Kategorie: Kultur

Einmal gegen Alles mit scharf

Volker Lösch knöpft sich in Dresden die Weltprobleme vor

CANDIDE ODER DER OPTIMISMUS, nach Voltaire mit Texten von Soeren Voima, Regie Volker Lösch, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 24. Januar 2026

Die Intendanten-Dämmerung in Dresden hatte sich heuer eigentlich ganz gut angelassen, vor allem im Kleinen Haus waren viele spannende Stücke zu sehen, Die Bakchen seien besonders hervorgehoben. Diese Candide-Inszenierung trübt den Eindruck leider wieder, offenbar mangelt es an einer kritischen Qualitätssicherung, wenn Teile der Hausspitze selbst involviert sind. So bleibt nur der bisherige Saison-Tiefpunkt zu vermelden, trotz des zweifellos honorigen Ansatzes.

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Einer für alle

„Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann in der Fassung von Sophie Scherer und Nicolai Sykosch, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 6. September 2025

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Zusammenfassung:

Das Stück passt in Zeit und Landschaft, soweit ist der Ansatz nachvollziehbar und eine gute Botschaft im vorletzten Jahr der Clementschen Dekade. Aber ob man bei der Spielzeitplanung schon von der Münchner Inszenierung von Jette Steckel wusste, die die Latte verdammt hoch hängte? Die Brillanz der Kammerspiele wurde nicht erreicht, aber es war ein ordentlicher Start, mit einigen Höhen und Tiefen.

Trotz des Premierenjubels am Ende: Das Stück lebt wie wenig andere von der Präsenz der Haupt- und Titelfigur, und da blieben Wünsche offen. Nadja Stübiger wirkte zu häufig als Frau, die einen Mann spielt statt als Höfgen, der jede Rolle spielt, die man grad von ihm erwartet.

Es ist im Stück nicht angezeigt, daß sich andere Figuren mehr als die Hauptrolle profilieren. Hier jedoch gelang es Christine Hoppe (originellerweise die Tochter des erwähnten Rolf), aber auch Anna-Katharina Muck und (in der Rolle des Ministerpräsidenten) Hans-Werner Leupelt, in die Lücken hinein eigene Glanzlichter zu setzen.

Wenn die Schauspielkunst nicht zufriedenstellt, hat das vor allem mit dem Regisseur zu tun. Nicolai Sykosch besitzt eine gute Hand für das Komödiantische, Stücke mit größerer Tiefe sind seine Sache offenbar nicht. Das wurde schon beim „Besuch der alten Dame“ schmerzlich deutlich und war diesmal nicht viel anders. Hier braucht es auch einen ernsthaften spielerisch-dramatischen Zugriff, der die doppelten Böden offenlegt, es reicht nicht, das nur über den Text transportieren zu wollen.

Erwähnenswert war (nach der anfänglichen Sparsamkeit) noch die Bühne von Stephan Prattes, vor allem die Spiegelung des Blicks an der vierten Wand und die damit erzeugte Illusion, vom Zuschauersaal aus in den selbigen Saal des großen Hauses zu schauen. Die textlichen Ergänzungen (vermutlich von der Dramaturgin Sophie Scherer) z.B. zur Homophobie legten Spuren ins Heute, auch das fand ich gelungen.

Überhaupt war für mich erneut erschreckend, wie aktuell dieses Stück ist. Sind wir in einer ähnlichen Situation wie vor 95 Jahren? In München mag das noch ein Gedankenexperiment gewesen sein, in Sachsen und den anderen östlichen Bundesländern ist das eine realistische Variante.

Reichlich Stoff zum Nachdenken liefern – diese Aufgabe eines Theaterabends wurde ungeachtet der kritischen Anmerkungen voll erfüllt. Ich empfehle, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Wiedergutmachungstheater

Ein Stück über institutionellen Rassismus:
„Ausgehend von Recherchen und Interviews mit Betroffenen und Opfern rechter Gewalt untersucht sie (die Autorin), wie staatliche Behörden und Instanzen bei der Ermittlung gegen rassistisch motivierte Verbrechen versagen.“ (Quelle: staatsschauspiel-dresden.de)
Darf man das überhaupt schlecht finden? Ja. In diesem Falle: Man muss.

Das Publikum wird hier mit der Keule des Mitgefühls in Geiselhaft genommen, um sich anderthalb Stunden eine unausgegorene Anklage gegen den Staat und wen-auch-immer anzuschauen. Gut Gemeintes ist selten gut, was leider hier erneut bewiesen wurde. Schade.

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Noch’n Gedicht

Macht aus allem ein Gedicht,
Cyrano, der Größewicht.
Mit seinem richtig großen Zinken
glaubt er wohl, er würde stinken.
Und so fehlt ihm bei Roxane der Mut,
folglich wird rein gar nichts gut.
Christian hingegen ist ein Schöner,
Hat Appeal wie kaum noch eener.
Im Gemüte eher schlicht,
Dies stört die Dame aber nicht,
Weil die nöt’ge geistig Zutat,
Cyrano dazu in petto hat.
Der führt dem Tumben Stift und Zunge,
Damit das Liebeswerk gelunge.
Verliebt sind beide über alle Ohren,
Nur geht der Stenz im Kriege bald verloren.
Doch nüscht wird’s mit dem Happy-End,
Das hat der C. dann auch verpennt.
Erst knapp vorm Tode klärt sich die Geschicht,
nur das nutzt den Helden nicht.
Am Ende ist viel Herzeleid,
hätt man nur eher mal gefreit.

Doch theatral war’s eine Wucht,
die ihresgleichen lange sucht.

