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Vom Aufstieg und Fall des Albert Ue.

Soeben als Teichelmaukes eBook veröffentlicht:
Eine fiktive Geschichte über zwei Amateurkritiker, die am und im Theater spielt

Ein älterer Ex-Manager und Theaterfreund (Albert), der schon bessere Tage gesehen hat, lebt ein ereignisarmes Leben in seinem Viertel, pendelt zwischen Arbeit, Kneipen und gelegentlichen Kurzliebschaften. Ansonsten spielt nur das Theater eine wesentliche Rolle in seinem Leben.

Eines Tages ärgert er sich so über die Kritik in einer renommierten Zeitung über ein von ihm als phantastisch empfundenes Stück, dass er selbst anfängt, Rezensionen zu schreiben. Diese veröffentlicht er erst nur auf seiner facebook-Seite, später dann auch auf der des Theaters und auf einer Kulturplattform. Er stößt damit in eine „Marktlücke“ und wird eine Zeitlang vom Theater und der Öffentlichkeit als Bürger-Kritiker gehypt.

Parallel passiert Ähnliches mit einem späten Fräulein (Grete), die sich von Alberts Beiträgen anregen lässt, ebenfalls ihre Meinung aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Beide steigern sich in der Folge in einen Rezensions-Wettbewerb hinein, der anfangs von vielen aufmerksam verfolgt wird, zumal eine große Boulevardzeitung mit einem fiesen Trick das Pseudonym des Fräuleins enthüllt und ihr damit viele Sympathien zutreibt.

Grete und Albert werden eine Zeitlang als frische Stimmen im Chor der Kritiker wahrge­nommen und finden ein gewisse Resonanz. Aber beide übertreiben es in der Folge, die Adressaten sind zunehmend genervt von der Menge und dem Stil der veröffentlichten Beiträge.

Der Stern der Neu-Kritiker sinkt, was vor allem bei Albert auf wütenden Trotz stößt. Auch seine Annäherung an Grete scheitert. Eine ganz neue Idee soll nun seinen Ruhm wiederherstellen ..

A U S Z U G

1 Grete

Grete Zwanziger war nicht gerade das, was man gewöhnlich eine Schönheit nennen würde. Sie gab sich auch keine große Mühe mehr, als solche zu erscheinen, wissend um die Aussichtslosigkeit des Unterfangens. Was sie inzwischen zu dick war, war sie immer noch nicht groß genug und würde dies sicher auch nicht mehr werden. Ihre Haare schimmerten auf eine Weise, die man mausfarben nennen musste, aber immerhin lächelte sie schön, wenn auch selten.
In den knapp vierzig Jahren ihrer Existenz hatte sie lernen müssen, dass es am Ende doch die äußere Hülle war, die die größte Bedeutung im Spiel der Geschlechter besaß. Und da sie wenig in die Wiege gelegt bekam (was sie bald begriff und wofür sie – neben einigem anderen – ihre Mutter hasste), hatte sie es sich abgewöhnt, sich gemeint zu fühlen, wenn es hinter ihr auf der Straße pfiff.
Grete lebte ein ereignisloses Leben zwischen der Arbeit und der mehr oder weniger vertändelten Freizeit. Früher hatte sie noch Ehrgeiz hinein gesteckt, ihre Wohnung als Schmuckstück, als gemütliches Nest zu präsentieren. Mangels Publikum war ihr aber auch darauf inzwischen die Lust vergangen. Sie hielt sich in dieser Wohnung auf, weil es keinen anderen Ort gab, an dem sie sich lieber aufgehalten hätte, auch wenn dieser Ort gar nicht so viel hätte bieten müssen. Die Wohnung war halt da, und besagter anderer Ort nicht.
Eine wesentliche Errungenschaft in ihrem Dasein wollen wir nicht verschweigen: Grete hatte einen Computer, der in den letzten Jahren vor allem dazu diente, ihre Steuererklärung zu fertigen und die jährliche Urlaubsreise (sanfter Tourismus mit Kulturprogramm) zu buchen. Eine Arbeits-Freundin (Grete wäre nie so weit gegangen, diese wirklich als Freundin zu bezeichnen, davon hatte sie ganz andere Vorstellungen, die sich leider selten erfüllten bisher) hatte ihr in einer ruhigen Stunde in der Kanzlei (der Chef war „beim Mandanten“, wie er seine Besuche im nahegelegenen Bordell nannte, in der irrigen Annahme, dass seine Kanzleidamen ihm das schon glauben würden) das Universum von Facebook nahezubringen versucht. Und Grete fand Gefallen daran, lächelte zwar über den inflationär verwendeten Begriff „Freund“, erahnte aber doch die vielfältigen Möglichkeiten für eine wie sie.
Leider beging Grete den Fehler, sich am selben Abend kurz vor Mitternacht noch schnell anmelden zu wollen. Pedantisch wie sie war, untersuchte sie akribisch nach dem Login unter einem Pseudonym (wie ihr geraten worden war) alle Möglichkeiten, die sich ihr boten, lud Fotos hoch, suchte nach ihren Lieblingsfilmen, um der Welt mitzuteilen, dass diese auch ihr gefielen, stöberte Schulfreunde auf. Als sie das nächste Mal zur Uhr sah, war es Fünf.
Dem ersten Reflex folgend, fuhr sie erschrocken den Rechner herunter, um dann, sich der alten Weisheit erinnernd, dass kein Schlaf besser wäre als zwei Stunden Schlaf (praktisch hatte sie das seit Jahrzehnten nicht ausprobiert), das Gerät wieder zu starten und sich als Luise Miller wieder einzuloggen. Luise Miller deshalb, weil die Luise ihr immer als der natürliche Gegenpol zur Grete erschien und Miller dann die passende Ergänzung war. Facebook nahm keinen Anstoß daran, und so war ihre neue Existenz geboren.
Die erste Nacht mit dem neuen Spielzeug endete, und Grete fühlte sich der Welt irgendwie mehr verbunden als noch am Tag zuvor.

