Hiddenseeer Elegien, Teil 4: Von Höhenmetern und von Nichts


„Rrrrromantik!!!“ brüllt im Geiste Sven Regener neben mir und schwenkt seine Trompete. Ich stehe auf dem Hochuferweg, ein kleiner Austritt, 50 Meter unter mir das Meer, das ordnungsgemäß tost. Ich will Meer, immer Meer!

Heute bin ich ein Wandersmann. Zwar wollte ich meinem Vorsatz, kein Fahrrad auszuleihen, am Vormittag untreu werden, weil mich mein Geschwätz vom Vortag prinzipiell niemals nicht kümmert und der Bessin bei der glühenden Sonne doch etwas weit erschien, aber: Ausgebucht! Zumindest beim ersten Verleiher, und beim zweiten war der Hof auch leer. Da war ich dann beleidigt und nahm eine Zielanpassung vor: Dornbusch, ein schöner Wald oberhalb der Steilküste.

Zum Frühstück gab es Omelett. Ich bin bass erstaunt ob meiner Fähigkeiten und meines küchentechnischen Elans. Und Castorf gab es auch, auf nachtkritik.de, er lässt ja grad den Ring wandern in Bayreuth. Und dies sehr gut, wie zu lesen ist. Das würde ich mir gerne ansehen, also falls jemand eine Karte übrig hat … Ich nehm auch Loge.

Noch zwei wichtige Nachträge zum gastronomischen Vorabend:

In der Hotelkneipe, in der ich bislang allabendlich verkehrte („Godewind“, das kann gern mal geschrieben werden), gab es noch etwas, dass sich treffend nur mit „Oh alter Knaben Peinlichkeit“ umschreiben lässt. Vier ältere Herren machten auf Großsegler und Mädchenverderber, aber das durchweg hübsche und kompetente weibliche Personal um die Zwanzig ließ sie allesamt freundlich abtropfen, ob die Mädels nun aus Pommern oder der Slowakei kamen. Ganz großes Kino.

Und noch was, auf einmal hoben zwei Musiker an zu spielen. Sie seien die Vorhut einer größeren Band, die nach und nach hier eintrudeln würde, sagte der Leader. Dann gab es New Orleans – Jazz, der Gitarrist tat sich schwer mit dem Singen, aber der Trompeter war großartig. Und selbstverständlich war noch eine Sängerin im Saal, und selbstverständlich hatte sie Lust mitzutun, und selbstverständlich war sie gut … Ach Hiddensee.
What a night, auch ohne Telefonnummern auf der Kippenschachtel.

Ehe ich aufbreche, gab ich noch eine Wahlwette ab beim Spiegel, eher Wunsch als Wette, aber vielleicht ja selbsterfüllend. Und dann noch bad news von der Arbeitsfront, aber nach ein paarmal telefonieren war alles wieder gut. Los jetzt.

Der Dornbusch ist ein tiefer Mischwald, den man von außen gar nicht so wahrnimmt. Aber der Weg (der mit der Romantik) zieht und windet sich, doch man ist im Schatten und das ist gut so heute, liebe Genossinngenossen. Die Sonne feiert ihr Comeback.
Den Pfad erreicht man vom südlichen Kloster am besten über den Biologenweg, der nicht nur genderkorrekt eigentlich Biologinnenweg heißen müsste. Wohin ich auch blicke im weitläufigen Areal der Uni Greifswald, nur Damen sind zu sehen. Und auch das ist gut so, obgleich ich zur Erholung hier bin. Also ab in den Wald.

Eine meiner Lieblings-Äbb auf dem Eierfon ist die, wo man eingeben kann, was man grade tut, ob Laufen, Radfahren, Kriechen oder Fliegen, nur so als Beispiele. Mit Schwimmen stell ich mir das schwierig vor, und bei Tätigkeiten, die nicht mit Ortsveränderung zu tun haben, versagt das System völlig. Aber sonst ist es sehr drollig: Man bekommt am Ende der Tour alles ausgespuckt, was man gar nicht wissen will, Zeit, Weg, Durchschnittstempo, Höhenmeter und –profil, Kalorienverbrauch usw.. Man überwacht sich sozusagen selbst, was aus staatsbürgerlicher Sicht völlig in Ordnung ist, global gesehen allerdings Arbeitsplätze vernichtet. Da muss sich Herr Friedrich sicher bald nochmal entschuldigen in Amerika.

Das System weiß also, als ich wieder in Kloster bin, beim Fischer: 6,42 km bin ich gegangen, in 1 h 28 min, das macht peinliche 4,35 km/h, aber immerhin 578 Höhenmeter hab ich geschafft und dafür 539 kcal verbraucht. Diese nachzuladen, ist das geringste Problem.
Das Höhenprofil sieht aus wie das einer klassischen Alpenetappe, nur dass der Tourmalet hier 75 m über dem Meer ist. Aber wirklich hübsch das Ganze, und wenn mir der Anbieter dafür Geld zahlen würde, tät ich auch den Namen verraten.

Den Rest des Tages verbringe ich wieder mit Nichts. Nichts ist mir ans Herz gewachsen, sie ist eine charmante und kluge Begleitung, die immer weiß, worauf es gerade ankommt. Sie erzählt mir von sich, und ich ihr von ihr, auch wenn das nicht logisch klingt. Im Handumdrehen ist der Nachmittag vorbei.

Um nicht als zwanghaft zu gelten, kehre ich heute abend in Kloster ein, in der Stammkneipe vom letzten Mal, die auch am Kollwitz-Platz sein könnte. In Berlin wohlgemerkt. Die Gastro ist fest in europäischer Hand, zumindest was den Service angeht (die Kasse bewachen die Preußen), ein Blondton schöner als der andere, ach ja, Sommer. Erwähnte ich schon, dass ich zur Erholung …?
Man muss zwar zahlen für das W-Lan, aber was soll der Geiz? Was ich hier reinstecke, kann ich nicht mehr vertrinken. Das ist dann auch gut für den heute abend langen Heimweg.

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