Kategorie: Bürgerbühne

Das Auge! Das Ohr!

„Die Nase“, nach der Novelle von Nikolai Gogol, Inszenierung der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, Regie Miriam Tscholl, musikalische Leitung Michael Emanuel Bauer, Premiere am 28.09.2013

Ein szenisches Konzert? Oder ein Ballett dieser Art? Eine Burlesque, ein Bürgerchor? Video-Kunst? Ein Comic mit Menschen? Ein atonales Ereignis? Clownerie? Großes Kino? Ein Singspiel? Eine Farce? Ein Dramolette? Eine Semi-Opera? Gar ein Hörspiel unterm Theaterdach? In Momenten auch ein Wutstück?
Eine quietschbunte Revue, das auf jeden Fall. Und Schwerstarbeit für die Technik, das auch.

Miriam Tscholl hat einen Parforce-Ritt durch alle Genres organisiert und nennt das bescheiden ein Musikspiel. Gogols „Nase“, jene absurd-komische Parabel vom Verlust der eigenen Nase und damit auch der Identität, bildet die Vorlage und den Handlungsrahmen. Aber das Stück ist weit mehr, ein Monument der Spiel- und Sangesfreude, der überbordenden Lust am (Sich-) Ausprobieren, ein neues Flaggschiff der Bürgerbühne.

Die grellen Kostüme und teils auch die Frisuren lassen einen an die Siebziger denken, YMCA-hej. Doch gegen Ende kommen Klamotten (Sabine Hilscher) und Darsteller (zehn an der Zahl, ich verbiete mir, jemanden herauszuheben) im Heute an. Wiederum geniale Video-Schnipsel von Sami Bill, Breitband-Musik von Michael Bauer (auch wenn Parov Stelar manchmal stark durchschimmert), dramaturgisch geschickt verbunden von Julia Weinreich, die auch das lesenswerte Programmheft (u.a. mit einem schönen Zitat aus Süskinds „Parfüm“ und einer schlüssigen Erklärung, warum die Nase eigentlich die Identität ist) verantwortet, auf einer zurückhaltend-schlichten Bühne von Katja Turtl und zusammengefügt von „Miss Spielfreude“ Miriam Tscholl, die wieder nicht das Letzte, sondern das Beste aus ihren Akteuren herausholt.

Verzichtbar höchstens die unvermeidlich scheinenden Mundart-Einlagen. Ansonsten ein Genuss für alle Sinne, vom olfaktorischen vielleicht mal abgesehen.
Wer einmal einen Abend richtig gute Unterhaltung oberhalb der einschlägigen Samstagabendshows der verschiedenen Glotzen genießen möchte, möge sich an die Kasse des Staatsschauspiels Dresden wenden, dort wird ihm geholfen.

(erscheint in Kürze – so Zeus will – auch auf livekritik.de)

Das verlegene Lächeln der Minderheit

„100 Prozent Dresden“, eine Produktion von Rimini-Protokoll am Staatsschauspiel Dresden am 14. September 2013 (Premiere)

Man kennt sich im Saal, heute noch mehr als sonst. Einhundert Dresdner werden auf der Bühne stehen, die haben ihren Anhang mitgebracht, und in unserem Dorf kennt ohnehin jeder jede über drei Ecken. Wir sind also ganz unter uns.
Am Anfang fränkelt es mächtig, die Chefin des statistischen Landesamtes erklärt die Regeln. Sie macht das sehr souverän, ein paar schöne Spitzen hat sie dabei, insgesamt ist das aber viel zu lang gehalten.
Es wurden also per „Kettenreaktion“ (jede bestimmt ihren Nächsten) Menschen ausgewählt, die Dresden repräsentieren sollen. Dann der Einzelauftritt, jeder hat ein paar Worte zu sich zu sagen, das zieht sich über fast eine halbe Stunde, ist mal witzig, mal albern, auch mal ziemlich peinlich. Im Selbstmarketing ist nicht jeder bewandert, „von Beruf Verschiedenes“ bleibt bei mir hängen, auch die Tupperware-Dealerin und die Vielzahl der Rentner. Eine gute Idee ist es, den fehlenden alten Klotzscher Mann mit einem Schauspielstudenten zu besetzen, 68, NPD, Modelleisenbahn im Keller, einige Leichen vielleicht auch.

