Hinterm Horizont geht’s nicht mehr weiter


„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams in der Regie von Nuran David Calis, gesehen am 22. November 2012 im Staatsschauspiel Dresden (Premiere)

 

Dieser Zug endet hier. Die Ankunft von Blanche im Prekariatsidyll ihrer Schwester ist eher ein Aufprall. Hier gibt es Whiskey zum Frühstück, nicht Himbeereis. Die Stars&Stripes wehen, zur Begrüßung erfolgt eine Kofferdurchsuchung. Nein, Blanche hat keine Geschenke mitgebracht, sie schenkt sich selbst. Nicht alle sind begeistert.

Das erste Duell mit Stanley, dem Mann aus der Arbeiterklasse und außerdem von Stella. Die übliche geballte Ladung Erotik gegen proletarische Gradlinigkeit. Was ist aus Belle Reve geworden, dem schönen Traum von der Zukunft? Nein, nicht verkauft, verloren halt. Weg.

Immerhin scheint jener Stan zur Blutauffrischung der ehrwürdigen Familie DuBois zu taugen. Blanche lässt durchblicken, dass sie da auch zur Verfügung stünde.

 

Die Damen platzen nach ihrem Ausgang in die abendliche Pokerrunde wie ein Schluck Champagner in die Bierbowle. Blanches zartes Anbandeln mit dem naiven Mitch missfällt dem Hausherrn, der ahnt, welch zersetzende Kraft von dem Püppchen ausgeht. Brutal beendet er das Stelldichein, es entstehen die ersten Löcher in der Fassade. Von allen.

Mitch (in ungewohnter Rolle Wolfgang Michalek, aber ebenso großartig wie sonst als kraftstrotzender Bösewicht) startet einen harmlosen Flachlegeversuch, zu harmlos für Blanche. „Geld verschwindet“, weiß diese. Das hohe Roß ist noch nicht tot, aber der animalische Stan imponiert ihr schon, zumindest körperlich. Allerdings beruht dies nur bedingt auf Gegenseitigkeit.

 

Im Hintergrund verrichtet einer sein Geschäft, als sich die Schwestern anbrüllen. Erstaunlich kraftvoll beide, sowohl Ines Marie Westernströer als Stella als auch (an diesem Abend noch mehr) Nele Rosetz als Blanche spielen sich die Seele aus dem Leib. Das Fazit: Stan ist eine Bestie, wird aber geliebt. Eine flammende Rede von Blanche zur Kultiviertheit versickert ohne Wirkung.

Stan hat was herausgefunden. Noch behält er es für sich.

Die bittere Einsicht von Blanche, dass Mädchen jenseits der Dreißig es nicht leicht haben, ist nachvollziehbar. „Männer schätzen nicht, was sie zu leicht bekommen, verlieren aber schnell das Interesse.“ Ja, das Optimum zu finden ist schwer.

 

Mitch ist nun der Hoffnungsträger.

Die Hintergrundbebilderung ist von derber Romantik, als sich Blanche zuvor noch am jungen Kassierer zu vergreifen sucht. Es folgt ein missglückter Abend von Mitch und Bitch, es ist kompliziert, wie es auf facebook heißen würde. Aber dann springt Mitch doch noch aus dem verschwitzten Hemd, es folgt ein fröhliches Gewichteraten.

Melodramatik ist die neue Strategie von Blanche, die scheint auch aufzugehen, Mitch beißt an und will der siechen Mama eine Freude machen.

 

Pause. Noch ist nichts verloren.

 

Blanche hat Geburtstag. Den, äh, siebenundzwanzigsten. Zu diesem Anlass gibt es von Stan ein Ticket für die Heimreise und die ganze Wahrheit. Nicht viel Schönes dabei. Auch Mitch weiß nun Bescheid und ist not amused. Er schwänzt die Feier.

Stan pinkelt im Stehen, das war zu erwarten. Danach demoliert er das, was noch heile ist im Heim und zeigt, wer der Herr im (ramponierten) Hause ist. Das Wort Polacke erträgt er nicht.

Auch Stella ist schon vergiftet, glaubt er. Aber er liebt sie noch. Dann setzen ihre Wehen ein.

 

Ein später Besuch von Mitch, die letzte große Blanche-Show beginnt. Southern Comfort soll beim Überzeugen helfen, Blanche will Zauber, keine Realität, aber Mitch will Klarheit. Es folgt die große Beichte, „in meinem Herzen hab ich nicht gelogen“. Großartige Szene von beiden.

Mitch verwandelt Blanche in seine Mutter – so scheint es mir – und geht trotzdem.

 

Stan kehrt aus der Klinik zurück, noch ist es nicht so weit mit dem Sohn (was sonst). Sascha Göpel ist 100% Stanley Kowalski, großes Kino.

Ein Telegramm mit der Einladung zur Karibik-Cruise, vom Millionär gesendet, soso. Und die Rosen von Mitch, jaja. Die Kaiserin ist nackt.

Die finale Rache des Polacken für die Demütigungen durch Blanche lässt der Regisseur dankenswerterweise nur in unserer Phantasie stattfinden.

 

Ende. Blanche wird den Rest ihres Lebens auf dem Meer verbringen. Oder so ähnlich.

 

Ein großartiger Stoff, eine großartige Inszenierung, großartige Schauspieler. Man möchte sich themengerecht besaufen vor Freude an solch einem Abend.

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