Schneeberg, Ort der Vielfalt


Eine Stadt kämpft um ihren Ruf

  

„Schneeberg, Ort der Vielfalt“. Doch, das steht da wirklich am Rathaus. Das Leben schreibt die besten Pointen.

Das Schild dürfte schon länger hängen, die Bundesregierung hat manchmal lustige Kampagnen auf Lager. Wer hätte wohl damals beim Anschrauben gedacht, dass das mal eine solche Bedeutung erlangen könnte?

 

Wer die Vorgeschichte nicht kennt:

Die freistaatlich-sächsische Verwaltung hatte vor einiger Zeit, als es Probleme zwischen verschiedenen Nationalitäten im „Auffanglager“ Chemnitz gab, die an sich gar nicht falsche Idee, den tschetschenischen Teil der Asylbewerber (etwa 500 Menschen, zwei Drittel davon Frauen und Kinder) in die 15.000-Einwohner-Stadt Schneeberg im Erzgebirge zu verlegen, wo es nach dem Rückzug der Bundeswehr mit der Jägerkaserne mehr als genug geeignete Infrastruktur gibt (wen man die bundesdeutsche Art der Unterbringung als sinnvoll ansieht). Nur hielt man es in seiner Borniertheit offenbar nicht für notwendig, Bevölkerung und Verwaltung vor Ort ausreichend und rechtzeitig darüber zu informieren und darf sich nun ein gerüttelt Maß Mitschuld an der zwischenzeitlichen Eskalation geben lassen.

 

Die Nazis (ich weigere mich, „Neo“ davorzusetzen, ich wüsste nicht, was an denen neu sein sollte) sind gerade in Sachsen dankbar für solche Steilvorlagen. Nächstes Jahr ist Landtagswahl.

Und so kam es am 19. Oktober zu einem von der NPD angemeldeten „Lichtellauf“ mit Fackeln gegen das Asylbewerberheim, wo neben den üblichen Verdächtigen auch ein erschreckend großer Teil der Schneeberger Bevölkerung zu sehen war. „Wir sind das Volk“ soll man auch gebrüllt haben, womit der Bogen vom Reichsparteitag über die DDR-Gründung bis zu deren Auflösung geschlagen werden konnte. Der deutsche Michel ist halt überall dabei.

 

Zum Glück gibt es in Schneeberg auch noch reichlich Gerechte, und nachdem bereits am Montag danach ein Friedensgebet initiiert wurde, fand am vorgestrigen Sonnabend ein Familienfest in Schneeberg statt, das die Flüchtlinge einbezog und insgesamt von etwa 1.000 Menschen besucht wurde, in etwa so viele, wie auch zum Fackelmarsch gekommen waren.

 

Und am heutigen (28.10.) Montag dann das zweite Friedensgebet, gefolgt von einer Kundgebung. Es ergab sich günstig für mich, eine ausgefallene Aufführung und ein Diensttermin in der richtigen Richtung versetzten mich in die Lage, mir selbst ein Bild zu machen.

 

Ich bin nun sehr angerührt von der Ernsthaftigkeit und der Herzensgüte, die heute abend allerorten zu spüren war.

Schon das ökumenische Friedensgebet mit einer geschliffenen Predigt, die sich auf Matthäus bezog („was du dem geringsten meiner Brüder tust“ …) und den klugen Fürbitten war eine bewegende Veranstaltung, die dann noch mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gekrönt wurde.

Auch wenn der Vertreter der neuen Initiative „Schneeberg für Menschlichkeit“ sich ein wenig verrannte in seinem Eifer, der Bürgermeister (Frieder Stimpel von der CDU, das geht also auch) strahlte im Anschluss Weisheit aus, nicht mehr und nicht weniger. Und Monika Lazar, grüne MdB aus Leipzig, wies zum Ende noch nach, dass die Schneeberger nicht die Einzigen sind, die von den Nazis instrumentalisiert werden sollen.

 

Morgen wird es also in Schneeberg die längst überfällige Informationsveranstaltung der Landesbehörden geben, hoffentlich ohne Störungen, und dann? Die Hälfte der Flüchtlinge, so ist zu hören, sei klammheimlich schon wieder nach anderswo verbracht worden. Man könnte glauben, die zuständige Behörde sei NPD-unterwandert, so wie sie denen die Erfolge organisiert.