Dann die Fragen, von je einer aus der Mitte gestellt, die Gruppe der 100 gibt dazu lebende Bilder. Optisch ist das nett, schön beleuchtet und abgefilmt, aber … irrelevant. Dresden in Zahlen halt. Und, liebes Rimini-Protokoll, fragt bitte mal bei der Bürgerbühne, wie man Laien-Akteure auf der Bühne vor sich selber schützt. Oder geht Euch der Effekt über alles?
Hängen bleibt bei mir der Ausländeranteil in Dresden: Gefährliche fünf Prozent. Ich erkenne, dass wir kurz vor der Überfremdung stehen und stimme insofern dem Klotzscher Wittwer zu.

Manchmal blitzen bei den einzelnen Fragen Geschichten auf, versinken aber sofort wieder in der Beliebigkeit. Das mit dem Tagesablauf ist hübsch, aber austauschbar. Der Herr Dozent muss nachts raus zum Pullern, aha. Dennoch gehört die Szene zu den Besseren des Stücks.
Wenn Relevanz aufkommt, dann hat das mit Sozialem und Persönlichem zu tun. Es gehört Mut dazu, sich als „Hartzer“ zu bekennen, die Ex-Drogenabhängige erntet einen verdienten und herzlichen Beifall, als sie von ihrem Ausstieg erzählt, und auch, sich nicht zu den Heteros zu stellen, ist schwieriger als man glauben mag. Doch diese Momente bleiben leider Ausnahmen.

Eine Frage geht dann auch noch schief, und die Kriegsdefinition von Rimini-Protokoll ist offenbar dergestalt, dass Deutschland dabei sein muss, sonst gilt das nicht als Krieg. „Ich hab die Frage nicht verstanden“, mein Lieblingssatz des Abends.
Anonym tut dem Inhalt gut, clever gelöst mit Dunkelheit und Taschenlampen. Fast alle haben schon mal geklaut. Ja. Ich auch. Ich hätte mir aber auch noch ein paar andere Fragen vorstellen können.
Dann spielen die Bagels, was sicher auch einen Grund hat. Aber sie machen das gut.

Ich ertappe mich dabei, immer öfter auf die Uhr zu sehn. Jetzt ist „Open Mic“, jeder darf fragen, was sie will, selbst das Publikum. Kurzbeschreibung: albern, belanglos, peinlich, doof.
Dann ein Liegestützwettkampf auf der Bühne, hossa, man muss das Muskelpaket also nicht nur rechts haben, sondern auch links.
Geht es noch schlimmer? Ja. Mann darf den Hintern ins Publikum halten. Aufhören!!!
Ein Rettungsversuch mit der Visualisierung von Randgruppen, na gut, das ist sehenswert. Dann ist Schluss, ein tosender Applaus, Dresden feiert mal wieder sich selbst.

Für die 100 auf der Bühne mag das eine tolle Erfahrung gewesen sein, für einige vielleicht auch eine gute Therapie. Für die Freunde und Bekannten davor sicher ein Höhepunkt, den Lieben mal auf der großen Bühne zu sehn.
Für Rimini-Protokoll ist es die finanziell erfolgreiche, routinierte Umsetzung eines bewährten Geschäftsmodells (Start war 2008 in Berlin, seitdem tingelt man durch die Welt, Dresden ist die 15. Station), da bemüht man sich offenbar nicht mal auf die Bühne zur Premiere.

Das Ganze funktioniert theatertechnisch (ich schreibe hier bewusst nicht „künstlerisch“) aber nur, weil da oben so viele sind, die da unten noch so viele mehr kennen. Das reicht für vier gut gefüllte Vorstellungen.
Für den gewöhnlichen Zuschauer ist es ein belangloser Abend.

Und jedermann erwartet sich ein Fest

Die Vorschau zur 101. Saison des Staatsschauspiels Dresden in einem empfehlenswerten Magazin.

„Der Rausch der Hundertsten ist vorbei; freuen wir uns auf den Rausch der Hundertundersten.“

http://www.kultura-extra.de/theater/feull/saisoneroeffnung_staatsschauspieldresden2013.php

Wir haben keine Chance. Vielen Dank.

„Koma“, ein Stück der „die bühne – Theater der TU Dresden“, Regie Romy Lehmann, gesehen am 25.06.13 in der Groovestation Dresden

Die Überschrift gibt die letzten Worte des Stücks wieder, die von allen drei Darstellern zeitlich versetzt rezitiert werden. Eigentlich ist damit schon alles gesagt.
Es ist nicht das erste Stück, das sich mit jugendlicher Perspektivlosigkeit und den manchmal daraus folgenden Konsequenzen beschäftigt, aber in dieser drastischen Form hab ich das noch nicht erlebt. Doch fangen wir von vorne an.

Eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ahne ich noch nicht, dass ich wenig später ziemlich erschüttert vor einer improvisierten Bühne sitzen werde. Beim Scrollen durch das hiesige Abendprogramm bleibt mein Auge am „Kneipentheater“ hängen, das sehr schön meine Interessensschwerpunkte zusammenbringt, auch wenn die Reihenfolge sonst eine andere ist. Auf in die Groovestation, hier in der Neustadt ist ja alles nicht weit.

Der kleine Saal ist nochmal halbiert, auf der Ebene, wo sonst die Bands schrammeln, steht eine Batterie Bierkästen. Mühsam, sich im Dreivierteldunkel einen Platz zu suchen, die etwa dreißig Stühle füllen sich schnell, man rückt zusammen. Ich habe keine Ahnung, was gespielt wird, trau mich aber auch nicht zu fragen. Sehn alle wie Insider aus hier, man blamiert sich doch nicht gern.

Drei Darsteller betreten die Bühne, alle Anfang zwanzig. Das Mädchen eröffnet, ein düsterer Albtraum von Schule und Familie wird erzählt. Gräulich genug das Ganze, aber beeindruckend vorgetragen.
Die Kleinfamilie umschlingt sich, liebt man oder würgt man sich? Der Bühnenumbau ohne Hast, zu melancholischer Musik werden gemessenen Schrittes die Kästen zu einem Bilderrahmen aufgetürmt, in welchem ein glückliches Elternpaar sich dann gegenseitig versichert, dass man ja lebe, immerhin.
Der Junior stammelt die Geschichte dazu, alltäglicher Druck, die Innenansicht des Kleinbürgeridylls entpuppt sich als ein Blick in den Vorhof der Hölle. Aber man darf sich doch nicht beklagen … Wenigstens der Konsum macht doch temporär glücklich. (Konsuhm, nicht Konnsum!)

Der folgende Text wird im Dunkeln gesprochen, eine gute Idee, so die Angst zu illustrieren. Das Fest bei kleinen Leuten besteht aus einem Sonderangebotsbraten, zwölf verschiedenen Schokoladetafeln und Käsespießchen, bis man kotzen muss. Aber wir haben uns lieb, zumindest zwei von dreien. Ein fesselndes Theater bis hierhin.

Doch es kommt noch besser. Zu Marylin Manson (sic!) liefern sich die drei Protagonisten eine veritable Schlägerei auf der Bühne, jede gegen jeden, auch körperlich eine große Szene.
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Auf einmal sind wir in Erfurt, Guttenberg-Gymnasium. Ein Kloß im Hals entsteht.
Und der wächst und wächst, als die kalte Statistik dieser Abschlachtung vorgetragen wird. Zwei Drittel der verschossenen Patronen waren Treffer, 2,56% davon Kopfschüsse. Was haben Sie denn, Sie sind so blass?

Die Chronik des Massakers wird erzählt, dem Zuschauer bleibt nichts erspart. Dem Leser schon, ich beschränke mich darauf zu berichten, dass sich der Täter verdoppelt, ja verdreifacht im Verlauf der Szene. „Höhepunkt“ ist die Hinrichtung der Direktorin, dass die erschossenen Lehrer alle Namen bekommen, macht das Grauen erst recht plastisch.
Darf man bei einem solchen Thema sagen, dass die Form der theatralischen Umsetzung großartig war? Stellenweise wähne ich mich bei „Titus Andronicus“, jenem bluttriefenden Abend im Kleinen Haus, nur das hier alles bloß im Kopf stattfindet.

Die versetzte dreistimmige Lesung des Endes (auch diese vor allem von Romy Lehmann, der Regisseurin, die diesmal auch selbst spielte, in einer großartigen Diktion) krönt ein packendes Theaterstück. Langer Beifall, völlig zu recht, auch für die beiden anderen Akteure Timo Raddatz und Mario Pannach.
Bekanntlich gibt es Worte, die von vorn und hinten gelesen dieselbe Bedeutung haben. Für „Koma“, den Titel des Stückes, trifft dies nicht zu. Oder doch?

Es gibt so Zufälle … Dieser heute bescherte mir eine fesselnde Vorstellung eines Dresdner Laientheaters und die erneute Gewissheit, dass es auch abseits der großen Bühnen viel Gutes zu erleben gibt.

