Einer für alle


„Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann in der Fassung von Sophie Scherer und Nicolai Sykosch, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 6. September 2025

https://www.kultura-extra.de/theater/auffuehrungen/premierenkritik_Mephisto_StaatsschaspielDD.php

Zusammenfassung:

Das Stück passt in Zeit und Landschaft, soweit ist der Ansatz nachvollziehbar und eine gute Botschaft im vorletzten Jahr der Clementschen Dekade. Aber ob man bei der Spielzeitplanung schon von der Münchner Inszenierung von Jette Steckel wusste, die die Latte verdammt hoch hängte? Die Brillanz der Kammerspiele wurde nicht erreicht, aber es war ein ordentlicher Start, mit einigen Höhen und Tiefen.

Trotz des Premierenjubels am Ende: Das Stück lebt wie wenig andere von der Präsenz der Haupt- und Titelfigur, und da blieben Wünsche offen. Nadja Stübiger wirkte zu häufig als Frau, die einen Mann spielt statt als Höfgen, der jede Rolle spielt, die man grad von ihm erwartet.

Es ist im Stück nicht angezeigt, daß sich andere Figuren mehr als die Hauptrolle profilieren. Hier jedoch gelang es Christine Hoppe (originellerweise die Tochter des erwähnten Rolf), aber auch Anna-Katharina Muck und (in der Rolle des Ministerpräsidenten) Hans-Werner Leupelt, in die Lücken hinein eigene Glanzlichter zu setzen.

Wenn die Schauspielkunst nicht zufriedenstellt, hat das vor allem mit dem Regisseur zu tun. Nicolai Sykosch besitzt eine gute Hand für das Komödiantische, Stücke mit größerer Tiefe sind seine Sache offenbar nicht. Das wurde schon beim „Besuch der alten Dame“ schmerzlich deutlich und war diesmal nicht viel anders. Hier braucht es auch einen ernsthaften spielerisch-dramatischen Zugriff, der die doppelten Böden offenlegt, es reicht nicht, das nur über den Text transportieren zu wollen.

Erwähnenswert war (nach der anfänglichen Sparsamkeit) noch die Bühne von Stephan Prattes, vor allem die Spiegelung des Blicks an der vierten Wand und die damit erzeugte Illusion, vom Zuschauersaal aus in den selbigen Saal des großen Hauses zu schauen. Die textlichen Ergänzungen (vermutlich von der Dramaturgin Sophie Scherer) z.B. zur Homophobie legten Spuren ins Heute, auch das fand ich gelungen.

Überhaupt war für mich erneut erschreckend, wie aktuell dieses Stück ist. Sind wir in einer ähnlichen Situation wie vor 95 Jahren? In München mag das noch ein Gedankenexperiment gewesen sein, in Sachsen und den anderen östlichen Bundesländern ist das eine realistische Variante.

Reichlich Stoff zum Nachdenken liefern – diese Aufgabe eines Theaterabends wurde ungeachtet der kritischen Anmerkungen voll erfüllt. Ich empfehle, sich selbst eine Meinung zu bilden.

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