2 Albert

Im Leben von Albert Ueberzahl gab es inzwischen nichts mehr, was einer besonderen Erwähnung wert gewesen wäre. Er hatte sich mehr oder weniger gut eingerichtet zwischen einem anspruchslosen Job, der ihm immerhin ein passables Einkommen sicherte, seinen Touren durch die Neustadt, wo er hätte als Alterspräsident gelten können, wenn es nicht noch einige Bejahrtere gegeben hätte (aber mit seinen vierundfünfzig – die man inzwischen auch sehen konnte – war er schon ein Exot im Revier, auch wenn man ihn das selten spüren ließ und außerdem als umsatzstarken Gast schätzte) und seinen irritierend häufigen Theaterbesuchen, die er inzwischen als seinen Lebensinhalt empfand. Die Fragwürdigkeit der Bezeichnung „Lebensinhalt“ war ihm dabei durchaus bewusst, spätestens seitdem ein gewisser Herr Lehmann darüber philosophiert hatte, aber ihm war bislang kein besserer Begriff eingefallen und außerdem fühlte sich das Leben tatsächlich manchmal als Flasche an. Fand er.
Albert hatte aufgehört, über seine Rolle in der Neustadt, jenem „Szene-, Künstler- und Kneipenviertel“ (der Name, auf den sich die Reiseführer letztlich geeinigt zu haben schienen), das gern so tat, als ob es ganz woanders wäre, tiefer nachzudenken. Vor gut zehn Jahren, als er herkam, flüchtend aus einer bürgerlichen Existenz, sich in ein neues Leben mit einer neuen Frau stürzend, war alles noch wahnsinnig aufregend, spannend und inspirierend. Er hatte sogar selbst angefangen, „irgendwas mit Kunst“ zu machen, nach Feierabend, bis er den Dilettantismus seiner Bemühungen einsah. Das Ganze hielt ein paar Jahre an, dann verschwanden erst der Zauber und kurz danach die Frau. Er war trotzdem hier klebengeblieben, ohne Kraft und Mut für einen weiteren Neuanfang.

In seinem Dreieck fühlte er sich einigermaßen geborgen und sicher, und was sollte auch groß noch kommen? „Schon deutlich älter als die DaDaEr geworden ist aber immer noch alles im Griff“, wie er gerne selbstbetrügend sagte, wenn er dann doch mal am Tresen eine Art Gespräch führte. An besseren Tagen gefiel er sich dann in der Rolle desjenigen, der sein schweres Schicksal mannhaft trug, an den anderen brauchte es die helfende Hand der Oberkellnerin, bis er den Frust schließlich hinweggespült hatte.
„Ich bemerke, dass ich selbst auch Spuren hinterlasse, jeden Tag z.B. mit der Kaffeetasse“, diesen Zynismus der Formation „Die Sterne“ aus seiner späten Jugend sang er dann am nächsten Morgen oft vor sich hin, im Rhythmus des Songs, wie er zumindest glaubte.
Es war nicht so, dass er gänzlich alleine war. Mit seiner Halb-Intellektualität und dem Einziehen seines inzwischen nicht mehr nur Ansatz zu nennenden Bauches konnte er schon gelegentlich mittelalte Damen spät abends davon überzeugen, dass es eine gute Idee wäre, mit ihm temporär das Lager zu teilen. Diese Meinung – in der Regel auch von diversen Alkoholika befeuert – hielt bei der Auserwählten jedoch selten länger an, und auch seine Begeisterung schwand meist rapide. Man trennte sich dann im Guten und grüßte sich fortan freundlich auf der Straße, wenn man sich sah.

