Kategorie: Theater

Impressionen vom spanischen Hofe

Don Carlos von Friedrich Schiller im Staatsschauspiel Dresden (seit 2010)

 

Rache. Liebe. Raserei. Hoffnungslosigkeit am Ende.

Das wahnwitzige Bühnenbild sammelt nach dem ersten Akt alle Freiheit ein und fährt die Mauern hoch.

Carlos trifft auf die verliebte Eboli. Scheiße, da kommt er kaum mehr raus. Wär er mal geblieben.

„Wer mich entbehren kann wird Wahrheit für mich haben“. Vielleicht.

Das Leben ist so erstaunlich schnell vorbei.

Ein sturzbetrunkener, von allen sich betrogen fühlender Philipp schlägt seine Frau. Das Verhängnis nimmt endgültig seinen Lauf.

Posa steigt zum Höhepunkt der Macht und fällt tief. Auch Carlos muss bezahlen. Und Elisabeth. Die Eboli sowieso. Schiller ist nicht als Humorist bekannt.

Und am Ende hat Mielke alles gewusst und ist doch vor der Zeit um sein Werkzeug betrogen.

Philipp wird zwischen seinen Hunden grau.

Meisters Werk und Teufels Beitrag

[„Der Meister und Margarita“ nach dem Roman von Michail Bulgakow, gesehen am 16.03.12 im Schauspielhaus Dresden]

 

In Kürze: Der Roman von Michail Bulgakow wurde von Felicitas Zürcher für die Bühne bearbeitet und wird effektvoll und spielfreudig in Szene gesetzt. Die fesselnde Geschichte und ein gut besetztes Ensemble lassen dabei einige Längen vergessen. Ein bunter und unterhaltsamer Abend, der aber dennoch dem ernsten Grundthema gerecht wird.

 

Der Meister, ein kommender sowjetischer Großschriftsteller, trifft am Anfang seine Muse. Er ist dann kurzzeitig eifersüchtig auf seinen Roman, was man verstehen kann.

Jener Roman (über Pontius Pilatus) wird von den Kultur-Apparatschiks einhellig verrissen, was ihm erst Lachen, dann Verwunderung und schließlich Angst beschert, die schlussendlich in scheinbarem Wahnsinn endet. Er verschwindet aus dem Leben von Margarita, nicht ohne vorher seine Manuskripte zu vernichten. Der Auftakt ist karg illustriert und ein wenig anstrengend, er lebt von der Qualität der beiden Darsteller Nele Rosetz und Benjamin Höppner.

Dann zieht der Teufel in Moskau ein, mit klingendem Spiel sozusagen. Er war noch nie hier, warum auch, Kollege Stalin ist ja da. Die ersten beiden Passanten, die ihm begegnen, verwickelt er in einen quasi-theologischen Disput über die Existenz von Gott, Teufel und anderen Fabelwesen. Ohne Gott kein Teufel und umgekehrt. Die wackeren Genossen bezahlen ihren festen Klassenstandpunkt mit dem Tode bzw. dem Irrenhaus, wobei die Frage offen bleibt, was schlimmer ist. (Die in der Diskussion verbreitete These, dass nicht die Sterblichkeit an sich, sondern die Plötzlichkeit des Todes das Traurige wäre, muss von interessierter Stelle allerdings energisch widersprochen werden. Nur die Unverhofftheit lässt uns den Tod ertragen.) Wir lernen daraus: Auch Sonnenblumenöl kann gefährlich sein, und Kater Behemoth (alias Stefko Hanushevsky, auch in den anderen Rollen dynamisch und spielfreudig) tanzt uns die Folgen beeindruckend vor.

Szenen- und Zeitenwechsel: Der Prokurator trifft auf den Wanderphilosophen Jeshua, der ihn zwar von seinen Kopfschmerzen heilt, aber dank Judas dann doch hingerichtet werden muss.

Zurück in Moskau sehen wir den verzweifelt um Vertrauen in seine Geschichte kämpfenden Lyriker Besdomny. Leider ist die Wahrheit die geringstwahrscheinliche Variante, und so landet er im Zimmer gleich neben dem Meister. Dann ins Variete-Theater, des Teufels Gefolge mischt den Saal auf, der Chef amüsiert sich. Philipp Lux als Korowjew gibt den Entertainer, der den Platzhirsch von der Bühne fegt, gewohnt authentisch und ist ansonsten rollengerecht schmierig-schlaksig. Der Saal tost dabei in Teilen, aber die Sache zieht sich, bis es endlich Rubel regnet. Da wird die Stimmung überall ausgelassen, und zur Krönung fällt noch ein einsamer 50 Euro-Schein vom Theaterhimmel ins dankbare Publikum. Jener gehört(e) Herrn Intendanten Schulz, wie wir erfahren. Nun gut, der Fänger sah nicht aus, als ob er den Zuschuss unbedingt gebraucht hätte, aber die Idee ist nett. Künftig Tombola im Foyer? Achten Sie auf ihre Kartennummer!