„Cyrano de Bergerac“, von Martin Grimp, Regie Nicolai Sycosch, Premiere am 30.11.2024 im Staatsschauspiel Dresden

Nicht grausam ist gut

Für den Graben

Where did you sleep last night – Jagos Theaterpuzzle

Die Klassenfrage im Sommertheater

Nicht Dürrenmatts Humor

DER BESUCH DER ALTEN DAME, inszeniert von Nicolai Sykosch, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 5. April 2024

So kann man das nicht machen, Herr Regisseur.

Friedrich Dürrenmatts Neo-Klassiker ist vieles, eine Fabel über die menschliche Gier, eine Abhandlung über Schuld und Sühne, ein Bericht über ein soziales Experiment, und ja, auch eine Komödie.

Aber, mit Verlaub, Herr Regisseur, keine der Art „ich lass meine Protagonisten am Anfang möglichst dämlich aussehen, da kommt der Spaß von ganz alleine“. Wenn man so gründlich falsch abbiegt wie vor der Pause, findet man im Normalfall den Weg nicht mehr zurück in eine dem Stück, dem Autor und auch dem Hause angemessene theatrale Form, da mögen sich einzelne Darsteller noch so abstrampeln, Herr Regisseur, es bleibt verhunzt und wird nicht mehr originell. 

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Triumpf des Willens über die Vorstellung

Atlantis – die Welt als Wille und Vorstellung, ein Musik-Theaterabend von Sebastian Hartmann und PC Nackt
Uraufführung 27.01.2024 im Staatschauspiel Dresden, https://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/a-z/atlantis/

Der Enkeltrick bei der Rezeption von Regietheater besteht darin, die Unbegeisterten der geistigen Armut zu verdächtigen. „Das ist so gut, verstehst du das nicht? Fehlt dir vielleicht der intellektuelle Zugang?“ Und da das Bildungskleinbürgertum nichts mehr fürchtet, als aus dem erlauchten Kreise der geistigen Oberschicht ausgeschlossen zu sein, jubelt es, wenn Jubel angezeigt scheint. „Steht auf, wenn ihr Experten seid!“

So erklärt sich zumindest Teichelmauke® die Begeisterungsstürme, die heute abend durch das Dresdner Theater fegten. Am Inhalt kann es nicht gelegen haben, vielleicht an der Opulenz von Bild + Ton, aber ein gewisser Anteil an vorbeugendem „Auch-dafür-sein“ wird sich wohl dazwischen gemischt haben.

Wir lernen im Programmheft, daß Hartmann „keine Handlungsfolge und keine Figuren im Sinne eines traditionellen Dramas benötigt“, um seine „musikalisch strukturierte Form und eine plastische Installation im Bühnenraum“ stattfinden zu lassen. Die Trauben sind mir viel zu sauer, sagte der Fuchs, als er nicht rankam, und auf diese Weise lässt sich vieles rechtfertigen. Dennoch lege ich hier den Maßstab des Theaters an, auch wenn sich der Basti Hartmann längst in höheren Sphären wähnt.

Zum Bühnenbild lässt sich sagen, daß es jeder Walldorfschule als Klettergerüst dienen könnte, so frei von Ecken und Kanten wie es ist. Geklettert wurde allerdings nicht an diesem netten Stück Kunsthandwerk, aber es fuhr ein paarmal bedeutungsschwer rauf und runter.

Überhaupt war in jeder Sekunde viel Bedeutung zu spüren, oder zumindest der feste Wille dazu, sei es bei den dramatischen Gesten im Halbdunkel, beim seitwärtsschreitenden Chor, beim an die Ritter der Kokosnuss erinnernden Reiten ohne Pferd oder dem viermal wiederholten „la la la la“, nachlesbar im Libretto. Tatsächlich wird der im Programm abgedruckte Text so bezeichnet, was raffiniert ist, weil man ja um die häufige Sinnfreiheit in der Oper weiß. Die Veröffentlichung ist allerdings auch leichtsinnig, weil man den Stuss damit nachlesen kann und sich nicht der Mantel des Nicht-Verstehens oder Gleich-Wieder-Vergessens drüber breitet. Und so lässt sich manch literarische Kostbarkeit wie „der Kreis ist rund Augen voller Farben wie ein Hund im Feuer voller Narben“ für die relative Ewigkeit erhalten.

Im Kern geht es um eine Bebilderung und Vertonung des Schopenhauerschen Lehrsatzes „Die Welt ist meine Vorstellung“. „Ein Satz, den Jeder als wahr erkennen muss, sobald er ihn versteht“ (vergleiche Enkeltrick). Hartmann erweist sich auch diesmal als der Leni Riefenstahl des Theaters und setzt auf Masse, Volumen, Bilderfluten, Oratorien und meist heroische Musik (deren Schöpfer PC Nackt zwar erst in einem lächerlichen Auftritt mit einem unsichtbaren Heiligen Geist der Theatermusik die Szenerie betritt, sich danach aber als rahmengebender Virtuose zeigt) sowie bedeutungshuberndes Getänzel, was eine Verbindung zur reformatorischen Bewegung in Hellerau herstellen soll. Gut, kann man machen. Wo kein wirkliches Konzept ist, braucht es nicht viel mehr.

Zum Fremdschämen war punktuell durchaus Gelegenheit, aber das immer wieder durchscheinende „Seht her, ich kann hier machen, was ich will“ des Hartmann, der sich damit leider in Richtung des Namensvetters Waldemar bewegt, ist das eigentliche Ärgernis.

Ich nenne die Inszenierung eine großartige Kacke – mit der Betonung auf „artig“, denn so revolutionär im Konzept finde ich es nicht, auf wesentliche Stilmittel des Theaters wie Handlung und Figuren zu verzichten. Das ganze Brimborium mal abgezogen, war es dann doch recht langweilig.