Das eigentliche Problem bestand darin, dass Albert der Überzeugung war, ein Loser zu sein, sich an einem entscheidenden Punkt im Leben falsch entschieden zu haben und nun die Konsequenzen ausbaden zu müssen. Davon brachte ihn nichts ab, und sein Alter Ego, der Albert von früher, Enddreißiger mit Frau, Kindern und Haus, der partout nicht älter werden wollte und ihm immer, wenn er in der Badewanne saß, im Geiste gnadenlos die Wahrheit vorhielt, bestärkte ihn noch darin:
„Merkst Du was? Du bist einer der Wenigen, die alleine im Alaunpark herumlungern. Und die alleine ins Theater gehen. Und alleine in der Kneipe sitzen. Was hast Du denn erreicht mit deiner großen Selbstverwirklichung?“
Tja. Es ist eben wie es ist. Lonely Irgendwas. Nur in den besseren Momenten fühlte sich das abenteuerlich an.

Albert hatte dennoch nicht wirklich das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Er hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass jegliche Veränderung bei ihm seit fünfzehn Jahren immer nur zum Schlechteren geführt hatte, und er hing schon noch ein bisschen an seiner jetzigen Existenz, vor allem auch, um die nächsten Premieren am Theater nicht zu verpassen.
Jenes Theater verursachte bei ihm dank langjähriger Verbundenheit inzwischen Heimatgefühle. War er anfangs noch reserviert gewesen gegenüber dem Theatervolk, das so anders schien als er, gewöhnte er sich langsam an den Umgang, erleichtert auch durch einige Begegnungen auf Premierenpartys, bei denen er einfach so lange geblieben war, bis schließlich auch er wahrgenommen wurde. Ein flüchtiger Beobachter hätte ihn inzwischen zum Personal gezählt, sicher nicht auf der Bühne, aber irgendwo dahinter. Und es kam sogar vor, dass er in der Kantine nur den Mitarbeiterpreis für das Bier zahlen musste, weil sein Gesicht inzwischen allen vertraut war. Dies waren dann die besseren Abende in Alberts Leben.
Umso fassungsloser war er, als der berühmte und von ihm eigentlich geschätzte Großkritiker einer noch berühmteren Großzeitung, der schon häufig sehr viel Freundliches über sein Theater geschrieben hatte, das jüngste Stück, das Albert ausnehmend gut gefallen hatte, ohne Gnade und mit deutlich lesbarer Freude verriss.
Diese Unverfrorenheit weckte in ihm ungeahnte Kräfte. Kaum gelesen, hockte er sich an den Tresen seines Lieblingsitalieners und hämmerte voller Wut eine „Richtigstellung“ in seinen Kleinrechner. Er sandte sie ab mit dem guten Gefühl, zumindest ein kleines Stück Welt heute Nacht gerettet zu haben.
Die Reaktion der Großzeitung war enttäuschend. Eine freundlich-standardisierte Eingangsbestätigung, dann eine Woche später magere drei Zeilen auf der Leserbriefseite, fast zusammenhanglos und entsprechend dämlich klingend. Und dann noch mit seinem Namen und denunzierend mit seinem Wohnort unterschrieben und ihn damit als lokalen Eiferer bloß stellend.
Albert war erschüttert, tief getroffen, schwer gekränkt in seinem sicheren Gefühl der Theaterkompetenz, erworben in fast zwanzig langen Zuschauerjahren. Aber was nun tun?
In seiner Not entsann er sich des Spielzeugs Facebook. Wenigstens hier sollte die Welt seine Gegenmeinung lesen können. Nachdem er zunächst mit den technischen Gegebenheiten kämpfte (er hatte in letzter Zeit ohnehin häufiger das Gefühl, dem technischen Fortschritt nicht mehr überall folgen zu können), gelang es ihm, den Text auf seiner Seite zu platzieren. Nun konnte die Welt Anteil nehmen. Zumindest der Teil der Welt, der sich für seine Hervorbringungen interessierte und realistisch betrachtet nicht gerade bedeutend war.
Als aber nach drei Tagen der Text immer noch jungfräulich auf dem Bildschirm prangte (offenbar gefiel er nicht mal denen, die sonst immer alles liken), zündete er die nächste Stufe. So sehr er sich einredete, dass das alles nur dem guten Zweck der Verteidigung seines Theaters diente, so klar war ihm insgeheim, dass es inzwischen um seine gekränkte Eitelkeit ging. Zurücksetzung und Ignoranz war er inzwischen auf vielen Feldern gewohnt und hatte gelernt damit zu leben. Aber das Schauspiel war die letzte Bastion seiner intellektuellen Würde, hier wollte er bitteschön ernst genommen werden!
Also: Auch das Theater hatte eine eigene Seite, und ob so gewollt oder zufällig, auch er konnte hier Texte einstellen. Das tat er, und siehe, immerhin eine umgehende freundliche Reaktion der Marketingabteilung war die Folge. Ging doch! Albert war erst mal beschwichtigt.

