Ein Blick ins facebook, zwei ins Leben


 

Zum Thema „soziale Medien versus richtiges Leben“ ist vielleicht schon alles gesagt. Aber definitiv noch nicht von mir. Also, versuchen wir mal, ein dünnes Stimmchen im großen Chor hören zu lassen. Reaktionen sind ausdrücklich erwünscht, der Text scheint mir bei weitem noch nicht fertig, vielleicht ist er auch überfertig, eventuell hab ich mich verhoben am Thema, möglicherweise auch abgeschrieben. Das hier ist die Fassung vom 23. Februar, Zwo-14, Sonntag. (Ort: Thalia, Dresden-Neustadt)

 Ich bin ein Freund der These, dass Internet und Mobilkommunikation gemeinsam das Leben der Menschheit deutlich mehr verändern werden als dies Buchdruck, Dampfmaschine, Elektrizität und klassisches Telefon jemals getan haben, von der Anti-Baby-Pille und der Champions League ganz zu schweigen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, aber man kann zumindest eine Zwischenbilanz ziehen:

Nichts ist mehr wie es war.

 Vor fünfzehn Jahren, die Jahrtausendwende stand bevor, war das im deutschen Sprachraum „Handy“ geheißene Mobiltelefon bereits Allgemeingut, schon damals wäre kein Schüler mehr auf die Idee gekommen, sich für den Nachmittag irgendwo fest zum Bäbbeln zu verabreden, wie das „zu meiner Zeit“ (welche böse Wortgruppe) noch nötig war, wollte man nicht seine Mannschaft mühsam zu Fuß zusammenklingeln, an den Haustüren wohlgemerkt. Bereits da hatte ein kultureller Wandel begonnen, doch die Kommunikation war noch bilateral, es wurde sich angerufen oder später auch gesimmst, mit maximal 60 Zeichen, man erinnert sich?

 Aus heutiger Sicht mutet das an wie ein Blick aus dem frankfurtmainer Deutsche Bank – Großraumbüro ins Buddenbrooksche Schreibkontor. Die entsprechende Hard- und Software sowie eine großzügige Vernetzung in den Diensten unterstellt, was man ab dem 12. Geburtstag eines Erst- und Zweitweltbewohners wohl getrost tun kann, teilt man seine Aufenthalte und Befindlichkeiten prinzipiell der ganzen Welt mit, auch wenn diese praktisch nur ein Nanoprozent von jener interessieren. (Und sicher auch nur von jenem Teil wahrgenommen werden, aber man weiß ja nie. Bei später erwachtem Interesse geht das auch nachträglich, das System vergisst niemals.)

 So weit, so oft durchgekaut. Das dürfte inzwischen Allgemeinwissen sein. Viel wichtiger ist aber, was daraus folgt: Nichts.

Zumindest für die Mehrzahl der Nutzer (mich meist eingeschlossen) scheint es keinen Unterschied zu machen, ob man etwas im Freundeskreis am Lagerfeuer äußert oder es mit dem Status „öffentlich“ in Endgeräte tippt. Ich will das nicht verdammen, bin ja selbst ein Dampfplauderer vor dem Herrn, aber bemerkenswert finde ich es schon.

 Ich will das Feld der tschekistischen Wachsamkeit einerseits bzw. der digitalen Inkontinenz auf der anderen Seite aber gleich wieder verlassen. Das muss schon jede für sich entscheiden, es ist allerdings zu hoffen, dass zumindest die Heranwachsenden hier medien- oder besser sozialpädagogische Hilfe bekommen (auch wenn es sicher noch mehr nötig hätten).

Alle anderen Menschen hier sich im Wesentlichen sich selbst und damit den interessierten Anbietern zu überlassen, halte ich übrigens für ein veritables Versäumnis unseres Gemeinwesens, ja, auch und besonders der sogenannten „geistigen Elite“. Wertmaßstäbe dafür zu entwickeln und diese zu diskutieren, wäre doch deren Aufgabe, oder? Kann ja sein, dass dies in den einschlägigen Zirkeln geschieht, doch zu lesen ist davon für Otto Normaluser wenig, einen praktischen Wert einer solchen Debatte gibt es de facto zur Stunde aus meiner Sicht nicht.

(Dass man den Namen des beispielgebenden Herrn auch als „Normal-Loser“ lesen kann, ist auch wieder so ein böser Scherz des Genossen Zufall.)

 Bezug meines Pamphlets soll jedoch und dennoch unser ganz konkretes Verhältnis zu den sozialen Medien sein, hier am Beispiel von facebook behandelt, wobei ich davon ausgehe, dass es in den konkurrierenden Diensten nicht viel anders zugeht.

 Ich muss noch einmal auf die Einleitung zurückkommen. Erst das mobile Internet schafft den sozialen Medien Reichweite und Bedeutung: Wenn man jedes Bildchen und jede Gefühlsäußerung erst nach Hause tragen müsste, um sie zu posten, wäre der Traffic sicher deutlich geringer. Und umgekehrt machen erst die entsprechenden Dienste die Smartphones zu wirklich aktiven Endgeräten. In Summe haben wir es mit etwas VÖLLIG NEUEM zu tun.

