Kategorie: Neustadt

Meine Nacht als Ü-Irgendwas

26.09.12

Ok, heute kann, heute muss es mal wieder sein. Allmittwochabendlich lädt eine renommierte Neustädter Garage zum Ball für die reifere Jugend. Heute auch mit mir.

Nach Mitternacht kommen ist Routine, vorher sind nur die Frühaufsteher da. Krachbumm-Musik like Rammstein wechselt mit Balkanpop, der Laden ist halb gefüllt, man amüsiert sich wie Bolle.

Militär ist heute kaum vorhanden und fehlt mir auch nicht. Ansonsten die üblichen Verdächtigen, ein paar versprengte Touristen und etwas Frischfleisch, das neugierig beäugt wird. Alles wie immer also.

Der Laden hat sich aufgehübscht seit ich das letzte Mal hier war. Coole Sessel vor Großportraits von Musikschaffenden, die meisten leider schon tot. Nett.

Duran Duran? Ach ja, ich vergaß, Ü-Haltbarkeitsdatum. Trotzdem auch mal wieder schön.

„Hit the road, Jack.“ Na, jetzt noch nicht. Das Publikum zerfällt grob in zwei Teile: Aus-Versehen-hierher-Geratene und Abonnenten. Letztere sind deutlich in der Überzahl. Wo gehör ich eigentlich dazu? Wie immer irgendwo dazwischen.

In the Name of Love, ja klar, deshalb sind wir hier. Ein tiefer Blick aus einsamen Augen, ich verbiete mir jedweden Zynismus. Aber ich kann sie heute nicht trösten.
Die Barmäuse sind mal wieder die Schönsten im Saal, da mag man sich auf der Tanzfläche noch so abstrampeln. Sie beeindrucken durch schlichte Präsenz.

Ach, den DJ kenn ich doch? Klar, sonnabends, Lofthouse, war ich früher auch mal. Die Musik ist jetzt rockig, was nicht unbedingt tanzbar bedeutet, zumindest wenn man noch nicht betrunken ist. Aber the Cranberries hör ich doch ganz gerne.

Ein Uhr, ich hab den Eindruck, alle eingeschmuggelten „U“ verlassen jetzt den Saal. Na gut, sind wir halt unter uns.

Der Genuss alkoholhaltiger Mixgetränke verführt mich dann auch zu halbwegs rhythmischen Bewegungen auf der angenehm übersichtlichen Tanzfläche. Der DJ haut mir allerdings umgehend mit AC/DC einen großen Knüppel zwischen die Beine. Da könnte ja jeder kommen.

Schneller als ich es erwartete finden sich die ersten Temporärpaare. Na gut, es ist mitten in der Woche, man muss vielleicht früh raus. Ich blicke dezent zur Seite und wünsch ihnen Glück.

Eigentlich hab ich alles gesehn, die Musik dümpelt auch irgendwie so dahin. Na gut, austrinken können wir ja noch.

Jetzt gibt es sogar Rock’n’Roll. Man bewegt sich irgendwie dazu, ich kenne meine Grenzen und bleib hocken.

Es reaggaet jetzt, naja, auch nicht so meins. Ein paar neue Menschen sind hinzugekommen, aber voll wird es dadurch nicht. Gut so, sag ich als User.

So, der Drink ist ausgedrinkt, kein Grund mehr zu bleiben. Der DJ macht den Abschied leicht.

Zum Abschied noch ein freundliches Lächeln mit den Reinlassern getauscht, „Rausschmeißer“ wär hier echt fehl am Platze, und ab. Bis zum nächsten Mal, irgendwann.

Der letzte Satz ist nicht logisch? Dochdoch. Ich mag den Laden und die Schubse jeden Mittwoch. Das ist ja ohnehin die Zukunft der Neustadt … 😉

 

Jungs, hier kommt der Masterplan

„… was man alles machen kann“ … sang schon in den Neunzigern die Musikgruppe Tocotronic. Na dann, lassen wir uns mal überraschen.

Der siebente Stadtspaziergang führt heute (26.09.12) durch die Leipziger Vorstadt, jene Diaspora zwischen Neustädter Elbufer und Hansastraße, deren geografische Mitte in etwa der „Alte Schlachthof“ bildet. Mehr als 30 Interessierte stehen vier städtischen Angestellten gegenüber, die sich erneut wacker schlagen und den Ausflug zu einem Gewinn werden lassen.

Die L. V. bietet „ein ungeordnetes Erscheinungsbild, besticht aber durch ihre Lagegunst“. Ja, so fühl ich mich auch manchmal.