3 Der Erstling

Irgendwie schien sich sein Text von der Theaterseite aus weit verbreitet zu haben. Zwei Tage später standen ein Dutzend zustimmende Kommentare darunter, meist in der Facebook-üblichen Knappheit, die er nicht immer verstand, zudem prangten an die hundert Däumchen auf ihm. Das Theater hatte eine beachtliche internet-affine Fangemeinde, die sich offenbar ebenso wie er über den Verriss des Leitmediums geärgert hatte, zumal andere Zeitungen darauf aufgesprungen waren. Problem verschärfend kam hinzu, dass der blutjunge Hauptdarsteller, der jedoch schon einige Filme vorweisen konnte und seit neuestem seine Anhängerschar auch mit einer eigenen Band erfreute (von der beginnenden DJ-Karriere wollen wir gar nicht reden), ebenfalls schlecht wegkam in den Traktaten, was den Eifer der überwiegend weiblichen Theaterfans noch anstachelte. Albert war geschmeichelt über so viel Zuspruch, auch wenn er den Unterschied zwischen Koch und Kellner kannte.
Selbst der Intendant, der offensichtlich auch erbost war über den Verriss seines Lieblingsprojektes, zitierte ihn und die Internet-Debatte in der nächsten Theaterzeitung, mit dem süffisanten Hinweis, dass Berufskritiker nicht immer recht haben müssen und sein Publikum das Stück schon verstanden habe.

Hier geht es zum eBook:

https://www.xinxii.com/vom-aufstieg-und-fall-des-albert-ue-p-353150.html

Etwas hat sich in Gang gesetzt

„…, und nichts kann es mehr aufhalten“, um einen Slogan des Deutschen Theaters Berlin, das mit seinem Jungen Theater hier ebenfalls vertreten sein wird, zu zitieren. Das erste deutsch-europäische Bürgerbühnenfestival hat am 17. Mai 2014 in Dresden begonnen, und zumindest in den nächsten sieben Tagen wird es den Rhythmus dieser Stadt maßgeblich bestimmen.

Sonnabendnachmittag, kurz vor 17 Uhr, es wuselt und quirlt derart vor und im Foyer des Kleinen Hauses, dass man eine erste Ahnung davon bekommt, welch logistischer Aufwand hinter diesem Festival steckt. …

Es dauert, ehe das Völkchen sich im Saal eingefunden hat, doch viertel sechs (für die Gäste: Viertel nach Fünf) geht es dann endlich los: Ein Chor aus siebzig Akteurinnen und Akteuren der Dresdner Bürgerbühne, in seiner Besetzung repräsentativ für die volle Breite der Spielenden, eröffnet mit einem Lied über dieselbe das Festival, gewohnt begeisterungsfähig und selbstironisch. „Party und Partizipation“ heißt das Motto, und man wagt auch den Blick in die Zukunft, wenn die Bürgerbühne erst zehn Jahre alt sein wird, steht bestimmt auch die erste Welttournee an. …

(Die gesehenen Stücke: „Die Klasse“ vom jungen theater basel und „Die letzten Zeugen“ vom Burgtheater Wien)

Der ganze Text:
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/buergerbuehnenfestival2014_dererstetag.php

Denkt nach, es kommt die Feuerwache

Eine große Chance für die Dresdner Neustadt: Die „Feuerwache“ soll ein Kultur- und Kreativzentrum werden

 Dresden – soviel Gemeinplatz sei am Anfang gestattet – ist eine Kulturstadt. Wenn man sagen würde, Dresden sei zumindest im deutschsprachigen Raum DIE Kulturstadt, fiele der Protest bei vielen Dresdner Offiziellen sicher verhalten aus, denn eigentlich glaubt man das ja auch.

Nun ist alles eine Definitionsfrage, und wenn man den Kulturbegriff auf den gebauten Barock und die Kunstsammlungen, Staatskapelle und Philharmonie, Zwinger und Schloss, Semperoper und Forsythe sowie das Staatstheater und die –operette beschränkt, mag das im Verhältnis zur städtischen Größe sogar stimmen. Dresden lebt mit und in namhaften Teilen von der Kunst und Kultur, Dresden ist nahezu Kultur, auch wenn man dies im (politischen) Alltag nicht wirklich merkt.