Auch dies sind zwar Allgemeinplätze, sie müssen jedoch dem folgenden Gedanken vorangestellt werden, um jenem die Chance zur Plausibilität zu geben.

 Ich behaupte nämlich: Etwas völlig Neuem kann man nicht mit alten Maßstäben begegnen.

Wo steht denn bitte geschrieben, dass man im facebook so wahrhaftig und „seriös“ sein muss, wie man es im tatsächlichen Leben kaum sein mag? Wie kann eine Datenbank zu Freizeitaktivitäten von mir verlangen, mit meinem richtigen Namen anzutreten und auch noch alle Verwandtschaftsverhältnisse offenzulegen, von den Beziehungen ganz zu schweigen? Warum nervt mich das System ständig mit Fragen, was ich wohl gelernt und gelesen hätte? (Zu bevorzugten Sexualpraktiken wollen sie übrigens nichts wissen, der Server steht in den USA.)

Warum soll ich nicht auch mal über- oder untertreiben dürfen, oder was erfinden? (Dass ich vieles weglasse, versteht sich ja hoffentlich von selbst) Das ist doch alles nur ein Spiel!

 Einige Begegnungen der jüngeren Zeit lassen mich allerdings daran zweifeln, ob diese Meinung noch mehrheitsfähig ist. Ein heiliger Ernst weht mir da manchmal entgegen, den ich „facebook-Bigotterie“ nenne, und nach meinem Bekenntnis zu einer gewissen Lockerheit im Umgang mit der Wahrheit, sofern sie das im Netz zum Besten Gegebene betrifft, werde ich schon mal wie ein Sittenstrolch behandelt, auch ohne der jeweiligen Dame (es sind erstaunlicherweise nur Damen bislang) physisch zu nahe getreten zu sein.

 Ja, Herrschaftszeiten, was ist dieses facebook denn eigentlich, was glaubt es zu sein? Was erlauben Strunz-Zuckerberg?

Eine genial programmierte Datenbank, da sind wir uns schnell einig. Eine Spielwiese, ein Friedhof der Urlaubsbilder, eine Gelegenheit zum verlustfreien Teilen, eine Kleinkunstbühne, ein Ego-Shooter (wenn die Zahl der Likes es hergibt, sonst ein –Dämpfer), ein praktisches Mittel der kulturellen und sozialen Vernetzung, ja, manchmal auch eine ernsthafte Diskussionsplattform, und in zunehmendem Maße ein Werbeträger. Ein Ort zum Ausheulen, ein Kummerkasten? Eher nicht, aber notfalls auch das. Ein Panoptikum, das sicher. Die beste Freundin? Davon würde ich abraten.

 Aber nie, nie, nie ist facebook ein Duplikat oder gar ein Ersatz für das soziale Leben. Dessen Regeln gelten hier nur bedingt, begreifen Sie das bitte, Mesdames. Und genauso, wie ich versuche, in der Wirklichkeit meinem Gesprächspartner in die Augen zu schauen, ihm die Wahrheit zu sagen (wenn es denn sein muss, man kann auch mal schweigen) und verlässlich und berechenbar zu bleiben, bin ich im facebook ein Bruder Leichtfuß, ein Dschungelkämpfer der Satire, der Viertelgott der Ironie. Ein Widerspruch? Nur für jene, die dem Medium facebook distanzlos gegenüberstehn.

 Vielleicht muss man eine gewisse Lebenserfahrung haben, um das so sehen zu können, die späte DDR mit ihren genormten Verhältnissen erlebt zu haben, hilft sicher auch.

Ich jedenfalls werde mich nicht zwingen lassen, die im puritanischen Amerika ausgedachten Regeln zu befolgen, weder von Herrn Zuckerberg noch durch sozialen Druck.

 Dass ich mein Unwesen im facebook auch noch unter meinem richtigen Namen treibe, ist vermutlich aus Sicht der anderen Seite besonders perfide. Kann man bei einem Phantasienamen (wie ich ihn gelegentlich auch mal benutze, vertretungsweise) sofort von Unseriosität ausgehen, ist dem facebook-Michel (oder „der -Michelin“, ohne Sterne, hähä) ein Klarname mit Anarcho-Potential nicht geheuer. Da werden die ungeschriebenen Gesetze übertreten, das gehört sich doch nicht, warum macht denn da keiner was, kann man den nicht abschalten?!

 Bedaure. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.

Und verbreite weiter fröhliches Chaos, beschwingte Aufschneidereien, lehrreiche Lügengeschichten. Dazwischen auch häufig mal – der Gipfel der Bösartigkeit – zur endgültigen Verwirrung etwas Bitterernstes.

Die Mühe auf sich zu nehmen, das Eine vom Anderen zu unterscheiden, dies erwarte ich von meinen facebook-„Freunden“ schon. Wem das zu viel ist: Glück auf den Weg. Mit zwei Klicks ist man draußen aus meinem Kleinkosmos, noch zwei mehr, und man hört nie wieder von mir. Zumindest nicht in diesem Sozialtheater.

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