig Jahre alten Stoffes unter Verarbeitung der Weltgeschichte seitdem? Nein. Das bleibt folgenden Produktionen vorbehalten.

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_schoeneneuewelt_staatsschauspieldresden.php

Thälmannstraße 89 – Balatonitis

Eine Radio-Soap (oder auch acoustic novel) in fünfzehn Teilen, fünf Wochen lang ab dem 8. September jeweils Mo / Mi / Fr, 8.40 Uhr und 17.40 Uhr, auch zum Nachhören auf
http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/thaelmannstrasse89/verteilseite3320.html

Ein vielversprechender Auftakt: Die Rahmenhandlung mit dem verantwortlichen und westgeborenen Redakteur Dr. Helmstedt (sic!) des „öffentlich-rechtlichen Qualitätsradios“ und dem für ein Wende-Hörspiel vorgesehenen Autor Jens Bentwisch (zur Wende gerade 18 und mittendrin in Leipzig) führt elegant ins Thema ein. Es soll eine authentische Geschichte von ´89 erzählt werden, dem skeptischen Autor wird beschieden: „Sehen Sie es als Chance!“

Dessen Erinnerungen versetzen ihn in ein Klassenzimmer der EOS „Nikolai Ostrowski“. Die neue Zwölfte beginnt das Schuljahr leicht dezimiert, vier Schüler und der Klassenlehrer fehlen, „Balatonitis“ vermutet man tuschelnd in der Klasse, als der Direktor Rothe auf eine krankheitsbedingte Abwesenheit verweist.
Damit wird allerdings auch ein Platz neben Johanna frei, den Jens – nach korrektem Lenin-Zitat – zart errötend einnehmen darf. So hat halt alles sein Gutes, die Angebetete rückt ihm zumindest physisch näher.

Ansonsten haben sie nicht viel gemeinsam, die Junge Gemeinde – Schwester und das Bonzensöhnchen, dessen Vater – wie später zu erfahren sein wird – als Oberstleutnant der Staatssicherheit einen sehr eigenen Blick auf die Geschehnisse hat. Doch wir sind ja noch ganz am Anfang der Geschichte.

Die Klasse diskutiert derweil – es ist nun mal grad dran im Lehrplan – Lenins Definition einer vorrevolutionären Situation (die einen können nicht mehr wie bisher und die anderen wollen nicht, man erinnert sich?), historisch natürlich, aktuelle Bezüge werden vom Lehrer wegdefiniert, es gibt schließlich keine Unterdrückung in der Deutschen Demokratischen.

Das Ganze weckt Interesse.
Figaro hat in diesem Segment schon einiges Hörenswerte produziert, und sich auf diese Weise mit dem allgegenwärtigen Thema „25 Jahre Wende“ zu beschäftigen, ist keine schlechte Idee.
Dass man auf der sendereigenen Web-Seite dann aber schon die Story im Groben nachlesen kann, dient zwar der Befriedigung der eigenen Neugier, nimmt dann aber doch einiges an Spannung. Dennoch, ich werde dranbleiben, auch weil ich „damals“ nur unwesentlich älter als die Protagonisten war. Da kann ich mitreden.

Kleingießhübel – Eine Reiseempfehlung

Am Ende der Lindenstraße beginnt die Wildnis, wo das Krümelmonster haust und Glückspilze massakriert werden. Die Wildnis nennt man auch Kleingießhübel, Stadt der Friseure mit der Spezialisierung auf Pechsträhnen. …

„Wildnis“, ein Landschaftstheater mit Bewohnern der Sächsischen Schweiz
Kooperation der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna, der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden und Theater ASPIK

http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/urauffuehrung_wildnis_staatsschauspieldresden.php

Den großen Spaß, dieses Spektakel anzuschauen, hat man leider nur noch am nächsten Wochenende: Am 13. und 14. September jeweils um 15 Uhr vor Ort in Reinhardtsdorf-Schöna, Sporthalle. Der Shuttle-Bus fährt jeweils 13.30 Uhr vom Staatsschauspiel Dresden.
Dies ist auf absehbare Zeit die letzte Gelegenheit, ein Landschaftstheater in dieser Gegend zu erleben. Es wird dringend zugeraten.

Fast das halbe Sachsen

Immerhin: Fast jeder zweite Mensch in Sachsen, der dazu berechtigt war, unterzog sich der Mühe, an einem August-Sonntag, dem letzten der Sommerferien, sich in eines der etwa 4.000 Wahllokale zu begeben und an der politischen Willensbildung teilzunehmen. Beziehungsweise tat er das schon früher per Briefwahl, eine Form, die immer beliebter zu werden scheint (in Dresden tat dies ein knappes Sechstel aller Wahlberechtigten).
Wenn man noch die ungültigen (Listen-) Stimmen herausrechnet, wurde der neue sächsische Landtag von gerade mal 48 Prozent der Bevölkerung gewählt.

Am Ende entschieden dabei wenige hundert Stimmen über das Unterschreiten der Fünf-Prozent-Hürde durch die NPD und auch über deren (finanzielles) Schicksal. Den Ärger über die zeitweilige Rettung der Strukturen der Neo-Nazis hat sich der Freistaat knapp erspart, und auch deren Kosten.