 Nein, das hier ist nicht die Wahlempfehlung der „Gesellschaft historischer Neumarkt“ und auch keine Verlautbarung aus dem Büro der Oberbürgermeisterin. Die Einleitung soll nur verdeutlichen, dass das Thema Kultur hierzustädte doch einen anderen Stellenwert hat als anderswo, ohne jetzt Namen wie Magdeburg, Hannover oder Nürnberg nennen zu wollen.

Doch wo viel Licht ist, mangelt es auch nicht an Schatten. Je besser die Hochkultur öffentlich ausgeleuchtet wird, desto scharfer ist der Kontrast zur übrigen Kunst- und Kulturszene zu sehen, wo es –auch im Vergleich zu anderen Städten dieser Größe – an vielem mangelt, an Anerkennung, an Verdienstmöglichkeiten und schlicht oft auch am Raum zum Arbeiten.

Das hab ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern diese – hier natürlich verkürzte – Situationsbeschreibung entstammt einer von der Landeshauptstadt Dresden bei der Prognos AG beauftragten Studie „Kultur- und Kreativwirtschaft in Dresden – Potentiale und Handlungsmöglichkeiten“, die im Juni 2011 vorgelegt und vom Stadtrat zur Kenntnis genommen wurde.

 Das lesenswerte 85-seitige Werk analysiert nicht nur die Dresdner Situation, sondern legt vor allem für die Schwerpunktbereiche konkrete Handlungsempfehlungen vor, wie dieser vielversprechende (auch, aber nicht nur) Wirtschaftszweig konkret gefördert werden könnte. Zudem sind einige knackige Merksätze enthalten, wie „Kreativität und Prekariat hängen oft sehr eng zusammen“.

Das muss einen nicht entmutigen, doch wenn man heute, knapp drei Jahre nach Veröffentlichung der Studie, die Lage betrachtet, scheint nicht nur dieser Satz von den Verantwortlichen überlesen worden zu sein.

 Machen wir es am Beispiel der Äußeren Neustadt konkret: „Es geht … darum, Freiflächen und Freiräume für die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) zu erhalten. Den im Quartier bestehenden … Aufwertungs- und Umstrukturierungsprozess gilt es zumindest für Teilbereiche zu begrenzen“ wurde auf Seite 59 dort im Jahre 2011 geschrieben. Aus heutiger Sicht kann man jenen Prozess nahezu täglich verfolgen (der Zwangsumzug der blauenFABRIK und die unsichere Zukunft der LÖ14, wenn man den Bogen etwas weiter spannt, auch die Probleme der Geh8, des friedrichstadtZentral und des Freiraum Elbtal sind hier Beispiele), von Gegenmaßnahmen ist jedoch nichts zu spüren.

 Auch die Feuerwache in der Katharinenstraße, eines der letzten größeren Objekte im Viertel, die sich noch in städtischen Besitz befinden, sollte nach dem Willen des Finanzbürgermeisters Vorjohann nicht der KKW dienen, sondern durch den Verkauf an einen Investor das vergleichsweise pralle Stadtsäckel weiter füllen helfen.

Wem hier der Begriff „prall“ mißfällt, der sei auf die Situation in Leipzig aufmerksam gemacht, wo man bei einer ähnlichen Stadtstruktur und –perspektive finanziell am Rande der Handlungsunfähigkeit herumlaviert und mit einem Londoner Richterspruch im Herbst sogar pleite zu gehen droht. Diese Sorgen hat Dresden nicht, doch es ist schon anzuerkennen, dass auch hier in den nächsten Jahren große Aufgaben zu stemmen sind, vor allem, was den Bau von Kindereinrichtungen und Schulen sowie die Großprojekte Kulturpalast und Kraftwerk Mitte angeht. Und wer sich eine Waldschlösschenbrücke nebst angeschlossener Tunnel leisten wollte oder musste, der hat dann auch deren Unterhalt zu bezahlen und verfügt über weniger Geld für die vorhandene Infrastruktur.

Keine einfache Gemengelage also, doch die Vorjohannschen Probleme möchten wohl viele Kämmerer gerne haben, nicht nur im Ruhrgebiet. Und einen wichtigen Zukunftsmarkt wie die kreative Szene finanziell und damit am Ende auch ideell auszutrocknen, kann man sich wohl nur leisten, wenn man das Leitbild einer barocken Schlafstadt verfolgt.