Wieder interessante Geschichten: Mit dem Alten Leipziger Bahnhof und dem Winterhafen fing es an, Villeroy & Boch produzierten und versendeten hier ihr Sanitärporzellan, vulgo wohl Kloschüsseln. Inzwischen ist die Gegend etwas „aus der Nutzung gefallen“, ach, ich liebe diese Planersprache.

Aber es gibt seit 2010 einen Masterplan, kleiner haben wir es nicht. Die Gegend soll entwickelt, Pieschen über Grünzüge mit der Innenstadt verknüpft werden. Im Hafen ist an eine Marina gedacht, Schiff ahoi. Wohnen und Gewerbe (sowie Schulstandorte, dazu später noch) sind vorgesehen, dazu eine Kulturspange vom Schlachthof zum Elbufer. Da es hier um etwa 50 Hektar geht, macht man sich keine Illusionen: Vor 2025 ist an eine Fertigstellung nicht zu denken, wobei Teile durchaus auch eher entstehen können und sollen.

Erster Rastplatz ist die Ecke Hallesche / Erfurter / Gehestraße. Früher ein wilder Parkplatz, ist diese nun aufgewertet. Na gut, bisschen langweilig vielleicht, aber ordentlich und sauber.

Mangels Anwohnern (die Bevölkerungsdichte im Planungsgebiet gleicht momentan jener des Schönfelder Hochlands) kam ein Beteiligungsprozess bisher nicht recht in Gang, die Stadtplanung präsentiert aber ihre Ideen, u.a. zu den Schulstandorten. Ein neues fünfzügiges Gymnasium soll hier entstehen, vorzugsweise dort, wo die Erfurter auf den Puschkinplatz trifft. Auch die riesige Bahnfläche nordwestlich der Gehestraße ist im Gespräch, auch für Grund- und Mittelschulen. Leider verfügt die Stadt kaum mehr über eigene geeignete Flächen, so dass diese Projekte teuer und langwierig sein werden. Andererseits … „Brache als Chance“. Platz ist ja an sich genug. Und da sich Pieschen neben der Neustadt und Blasewitz des größten Kinderzuwachses erfreut, tut das auch dringend not.

Wir schlendern weiter und passieren am Puschkinplatz zwei je 15 m lange Spielstraßen. Die Straßenverkehrsbehörde beweist hier ihre Liebe zum Detail.

Am Schlachthof angekommen, fällt dann nach 45 min endlich verschämt das Stichwort „Globus“. Äh, ja … die Stadtplanerinnen lächeln gequält. Nein, im Masterplan ist das nicht drin, kann auch nicht. Und ja, wenn der Bebauungsplan, der jetzt mit Stadtratsmehrheit auf den Weg gebracht wurde, so ausfällt, wie die Initiatoren sich das wünschen, müsse der Masterplan natürlich angepasst werden („in die Tonne treten“ ist eine Formulierung, die sich ein städtischer Angestellter nie erlauben würde).

Wie singt man so schön abends im Schauspielhaus? „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.“ (B.B.)

Aber es ist noch Hoffnung: Der durch den globalen Großmarkt induzierte Verkehr wird ein wichtiger Aspekt der Abwägung sein, und wenn man nicht die Leipziger Straße zur nächsten Stadtautobahn umbauen will, sollte dies ausreichen, das Projekt sanft entschlafen zu lassen.

Die sich entspinnende Diskussion dreht sich im Wesentlichen um den Wohnungsbau. Dresden hat sich vor Jahren entschlossen, auf einen eigenen Wohnungsbestand zu verzichten und kann nun in diesen Boomzeiten nur indirekt Einfluss auf bezahlbaren Wohnraum nehmen, auch wenn dies heute massiv gefordert wird. Man muss sich darauf verlassen, dass der Markt das schon richtet und kann maximal die Randbedingungen günstig gestalten.

Interessanter Aspekt dabei: Die am schnellsten wachsende Gruppe von Einwohnern ist jene der Hochbetagten (80 Jahre und älter). Hier gibt es bisher nur ansatzweise Konzepte. Am Rande noch zu erfahren war, dass das Durchschnittsalter in Dresden von 35 (Neustadt) bis 55 (rate mal) variiert, was man u.a. auch am Wahlverhalten ablesen könne. Ich spar mir hier Interpretationen.

Die Bezeichnung der Bahnstrecke vom Abzweig Pieschen über Dre-Neustadt Gbf zum Südkopf des Bahnhofs Dresden-Neustadt Pbf als (entbehrliches) „Havariegleis“ lässt mich dann doch schmunzeln. Sooo einfach wird das wohl nicht werden.