Lang und länger wird der Ausflug ins Showbiz, bis endlich der ungetreue Gatte im Publikum entlarvt wird. Na so eine Überraschung! Pause.

Erster Zwischenruf: Man muss dem Stück – neben vielem anderen – unbedingt positiv anrechnen, dass es endlich mal wieder eine Pause gibt. Selbige dient ja nicht nur der Ver- und Entsorgung, sondern auch dem Sortieren des Gesehenen, des ersten Austausches mit etwaigen Begleitern und überhaupt dem entspannten Flanieren in den ehrwürdigen Gängen resp. dem dekorativen Herumstehen auf dem Balkon am 2. Rang links. Auch dies gehört zum Theatererlebnis, verehrte Regisseure und Dramaturgen.

Zweiter Zwischenruf: Meinen Gerechtigkeitssinn kränkt es, wenn in ebenjener Pause die Herren schon lange erleichtert wieder vor dem Einlass ins Auditorium lungern, während ihre Begleiterinnen noch eine Wartegemeinschaft vor den wenigen Damentoiletten bilden. Auf Festivals o.ä. löst man das unkonventionell, aber im Staatsschauspiel ist dies eher ungebräuchlich. Also: Eine Vermehrung der Damen-WC trägt zur Entspannung bei und könnte zudem als Gleichstellungsmaßnahme abgerechnet werden.

Aber zurück ins Stück und damit ins Irrenhaus. Der Meister könnte türmen, aber weiß nicht wohin. Ist ja auch nicht schlecht hier, man braucht keine Pläne. Ein Kantinenwirt mit schimmligem Käse beschwert sich beim Teufel, dass die Zauberrubel zu Papier zerfielen. „Sagen Sie mal, wann sterben Sie eigentlich?“ Er bekommt seine Rubel wieder, wird sie aber nicht mehr lang genießen können. Jener Teufel wird übrigens von Matthias Reichwald gespielt, der zwar das Glück hat, in seiner recht kurzen Zeit in Dresden schon wunderbare Rollen bekommen zu haben, aber diese Vorlagen stets konsequent nutzte. Auch diesmal ohne Fehl und Tadel, wobei mich besonders seine Stimme beeindruckte.

Margarita beschwört die ewige Liebe. „Meine Ruh ist hin …“, deutsch-sowjetische Autorenkooperation über Grenzen und Zeiten. Der Kater (von welcher Dienststelle ist der denn?) lädt sie ein, die Ballkönigin zu werden auf des Teufels Frühlingsball. Sie willigt ein, in der Hoffnung, etwas vom Meister zu erfahren. Die Hexenwerdung geht dank Creme hurtig, als erste Tat wird – mangels der Anwesenheit des Kritikers Latunski – dessen Wohnung zerlegt.

Dann der Ball. Margaritas Walzer mit dem Teufel erinnert in Teilen an einen ungleichen Boxkampf, aber immer, wenn sie zu Boden geht, rappelt sie sich wieder auf und rettet sich so über die Zeit. Der Tanz der beiden erntet verdienten Szenenapplaus. Eigentlich ein schönes Paar, aber als sie sich am Ende etwas wünschen soll, will sie mit dem Meister zurück in die Kellerwohnung.

Jener schlurft sogleich heran, von der Klinik schwer gezeichnet. Doch als Mitgift gibt es noch den vernichtet geglaubten Roman auf dem Silbertablett.

Alles soll so sein wie früher? Nie ist etwas so wie früher. Der Meister hat keine Träume mehr, keine Inspiration. Man mag die Geschichte gar nicht weiterdenken.

An sich könnt es das gewesen sein, aber wir bekommen noch die Planung zur Erstechung des Judas vorgeführt. Alles kommt halt, wie es kommen muss. Dann noch ein bisschen Geplänkel, das Stück versickert eher als es endet.