 Zum Glück stellten sich die Damen und Herren des Liegenschaftsamtes in diesem Falle derart ungeschickt an, dass selbst die ihnen ansonsten meist gewogene CDU-Fraktion im Stadtrat sich hintergangen fühlte und es so auf Initiative von Stadtrat Torsten Schulze (GRÜNE) am 27. März 2014 zu einem Beschluss kam, den man nicht nur wegen der de facto – Einstimmigkeit (67 mal Ja, 2 Enthaltungen, keine Nein-Stimme) als fast historisch bezeichnen muss: „Das Objekt in der Katharinenstraße 9 … ist zur Verpachtung mit dem Ziel der Nutzung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft auszuschreiben …, dass eine Verpachtung spätestens ab März 2015 erfolgen kann.“

 Wow. Da sage noch jemand, die parlamentarische Demokratie sei langweilig und alles würde ohnehin vorher in den Fraktionsspitzen ausgekungelt. Was im Bundestag zutreffen mag, ist in der Halbmillionenstadt Dresden auch angesichts der uneindeutigen Mehrheiten im Stadtrat durchaus nicht immer so. Und so oft ich mich schon über knappe und m. E. falsche Beschlüsse geärgert habe, will ich hier einmal Respekt zollen: Der Stadtrat hat sich als wahrer Souverän der Lokalpolitik erwiesen, auch wenn nun einige Mitglieder diese Unbotmäßigkeit gegenüber dem Regierenden Finanzbürgermeister vielleicht schon bereuen werden angesichts der nahen Kommunalwahl).

 Doch dank dieses Überraschungscoup der GRÜNEN tut sich nun in der Katharinenstraße, mitten in der Neustadt, eine große Chance auf. Die Feuerwache, seit Jahren leerstehend, kann sich zu einem Zentrum der kreativen Szene entwickeln, das es in dieser Form in Dresden bislang nicht gibt und das den zahlreichen Aktiven dieses Bereichs eine wirkliche Heimstatt bietet.

Kann, nicht muss. Denn außer dieser Grundsatzentscheidung gibt es bisher noch nichts, inhaltlich und organisatorisch muss das alles noch ausgestaltet werden. Und die beste Chance ist nichts wert, wenn man sie nicht nutzt, nicht nur die Fußballfreunde dieser Stadt werden das wissen.

 Um in diesem Duktus zu bleiben: Der Schiedsrichter hat überraschend Elfmeter gepfiffen, der Ball liegt auf dem Punkt. Doch wer nun schießt und ob das Leder dann im Nachthimmel verschwindet (wie es Herr Hoeneß dazumal fertigbrachte), die Pille in die Arme des Kassenwarts kullert oder dann doch links oben einschlägt, ist noch völlig offen. Und ob da wirklich der Lokalmatador ran sollte, der eigentlich immer in die Mitte ballert – was der Torwart aber nun inzwischen auch weiß – oder man besser den krummbeinigen, unberechenbaren Dribbelkünstler ranlässt, ist zu diskutieren. Nur extra einwechseln sollte man niemanden dafür, auf dem Feld stehen schon genug Führungsspieler.

 Zurück ins metaphernfreie Studio:

Die beiden Häuser bieten mit ihren zusammen knapp 1.300 Quadratmetern Nutzfläche ideale Voraussetzungen für einen Mix aus allem, was die Neustadt zu bieten hat und was sie attraktiv macht. Es gibt im viergeschossigen Vorderhaus einige größere Räume von fast 60 qm für Galerien oder Kleinkunstbühnen und dazu etwa zwanzig kleinere Zimmer für Büros und Arbeitsräume, im Keller könnten Probenräume entstehen. Das drei-etagige Hinterhaus ist mit seinen zwei Dutzend kleinen Räumen für ein Atelierhaus prädestiniert.

Dies alles ist zu planen, zu organisieren und dann auch zu betreiben, von Leuten, die sich auskennen in der Szene, gut vernetzt sind und ein Händchen haben, für den oder die ein langfristig tragfähiges Konzept mehr wert ist als die kurzfristige Gewinnmaximierung. Diese sind nun zu suchen durch die Stadt.

 Das sollte man sich nicht zu leicht machen. Und ob die verschiedenen beteiligten Ämter der Stadt dieser Aufgabe im Sinne des Beschlusses allein gewachsen sein werden, darf getrost bezweifelt werden. Wenn man nicht will, dass der grad gesprungene kreative Tiger unterwegs zum bettvorliegenden Kulturpudel mutiert, muss dieser Ausschreibungsprozess eng begleitet werden, am besten durch einen Beirat aus den Vertreter*innen der kreativen Szene der Neustadt, welcher auch ein Veto-Recht besitzen sollte. Und allen, denen dieses Thema am Herzen liegt, sollte die Chance gegeben werden, sich mit Ideen und Kritik einbringen zu können.

