Gedanken über Barbara


„Barbara“, ein Film von Christian Petzold, 2012

 

Es ist ein ganz großer Vorzug dieses Films, das er die Vorgeschichte nur soweit es unbedingt nötig ist erzählt. Es bleibt sehr viel Platz für Phantasie, und man kann sich unbelastet voll auf die Handlung in der Gegenwart konzentrieren.

Petzold setzt einiges voraus, man sollte die Gegebenheiten der späten DDR einigermaßen kennen, um begreifen zu können, was da geschieht. Die Hausdurchsuchungen bei Barbara z.B., ein normaler Westeuropäer begreift das gar nicht.

Die Titelheldin ist anfangs fast ein wenig zu kühl, zu angstfrei. Abgestumpft durch lange Schikanen, das sicherlich. Ihr Wille, rauszukommen, erklärt sich aber weniger aus der etwas klischeehaften Beziehung zum Westfreund als eher aus den Umständen, unter denen sie nun leben muss, nach einem Ausreiseantrag vor einiger Zeit.

Andre als nach einem „Vorfall“ in die Provinz versetzter verhinderter Wissenschaftler strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, er scheint unerschütterbar, selbst dann, als ihm (zum ersten Mal vielleicht) die hässliche Fratze des Sozialismus konkret in Form der Schikanen gegen Barbara begegnet. Sein vorsichtiges und doch beharrliches Werben um sie lässt sich nicht von ihrer Schroffheit und ihrem Misstrauen abwürgen, aber auch er ist hilflos, als sie plötzlich weg ist. „Die kommt nie wieder“, weiß der Stasi-Mann.

Stella, das junge, schwangere Mädchen aus dem Werkhof, bringt mit ihrem unbändigen Freiheitswillen die Geschichte immer wieder voran. Am Ende gleitet sie statt Barbara mit dem Schlepper am nächtlichen Ostseestrand in Richtung Freiheit, man fiebert, dass sie es schaffen möge.

Barbara hat ihren Platz auf dem Boot hergeschenkt für sie, und nicht nur das: Auch eine Zukunft im Westen, eine Partnerschaft mit dem Westmann, alles, was es nur „drüben“ gibt. Sie wählt den schweren Weg zurück, in eine feindliche Umgebung, als einzige Stütze Andre, vielleicht.

Der Film spielt im Jahr 1980. Noch über neun Jahre bis zur Wende. Es lohnt sich nachzudenken, was passieren wird.

Ein Paar werden Andre und Barbara bestimmt, aber dauerhaft? Wie lange wird man ihren schädlichen Einfluss dulden? Dann vielleicht die nächste Provinz für Frau Dr. Barbara. Wird ihre Liebe das aushalten?

Oder deckt der Stasi-Offizier aus Dankbarkeit für das, was Andre für seine krebskranke Frau getan hat, die beiden? Finden sie dort eine Nische und überwintern, bis sich die Verhältnisse irgendwann ändern?

Es bleiben viele Fragen offen, gut so. Der Film entlässt einen mit Hausaufgaben, viel Stoff zum Nachdenken.

 

Wenn auch gänzlich anders angelegt, Parallelen zu „Das Leben der Anderen“ drängen sich auf. Auch hier eine realistische Beschreibung der DDR-Wirklichkeit, ohne Verklärung, aber auch ohne Denunziation. „Barbara“ ist noch mehr im Alltag angesiedelt, die (wenigen) Protagonisten sind glaubwürdig gezeichnet, auch wenn es letztlich nur um die beiden Hauptpersonen geht.

 

Ronald Zehrfeld war für mich eine absolute Entdeckung, mit ganz sparsamen Mitteln vermittelt er ein Bündel von Emotionen. Er ist in jeder Sekunde absolut glaubhaft, sein Zweifeln zwischen den eingelernten Wahrheiten und der erlebten Realität ist fast körperlich spürbar.

Nina Hoss, deutlich renommierter, lässt ihre Barbara anfangs kalt und stumm erscheinen angesichts dessen, was ihr widerfährt. Der Zwiespalt zwischen der möglichen Flucht einerseits und ihrer Sorge um Stella und der aufkeimenden Liebe zu Andre ist ihr dann an Körper und Augen abzulesen. Man zittert mit ihr, wenn sie am Ende durch den dunklen Wald in eine ungewisse Zukunft fährt.

Ein letzter Satz: Der Film ist mehr wert als alle gutgemeinten Wende-Denkmale zusammen.

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