Dennoch verdientermaßen langer Beifall im ausverkauften Haus. Wolfgang Engel hat wieder einen Straßenfeger auf die Bühne gebracht und trifft damit den Nerv vieler, für die die Romanvorlage ein Kultbuch war. Trotz einiger Kritteleien halte ich die Inszenierung für sehr gelungen. Nachdem ich ohne jedwede Vorkenntnis die öffentliche Probe sah, war ich doch ziemlich reserviert ob der wilden Story, hab dann aber meine Hausaufgaben gemacht. Und wenn man vorher einigermaßen weiß, worum es geht, kann man diese Vertheaterung eines großen Buches wirklich genießen. Also schlaumachen und reingehen. Nicht zuletzt sind ja 50 Euro zu gewinnen (nach Insiderinformationen schlägt der Schein immer im Parkett links ab Reihe 15 auf).

Speeddating heißt Blitztreffen

[„Blütenträume“, von Lutz Hübner, in der Regie von Thomas Birkmeir, gesehen am 30. Juni 2012 im Staatsschauspiel Dresden (Premiere)]

Die Partnersuch- und Findungsprobleme der Senioren stehen im Mittelpunkt dieses Stücks, das deren Bemühungen viel Komisches abgewinnt, aber auch einige hässliche Seiten beleuchtet. Leider tänzelt die Handlung unentschlossen zwischen diesen Polen und landet schließlich bei einem halbherzigen Happyend. Bedingt empfehlenswert.

Oder vielleicht „Allein machen sie dich ein“? Oder „Rest des Lebens“? Oder „Die Verzweiflung der 40er“? Oder „Jeder stirbt für sich allein“? Oderoder.

Sechs Best Agers versuchen mit Hilfe der Volkshochschule die Wiedereingliederung in den Beziehungsmarkt. Ergänzt werden sie von einem vierzigjährigen Nesthäkchen, das nur zufällig in die Runde geriet und doch die Verlorenste von allen ist. Aber dazu später.

Nach der Frauen- nun die Altenquote, mag man meinen, alles sehr p.c. am Theater. Aber es ist schön, die reife Garde mal gemeinsam auf der Bühne zu sehen, die sich heute – pardon – vielleicht auch selber spielt. Die Ränge sind diesmal (fast) geschlossen, was auch gut für den Auslastungsquotienten sein wird, das Geschehen tobt auf der Vorbühne.

Wieder ein Klassenzimmer voller Erwachsener. Aus einem (55) Plus wird schnell ein Kreuz, wenn man nicht aufpasst. Erste Erkenntnis: Einsamkeit gibt es in jedem Alter. Wer hätt’s gedacht? Das hier ist natürlich (k)eine Selbsthilfegruppe. Junglehrer Jan, gerade mal 40, schlängelt sich mit Phrasen durch die Vorstellungsrunde.

Sechseinhalb Schicksale haben nichts zu verlieren, nichts mehr. Willkommen in der Seminarhölle. Bisschen viele Lacher für meinen Geschmack lenken von der trostlosen Realität ab.

Seine Eigenschaften merkt man nicht selbst, findet der Mechaniker. Oder sind sie weg? Jan kann da nicht helfen, er lehrt vom Blatt. Kalendersprüche beiderseits, der Trainer findet keinen Zugang zum Rentnerhaufen und ist beleidigt.

Weiter in der schwierigen Balance der Komik des Zusammenspiels und des Ernstes der eigenen Lebenssituation. Wer bin ich? Auch hier kann Jan nicht helfen. Sein Appell an den Zusammenhalt der Gruppe („Wir sind EIN Kurs!“) geht ins Leere. Wenig später ist er raus. Sind sie zu hart, bist du zu weich. Adieu, Philipp Lux, du warst großartig als ein hilfloser, unsicherer, frustierter Ex-Schauspieler, der sich durchs Leben schlägt und an seinen Senioren scheitert.

Zweite Halbzeit. Eine gediegene Oberschichtwohnung, Frau Professor (verw.) hat geladen. Irgendwie hat sich der Kurs zusammengerauft und bildet eine beschwingt-beseelte Runde. Nun also doch die Selbsthilfe. I feel good, trotz alledem.

Es wird ein bisschen klamottig, das Balzen ist in jeder Altersstufe für Unbeteiligte peinlich. Das mindert auch die folgenden harten Wahrheiten ab, was schade ist.

Man kann sich selbst niemandem mehr zumuten? Das lachlustige Publikum wird ganz still bei der Schilderung des Alltags mit einem Alzheimer-Patienten. Jeder hier hat seine Macke, seine Ängste.

Ja was fängt man nun mit seinem Leben an? Ich bin erpressbar, weil ich einsam bin. Melodramatik. Aber es stimmt. Sicher.