 Stadtrat Torsten Schulze, der sich von Anfang an für eine Nutzung der Feuerwache als alternatives Kunst- und Kulturzentrum eingesetzt hat und für mich einer dieser Beiräte sein könnte, meinte im Interview: „Der erste Schritt ist nun getan, aber der schwierigste Teil liegt noch vor uns. Wir müssen dafür sorgen, dass der Stadtratsbeschluss nicht nur Papier bleibt, sondern tatsächlich das entsteht, was wir wollen: Ein kulturelles Zentrum der anderen Art, gelegen im Herzen der Neustadt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen, aber es ist Glück und Erfolg zu wünschen.

Schlachte Deinen Nachbarn!

„Ruanda-Memory“, Cie. Freaks und Fremde, Uraufführung im Societätstheater Dresden am 25. April 2014

 Anfang der neunziger Jahre, in Sachsen, einem bergigen kleinen Land irgendwo in Europa. Die Schwarzhaarigen waren es endlich leid, dass die Blonden schöner, stärker und reicher schienen als sie selbst. Als einer von Ihnen eher zufällig durch einen Blonden zu Tode kam, war das Maß voll: Ein Gemetzel hob an, wie es dieses Land noch nicht erlebt hatte. Innerhalb eines Vierteljahres starben eine Million Blonde, von der Hand ihrer Freunde, Nachbarn, Familienmitglieder, wer nicht flüchten konnte, wurde niedergemacht, Kinder, Frauen, Alte. Wer blond war, musste sterben. Die im Land stationierten Truppen der vier Mächte waren ratlos, schauten zu und schauten weg, die Blonden unter ihnen verbargen ihr Haar unterm Blauhelm. Erst als kein Blond mehr auf der Straße schimmerte, nahm das Morden ein Ende.

 Blödsinn?

Weiter hier:
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/urauffuehrung_ruandamemory_societaetstheaterdresden.php

Ganz die Mama.

„Medeas Töchter“, Aufführung des Clubs der stolzen Bürgerinnen an der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden, gesehen am 10. April 2014

 Ich muss des besseren Verständnisses halber ein wenig ausholen.

In Dresden wurde so einiges erfunden, der Kaffeefilter z. B. – man kann aber auch aufbrühen – oder das Mundwasser, wobei Zähneputzen wohl immer noch wirksamer ist. Und auch wenn diese Dinge hier vielleicht nicht direkt erfunden wurden, so bekamen sie doch in Dresden ihre Marktreife, ab da wurde Geld damit verdient.

 Ähnlich verhält es sich mit der Bürgerbühne. Natürlich gab es das schon, äh, immer, würde ich sagen, dass Laien auf der Bühne standen, eigentlich ja bereits, bevor „Schauspieler“ ein Beruf wurde. Doch das System, eine Laienschar auf der Bühne mit einem ganz normalen Theaterapparat aus Profis zusammenzubringen, wurde in den letzten Jahren unstreitig in Dresden perfektioniert und institutionalisiert. Damit wird nun auch Geld verdient, aber noch mehr wird Ruhm eingesammelt, und da der Beifall das Brot des Künstlers ist (der bestimmt auch weiß, wie man da Butter und Kaviar drauf schmiert), kann man das vor fünf Jahren begonnene Wagnis als gelungen bezeichnen, so sehr gelungen, dass die Fachwelt sich inzwischen hier die Klinke in die Hand gibt und uns im Mai das Erste Europäische Bürgerfestival ins Haus steht, natürlich in Dresden, an der Wiege der Bewegung.

 Diese Bürgerbühne zerfällt (im übertragenen Sinne, Leute!) in zwei Teile:

Da sind zum einen die „richtig“ inszenierten Aufführungen, die sich dann wiederum aus an stark an den Biographien der Darsteller orientierten Stückentwicklungen zusammensetzen und zum anderen aus den Klassikern der Theaterliteratur, die dann mit einem sehr speziellen Blick auf die Bühne gebracht werden. Beide sind Bestandteil des normalen Spielplans des Staatsschauspiels und überdauern im besten Falle schon mal eine Sommerpause. Dass sie oftmals sehr erfolgreich sind, liegt beileibe nicht nur daran, dass das Publikum gern auch mal seine Verwandten, Freunde und Bekannten auf einer richtigen Bühne erleben möchte, sondern an den anrührenden Geschichten aus dem ganz normalen Leben. „Experten des Alltags“ sind die Darsteller laut Eigenwerbung der Bürgerbühne, und dem ist nicht zu widersprechen.