Weitere Termine und andere Stücke der Studentenbühne sind hier zu finden:
http://www.die-buehne.net/

Zur Rolle der Bürgerbühne

Einige Gedanken nach meiner ersten Saison

Ich gebe zu, ich bin direkt betroffen. Zwiefach, als langjährig begeisterter Theatergänger und seit November 2012 als glücklich ausgewählter Darsteller in einer Bürgerbühnenproduktion. Und damit befangen? Das wertet meine Meinung eher auf, denke ich. Schließlich hab ich nun beide Perspektiven.

Die Bürgerbühne ist natürlich kein Theater im klassischen Sinne. Sie ist vielleicht auch ein wenig dem Zeitgeist geschuldet, Partizipation ist chic im Moment.
Die entscheidende Frage ist aber: Was kann sie, was klassische Theaterformen nicht können?

Sie bringt Sichtweisen hinein, die aus dem „realen Leben“ resultieren (ohne zu vergessen, dass auch das Theaterleben wirklich ist). Und sie erschließt dem Theater idealerweise neue Zuschauerkreise, die sonst nie im Saal säßen.
Im ungünstigen Fall würde sie jedoch Produktionen ersetzen, die eigentlich mit (freien) Profis gemacht werden sollten und trüge damit zur Verschlechterung deren Situation bei.

Es sollte deshalb immer einen triftigen und genau beschreibbaren Grund geben, eine Produktion ausgerechnet mit Laien zu machen. Niemand kann an einer Dreigroschenoper Interesse haben, die klassisch inszeniert wird, wo sich aber Laien auf der Bühne tummeln. Das bringt keinen Erkenntnisgewinn, und man täte den Darstellern dabei keinen Gefallen.

Die „Jungfrau von Orleans“ in Dresden ist in diesem Sinne ein Grenzfall. Durch die Jugendlichkeit der Spieler und eine für sie angepasste Bühnenfassung war dies dennoch einer der Höhepunkte der diesjährigen Bürgerbühnensaison.

Die Kernkompetenz der Bürgerbühne ist jedoch m. E. etwas anderes: Die Stück-Entwicklung mit authentischen Menschen aus dem Alltag „da draußen“, die etwas zu erzählen haben, und die Schaffung eines tragfähigen Rahmens dafür. Zu Probenbeginn existiert dabei allerhöchstens ein grobes Konzept für den Inhalt, der rote Faden muss erst noch ausgerollt werden. „Ja, ich will“, „Cash“ und der „Arme Tor“ sind dabei ideale Beispiele.

Der Ablauf der Stückentstehung, diese Mischung aus Improvisieren, Vertiefen und Verwerfen, die harte Arbeit an Text und Form ist übrigens aus meiner Sicht für die Mitwirkenden noch spannender als das spätere Rampenlicht. Man ist über ein Vierteljahr Bestandteil eines kreativen künstlerischen Prozesses, wer hat das im Alltag sonst schon?

Ein besonderer Aspekt sind dabei die zahlreichen Clubs der Bürgerbühne, deren wöchentliche Arbeit mit einer oder zwei Aufführungen beim Clubfestival den Höhepunkt findet. Hier ist der Weg noch mehr das Ziel.

Was mich persönlich immer wieder überrascht und fasziniert, ist das kreative und darstellerische Potential, dass aus dieser doch nur Halbmillionenstadt erwächst. Als hätten hier Hunderte nur darauf gewartet, wachgeküsst zu werden.

Die Bürgerbühne Dresden ist – nach dem vierten Jahr ihres Bestehens darf man das konstatieren – eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Es bedurfte dazu einer grandiosen Idee und noch mehr des Mutes, diese umzusetzen, eine handlungsfähige Struktur dafür zu schaffen und diese auch mit den Mitteln auszustatten, um „richtiges“ Theater zu machen.
Dass die Stücke der Bürgerbühne gleichberechtigt auf dem Spielplan stehen und von Technik und Kostümerie genau wie die Großen betreut werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Und das ist wohl das eigentlich Revolutionäre am Dresdner Modell: die nahezu vollständige Integration dieser „Laienspieler“ ins Haus.

Aus heutiger Sicht (aber „aus heutiger Sicht“ gab es damals nicht) hätte das auch schiefgehen können: die Stücke Flops, verkopft oder Bauerntheater, die Kritiken vernichtend, das Interesse gering, das Geld zum Fenster hinausgeworfen. Hätte alles passieren können.
Dass es nicht so kam, ist der harten und kreativen Arbeit der künstlerischen Leitung um Miriam Tscholl zu verdanken, und einem Intendanten Wilfried Schulz, der genug Mut und Vertrauen hatte.