Und wenn wir alle zusammenziehn? Altenkommune? Jeder für sich und alle zusammen? Aus der Schnapsidee wird (vorerst) Ernst, es kommt zum Schwur. Siebenmal „Ja“, Kuschelgruppe, Euphorie.

Eine interessante Parallele zum kürzlich gelaufenen Kinofilm „Und wenn wir alle zusammenziehn?“ täte sich auf. Doch schade, der Schreiberling hat ihn nicht gesehen, deshalb entfällt dieser Programmpunkt.

Bei der nächsten Sitzung ist die Begeisterung gewichen, trotz der Exposés, die Nesthäkchen Julia (Annedore Bauer bewegend in ihrer Verzweiflung und ihrer Suche nach Zuhause) dabei hat. Zwei gehen von der Fahne, dann Nummer drei und vier, diese allerdings gemeinsam. Die Runde zerfällt. Allein, allein, vor allem Julia, das ärmste Ding von allen, trotz Altersvorteil.

Wenigstens noch ein klassisches Happy-End zu zweit? Bis dahin noch ein wenig Ergriffenheit. Aber dann findet selbst der Mitkommer und Leisetreter die richtigen Worte, die Witwe zu trösten. Pathos im gedimmten Lichte. Und sie gehen einen Kaffee trinken.

Man kann so etwas auch im Fernsehen sehen, am Vorabend vermutlich. Das ist kein Werturteil, bei den Klassikern gab es halt noch kein TV. Sonst wäre Othello sicher schon als Traumschiff-Kapitän vergewaltigt worden.

Dass ich nicht so ganz begeistert bin, liegt daran, dass ich denke, man kann mehr aus diesem Stoff machen. Es ist nun mal ein Kernthema unserer Gesellschaft, die Zunahme der Vereinzelung unter den Menschen trotz des Überangebots an Möglichkeiten.

Hübner verwurstet dies zu einer Komödie mit Zweidrittel-Happyend. Aber das wird dem Problem nur zum Teil gerecht, die Realität – glaub ich – ist nicht so. Diese letztendlich heile Welt ist man vom Autor nicht gewohnt, das könnte man auch am Kudamm sehen.

Hervorragend, kammerspielartig allerdings die Beschreibung des Entstehens der Idee einer Alterskommune und deren Scheiterns. (Fast) Jeder stirbt am Ende doch lieber für sich allein, maximal die klassische Paarbeziehung ist eine Alternative.

Interessante (und vermutlich wahrhaftige) Aussage auch, dass die 40er mit ihren ähnlich gelagerten Sorgen und Wünschen viel schlechter klarkommen als die Generation vor ihnen, die jedoch schon rein äußerlich deutlich mehr Probleme mit der Neupartnersuche haben sollte. Aber Quantität ersetzt nunmal nicht Qualität, und die Abgeklärtheit des Alters kann man nicht kaufen, auch nicht bei amazon.

Ein großartiges Sextett von gereiften SchauspielerInnen hilft über die inhaltlichen Unzulänglichkeiten des Stücks zum Glück bestens hinweg. Es ist schwer, jemanden herauszuheben, sehr schön aber die Wiederbegegnung mit Günter Kurze, der seinem einfach gestrickten Mechaniker Größe verlieh. Am einfachsten hatte es sicher Albrecht Goette als eitler, gockelnder Ex-Schuldirektor, das sei ihm aber gegönnt. Lars Jung röhrte wie gewohnt, wenn es not tat, beherrschte aber auch die leisen Töne.

Cornelia Schmaus sah ich zum ersten Mal, ihre Gila war glaubhaft bodenständig und praktisch, konnte aber auch ihre Phantasien so vermitteln, dass man den Vamp in ihr sah.

Helga Werner als Witwe eines vormals großen und nachher bestenfalls kindlichen Mannes bekommt dann doch mein persönliches Sternchen. Hier passte einfach alles, vor allem die Abgebrühtheit aus leidvoller Erfahrung und die dennoch bewahrte Seelenoffenheit waren beeindruckend zu sehen.

Hannelore Koch als zickige Spät-Emanze schließlich zeigte deutlich, dass alle vordergründige Toughness, hinter der sie sich versteckte, nur ein anderer Ausdruck von Empfindsamkeit ist, die aber am Ende auch im Wege stehen kann, wenn man sich aus ihr nicht zu lösen vermag.

Ein kurzer Abschluss: Hübners drittes Dresdner Stück erreicht nach meinem Empfinden nicht das Niveau der beiden vorherigen (es ist allerdings auch „älter“, was nun aber gar nichts heißen soll). Man kann es sich ansehen. Aber man muss nicht. Doch was muss man schon?