Letzte Etappe Neustädter Hafen. Die Entwürfe für eine „Hafen-City“ (mit diesem Begriff ist man selbst nicht glücklich) werden präsentiert, viel hochwertige Wohnbebauung, eine Marina (Sportboothafen) mit den zugehörigen Einrichtungen und etwas Gastronomie. Die Visualisierungen sehen verwechselbar aus, könnte auch die Speicherstadt in Hamburg sein, oder der Duisburger Hafen. Eine interessante Idee dabei ist, den Radweg in diesem Bereich um einige Meter von der Elbe weg zu verlegen, zur Konfliktentschärfung mit dem erwartet üppigem Fußgängerverkehr im Hafenbereich. Dem mit der Vorstellung verbundenen generellen Appell, „Rücksicht zu lernen“, kann ich mich nur anschließen.

Aber ob das alles so kommt? Immerhin gibt es jetzt einen Investor, der das ganze große Areal bis einschließlich der Bülow-Tiefgaragenruinen gekauft hat. Dessen Name ist noch geheim, aber in Dresden bleibt ja nichts lange verborgen.

Die Gespräche laufen, aber das „B-Plan-Verfahren“ ist noch nicht mal begonnen, der Hochwasserschutz ist noch zu klären, das „Globus-Thema“ hat sicher Einfluss, deshalb sind die penetranten Fragen eines Herrn mit offenem Haar nach dem Termin des Baubeginns auch neben der Spur.

Die Quintessenz: Das macht richtig Spaß. Man entdeckt auf diesen Spaziergängen Ecken, in die man sich nie verirrt hätte, erfährt viel Neues und einige Hintergründe zur städtischen Entwicklungsplanung und hat die Chance, sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden.

Der Spaziergang in der Leipziger Vorstadt soll übrigens wiederholt werden, zum heutigen gab es über sechzig Anfragen. Da sage noch einer, der Bürger sei nur im Meckern stark.

Spazieren mit dem Amt

Zugegeben, auf diese Idee kommt man nicht unbedingt von selbst. Doch eben weil der Bürger kaum zum Amte kommt, geht jenes für Stadtplanung jetzt mit ihm spazieren.

In dreizehn Stadtspaziergängen will das Stadtplanungsamt (bitte auf dem mittigen „a“ betonen, wenn man dazugehören will) den Stand der Fortschreibung des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes dem geneigten Bürger nahebringen und dessen Beteiligung induzieren. Auch kann man sich online beteiligen, alles Wissenswerte hier:

http://www.dresden.de/de/08/01/stadtentwicklung/integrierte_stadtentwicklungsplanung/zukunft-dresden-2025-plus/spaziergaenge.php

Der Spaziergang Nr. 6 hieß heute (25.09.12) „Albertstadt – Stadtleben zwischen Neustadt und Dresdner Heide“, unterüberschrieben war das Ganze mit:

„Wohnen und Leben am nördlichen Innenstadtrand. Auf ehemaligen Brachflächen wohnen Dresdnerinnen und Dresdner in neuen Wohn- und Eigentumsformen.“

Und ich war dabei.

Nicht ganz logisch begann der Spaziergang bei St. Pauli. Zwar zählt der Hecht nicht zur Albertstadt, aber dort, in der Kiefernstraße, gibt es sehenswerte Beispiele der Re-Urbanisierung.

Zwei Dutzend Teilnehmer jeden Alters, ein breites Spektrum, Mann trägt Tuch, um seine Individualität zu betonen und wirkt damit etwas uniformiert (ok, ich auch). Zwei Herren der Stadt bzw. eines Planungsbüros bringen uns kompetent Anliegen und Inhalt des Spaziergangs nahe, vorab schonmal danke für den gelungenen Marsch.

Eingangs wird einiges zum Ziel der Stadtplanung für 01099/97 berichtet. Die Bindung der (bisher stark flukturierenden) Einwohner an ihr Viertel soll durch die Schaffung entsprechender familientauglicher Infrastrukturen erhöht werden, wobei man beim Markt hier offene Türen einrenne. JedeR will in die Neustadt, am liebsten mit Kleinkindern.

Mein schüchterner Einwand, dass das zur Verdrängung der nicht so zahlungskräftigen Klientel aus derem Soziotop führe, wird u.a. mit dem unschönen Wort „Auffüllmasse“ für Problemstadtteile beantwortet. Also auf nach Löbtau, Friedrichstadt, Kackpieschen, ihr Minderbemittelten dieser Stadt. Aber was hilft das Quengeln, es kommt ja doch so.