 

Und für den Sonnabend ist nun wieder ein „Lichtellauf“ angemeldet.

Man wird sehr genau hinschauen müssen, wer dort marschiert. Dass die sächsische NPD durchaus ein internes Mobilisierungspotential hat, ist bekannt, und sicher sind da auch einige Volksdarsteller darunter.

 

Aber, was werden die Schneeberger tun?

Wieder mit Kind und Kegel mitlaufen? Aus Angst um …, ja worum? Um den eigenen Partner, die Bodenschätze, die klare Erzgebirgsluft, den Parkplatz, die Südfrüchte bei Netto?

Wer in Schneeberg wohnt und in den letzten Tagen nicht begriffen hat, dass er von den Nazis als nützlicher Idiot gebraucht wird, dem ist nicht mehr zu helfen. Der macht dann nicht gemeinsame Sache mit Volksverhetzern, sondern er (oder auch sie) gehört dazu.

Man sollte es niemandem vorwerfen, beim ersten Mal mitgelatscht zu sein, zumal wenn die Hintergründe einem nicht erklärt wurden. Gott liebt die reuigen Sünder. Aber nochmal: Jetzt ist die Situation eine andere. Niemand kann sagen, ersiees hätte es nicht gewusst.

 

 

Schneeberg wird am Wochenende eine wichtige Weiche stellen. Ich hoffe, das ist auch allen bewusst hier. Wenn man einmal den Ruf als „Nazi-Nest“ weg hat, wird man den nur sehr schwer wieder los. Dann bleiben die Busse weg, und das berühmte Lichter-Fest kann man in sehr kleinem Kreis feiern. Die Lichter gehen dann langsam aus, es gibt ein Berggeschrey der anderen Art, und wer ist schuld? Klar, die Ausländer.

  

Der Bürgermeister hat dann auch noch gesagt, jetzt gehe es erst einmal darum, den Kindern in der Kaserne Spielzeug zu besorgen, für die wäre es nämlich am schwersten im Moment.

OK, irgendwo wird es hier sicher einen Laden geben. Den find ich morgen früh. Denn vom Artikel schreiben allein wird die Welt ja auch nicht besser.

 

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2 Kommentare

  1. klu

    Tja, die Entscheidungsweiche im politisch unterstützten Stadtleitbetrieb ist dann heute wohl recht eindeutig auf „Gute Nacht, Schneeberg“ gestellt worden:
    http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/Protest-und-Gegenprotest-2500-Menschen-demonstrieren-in-Schneeberg-artikel8590695.php

    Für ordentlich Stimmung, natürlich ordentlich von der NPD gefüttert, reichen dabei auch schon 33 Personen aus Tschetschenien, wie dieser Tage hier in Elsterwerda zu beobachten. Hätte ohne die Äußerungen besorgter Bürger überhaupt nicht mitbekommen, daß die jetzt irgendwo hier, womöglich gleich über den Hof, hocken.

    Zu diesem Thema höre man auch das Interview mit der Cottbuser Zeitungsjournalistin Simone Wendler im heutigen RBB-Medienmagazin, das auch noch online erscheinen wird. Da kommt nicht einmal zwischen den Zeilen, sondern ziemlich direkt zum Ausdruck, wie ihre laufende Publikationstätigkeit zum Thema NPD (gefühlt jeder zweite ihrer Artikel, und die gefühlte andere Hälfte beschäftigt sich mit der „Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit“; natürlich nur soweit, wie das nicht in die Nähe der eigenen Zeitung kommt) nicht das ist, was die Leute in ihrer „Heimatzeitung“ lesen wollen. Ich sehe da die Gefahr, daß die veröffentlichte Meinung völlig den Kontakt zu der von Otto Normalverbraucher verliert. Und ich halte es nicht für ratsam, diese sich fast schon konkret abzeichnende Situation zu verharmlosen, nur weil es hierzulande keine substantielle Wahlerfolge einfahrende Partei aus der als „rechtspopulistisch“ bezeichneten Ecke (d.h. sehr gut verkappte Nazis) gibt. Das könnte noch ein ganz anderes böses Erwachen geben als jenes, das die politischen Journalisten gerade bei der Bundestagswahl erlebten.

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