Die Saat scheint nun auch bundes-, wenn nicht gar europaweit aufzugehen. Bereits im Januar 2013 gab es in Dresden eine hochspannende Tagung zum Modell Bürgerbühne, im November wird in Mannheim eine Art Folgeveranstaltung stattfinden. Immer mehr Theater probieren Formen der Zuschauer- bzw. Bürgerbeteiligung aus, auch wenn die Dresdner Dimension wohl nirgendwo erreicht werden wird.

Warum? Es fehlt an Geld.
Man muss sich natürlich im Klaren sein, dass auch im Kulturetat jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann. Gerade wenn dieser Etat immer weiter schrumpft (oder im Extremfall wie in Eilsleben gestrichen werden soll), muss die Frage gestellt werden, ob das knappe Geld nicht besser komplett jenen zugute kommen sollte, die das Theater als Beruf (und Berufung) betreiben und schlicht davon leben müssen und wollen. Ist der Kulturetat nicht zu schade dafür, die Freizeit von gewöhnlich mitten im Leben stehenden Menschen aufzupeppen?

Das wichtigste Argument dagegen: Das Theater ist nicht für das Theater da, sondern für die Gesellschaft. Und wenn es in dieser Gesellschaft das wahrnehmbare Bedürfnis gibt, sich selbst in irgendeiner Form theatralisch zu betätigen, muss die Institution Theater auch (!) diesem nachkommen.
Aber natürlich ist das in der Theorie leicht gesagt, die konkrete Ausgestaltung muss immer lokal bestimmt werden.

Es ist auch noch auf das Verhältnis der (staatlich alimentierten) Bürgerbühne zu den freien Theatern und den Laienspielgruppen der Stadt einzugehen. Vereinfachend gesagt, wird hier oft eine Wettbewerbsverzerrung in finanzieller und personeller Hinsicht beklagt. Ob die Bürgerbühne den anderen Theatern Fördermittel abgräbt, kann ich nicht beurteilen, dazu kenne ich die Strukturen zu wenig. Für die Rekrutierung von Darstellern ist es aber natürlich ein Problem, wenn ein derart attraktives und breites Alternativ-Angebot existiert. Und wer sich schon einmal im Amateurtheater betätigt hat, ist sicher froh, weder die Kulissen selber schieben noch die Eintrittskarten verkaufen zu müssen, von Marketing, Kostüm und Technik ganz zu schweigen.

Wird damit die Laienspielszene ausgetrocknet? Ich denke eher, nach einem Abschwung wird sie sich wieder aufrappeln und vielleicht über ganz neue Kräfte verfügen.
Denn das Prinzip der Bürgerbühne (auch wenn es gelegentlich durchbrochen wird) ist: „Jeder nur einmal“. Und selbst wenn es im Einzelfall schade ist, sollte man daran festhalten. Ein stehendes Ensemble aus sich fast wie Profis fühlenden Amateuren ist nicht Sinn der Sache. Die Bürgerbühne lebt von immer neuem Input aus dem wahren Leben, und ich kann nicht erkennen, dass dieser Strom abreißen würde.
Aber wo soll der nunmehr Infizierte nun hin mit seiner entdeckten Spiellust und -freude? Genau. Ich prophezeie, die Laientheater werden allgemein einen deutlichen Zufluss erfahren in den nächsten Jahren. Und dass die neuen Mitwirkenden dann vieles besser (zu) wissen (glauben) als die Etablierten, wird man schon aushalten.

Etwa 700 Menschen haben in diesen vier Jahren die verschiedenen Angebote der Bürgerbühne aktiv wahrgenommen, die Zuschauerzahl dürfte deutlich fünfstellig sein. Allein das wäre Grund genug, alle Beteiligten zu beglückwünschen.

„Mein“ Stück hat es übrigens in die nächste Saison geschafft. Also noch ein Jahr länger kann ich gelegentlich in diesen Mikrokosmos eintauchen, die ausgeklügelte Logistik von Vorstellungen und Proben bewundern, einen Blick der vielen schönen Schauspielerinnen erhaschen, mit der Technik ein Bier trinken nach der Vorstellung und mich ein bisschen zugehörig fühlen zu diesem wunderbaren, einzigartigen Konstrukt Theater.

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