In der Kiefernstraße sind recht hübsche Ein- und Mehrfamilienhäuschen zu sehen, wo früher Brachen waren. Das wirkt gut und wird angenommen. Einziges Problem: Die hoffnungslos veraltete Sächsische Bauordnung, die einen Stellplatz pro Wohnung fordert, was zu den hässlichen Inhouse-Garagen führt und alternative Konzepte behindert.

Die Neustadt hat eine PKW-Dichte von unter 300 pro 1.000 Einwohner, halb so hoch wie der Dresdner Durchschnitt. Diesen Vernunftsvorsprung (und Einkommensrückstand) kann man aber leider nicht nutzen, Ausnahmen sind nicht vorgesehen. Auch hier also eine große Baustelle.

Noch was Interessantes: Unser Viertel hat mit 14.000 Einwohnern pro Quadratkilometern die mit Abstand höchste Siedlungsdichte, mehr noch als Prohlis.

Nächste Station Tannenstraße, Volvo-Ghetto. Hier ist man „dabei, aber nicht mittendrin“ in der Neustadt, ideal also für Teilzeithippies etc.. Nach dem ersten Höhensprung des Elbtals erhebt sich eine kleine feine Siedlung, die entfernt daran erinnert, dass hier mal eine große Kaserne stand.

Schon wieder interessant: Der Alaunpark war früher eine Steinwüste und der Exerzierplatz der Albertkasernen. Erst in der DDR (vgl. „Es war nicht alles schlecht“) wurde er begrünt. Den Namen „-park“ gibt es übrigens offiziell (noch) gar nicht, eigentlich ist das alles „-platz“.

Die Erweiterung des Alaun-, äh, Platzes nach Westen ist theoretisch nunmehr beschlossen, der Freistaat scheint einverstanden und es gibt einen entsprechenden Stadtratsbeschluss. Nix also mit Feuer- oder Polizeiwache.

Aber … finanziert ist das Ganze noch nicht. Da bin ich ja mal gespannt.

Die Attraktivität nicht nur dieser Wohnanlage (auch des nächsten Bauabschnittes) steht und fällt natürlich mit dem, was so schön „Wohnfolgeeinrichtungen“ genannt wird, also vor allem Kindereinrichtungen und Schulen. Dazu ist schon hinreichend geschrieben worden, die Versäumnisse der letzten Jahre sind kaum aufholbar, die LH Dresden ist finanziell überfordert und der Freistaat Sachsen begreift das nur langsam. Das wird noch spannend.

Und parallel stellt sich noch die Frage, wer denn die Kinderlein erziehen und lehren soll … Manchmal wünscht man sich die Planwirtschaft zurück.

Schlusswort am zweiten Ort: Die Neustadt ist der heißeste Stadtteil mit der schlechtesten Luft. Ersteres kann ich bestätigen.

Dann marschieren wir in Richtung MHM. Dort wird allerdings eine Vereiterung gefeiert. Das erscheint mir seltsam, ich kenn mich aber bei den Bräuchen der Olivgrünen auch nicht so aus.

Wir weichen zum sowjetischen Ehrenmal aus, das bekommt damit endlich mal wieder zahlreichen Besuch.

Etwas Geschichte: Der Militärkomplex „Albertstadt“ wurde aus den Reparationszahlungen der Franzosen 1871 errichtet, er war bis 1918 autonom (dem Kriegsministerium unterstellt) und kein Bestandteil von Dresden. Die Grenze verlief an der Tannenstraße. In Mobilisierungszeiten fasste er 40.000 Soldaten. Soviel übrigens auch zum Thema „unschuldige Kunst- und Kulturstadt“.

Heute ist bereits – dank der Offiziershochschule des Heeres, die die modernste Schwimmhalle Dresdens hat, was einem zwar nichts nützt, aber doch stolz macht – das Gelände teilsaniert, in einige Kasernen sind Wohnungen eingezogen, Brachen sollen mit EFH und Reihenhäusern besetzt werden. Das wird sicher noch ein paar Jährchen dauern, ebenso wie der S-Bahn-Haltepunkt „Albertstadt“, den die Stadt in Höhe der Staufenbergallee gerne hätte.

Fazit: Interessante zwei Stunden, gelungene Veranstaltung, wenn auch vieles unverbindlich blieb, bleiben musste. Bis zum 9. Oktober gibt es noch sieben weitere Spaziergänge in allen Stadtteilen.