Alles ist gewesen aber nichts ist wahr


„Umgegend. Tanz und Performance Parcours“ im Rahmen der Tanzwoche Dresden auf dem Ostrale-Gelände, gesehen am 21. April 2014

 Einem schönen Rücken zu folgen, ist immer eine gute Idee. Zumal, wenn dieser (bzw. dessen Besitzerin) einen zu verwunschenen Orten führt, an denen getanzte Pretiosen zu sehen sind.

Das Gelände der Ostrale (ganz ganz früher mal die städtischen Schlachthöfe im Ostra-Gehege, heute notdürftig erhaltene Ruinen) wurde – soweit ich das überblicke – erstmals durch die Tanzwoche bespielt, hinterher kann man zwar immer sagen, das war doch naheliegend, nur muss auch jemand darauf kommen.

Neben einem österlichen Brunch respektive Lunch gab es am Sonntag und Montag jeweils zwei Aufführungen des Ivanovic Clan um die Choreografin Jelena Ivanovic, der hier aus fast zwei Dutzend Tänzern, Sängerinnen und Performern besteht. Ein Parcours ist zu durchschreiten, unter Führung und Begleitung zweier geheimnisvoller Damen, die die – am Ostermontagmittag überschaubare – Besuchergruppe während der eindreiviertelstündigen Aufführung nicht aus den Augen lassen.

 Es beginnt vor den Ställen, ein einsamer Solist mit sparsam-traurigen Bewegungen, dann räkeln sich zwei Damen gelangweilt auf zwei Etagen. Auch Zwiebeln schneiden ist eine zu Tränen rührende Kunst, und nebenan scheint jemand um Einlass zu flehen, während Paare im Obergeschoss beim Tango schwelgen.

Noch findet dies alles in tiefer Stille statt, nur die Vögel hört man zwitschern auf dem weitläufigen Gelände.

 Man betritt nun die Hallen, wird ins Obergeschoss gewiesen, Dunkelheit, Musik ertönt, ein interessantes Bild taucht auf: Paare eilen mit Einkaufs- statt mit Kinderwagen. Eine Familienszene wird performt, nun sind auch Worte zu hören, dazu noch traumhaft schöner Gesang (Eva-Maria Falk), es folgt ein mitreißender Pas de deux, mit Möhre, einem von mir bisher künstlerisch unterschätzten Gemüse. Auf dem Wege nach unten wieder dieser phantastische Sopran.

 Im Erdgeschoss gebiert ein seltsames Wesen im blattgrünen Kleid einen zweiten Kopf, das ist wundersam anzuschauen, auch wenn die schützende Hülle am Ende fällt. Einen dadaistischen Ohrwurm nehme ich mit „la-la, la-la-la“ mit und die Beobachtung eines versuchten Ausbruchs aus dem niedlichen Einerlei und der resignierten Rückkehr.

 Mein Lieblingsbild an diesem Nachmittag: Sängerin und Tänzer vor einer Kühlhaussilhouette, balancierend auf einem Stapel von Balken.

Noch einmal geht es ins Haus, dort nimmt eine Dame ein Bad, duscht mit Mineralwasser und pflegt sich im Widerhall der Werbebotschaften. Zuvor noch ein Solo der namensgebenden Clanchefin, vor dem videoprojektierten eigenen Rücken und diesmal mit einer knallroten Paprika als Staffage. Auch wenn man es nicht wirklich erklären kann, das alles ist von einer berückenden Ästhetik.

Was auch für Yaron Shamir gilt: Er beschließt den Reigen mit einer selbst entwickelten und getanzten Choreographie um, auf und mit einem fahrbaren Stuhl, der mit Punktstrahlern unterschiedlicher Größe versehen ist. Què és l‘amor …? Nicht nur musikalisch ein Höhepunkt zum Schluss.

 Eine „verwunschene, entrückte Welt, wo alles tanzt und nichts still steht, wo alles gewesen aber nichts wahr ist …“ sei hier zu besuchen, versprach das Programmheft. Nach der Runde durch die alten Schlachthöfe halte ich das für leicht untertrieben. Ein phänomenales poetisches Erlebnis war es, man fühlt sich gehoben und schwebt fortan ein wenig durch den Tag.

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