Die CDU möge das nicht feiern: Ihr ist es zu verdanken, dass der Wahltermin an das Ende der Ferien fiel. Still und geräuschlos sollten Wahl und Wahlkampf ablaufen, dafür nahm man auch eine historisch niedrige Wahlbeteiligung in Kauf, die tendenziell eher den kleinen Parteien nutzt.
Während ihr Lieblingskoalitionspartner jedoch auch diese Hilfestellung nicht nutzen konnte und die AfD sich letztlich in ganz anderen Regionen bewegte, hätten die Christdemokraten sich nun fast den Titel „Steigbügelhalter der NPD“ verdient, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Die FDP, deren Vorsitzender Zastrow sich am Wahlabend ratlos zeigte, was man noch mehr hätte unternehmen können, scheiterte letztlich deutlich, auch wenn man sich noch so deutlich vom Bund und „von Berlin“ abgrenzte, die Marketing-Maschine in den letzten Wochen auf Hochtouren lief und das FDP-geführte Wirtschafts- und Verkehrsministerium zuletzt die Förderbescheide öffentlichkeitswirksam im gefühlten Stundentakt ausreichte und noch jeden neu gebauten Papierkorb feierlich einweihte. Da wurde ein totes Pferd geritten, um in der Sprache der Werber zu bleiben.
Man darf gespannt sein, ob in den nächsten fünf Jahren ein Wiederaufbau gelingt und vor allem in welche Richtung er geht. Auch die kommunalpolitische Basis ist deutlich schmaler geworden, und die AfD steht sicher bereit, die Insolvenzmasse zu übernehmen.

Erfahrung mit Insolvenzen hat sie in Sachsen ja, auch wenn diese Anmerkung nicht ganz fair ist. Wer zehn Prozent holt, der muss schon ernst genommen werden, selbst wenn er inhaltlich kaum greifbar ist und eher vom diffusen Unbehagen des Wahlvolks lebt. Der zweite Einzug in ein Parlament nach dem der EU ist sehr ärgerlich, war aber zu befürchten, und er wird sicher auch nicht der letzte bleiben. Dennoch, in welche Dschungel man als Rechtspopulist geraten kann, lässt sich aktuell an Ronald Schill betrachten, die AfD wäre nicht die erste Shooting-Star-Partei, die sich im politischen Alltag schnell entzaubert.
Die Tatsache, dass die Sitze rechts der CDU seit heute verdoppelt haben, ist jedoch eindeutig die schlechteste Nachricht des Abends.

Überhaupt, die CDU: Die hat vor allem die Weisheit berücksichtigt, dass man, wenn man nichts mache, dann auch nichts Falsches täte, und ist mit dem Landesvati-Image von Herrn Tillich gut gefahren. Dennoch schmolzen auch deren Wählerstimmen, vor allem in absoluten Zahlen, langfristig weist der Trend stetig nach unten. Da wird man sich etwas einfallen lassen müssen in fünf Jahren, das über die Ball-Halten-Taktik hinausgeht.

Aber erstmal kann man sich den neuen Koalitionspartner aussuchen. Es dürfte in der CDU einige geben, die nicht die Natter Dulig am Regierungsbusen nähren wollen, der seiner SPD einen Zuwachs von über zwei Prozent bescherte, was in Sachsen immerhin ein Viertel des bisherigen Ergebnisses bedeutet. Man kommt dort aus einem tiefen Keller, aber es ist zu erwarten, dass ein Minister Dulig in fünf Jahren nochmal deutlich zulegen könnte.
Die Grünen hingegen sind in dieser Beziehung weniger gefährlich, aber inhaltlich deutlich sperriger. Nach einem Wahlergebnis, das man auch beim besten Willen nicht als Erfolg bezeichnen kann, vom Wiedereinzug ins Parlament vielleicht abgesehen, der auch nicht ganz sicher war, werden sie vsich wohl kaum der Zerreißprobe aussetzen wollen, die eine Koalition mit der in Sachsen besonders konservativen CDU bedeuten würde.
Aber nun wird erstmal verhandelt.

„Außen vor“, wie der Wessi sagt, bleibt dabei die Linke. Trotz eines stabilen Ergebnisses von knapp 20 Prozent fehlt ihr anders als in Thüringen dank der Schwäche der potentiellen Partner eine Machtoption. So stellte man sich schon kurz nach der Wahl weiter als DIE Opposition in Sachsen dar und richtet sich auch für die nächsten fünf Jahre in dieser Rolle ein, die zumindest keine unpopulären Entscheidungen erfordert.
Die Piraten bewegen sich inzwischen auf dem Niveau der Tierschutzpartei, ihre großen Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Freie Wähler können in Sachsen weiterhin nicht landen, und auch alle anderen Parteien spielen keine Rolle.

Wenn man – natürlich rein theoretisch – die AfD als eine Kreuzung aus FDP und NPD begreift, hat sich in Sachsen so gut wie nichts geändert an diesem Abend. Nur der Juniorpartner der CDU wird ein neuer werden.

Hiddenseeer Elegien gebündelt