Küssen verboten


„Dear Moldova, can we kiss just a little bit?“ vom Teatru Spalatorie Chisinau, Erarbeitung Nicoleta Esinencu und Regie Jessica Glause, gesehen im Rahmen des Bürgerbühnenfestivals in Dresden am 23. Mai 2014

 

 Alltag in Moldawien, man sitzt in der Küche und schnippelt den Borschtsch zurecht. Doch berichtet wird dabei von etwas in diesem Land sehr Außergewöhnlichem: Dem offenen Umgang mit der Homosexualität, sei es der eigenen, der des Kindes oder derer der Mutter. In dem kleinen Land zwischen Rumänien und Russland ist das ein Un-Thema, dessen Erwähnung wenn schon nicht Aggressionen, so zumindest Ablehnung oder im besten Falle Totschweigen nach sich zieht. „Schwuchtel“ hat sich als gängiger Begriff etabliert, und wer von der Polizei mit seinem Partner im Auto überrascht wird, kann froh sein, wenn er nur sein Geld abliefern muss, um ungeschoren davonzukommen. Zwar gibt es in Moldawien nicht jene irrwitzigen Gesetze wie in Russland oder in islamischen Staaten, aber die Gesellschaft scheint nahezu geschlossen in ihrer Ablehnung dieser „Anomalie“ und wird von den (orthodoxen) Kirchen darin bestärkt.

 In einer solchen Atmosphäre eine dokumentarische Theaterarbeit über und mit Homosexuellen und deren Angehörigen zu fertigen und diese dann auf eine Bühne zu stellen, verlangt nach einer Art von Mut, den man hierzulande wohl kaum mehr aufbringen muss, nicht in der Kunst und nicht anderswo. Nicoleta Esinencu hat das Wagnis auf sich genommen, sie hat aus intensiven Interviews mit Betroffenen, die sie über ein Beratungszentrum zur Homosexualität kennenlernte, einen Text geformt, den Jessica Glause dann inszenierte und im Teatru Spalatorie in Chisinau inzwischen mehr als fünfzehnmal aufführte. In den moldawischen Medien sei das Echo verhalten, so hörte man nachher, wenn das Stück nicht gar skandalisiert wurde, doch die Publikumsreaktionen seien sehr positiv, bei vielen Zuschauern wäre ein Prozess des Umdenkens angestoßen worden oder sie seien vielleicht auch erstmal nur zu einer vorurteilsfreien Auseinandersetzung mit dem Thema angeregt worden.

 Dass dies gelungen ist, mag man gerne glauben, denn das Stück verzichtet auf jegliche vordergründige Plakativität und lässt einfach die Menschen erzählen, von sich und von den anderen. Da steht ein äußerst charmanter älterer Schwuler auf der Bühne und spielt und singt über sein Leben, nebenher kocht er auch noch den Borschtsch. Ein Junge berichtet von seiner Mutter, die sich aus ihrer Ehe löste, um mit ihrer Freundin zusammenzuleben, und was sie dabei zu erleiden hatte und hat. Ein junger Mann (der einzige „richtige“ Schauspieler im Kreis der Laien) spricht von seinem Coming-Out, schwierig für sich und noch mehr für seine Familie. Ein Mädchen schildert ihren verwirrenden Weg bis zur Erkenntnis, dass sie Frauen liebe. Doch am anrührendsten ist für mich das Elternpaar, das die Geschichte seines homosexuellen Sohns und des langen Prozesses bis zum Begreifen, Annehmen und Akzeptieren dieser Wahrheit erzählt und dabei auch wunderbar selbstironisch miteinander spielt.

 Es ist ein unglaublich warmherziger, menschlicher Abend, man möchte alle auf der Bühne umarmen für ihren Mut und ihre Leistung, die unabhängig vom Thema unbedingt sehenswert ist. Das wird niemals peinlich oder gleitet in ein Betroffenheitstheater ab, die Botschaften werden unprätentiös und damit umso wirkungsvoller gebracht.

Am Ende versammelt sich die Gruppe zum Essen am Tisch, im Hintergrund läuft das Video einer traditionellen moldawischen Hochzeitszeremonie, die Protagonisten sind Männer. Doch bis dahin dürfte es noch ein weiter Weg sein, bislang ist Küssen verboten für gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit. Aber der Weg besteht aus vielen Schritten, und einen großen davon geht dieses Stück.

Es bleibt zu hoffen, dass es auch in Moldawien weiter die Resonanz findet, die es verdient, und damit zu einem Wandel des gesellschaftlichen Klimas beiträgt. Was kann Theater Besseres leisten?

 In Dresden – wie auch beim Theaterfestival „radikal jung“ unlängst in München – schlug den Macherinnen und Darstellern eine Woge der Sympathie entgegen, die auch beim anschließenden Publikumsgespräch nicht abebbte. Auch dies war ein großartiger Beitrag zum Bürgerbühnenfestival, und – neben den „letzten Zeugen“ – der gesellschaftlich relevanteste allemal.

 

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