Und dann gibt es noch die Clubs, etwa ein Dutzend in jeder Saison, die jenen offen stehen, die sich nur mal ausprobieren wollen am Theater. Diese tragen so klangvolle Namen wie „Club der liebenden Bürger“ oder auch „Club der anders begabten Bürger“. Gekrönt wird deren Arbeit mit einer (ein- oder auch zweimaligen) Aufführung.

Wem diese weitschweifige Erläuterung dann immer noch nicht ausreicht, möge sich hier umschauen: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/buergerbuehne/

 Und heute war nun der „Club der stolzen Bürgerinnen“ dran.

Sechzehn Frauen zwischen 14 und 40 Jahren beschäftigten sich unter der Leitung der Theaterpädagogin Christiane Lehmann mit dem Thema „Stolz“ und landeten bei Medea, der tragischen, zauberkundigen Gestalt aus dem antiken Kolchis, die ihre Heimat aufgab, um ihren Traummann, den griechischen Helden Jason, bei seinen Abenteuern zu unterstützen (Zitat Programmflyer). Doch Medea bot nur den roten Faden, den sie sich vermutlich bei Ariadne lieh, um die eigenen Lebenserfahrungen der Spezialistinnen im Frausein und Frauwerden (nochmal zitiert) bühnengerecht aufzubereiten.

 Vorweg: Es ist gelungen. Ein schöner, anregender, oft auch anrührender Abend, getragen von der Kraft und der Spielfreude der Akteurinnen.

Jene treten im vom Tanztheater gewohnten schwarzen Dress auf, drapiert mit Tüchern in den vier Grundfarben, die sie effektvoll einzusetzen wissen (Bühne und Kostüm: SUTTER/SCHRAMM). Wird anfangs noch – zum Frustabbau? – imaginär aufs Publikum eingeschlagen, werden dann die Leitsätze rezitiert, die die einschlägige Fachliteratur von Emma bis Brigitte bereithält. „Rasier Dich!“ ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

 Die Widersprüchlichkeit der Frau von heute und an sich wird dargestellt, wir begegnen verschlossenen Labertaschen und well organized Chaotinnen. Es ist ein „Theater unserer lieben Frauen“, doch eh man dieser Kirche beitreten kann, werden andere Seiten aufgezogen, das Damenprogramm ist nicht mehr smoothy. So viele Todeswege kennt Medea für den Ungetreuen, dass Mann froh ist, nur einmal sterben zu können. „Schwanz ab“ ist natürlich auch dabei, unter den Gewalt- und Machtphantasien ist „auf den Bauch kacken“ da eher harmlos, aber trotzdem nicht schön. Frauen sind auch nur Menschen, wenn auch ganz besondere, lernt man, man ahnte es ja schon.

 Dass die musikalischen Beiträge mir nicht ganz so gelungen erschienen, lag sicher daran, dass die eingespielte Musik (Stefan Menzel) doch sehr nach Dorfdisko klang, das reißt auch eine kollektive Milva nicht raus. Absicht? Keine Ahnung. Dafür wird der zahlreich vorkommende Chortext meist sehr präzise vorgetragen, man spürt die Arbeit, die dahintersteckt, und die tänzerische Leistung – nicht nur mit den farbigen Schleiern – ist beachtenswert.

 Der schlechte Mann solle ein äußerlich sichtbares Merkmal tragen, wird gefordert. Aber Mädels, das hat er doch schon …

Die zu Recht angesprochene ewige Toilettenfrage bleibt weiter ungelöst, denn auch wenn alle anderen Weltprobleme geregelt sein werden, dürfte die Schlange vor der Mädchentoilette immer noch beträchtlich sein, und nur die Taffesten der Damen nutzen den männlichen Rückzugsraum, wobei die Jungs dann dort leicht pikiert zur Seite gucken. So war es, so wird es wohl immer sein.

 Aber ich schweife ab. Am Schluss des Stücks werden Fragen formuliert, an das Leben, doch die Antworten muss dann doch jede für sich selbst finden (jeder übrigens auch, wenngleich sich jene beim antagonistischen Geschlecht etwas anders stellen). Eine kurzweilige Stunde geht zu Ende, das dankbare Publikum jubelt und spendet reichlich Applaus.

Man hört, die Aufführung wird zum Saisonende im Juli noch einmal stattfinden. Ich rate zum Ansehen.

Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools

Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools

„The Rake’s Progress”, Oper von Igor Strawinsky, in der Inszenierung von Damiano Michieletto und unter musikalischer Leitung von Anthony Bramall, Premiere am 5. April 2014 an der Oper Leipzig (Koproduktion mit dem Teatro La Fenice, Venezia)

Der Link führt zum Bericht auf KULTURA-EXTRA.